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Ulrike Almut Sandig: Buch gegen das Verschwinden

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Wer vom Verschwinden erzählt, der nutzt schon ein mächtiges Werkzeug, um geradezu zu verhindern, dass etwas verschwindet. Denn wer darüber eine Geschichte erzählt, der hat ja schon ein Gegenüber gefunden, der beim Zuhören – oder Lesen – das Erzählte in viele lebendige und bunte Bilder überträgt, an die er sich erinnert, die er vielleicht seinerseits weitererzählt. So heißt Ulrike Almut Sandigs Buch auch ganz programmatisch „Buch gegen das Verschwinden“, denn die sechs Erzählungen, die sie hier versammelt hat und die alle um ganz verschiedene Aspekte des Verschwindens kreisen, werden ja so geradezu dem Verschwinden entrissen.

Ulrike Almut Sandigs Art des Erzählens merkt man deutlich an, dass sie auch Lyrikerin ist und ihre Worte ganz genau zu setzen weiß. Wie ein Maler mit wenigen Strichen, so kann sie mit wenigen Worten Umgebungen, Landschaften, Charaktere und Lebensgeschichten vor uns entstehen lassen und Atmosphären schildern, die uns Leser fesseln. Und ihre Geschichten? Auch die wissen zu fesseln, obwohl – oder gerade weil – sie aus Leben zu stammen scheinen, die auch unsere Leben sein könnten. Ihre Geschichten kommen, auch wenn es immer wieder um ganz besondere Situationen geht, so wunderbar unaufgeregt daher, so ganz ohne die sonst schon einmal üblichen Turbulenzen und hochdramatischen Wendungen, sie scheinen dem normalen Alltag zu entstammen, einem Alltag, wie wir ihn alle erleben (können). Und doch haben sie eine Tiefe, zeigen Abgründe auf, die es aber erst einmal zu entdecken gilt.

Da ist ganz am Anfang des Buches die Erzählung über den Wohnmobilurlaub an der Ostsee. Ein Vater mit seinem Sohn und der neuen Partnerin machen sich auf den Weg nach Norden, besuchen unterwegs einen Safaripark und fahren dann weiter zu einen Freund des Mannes in dessen Ferienhaus. Es wird gegessen und getrunken, viel erzählt, der Freund nimmt morgens den Sohn mit auf den Weg zum Strand, damit der Vater einmal ausschlafen kann. Alles ist so ganz normal, und doch traut der Leser dieser Urlaubsidylle ganz und gar nicht, die Erzählstimme sorgt für eine ständige Beunruhigung.

In einer anderen Geschichte scheint ein noch nicht alter Mann immer mehr in eine Krankheit scheint zu verschwinden, die Frau hat ihn schon verlassen, die Freunde kommen noch einmal zu einer Geburtstagsfeier. Als er dann aber seine neue Wohnung bezogen hat, die er aus eigenen Kräften kaum mehr verlassen kann, ist die Tochter die einzige, die ihn noch besucht. Sehnlichst wartet er auf eine Mail von seinem Bruder, der wohl noch gar nichts von der Krankheit weiß. Der Bruder aber ist Fußballreporter – oder gibt es vor zu sein -, er schickt immer wieder nur kurze Mitteilungen, mit welchem Fußballstar in welchem Stadion dieser Welt er gleich ein Interview führen werde, er werde sich in ein paar Wochen melden.

Da ist die Erzählung des älteren Mannes, der sich nach dem Tod seiner Frau Erika vor einem Jahr in sein neues Leben einzufinden versucht und dessen Gedanken zwischendurch immer wieder in die Vergangenheit schweifen. Er erinnert sich an die Zeit des Kennenlernens, wie sie durch die Wälder und Heidelandschaften ihrer Heimat gestreift sind, wie sie zusammen in kalten Februarnächten von dort, aus Niederschlesien, geflohen sind und eine neue Heimat gefunden, ein neues Haus gebaut und darin gelebt haben, fünfzig Jahre lang. In den letzten fünfzehn Jahren erscheint Erika ihm immer verschwommener, eine Gleitsichtbrille soll helfen, aber die trägt er nicht, weil ihm davon schwindelig werde.

Erika verschwamm vor meinen Augen, als ginge die Unschärfe von ihr selbst aus und nicht von mir, von einer Eigenart ihres Charakters, die sich im Älterwerden nach Außen kehrte. Sie wurde von den Rändern her durchsichtig und mehr und mehr eins mit den Zimmern des Hauses. Ich nahm das so hin und betrachtete sie von weitem, wenn sie langsam durch die Zimmer ging und Blumen goss oder wenn sie auf dem Sofa saß, mit leicht gebeugtem Rücken und dem Kopf über einem Buch, oder wenn sie mit geröteten Wangen am Küchentisch saß und hin und wieder den Kopf hob, um mich nach dem Namen eines Flusses oder einer längst vergangenen Epoche der Erdgeschichte befragte (S. 43/44)

Es sind die Gewohnheiten, die er erinnert, die Rituale, die sich so oft wiederholt haben und die er nun so vermisst: Ihr Sitzen beim Lesen in der einen Sofaecke mit den Kissen, ihre Bücher, für deren Inhalte er sich leider nie interessiert hatte, die er ihr doch aus dem Bücherei hätte ausleihen können, als sie nicht mehr selbst dorthin gehen konnte. Und er erinnert sich an ihr Einschlafritual, wie er ihr wieder und wieder, wenn sie ihn bat, etwas von sich zu erzählen, darüber berichtete, auf welchem Untergrund ihr Haus errichtet sei, welche Geschichten und welche Geschichte sich in den verschiedenen Gesteinsschichten erkunden lassen könnten. Nun, in seinem neuen Leben, hat er seine Woche genau eingeteilt, einen Tag kommt die Reinemachfrau, einen Tag kommt der Mann mit den langen Haaren und plaudert mit ihm beim Mittagessen und samstags geht er erst zum Friedhof und dann in den Buchladen in der Stadt und liest dort die Bücher, die zum Thema Erdgeschichte im Regal stehen; nach ein paar Wochen bringt ihm der Buchhändler einen Klappstuhl zum Regal, setzt sich zu ihm und spricht mit ihm über die Bücher.

Aber auch in diesen scheinbar so normalen Alltag kommt es immer wieder zu Merkwürdigkeiten. Immer wieder bemerkt der Witwer kleine Unordnungen, liegen Dinge da, wo sie nicht hingehören, ein klatschnasses Badetuch auf dem Küchentisch, die zerfledderte Tageszeitung auf dem Wohnzimmerteppich, obwohl er sie überhaupt noch nicht aus dem Briefkasten gezogen hatte, die Kaffeetasse mit dem frischen Kaffee verschwindet ebenfalls nun taucht da auf, wo sie überhaupt nicht hingehört.

Und im Laufe dieser Erzählung ergeben sich immer mehr Ungereimtheiten, der Leser fühlt sich immer mehr auf ganz unsicherem Boden, weiß nicht, inwieweit er dem Erzähler trauen kann, ob er ihm überhaupt vertrauen kann. Wie in der Geschichte vom Urlaub im Wohnmobil wird das Vertraute, das Alltägliche unsicher, verschwindet die Gewissheit an die Wahrheit des Erzählten.

So ist es auch in Evas Geschichte. Und da die Erzählerin das weiß, schickt sie gleich vorweg:

Es gibt Dinge von so unwahrscheinlicher Natur, dass die Leute sie einfach nicht glauben. Das stimmt nicht, sagen sie dann, als wären sie dabei gewesen. Aber sie waren nicht dabei und können es nicht wissen. Schreibt man diese unwahrscheinlichen Dinge aber auf und nennt sie eine Geschichte, dann glauben die Leute alles. Sie sitzen aufrecht in ihren Stuhlreihen und halten die Vorleserin mit Blicken fest, wie sie schon die Eltern am Bettrand festgehalten haben. (S. 137)

Eva hat den Wunsch, Tamangur im Engadin mit eigenen Augen anzuschauen. Sie hat die Bilder dieser fast verwunschenen Wälder vor vielen Jahren auf einem Bild in einer Gastwirtschaft am Bodensee gesehen und nun möchte sie sie selbst in Augenschein nehmen. An einem kalten Wintertag, das Thermometer zeigt – 16 Grad, will sie sich von Arno, einem Schweizer, der sich auskennt und verspricht, dorthin führen lassen. Zusammen reisen sie in Evas Auto an, mühsam wandern sie mit ihren Schneeschuhen den Berg hinauf, Arno ein verlässlicher Führer, der sich wiederum die schon vorhandene Loipe zunutze macht und Eva an den Rand Waldes von Tamangur führt. Eva macht ein Foto, später wird man darauf kaum etwas sehen im Gegenlicht der Sonne. Auf dem Rückweg geraten sie in schlechtes Wetter, eine Sturmbö kommt genau auf sie zu – und als Eva sich danach wieder aufgerichtet hat, die Sinne durch den Sturz und die Kälte vielleicht doch ein wenig vernebelt, ist Arno verschwunden. Und er bleibt es auch, so sehr die Bergrettung auch nach ihm sucht.

Es geht Ulrike Almut Sandig in ihren Geschichten also ums Verschwinden – und es geht ihr mindestens genauso ums Erzählen. Natürlich ist das Erzählen das probate Mittel gegen das Verschwinden – einerseits. Aber wissen wir wirklich immer – anderseits – wie verlässlich das Erzählte ist? Stehen wir Zuhörer und Leser nicht ständig auf sehr unsicherem Boden, weil wir gar nicht wissen, wie zuverlässig der Erzähler überhaupt ist? Schlägt uns der Erzähler – bewusst oder unbewusst – nicht immer mal wieder ein Schnippchen, weil er die Geschichte bei jedem Erzählen ein kleines bisschen verändert und diese Variante ganz anders wirkt als die vorherigen, weil wir doch alle, so sagt eine der Figuren, „die Erzählerinnen unserer eigenen Geschichte sind, und dass es nicht darauf ankommt, was in Wirklichkeit passiert ist solange wir eine Version haben, die uns das Leben und alle, die darin verschwinden, erträglicher macht.“ (S. 37)

Sandig erzählt uns in ihrem zweiten Erzählband also Geschichten, die vielschichtig sind, die ohne das Zutun des Zuhörers oder Lesers nicht fertig sind, weil er mitdenken muss, aufmerksam sein muss, weil das Erzählen eben nicht zuverlässig ist. Sie legt dabei ihre erzählerischen Fallstricke so kunstvoll aus, dass den Erzählungen weit mehr Aufmerksamkeit zu wünschen ist, als sie gerade in den Feuilletons und Blogs zu erkennen ist.

Ulrike Almut Sandig (2015): Buch gegen das Verschwinden, Frankfurt am Main, Schöffling Co Verlag

 

pingback: Xeniana

12 Kommentare

  1. So eine schöne, berührende Besprechung. Ich umgehe das Buchkaufverbot und rufe sofort in meiner Lieblingsbuchhandlung an. LG Xeniana

    • Liebe Xeniana,
      vielen Dank für Dein schönes Feedback. Nun hoffe ich aber auch – auch da es sich hier um ein Buchkaufverbot dreht -, dass ich nicht zu viele Erwartungen geschürt habe. Ich werde ja eigentlich meistens mit Erzählungen nicht so warm, und habe ja auch schon ein paar wenig begeisterte Besprechungen hier geschrieben, aber dieser Erzählband hat mir richtig gut gefallen. Und so drücke ich uns beiden jetzt die Daumen, dass es Dir auch so geht :-). Und warte gespannt auf Deinen Beitrag.
      Viele Grüße und schöne Osterfeiertage, Claudia

      • Du hattest ja auch Zitate eingefügt, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich enttäuscht sein werde..
        Viele liebe Grüße zurück an dich und ich wünsche dir auch schöne Osterfeiertage.

  2. Das Buch könnte mir gefallen. Gerade dieser ruhige Tonfall, das scheinbar wenig Dramatische, das du herausgestellt hast, finde ich sehr anziehend!

    • Liebe Petra,
      dieser Tonfall ist wirklich ganz besonders. Ich habe in meinem ersten Besprechungsentwurf sogar noch behauptet, dass alle Erzählungen um Alltagssituationen kreisen, beim Überarbeiten erst habe ich gemerkt, dass das ja so nicht stimmt, dass alle Erzählungen sich schon mit ganz besonderen Lebenssituationen auseinandersetzen. Aber weil eben der Ton so ruhig, so wenig auf Dramatik ausgerichtet ist, scheint alles so normal und alltäglich zu sein. Und richtig gut gefallen hat mir auch, dass hinter der Handlungsebene noch eine Ebene versteckt ist, nämlich die der Glaubwürdigkeit der Erzählerin bzw. des Erzählers. Und gute Geschichten sollten doch sein wie Zwiebeln, bei denen man Schale um Schale etwas Neues entdeckt. Ich würde mich jedenfalls freuen, wenn das Buch zu Dir findet.
      Viele Grüße und ein schönes Osterfest, Claudia

  3. Liebe Claudia,

    ein Buch, das durch deine wunderbare Rezension auf meinem Stapel weiter nach oben gehüpft bzw. aus dem Winterschlaf erwacht ist. Das ebook schlummert seit einiger Zeit in meinem tolino. Ich hatte bereits hineingelesen und mochte auf Anhieb das Ruhige zwischen den Zeilen. Hätte ich die erste Geschichte nur weitergelesen, dann hätte ich … Na, was heißt hier hätte? Ich kann das Wort an dieser Stelle streichen, werde die Geschichte und die anderen nun – dank dir – demnächst weiterlesen.

    Schöne Osterfeiertage und liebe Grüße,
    Klappentexterin

    • Liebe Klappentexterin,
      da freue ich mich ja riesig, dabei mitgeholfen zu haben, das „verschwundene“ Buch wiederzufinden. Und freue mich auch, dass Dir eben auch gerade der ruhige Erzählton beim Hineinlesen gefallen hat. Vielleicht können wir, wenn sich demnächst ein paar Leser gefunden haben, auch über die Zuverlässigkeit der Erzähler diskutieren. Mich würde ja schon interessieren, wann der ältere Herr, der erzählt, er habe seine Erika zweimal verloren, sie tatsächlich verloren hat. Und was es mit der Großmutter in der Zukunft auf sich hat und wie es mit Arno ist… Du siehst, ich hoffe auf ganz viel Diskussionen.
      Ich wünsche Dir auch ganz wunderbare Ostertage – mit guter Lektüre und gutem Wetter (oder ist der Wetterwunsch sehr vermessen?), Claudia

      • Liebe Claudia,

        ja, das wäre klasse. Gibt doch nichts Schöneres als sich über Bücher zu unterhalten. 🙂

        Also auf bald & lieben Sonnengruß (jetzt gerade blinzelt die Sonne durch die fetten Wolken)

        Klappentexterin

  4. Liebe Claudia,
    auch mich hat Deine Besprechung gepackt – ich habe von der Autorin noch nie gehört und erst recht nicht gelesen. Da ich aber Erzählungen an für sich sehr gerne lese und Du mit Deiner Besprechung und den Zitaten sehr neugierig machst, freue ich mich auf eine Neuentdeckung…wird gekauft!

    • Liebe Birgit,
      so sehr ich Sandigs Geschichten geradezu verschlungen habe, so habe mich an der Besprechung abgearbeitet. Umso mehr freue ich mich, dass es nun so viele nette Rückmeldungen dazu gibt – und so viele Lesewünsche. Vielleicht bekommen wir ja sogar eine kleine gemeinsame Dskussion hin, einen Austausch über das Verschwinden und das Erzählen und können so mal wieder zeigen, was Blogs so alles Positives leisten können. – Es gibt ja noch einen ersten Erzählband der Autorin, zu dem ich immerhin ein paar sehr wohlwollende Rezensionen gefunden habe. Auf den Band bin ich ja nun auch sehr neugierig. (Der Stapel wird und wird nicht kleiner…)
      Viele Ostergrüße, Claudia

  5. Liebe Claudia,
    das klingtnach einem Buch, das man sich erarbeiten muss, im besten Sinne. Deine ausgesprochen gut gelungene Besprechung noch dazu – und schon ist der Titel auf meiner Leseliste gelandet.
    Schaun wir mal, wann ich dazu komme…
    Liebe Grüße
    Kai

    • Lieber Kai,
      vielen Dank für Deine lobenden Worte. Und die Leselisten werden wirklich nicht kürzer… Ich habe ja schon geschrieben, dass ich nicht so der Erzählungen-Leser bin, aber diese mochte ich wirklich sehr, weil es neben der Handlung eben immer auch noch etwas bei der Art des Erzählens zu entdecken gab. Und Bücher, die man schälen kann, wie eine Zwiebel und unter jeder Schicht noch etwas entdeckt, die finde ich einfach gut.
      Viele Grüße, Claudia

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