Erzählungen, Lesen
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Niroz Malek: Der Spaziergänger von Aleppo

Als Niroz Malek 1946 in Aleppo geboren wurde, um genau zu sein am 17. April, feierte Syrien genau an diesem Tag seine Unabhängigkeit von Frankreich, der vom Völkerbund in Syrien und Libanon seit dem Ersten Weltkrieg eingesetzten Mandatsmacht. „Sohn des Friedens“ wurde Malek also wegen seines ganz besonderen Geburtstages genannt und er habe, so schreibt er in seinem Nachwort, lange daran geglaubt, dass es nie wieder Weltkriege geben werde. Die Demonstrationen, die in Syrien 2012 sechs Monate lang friedlich stattfanden, bei denen breite Schichten der Bevölkerung und vor allem die jungen Menschen solche Dinge einforderten wie „Freiheit“ und „Würde“, die „Reformierung der staatlichen Institutionen“ und das „Ende der Korruption“ gingen dann aber, statt in eine Kommunikation mit allen beteiligten zu kommen, doch in einen „internationalen, zerstörerischen, barbarischen, schmutzigen Krieg“ über. So schmutzig und barbarisch, dass immer wieder – und gerade in diesen Tagen  – von Giftgastoten die Rede ist. Und so wird Malek, was er nie vermutet hätte, er wird zu einem „Sohn des Kriegs“ und erlebt in Aleppo den Krieg aus nächster Nähe.

Viele Syrer sind geflohen, 12 Millionen, so schreibt Malek, seien auf der Suche nach einem sicheren Ort, innerhalb des Landes, in den Flüchtlingslagern der angrenzenden Länder, in Europa, in Amerika, in Australien, in Japan. Viele Familien habe es auseinandergerissen, den einen Teil der Familie hat es hierhin verschlagen, den anderen dorthin – und verstreut über die ganze Welt lebt auch seine Familie.

Niroz Malek aber ist in Aleppo geblieben, er will nicht weg von seinen „Büchern“, von seinen „Schallplatten, seinen Zeichnungen, Gemälden und Photographien“. Auch wenn die Bombendetonationen näher kommen, auch wenn die Fenster seines Zimmers zu beben beginnen, auch wenn „sie“ fragt, wann er denn endlich seine „Dokumente und Habseligkeiten“ für die Flucht zusammenpacke, dann erklärt er, dass er nicht gehen werde, dass er in der Wohnung bleiben und die Bücher, ihre Autoren und ihre Figuren beschützen werde, die Photographien von Tschechow und Hemingway, die Statuen von Puschkin und Gogol, die Schallplatten von Beethoven und Tschaikowsky, seinen Tisch, an dem er gearbeitet und geschrieben und an dem er die Cover für seine Bücher entworfen habe, an dem er gesessen und so viele Bücher gelesen habe: „Aber ich bleibe hier, in meiner Wohnung, solange meine Seele weiterlebt.“

Und so bleibt er in Aleppo, wird Zeuge der merkwürdigsten Begebenheiten in dieser Stadt im Krieg, die immer wieder heimgesucht wird von Bombeneinschlägen, in der es immer wieder neue Checkpoints gibt, so viele, dass es ihm nicht gelingen kann, einen Weg durch die Stadt zu finden, auch durch die kleinsten Gässchen, ohne an einem einzigen Checkpoint vorbeizukommen. Da bliebe wohl, so erzählt er einmal, alleine der Weg durch den Himmel.

Und den vermummten Männern an den Checkpoints ist tatsächlich nicht zu trauen. Manchmal schießen sie einfach in die Luft, um die Passanten zu erschrecken, einmal will einer der vermummten Männer einen Jungen erschießen, weil der nicht stehenbleiben will. Der Erzähler versucht zu vermitteln, versucht zu erklären, der Junge habe das Down-Syndrom – es nützt nichts. Ein anderes Mal spricht einer der jungen Soldaten ihn an, der „Herr Professor“ möchte mit ihm in das Wachhäuschen kommen. Nein, das möchte er lieber nicht, aber der Mann könne ihn nach seinem Dienst gerne in seiner Wohnung besuchen. Der Soldat kommt auch, er bittet den Schriftsteller, ihm bei einem Brief zu helfen, den er seiner Liebsten schreiben möchte. Das könne er nicht, erklärt der Schriftsteller, aber er stellt dem jungen Mann viele Fragen darüber, was er der Frau denn schreiben möchte, was ihm so wichtig sei.

„Eine Woche später ging ich wie üblich zum Minimarkt, um einzukaufen. Dort spricht mich der Ladenbesitzer an: „Kanntest du eigentlich Hassan?“

„Nein, welchen Hassan?“

„Mit dem du letzte Woche gesprochen hast.“

„Ach der! Was ist mir ihm?“

„Er ist gestern an der Castello-Front getötet worden“, antwortete er traurig.

Das war ein Schock. Ein Schlag ins Gesicht. Ich hörte ihn weitersprechen: „Er hat mir diesen Brief für dich gegeben, weil er dich zu Hause nicht angetroffen hat. Deshalb hat er ihn bei mir gelassen und sich seinen Kameraden angeschlossen…“

Es sind die alltäglichen Ereignisse, die Beobachtungen, die Malek inspiriert haben zu seinen literarischen Miniaturen. Und die eine ganz andere Sichtweise ermöglichen auf das Leben in Aleppo, als dies die an der realen Wiedergabe orientierten journalistischen Texte zu leisten imstande wären. Wie ist dieser Wahnsinn einer zerstörten Stadt zu beschreiben, der abgerissenen Balkone – als vergleichsweise geringe Zerstörung – der Straßen ohne jedes Grün, der Parks, aus denen die Menschen das Holz schleppen, um im Winter heizen zu können? Wie erzählen von den unzähligen und oft so sinnlosen Toden, die um Malek herum passieren. Wenn er sich gerade mit einem Freund in einem Café verabreden will und der ihm rät zu Hause zu bleiben, in der Nähe des Cafés sei gerade ein Checkpoint errichtet worden, es drohe Gefahr, und gleichzeitig das Fernsehen von einem Anschlag genau in diesem Viertel berichtet? Wie erzählen von den Toten, die aus den merkwürdigsten Gründen nicht beerdigt werden können und die den Lebenden bis in die Cafés folgen, weil sie nichts mehr wollen, als ihre ewige Ruhe. Wie erzählen von den verschiedenen Ängsten, die den Erzähler heimsuchen, des Nachts, wenn mal wieder der Strom ausgefallen und auch der Kerzenvorrat zur Neige gegangen ist, des Abends, wenn er sich mit Freunden im Café zum Fußballschauen verabredet hat und ihm ein Schatten folgt auf seinem Weg durch die dunklen Straßen?

Von Aleppo, so zerstört, wie es ist, erzählt Malek wenig. Wenn er von Aleppo erzählt, dann von dem Aleppo von früher, von den Parks und Straßen, den Bäumen, von der Zitadelle, zu der ihn und Nibal, sie standen kurz davor sich zu trennen, ein Freund gebracht hatte: „Ihr müsst einmal die Zitadelle umrunden“, weist er sie an, „und entweder ihr beendet eure Beziehung, oder ihr werdet wieder zu zwei wunderbaren Liebenden wie zuvor.“ Und immer wieder, in fast jedem Text, erzählt er vom Himmel. Aber der Himmel ist eben nicht durchgängig ein positives Motiv. ZU schön der blau der Himmel auch sein kann, auch von dort droht Gefahr, denn von dort kommen die Bomben.

Niroz Malek hat über 50 kurze Texte verfasst aus dem kriegsversehrten Aleppo. Es sind kleine Erzählungen, Beobachtungen, Erinnerungen entstanden, manchmal auch märchenhafte, träumerische, mystische Miniaturen, die einen kleinen Einblick gewähren in die Verheerungen, die solch ein langer Krieg in den Seelen der Menschen hinterlässt.

Niroz Malek (2017): Der Spaziergänger von Aleppo, aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender, Bonn, Weidle Verlag

Bei buchpost findet Ihr eine weitere Besprechung des „Spaziergängers, ebenso bei readindie, wo Ihr im Anschluss an die Besprechung von Masuko13 auch ein Interview mit dem Verleger Stefan Weidle über Niroz Maleks Buch lesen könnt.

12 Kommentare

  1. Du hast zu einem schwierigen Thema eine sehr schöne Besprechung geschrieben und mir Lust gemacht, das Buch zu besorgen

    • Liebe Gerda,
      ich kann mir gut vorstellen, dass Dir die Spaziergänge auch „gut gefallen“ werden, weil Malek eine ganz besondere Art hat, vom Leben in der Stadt zu erzählen. Und viele der Miniaturen kann, ja: muss, man mehrmals lesen, um ihre Hintergründigkeit zu erkennen. Ein ganz besonderes Buch.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Danke für die Buchbesprechung. Ich frage mich oft, wie Menschen in solchen Situationen überleben können und einen Alltag leben können. Ich werde es lesen. Viele grüße Kat.🌸

    • Liebe Kat,
      ich stimme Dir zu: Ich kann ich mir auch absolut nicht vorstellen kann, wie es ist, in solch einer Kriegssituation zu leben. Und dann noch so darüber zu schreiben, wie Malek es macht, nämlich ohne jede Schuldzuweisung. Das ist ganz großartig.
      Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Anna,
      viele Miniaturen habe ich tatsächlich mehrfach gelesen, weil sie so konzipiert sind, dass sich das Gesamtbild erst erschließt, wenn man ganz tief eintaucht in die Situation des unsinnigen Sterbens, der Angst, der ganz kleinen Hoffnungen und Freuden, des Ringens um Normalität. Ein wirklich sehr bemerkenswertes Buch – das Du mir mit Deinem Beitrag ja noch einmal ganz oben auf den Lesestapel gelegt hast.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Das Buch macht mich ebenfalls neugierig. Schon das Cover mit den beiden Kreisen wie starre Augen, dass da einer ausharrt, dass er (auch) davon erzählt, wie es früher war. Danke und herzliche Grüße!

    • Liebe Maren,
      ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch Dich sehr beeindrucken wird. Und das Cover mit den beiden Augen (ich habe auch versucht, ein Gesicht zu entdecken) zeigt das Tor zur Zitadelle von Aleppo.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Bei Buchpost hab‘ ich dazu geschrieben: „Danke für diesen Hinweis und die Besprechung. Eine starke Stimme aus einer erschütternden Situation. Das Zitat zu der herausfordernden Frage „Fliehen oder Bleiben?“ mit den Überlegungen zu Körper und Seele berührt. Möge sich die Situation für Autor, Stadt und Land baldmöglichst zum Guten wenden.“
    Hinzufügen will ich: für die Region und Welt.

    • Ich schließe mich Deinen Wünschen an. Es ist kaum vorstellbar, so lange in so einer unübersichtlichen Kriesgsituation zu leben, eine Befriedung kaum in Aussicht. Malek spricht auch tatsächlich von einem 3. Weltkrieg, der sich auf dem Gebiet Syriens abspielt. Und wenn man sich die vielen Beteiligten anschaut, die da mitmischen, dann macht diese Bezeichnung ja auch Sinn. Ja: „Möge sich die Situation für Autor, Stadt und Land baldmöglichst zum Guten wenden.“

  5. Du hast die Stimmung der Aleppo-Miniaturen ganz wundervoll eingefangen, liebe Claudia. Würde ich das Buch nicht bereits kennen, ich würde es jetzt lesen wollen.

    • Vielen Dank! Du hast mich aber mit Deiner Besprechung und dem tollen Interview mit Stefan Weidle auch sehr neugierig gemacht auf das Buch.
      Viele Grüße, Claudia

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