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Colum McCann: Wie spät ist es jetzt dort, wo du bist?

In drei Erzählungen und einer Novelle erzählt uns Colum McCann von Menschen, die ganz „unerhörte“ Situationen erleben. Es sind die Brüche, die passieren können im Leben, die diesen vier Figuren widerfahren, und die so eine Klammer bilden für die vier Geschichten. Dass drei der Geschichten dann auch noch Formen von Gewalt thematisieren mag eine weitere Klammer sein. Aber so misslich die Lage der Figuren auch jeweils ist, so erweisen sie sich doch als erstaunlich widerständig, als ganz starke und gradlinige Persönlichkeiten, die. Und sie haben die ganz erstaunliche Fähigkeit, uns direkt für sich einzunehmen. Hier erweist sich die große Erzählkunst McCanns, der mit ein paar Sätzen, Federstrichen nachempfunden, Figuren erschafft, mit denen wir mitfühlen und mitleiden, mit denen wir lachen und weinen.

In der buchtitelgebenden Erzählung bereitet sich eine Soldatin im winterlich eisigen Afghanistan darauf vor, ihre Geliebte und den Sohn zu Hause in South Carolina anzurufen, um zum Neuen Jahr gratulieren zu können. Sandi hat die Wache draußen im Unterstand alleine übernommen, damit die anderen Soldaten feiern können und sie um Mitternacht Ruhe für ihr Telefonat hat. Und immer wieder stehlen sich in ihre Vorbereitungen und Beobachtungen beunruhigende Gedanken. Da kann das Satelitentelefon, wenn sie es in Gebrauch nimmt und das Display zu leuchten beginnt, zu einem willkommenen Ziel für einen afghanischen Scharfschützen werden, da sehen die Sterne aus wie Einschusslöcher und vielleicht wartet sie vergebens darauf, dass das Gespräch überhaupt zustande kommt.

Eine Geschichte über eine Soldatin im Auslandseinsatz – das wäre Colum McCann wohl zu wenig gewesen. McCann erzählt vielmehr in dieser Geschichte auch von einem Autor, der irischer Herkunft ist (!) und der einer Auftragsarbeit zugestimmt hat, einer Erzählung nämlich über Silvester, die am Ende des Jahres fertiggetsellt sein muss. Früh im Jahr hat er zugesagt, nun ziehen die Monate vorbei, er hat viel zu tun, die ganz konkrete Arbeit an der Erzählung gerät immer wieder in Vergessenheit, bleibt nur im Hintergrund präsent. So entwickelt er immer wieder Ideen über Inhalte, Figuren und Figurenkonstellationen und beschreibt Orte. Er verwirft, lässt liegen, führt neue Figuren ein, skizziert Figuren, die dann doch nicht ihren Platz finden werden, zeigt Konflikte auf und lässt immer wieder das Motiv der Verunsicherung und der Bedrohung miteinfließen. Und so entsteht eine knappe Erzählung, eine Doppelerzählung fast, in der der Leser durch den Blick in die Autorenwerkstatt miterlebt, wie sich Sandis Geschichte entwickelt.

In der Erzählung „Sh´khol“ schenkt eine Mutter ihrem Adoptiv-Sohn zu Weihnachten einen Nassanzug. Im Sommer hat Rebecca Tomas das Schwimmen beigebracht in der Bucht unterhalb ihres Hauses an der Westküste Irlands. Und nun zieht er den Anzug gar nicht mehr aus und wartet bis sie zum Mittag zur Bucht gehen, um auszuprobieren, wie es sich anfühlt, im Winter schwimmen zu gehen. „Am nächsten Morgen war Tomas fort“, der Nassanzug hängt nicht mehr am Haken. Rebecca findet Tomas nicht in der Bucht, entdeckt ihn nicht, als sie die Küstenkante entlangeilt und in den angrenzenden Buchten sucht. Sie benachrichtigt die Küstenwache und eine lange Zeit des Wartens, Hoffens und Bangens beginnt. Davon erzählt Rebecca in kurzen, knappen, in ganz atemlosen Sätzen.

Vor dem Weihnachtsfest hat Rebecca begonnen, den Roman eines israelischen Palästinensers zu übersetzen. Ein Wort ist aufgetaucht, für das sie keine englische Entsprechung findet, aber auch keine irische, keine russische, französische oder deutsche. „Sh´kol“ ist der Begriff für Eltern, die ihre Kinder verloren haben, ein Begriff, den es in vielen Sprachen nicht gibt, vielleicht, weil dieser Verlust so unaussprechlich ist. Rebecca scheint diesen Verlust jetzt auch zu erleiden, denn tagelang ist Tomas unauffindbar. Und andere Verluste spielen in ihrem Leben auch eine Rolle. Dass Tomas taub, behindert ist, die Diagnose eines „fetalen Alkoholsyndroms“ mit sich trägt, erschwert die Suche und steigert die Sorge der Mutter.

„Dreizehn Sichtweisen“, die Novelle in diesem Band, montiert kunstvoll die Handlungen, Wahrnehmungen, Reflexionen und Erinnerungen Peter J. Mendelssohns mit den Entwicklungen der Ermittlungsarbeit der Polizei. Einen Vormittag, vom Wachwerden und Aufstehen bis zum Mittagessen, lässt uns Mendelssohns teilhaben an seinen Gedanken. Da ist sein beißender Spott über die technisch völlig rückständigen Heizungen, die den Bewohnern die Winter in New York durchaus zu vermiesen wissen: „Wie kann es sein, dass New York nie ein Genie hervorgebracht hat, das imstande ist, das Heizungsproblem zu lösen?“, fragt er sich, während die Heizung sich geräuschvoll anschickt, demnächst warmen Dampf durch die Rohre zu schicken.

Da sind seine Rückblicke auf ein erfülltes, ein glückliches Leben mit Eileen, auf eine Karriere als Richter, wenn auch immer mal wieder missbilligend begleitet durch die örtliche Presse, insgesamt auf ein Leben im Wohlstand. Dabei hätte es auch ganz anders kommen können, denn als Juden in Litauen haben seine Eltern in den 1930er Jahren Vilnius gerade noch rechtzeitig verlassen können, hat der Vater immer wieder Arbeit gefunden an Colleges in Irland und den USA. Mendelsohn denkt so klar, so pointiert, so scharf, so genau, dass der körperliche Verfall, der nach und nach zu Tage tritt, auf den Leser fast schockierend wirkt.

„Ich wurde geboren“, so denkt er immer wieder an diesem Morgen, so, als wolle er doch noch seine Memoiren schreiben und den wichtigen ersten Satz erproben „als ich mein erstes Plädoyer hielt“. Damals nämlich, als er als „frischgebackener stellvertretender Staatsanwalt vor dem Bezirksgericht in Brooklyn plädierte und die Worte genau so sprach, wie er es sich vorgestellt hatte, und sie sich durch die Luft bewegten und er spüren konnte, wie sie pulsierten und wirkten, nicht nur bei den ausschließlich männlichen Geschworenen, sondern auch bei dem wohlwollenden Richter, aus dessen strahlendem Gesicht so etwas wie Stolz sprach.“

Beim Aufstehen, beim mühevollen Gang ins Badezimmer – „Ich wurde geboren, als ich meine letzte Abenteuerreise unternahm“ denkt er dazu – zeigt sich deutlich, dass zwar der Geist noch recht flink und  präzise, der Körper aber ein sehr unzuverlässiger Teil geworden ist: das Gehen, selbst am Rollator, fällt schwer, im Badezimmer ist eine wahre „Griffausstellung“ angebracht und wie an anderen Morgen auch, so merkt Mendelssohn auch heute, dass er wieder sein „Winterzeug“ trägt, so nennt er die Windeln, die Sally, seine 24-Stunden Pflegerin aus Tobago, ihm immer häufiger über die Nacht anlegt, notwendig ist es auch heute wieder gewesen:

„Ach Gott, es gibt nichts Schlimmeres als das Geräusch eines Klettbandes beim Öffnen.

Nichts Schlimmeres auf dieser schönen Welt.“

„Dreizehn Sichtweisen“ ist aber nicht nur eine Erzählung über die Beschwerlichkeiten des Alters, sondern entfaltet vor diesem Handlungsstrang viele weitere Themen. Da ist Mendelssohn Sohn, Elliot, ein Investmentbanker mit politischen Ambitionen, ein Mensch, der, seinen kultivierten und wertschätzenden Eltern zum Trotz, nur in Kategorien der Macht denkt und wenn es ihm passt, auch schon einmal seine Position missbraucht. Da sind die vielen unterschiedlichen Bediensteten, Sally, die Pflegerin, der Portier, die Servicekräfte im Restaurant, die in einem anderen New York zu leben scheinen als die Familie Mendelssohn, auch wenn sie alle Einwanderer sind. Und da sind die Kameras, verantwortlich für die private und die öffentliche Überwachung, installiert vom Sohn in der Wohnung des Vaters – Elliot traut Sally nicht -, installiert im Restaurant und zur Überwachung des Verkehrs auf der Straße.

Auf diese Kameras, und das ist der zweite Handlungsstrang der Novelle, greifen die Polizisten zurück, um den Tod Mendelssohns aufklären zu können, der nach dem Mittagessen mit dem Sohn im Restaurant auf der Straße von einem Mann angesprochen und gestoßen wird, sodass er stürzt und stirbt. Und die Polizisten versuchen nun, indem sie die Bilder der Kameras anschauen, Licht in das Dunkel dieses Fallens zu bringen.

McCann gelingt es in dieser Novelle auf ganz besondere Art, die beiden Handlungsverläufe so dicht, so komplex, so kunstvoll verwoben zu erzählen. Dabei setzt er der Binnenperspektive Mendelssohns, seinen Erinnerungen und Reflexionen, die Außenperspektive der ermittelnden und um Aufklärung bemühten Polizisten entgegen, die Mendelssohns Einschätzungen immer wieder ergänzen, manchmal auch in ein anderes Licht rücken, sodass neben der persönlichen Geschichte Mendelssohns auch die sozialen und gesellschaftlichen Abgründe New Yorks gezeigt werden.

Colum McCanns Erzählungen in diesem Band sind allesamt raffiniert komponierte kurze Einblicke in die Lebensgeschichten seiner Figuren. Ein paar Stunden dieser Leben zeigt er nur, manchmal ein paar Tage, in denen gar nicht viel passiert, in denen sich aber, weil er sich genau in diese unerhörten Lebenssituationen einblendet, immer ein ganzes Leben entfaltet. So auch in der vierten Geschichte „Frieden“, in der er von einer älteren Ordensschwester erzählt, die in einer Nachrichtensendung die Teilnehmer einer Friedenskonferenz sieht. Unter ihnen ist der Mann, der sie vor Jahren während des Bürgerkrieges in Kolumbien verschleppt und gefoltert hat. Sie entschließt sich, nach London zu reisen und sich dem Mann zu stellen, ihn zu konfrontieren damit, dass es Zeugen seiner Vergangenheit gibt. Und während der Reise und der Zeit in London, in der sie auf ihn wartet, sich dabei erinnert an ihre Kindheit, ihr Leben als Ordensschwester, ihre Zeit in Kolumbien und ihre Arbeit in den USA, erschließt sich dem Leser auf ein paar Seiten ein ganzes Leben.

McCann erzählt über die Leben seiner Figuren, über die Brüche und die tragischen Momente dieser Leben scheinbar einfach, zwingend, kein bisschen gekünstelt. So entfaltet die Novelle, so entfalten die drei Erzählungen einen starken Sog, so ermöglichen sie ein ganz besonderes Leseerlebnis.

Colum McCann: Wie spät ist es dort, wo du bist, aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

Eine weitere Besprechung findet ihr auf LiteraturReich.

10 Kommentare

  1. Sh’kol kenne ich unter dem Titel Verschwunden – erschienen im Dörlemann Verlag im letzten Jahr … wer mag kann mal hier linsen: https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2016/02/11/geschichten-vom-meer/. Und ich gebe Dir, liebe Claudia, absolut Recht: McCanns Figuren sind außerordentlich leicht gezeichnet und trotzdem so greifbar, dass man sie direkt vor sich sieht. Mein absoluter Favorit von ihm allerdings ist der Roman „die große Welt“ – solltest ihn noch nicht kennen … freu Dich darauf. Ich habe ihn mittlerweile mehrfach gelesen und konnte doch bisher keine Besprechung dazu verfassen. Danke für deine wie immer sehr fundierte und schöne Vorstellung dieser drei Erzählungen. LG, Bri

    • Liebe Bri,
      ja, Sh´kol ist schon einmal veröffentlicht worden. Und ist vielleicht auch ein bisschen anders „gestrickt“ als die anderen Erzählungen und Novellen, weil es nicht direkt um eine Gewalterfahrung geht, sondern mehr um diese Verlustsituation. „Die große Welt“ habe ich schon gelesen und auch „Zoli“. Beide Romane haben mich nicht so angegesprochen wie nun dieser Band mit Erzählungen, vielleicht muss ich es nun noch einmal probieren. Und eigentlich bin ich ja gar nicht so eine große Liebhaberin von Erzählungen (aber der Schönthaler Band hat mich ja auch schon begeistert, vielleicht ändert sich gerade mein Lesegschmack :-)). Aber diese sind richtig klasse. Sie werden dir bestimmt auch alle gefallen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Erzählungen habe ich früher auch nicht so häufig gelesen, doch mittlerweilen faszinieren sie mich. Mit Zoli bin ich wiederrum nicht so ganz warm geworden, aber Der Tänzer – Nurejews Lebensgeschichte in Romanform wär für mich der perfekte Einstieg in die Romanwelt von McCann. Dringend empfehlen kann ich von ihm auch noch Der Gesang der Kojoten und Himmel unter Stadt – beides harter Stoff, aber unglaublich gut geschrieben. LG, Bri

      • Dann habe ich ja noch etwas zu lesen, denn ich werde nun sicherlich nach diesem Erzählband, der mich so begeistert hat, McCann mit ganz anderen Augen lesen.

  2. Du machst mich neugierig, liebe Claudia. Ich habe von Colum McCann bisher erst einige (wenige) Romane gelesen. Schon da habe ich neben seiner ganz eigene Art, Leben zu erzählen, vor allem auch seine Sprache schätzen gelernt: kein Wort zuviel, da bleibt Raum auch für den Leser. Dieser Autor hat wirklich etwas zu sagen und ich freue mich schon darauf, ihn demnächst in der kürzeren Form kennen zu lernen. Herzliche Grüße!

    • Liebe Maren,
      ich glaube auch, dass dir diese Geschichten gut gefallen werden. Sie sind so toll „komponiert“, sprachlich auch besonders (das ist mir noch einmal beim Suchen nach Zitaten aufgefallen, eigentlich eine Fundgrube für Les(hr)er, die gerne die Sprache analysieren :-)) und zeigen diese starken Figuren, die sich alle nicht unterkriegen lassen. Mir sind sie alle noch ganz präsent, auch ein paar Tage nach Ende der Lektüre noch.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Hallo Claudia,
    interessant, deine Vorstellung zu lesen. Ich erinnere mich nur noch oberflächlich an Die große Welt und war damals enttäuscht. Ein bisschen schrecken mich die großen, dramatischen Brüche, besonders in Erzählungen, ab. Vielleicht, weil diese Brüche doch normalerweise die Ausnahme in unseren unspektakulären Leben sind, deshalb würde mich vermutlich die Erzählung mit dem Richter am meisten interessieren.
    LG, Anna

    • Hallo Anna,
      ich kann mir auch gut vorstellen, dass dir die Mendelssohn-Geschichte gut gefällt. Ich finde sie viel besser als „Die große Welt“ und „Zoli“, sehr kompakt, komplex, toll geschrieben. Und „Sh´kol“, die Geschichte um die Mutter, die auf den Sohn wartet, lönnte auch etwas sein. Die beiden anderen Geschichten haben ja schon auch die politischen Verwerfungen mit im Blick. Vielleicht kann ich dich ja trotz allem „überreden“, es hier noch einmal mit Colum McCann zu versuchen, mich hat er wirklich, auch sprachlich, überzeugt. Und du könntest ja sogar das Original lesen… ;).
      Viele Grüße, Claudia

  4. Liebe Claudia, es sind wirklich ganz ausgezeichnete Erzählungen und hier eine ganz ausgezeichnete Besprechung dazu. Ich mochte tatsächlich auch „Die große Welt“ besonders gern, aber auch Transatlantik. Vielleicht gibst du ja irgendwann den Romanen nochmal eine Chance 🙂 Viele liebe Grüße, Petra

    • Liebe Petra,
      das wäre jetzt tatsächlich noch einen Versuch wert, mit anderen Augen sozusagen noch einmal auf die „alten“ Romane zu blicken. Mal schauen. Oder ich versuche es einmal mit einem der Romane, die ich noch nicht gelesen habe. Auf jeden Fall habe ich Colum McCann jetzt als Autor noch einmal für mich entdeckt.
      Viele Grüße, Claudia

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