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David Fuchs: Bevor wir verschwinden

Als Praxisschock bezeichnet man die Erschütterungen des Berufsanfangs. Wenn endlich das ganze Gelernte in der Praxis angewendet werden soll, stattdessen aber Kenntnisse gefordert sind, die auf keinem schulischen oder universitären Lehrplan standen. Weil es auf einmal Berufsrollen und Hierarchien zu beachten gibt, weil Leistungen ständig gefordert, überprüft und bewertet werden, weil Disziplin über acht Stunden notwendig ist und der Arbeitsalltag in hohem Maße fremdbestimmt ist. Wenn vom Praxisschock schon in den technischen und wirtschaftlichen Bereichen berichtet wird, wie ist es erst, wenn Medizinstudenten mit dem Krankenhausalltag konfrontiert werden? Wenn sie gar auf eine Station gelangen, auf der weniger das Gesundwerden Ziel der Behandlung ist, sondern den Weg bis zum unvermeidlichen Tod zu gut wie möglich zu gestalten? Und wenn dann noch einer der Patienten der Ex-Freund ist, gerade Mitte Zwanzig und viel zu jung zum Sterben?

Auf diese Station, der Onkologie, hat es Benjamin, Ben, verschlagen, Medizinstudent kurz vor den universitären Abschlussprüfungen. Im Keller der Klinik arbeitet er an Versuchen, Schweine zu defibrillieren, nachdem sie narkotisiert sind und bei ihnen Kammerflimmern ausgelöst worden ist. Die Daten, die dabei entstehen, werden in Bens Dissertation einfließen. Und dort hat er die Krankenschwester Edna, genannt Ed, kennengelernt, die auf der Onkologie arbeitet. So ist Ben an sein letztes Pflichtpraktikum gekommen. Dabei interessiert ihn die Krebstherapie gar nicht:

„Es war mir immer egal, wie sich die Chemotherapien von achtzig verschiedenen Lymphomarten voneinander unterscheiden. Falls überhaupt.“

Am ersten Morgen auf der Station lernt Ben die Patienten kennen: den toten Kobicek, der seit drei Monaten nicht sterben will, Frau Follert mit dem Zungengrundkarzinom und dem Loch in der Wange. Von Ed bekommt er gleich den Auftrag, Blut abzunehmen. Ein Name steht auf dem Blutröhrchen, Ambros Wegener, und ein Geburtsdatum. Ben starrt auf den Namen und weiß sofort: Diesen Ambros kennt er, es ist sein Ex-Freund aus Schultagen. Zum letzten Mal gesehen haben sie sich vor fünf Jahren, in dem Wald beim Erdbeerfeld, wo man selber pflücken kann und nicht bezahlen muss für die Erdbeeren, die man dabei isst. Und nun trifft Ben Ambros wieder, ausgerechnet hier, auf der Krebsstation, und mit einer ganz schlechten Diagnose: einem Melanom auf dem linken Schulterblatt und Metastasen in Leber, Lunge, den Hirnhäuten.

„Stimmt was mit den Röhrchen nicht?, fragt Ed. Nein, sage ich, ich kenne nur den Patienten. Woher kennst du den Wegener? fragt sie und ich sage, aus der Schule. Im Ernst, sagt sie, ist ja lustig.“

Es ist dieser vermeintlich lapidare Umgang mit dem Unerträglichen, den Ed hier zeigt, der beim Lesen so eine eigentümliche Wirkung entfaltet. Da ist der übliche Ablauf eines an Effizienz und manchmal auch bizarren Vorschriften orientierten Krankenhausalltags, da sind die Routinen und die Behandlungen. Und auf der anderen Seite sind es die schwerkranken, oft sterbenden Menschen, die dem ausgesetzt sind. Da hat die Krankenschwester Ed, genau wie der Stationsarzt Dr. Pomp, einen erstaunlich abgeklärten, einen distanzierten, manchmal gar einen harschen Ton. Und trotzdem sind alle darum bemüht, die Momente zu pflegen, an denen sie alle den Kranken etwas Gutes tun können: Die Schwestern frieren an den Urinprobenröhrchen Eis mit Zitronen-, Himbeer- und Colageschmack ein und wenn die Patienten wünschen, dann auch Bier, Prosecco oder Milch. Herr Otto wird im Krankenhaus aufgenommen, weil seine Frau ein paar Tage für sich braucht: soziale Indikation. Und den tote Kobicek, der so gar nicht sterben kann, den holt Dr. Pomp schnell von der Intensivstation zurück, auf den ihn ein übermotivierter Assistenzarzt verlegt hat – damit er auf der Onkologie seine Ruhe hat.

Ben erzählt von den Arbeiten auf der Station und von seiner Freizeit in einem ähnlich gleichmütigen Ton wie Ed und Dr. Pomp sprechen. Und in einer radikal verknappten Form. So kommt seine Geschichte mit nur wenigen weiteren Personen aus – fast wirkt es, als arbeiteten auf der Station nur Dr. Pomp und Ed -, und es entsteht der Eindruck, dass sie alle isoliert und einsam sind. Bens Eltern sind in den Urlaub geflogen, von Freunden spricht Ben nie. Und auch Ambros bekommt keinen Besuch, weder Freunde noch Geschwister sitzen an seinem Bett, und seine Mutter, so heißt es einmal, sei irgendwohin nach Deutschland gezogen. Da sind wenig soziale Kontakte, die helfen könnten.

Auch Bens Sprache ist völlig verknappt. In dürren, knappen Sätzen, in denen das „Ich“ nur in Handlungen benannt, nie aber mit den Gefühlen gezeigt wird, führt er uns unmittelbar durch die Tage seines Praktikums, die immer mehr auch zu den Tagen einer Wiederannäherung und einer Sterbebegleitung von Ambros werden. Und Anlass sind, sich zu erinnern, wie sie sich während einer Schulfahrt nach Rom nahegekommen sind und wie sie sich wieder verloren haben. Es ist eine Besonderheit und auch eine Stärke des Textes, dass wir alles das, was sich hinter den Handlungen und Erinnerungen in Bens Inneren verbirgt, nur ahnen können.
Ambros lädt Ben ein, mit seinem Auto zu fahren, Fridolin nennt er es, und in seiner Wohnung zu wohnen. Dort entdeckt Ben Polaroid-Bilder, auf denen Gegenstände zu sehen sind. Darauf angesprochen erklärt Ambros, dass er ein Foto-Projekt begonnen und die Gegenstände, die er weggegeben, verkauft oder weggeschmissen hat, fotografiert habe. Nun, im Krankenhaus, hat er sein Projekt erweitert, indem er die Menschen fotografiert, bevor sie sterben. Auch den toten Kobicek im Bett neben ihm fotografiert er.

Ben will es wissen, als sie einen Stapel der Polaroids durchschauen: „Was ist mit den Leuten auf den Fotos, frage ich, sind die alle tot?“

„Ja, sagt er, sind alle tot. Mehr oder weniger gleich nach dem Foto. Der hier, er zeigt mir das Foto von dem gelben Mann, hat noch drei Tage gelebt. Die hier, sagt er und zeigt mir die jungen Frau mit den großen Augen, noch drei Wochen. Bei dem anderen weiß ich es nicht sicher, der ist nach Hause gegangen. Aber ich habe schon versucht, sagt er, dem Verschwinden möglichst nahe zu kommen. (…) Ambros sage ich, warum überhaupt Menschen fotografieren? Weil es ihnen sagt er, weniger weh tut, wenn es ein Foto gibt. Das Verschwinden tut dann weniger weh.“

So ist es eben doch nicht, das werden Ambros und Ben schmerzlich erfahren. Den Schock, den das Sterben Ambros´ bei Ben auslöst und ihn zu ungewöhnlichen Handlungen führt, wird er wohl so schnell nicht los. Und auch den Leser und die Leserin beschäftigt die Erzählung von der Onkologie noch länger. Nicht nur wegen der Geschichten vom Sterben, sondern, weil sich in dieser Erzählung aus dem Krankenhaus auch immer wieder sehr menschliche und sehr tröstliche Momente zeigen.

David Fuchs (2018): Bevor wir verschwinden, Innsbruck -Wien, Haymon Verlag

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