Der Hund in der Literatur, Erzählungen, Lesen
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#lithund – Michael Ondaatje, Serge Bloch: Jasper braucht einen Job

Man muss den Tatsachen schon ins Auge schauen: Seit der Wolf als Hund bei Menschen wohnt, seit er sich nicht mehr als Einzelgänger oder im Rudel aus Wald und Flur selbst versorgt, sondern sich vom Menschen versorgen lässt, seitdem ist sein Leben bequem – aber auch teuer. Und es sind ja nicht nur die köstlichen Speisen, die in den unterschiedlichsten Läden extra für den Hundegeschmack angeboten werden, die so ins Geld gehen, es sind auch die anderen Kosten, die so ein Leben in schönster Bequemlichkeit mit sich bringt: Es müssen Steuern bezahlt und Versicherungen beglichen werden, der Arzt wünscht eine regelmäßige Konsultation und natürlich Extra-Geld, wenn eine Pfote geröntgt oder Zahnstein entfernt werden soll, und der Friseur rückt zwar auch den wildesten Fell-Verfilzungen mit seiner Schere unerschrocken zu Leibe, will aber dafür auch Bares sehen. Wenn dann auch noch ein Extra-Gassigeher bestellt wird, dann läppern sich schnell mal 900 Dollar zusammen.

Ondaatje, Bloch_2Das erkennt auch Mr. Cletus, Englischlehrer und deshalb schlecht im Rechnen. Wenn er die Beträge überschlägt, die die Familie für Jasper, den Familienhund, berappen muss, dann hat sich unter dem Strich seiner Berechnungen schnell mal ein kleines Vermögen addiert. Jedenfalls steht da ein so hoher Betrag, dass der Internatbesuch der beiden Kinder ernsthaft in Gefahr gerät. Und während der, um den es geht, nämlich Jasper, gemütlich lesend im Körbchen liegt und sein Abendessen – es gibt Spiegelei mit Würstchen und Hühnerfleisch – mit einem großen Schleck verspeist, denken Mr und Mrs Cletus ernsthaft darüber nach, welchen Job Jasper denn annehmen könne, um zu seinem Unterhalt beitragen zu können.

Da passt es ganz gut für den Anfang, dass just in diesem Moment drei Schüler von Mr. Cletus´ Schule vor der Türe stehen und die Familie darum bitten, dass Jasper, der ein bisschen aussehe wie der ägyptische Gott Anubis, in ihrem Schauspiel mitwirke, als Begleiter von Cleopatra in Shaws „Cäsar und Cleopatra“. Mrs Cletus hat noch die Sorge, dass die Schüler vielleicht beim Edinburgher Festival auftreten wollen, dann kämen auch noch Kosten für das Visum, den Flug und die Unterbringung auf die Familie zu. Sie willigt trotzdem ein, Jasper darf erste Erfahrungen auf der Bühne sammeln, auch wenn der Familie natürlich vorschwebt, dass Jasper etwas Anständiges lernen soll, nicht unbedingt die Schauspielerei, schließlich ist er – und diese Einschätzung ist Hundebesitzern überhaupt nicht fremd – ein außergewöhnlich kluger Hund.

Aber ganz ehrlich: Die Schauspielerei gefällt Jasper sehr gut. Überall auf der Bühne versteckt liegt sein Spielzeug, damit er sich auf gar keinen Fall zu langweilen beginnt, Cleopatra trägt gar Jaspers quietschende Lieblingsschlange als Gürtel und hat die Innenseite ihres Kleides mit Erdnussbutter eingestrichen. Und dass die anderen Schauspeiler schnell einen Narren an Jasper fressen, weil er nicht nur so toll schauspielert, sondern auch eine perfekte Bühnenverneigung hinlegt, zeigt sich dann in in den Köstlichkeiten, die sie ihm zu den Proben und den Aufführungen mitbringen: köstliche Steaks, von Knoblauch triefende Stampfkartoffeln. Das wiederum führt zu unangenehm riechenden Flatulenzen auf der Bühne, sodass Cäsar auch schon einmal wegen schlechter Luft seinen Monolog kreativ verkürzen muss.

Ondaatje, Bloch_3Jaspers Geschichte als gefeierter Star der Schultheaterbühne ist sicherlich nicht nur für Menschen mit Hundeerfahrung und Menschen mit Vorliebe für literarische Hunde eine lohnende Lektüre. Auch diejenigen Leser, die sich für bebilderte Geschichten interessieren, die Fans sind von Illustrationen und Graphic Novels, können es sich mit Jasper in ihrem Lesesessel gemütlich machen und schauen, wie sich seine Theatergeschichte entwickelt. Denn die Geschichte von Jasper, die Michael Ondaatje ersonnen hat, ist illustriert von Serge Bloch und Bloch zeichnet zwar Ondaatjes Geschichte, aber er zeichnet auch seine eigene Geschichte, die immer ein Stückchen weiter reicht als Ondaatje sie erzählt.

Geschichten und Illustrationen zusammenzubringen, das ist das Konzept der Tollen Hefte, die es seit über 25 Jahren gibt und die ins Leben gerufen wurden von Armin Abmeier, der das Projekt als „Wild, Gefährlich, Avantgarde“ beschrieben hat. In den Tollen Heften, die jeweils in nur geringer Auflage, dafür aber in besonders schön gestalteter Aufmachung erscheinen veröffentlicht zu werden, gilt durchaus als Auszeichnung und so haben auch ausländische Künstler immer mal wieder ein Tolles Heft „gemacht“.

Wer noch ein bisschen mehr wissen will über die Tollen Hefte, die Idee dahinter und die besondere Art der Produktion, der kann hier (http://www.kirchner-pr.de/pressebereich/edition-buechergilde/) weiterlesen. Und in Heft 47 sollte weiterlesen und schauen, wer wissen will, wie Jaspers Geschichte vom eigenen Job weitergeht.

Michael Ondaatje, Serge Bloch (2017): Jasper braucht einen Job, hrsg. von Rotraut Susanne Berner in den Tollen Heften Nr 47 und übersetzt von Anna Leube, Frankfurt am Main, Büchergilde Gutenberg, Edition Büchergilde

19 Kommentare

    • „Herrlich schräg“ trifft Jaspers Geschichte auf den Kopf. Und die Illustrationen machen sie dann noch schräger.Und ganz ehrlich: ich würde gerne noch mehr (Berufs-)Abenteuer von Jasper lesen und sehen. Vielleicht entwickelt sich das ganze ja zu einer Fortsetzungsgeschichte, Serien sind ja herade sehr in Mode :-).
      Viele Grüße, Claudia

    • Ja, wir #lithunde müssen ja wieder ein bisschen etwas bieten im großen Wettstreit der Tiere :-). Die Kombination von Bild und Text, von Stift und Schrift also, wird Dir bestimmt ganz besonders gut gefallen. Und ich konnte mich vielleicht ein bisschen revanchieren für die vielen Stift-und Schrift-Vorstellungen, mit der Du mich zuletzt ins Reich der illustrierten Geschichten gelockt hast. – Aber ich habe auch bei Jasper gemerkt, und hier ist meine Motivation aus bekannten Gründen ja sehr groß gewesen, dass ich Schwierigkeiten habe mit den Bildern. Ich bin wirklich ein Text-Mensch. Und es hat lange gedauert und ist eigentlich nur der Notwendigkeit bei der Besprechung geschuldet, dass mir überhaupt irgendetwas zu den Illustrationen eingefallen ist. Da muss ich wohl dran arbeiten. Da biette dann Blog ja reichhaltiges Abschauungsmaterial, um meinen Bildblick zu verbessern.
      Viele Grüße, Claudia

      • Spätestens bei der Formulierung „Auch diejenigen Leser, die sich für bebilderte Geschichten interessieren, die Fans sind von Illustrationen und Graphic Novels, können es sich mit Jasper in ihrem Lesesessel gemütlich machen und schauen“ ist mir klar geworden: das ist etwas für mich. – Vielleicht kann ich dem Text-Menschen Claudia in Zukunft das eine oder andere illustrierte Buch/die eine oder andere Graphic Novel doch noch schmackhaft machen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf …

  1. Jasper mit der Harfe ist einfach – toll. Haben deine Hundejungs eigentlich auch schon auf der Bühne gestanden, Claudia?

    • Liebe Maren,
      ich musste – hanz ehrlich – direkt an Ustinovs Nero denken, als ich (nach einigem Gucken, ich bin ja sowas von „bildblind“) Jasper mit seiner Harfe überhaupt erst „gesehen“ habe. Gerade dieses Bild macht aber auch ganz wunderbar deutlich, wie Bloch die Geschichte Ondaatjes noch um eine verrückte Facette bereichert, denn im Text folgt Jasper lediglilch der erdnussbutterduften Cleopatra auf der Bühne. – Und was die Hundejungs angeht: Sie standen noch nie auf einer richtigen Theaterbühne, ABER: da, wo sie sind, ist großes Theater. Und so sind schon viele Menschen stehengeblieben und haben sie beobachtet – und fotografiert -, vor allem im Sommer in den Bergen, wenn sich Felix und Linus auf den kleinsten Schneerest stürzen und sich dort ganz ausgiebig wälzen. Dann sieht das schon ein bisschen aus wie auf einer Bühne :-). Und als Applaus wünschen sie natürlich Käse- oder Wursthäppchen…
      Viele Grüße, Claudia

      • Ich kenne deine Hunde nicht, Claudia, aber irgendwie sind sie mir durch deine Kommentare schon ein bisschen ans Herz gewachsen, besonders der Felix. Und jetzt musste ich wirklich lachen: „da, wo sie sind, ist großes Theater“. Wer braucht da noch eine Harfe? 😉

      • Hihihi, ja, „wer braucht da noch eine Harfe“?! Das schätzt Du – ohne die Fellnasen zu kennen – völlig richtig ein. Ein bisschen traurig ist es nun aber schon manchmal, denn nun merke ich, dass sie wirklich alt sind, zwölf Jahre in diesem Sommer, und nicht mehr so ganz überschwänglich, quietschfidel und fit. Aber ein Schneefeld lassen sie natürlich immer noch nicht links liegen :-).

  2. Liebe Claudia, das klingt schon einmal herrlich amüsant – allein die Vorstellung, wie Herrchen die kosten zusammenrechnet. Da musste ich an eine Freundin denken, die sich – nachdem der geliebte, „ordinäre“ Mischlingsstraßenköterhund verstorben war, einen „Rhodesian Ridgeback“ in die Familie holte. Und was das Tier seither nicht nur an Futter verschlingt, sondern auch an Extrabedarf – ich glaube, soviel hat kostet nicht einmal das Kind 🙂
    Das macht jedenfalls richtig Spaß, bei dir die Bühnenkarriere von Jasper zu verfolgen – und ich muss mir unbedingt die tollen Hefte näher ansehen. Wuff!

    • Liebe Birgit,
      ja, die Tollen Hefte sind wirklich toll. Ich bin ja so ein Sammlertyp, da sind diese so schön gemachten Ausgaben die reinste Herausforderung.
      Und was die Hundekosten betrifft: Da denkt man wirklich nicht weiter, wenn man solch einen Vierbeiner mit den kugelrunden Babyaugen aufnimmt. Am Anfang braucht er ja nur eine Decke und ein bisschen was zu essen, aber schon steht man vor den vielen tollen Spielzeugen (dabei tuen es Stöcke und Tannenzapfen ja auch), dann muss ein Körbchen her und noch eins fürs Schlafzimmer – und im Arbeitszimmer sollte hund es ja auch gemütlich haben. Und dann noch da ein Halsband und für diese Gelegenheit ein Geschirr und für Feiertage ein besonders schönes. Und die Tierarztkosten bei solch eine Rowdy, der sich mal ein Bein anbricht und mal mit der halben Pfote am Holzsteg hängenbleibt. Und erst die Medikamente, wenn tier alt ist und seine Wehwehchen hat. Das schlimmste aber sind die Urlaubsfahrten: entweder man steigt im Hotel ab, das den Charme der 1980er Jahre kultiviert oder man wählt ein schönes, neu renoviertes Hotel und berappt da, falls man den Hund überhaupt mitbringen draf, auch gerne mal bis zu 20 € pro Hund! Nicht dass der Hund für diesen Betrag ein besonders ausgefeiltes Menü bekommt, gebadet, gepudert und massiert wird, nein, nur dafür, dass er sauber und friedlich auf seiner Decke liegt. Ach, ich könnte Geschichten erzählen! Deshalb ist die Ausgangsproblematik Jaspers überhaupt gar nicht aus der Luft gegriffen und jeder Hundebsitzer kann davon abendelang berichten. (Die Betriebswirtschaftslehre kennt für dieses Phänomen den Begriff der „Total cost of ownership“. Ein wunderbarer Begriff, der dieses Phänomen besonders gut erklärt. Und übrigens auch die Kinderproblamtik, ach, auch die Eheschließung sollte unter dieser Perspektive genau überlegt werden. Und Kind und Hund summieren sich garantiert auf ein Vermögen :-)).
      Ach, zu welchen Gedankenschleifen einen die Tollen Hefte so anregen…
      Viele Grüße und einen wunderbaren Start ins Wochenende, Claudia

      • Dann doch lieber Katzen oder Wollmäuse 🙂 Ich kenne Leute, die wegen des Hundes komplett auf den Urlaub verzichten bzw. sich ein Wohnmobil zugelegt haben …achja…Und dann die ganzen Damen mit den Taschenhunden. Da muss man 3000 Euro für eine Designertasche hinlegen, damit sie zum Hund passt. Da fand ich die Aussage von Sandor Marais Frau in dem #lithund-Buch, das ich dieser Tage vorgestellt habe, sehr erfrischend – sie meinte, der Hund bräuchte ein Winterkleid, aber nichts feines, sondern aus einem alten grauen Socken gestrickt, damit er auch aussieht wie ein armer Schriftsteller …

      • Ha, erwischt. Wir haben uns auch erst einmal einen Wohnwagen zugelegt, weil es mir so auf die Nerven gegangen ist, Urlaubsquartiere für Mensch und Hund zu suchen. Und auf den Campingplätzen treffen wir nun viele, die sich ähnlich entschieden haben :-). – Den Hund als modisches Accessoire finde ich natürlich nicht ganz so toll, immerhin steckt auch in dem kleinsten Hund immer noch ein Wolf und nicht ein Spielzeug. Da ist mir Sandor Marais Frau viel näher mit dem robust-pflegeleichten Winterkleid für den Hund. Damit kann man wenigstens auch mal durch den Matsch, durch Pfützen und durch Schnee laufen und muss nicht auf ein Designäußeres achten. Und steckt nicht in jedem Hund – und natürlich auch in jeder Katze, Oscar besteht darauf, dass ich es schreibe 🙂 – etwas von einem der antiken Götter?

  3. Danke für diese amüsante Buchbesprechung, Claudia, ich habe mich köstlich amüsiert und werde jetzt auf den Link zu den Tollen Heften verzweigen.
    Einen schönen Freitag wünscht dir Susanne

    • Liebe Susanne,
      ich freue mich, Dir ein bisschen Spaß bereitet zu haben. Jaspers Geschichte ist ja auch wirklich zum Schmunzeln – und dabei bei der Ausgangsproblematik gar nicht mal so aus der Luft gegriffen. Jeder Hundebesitzer kann da Geschichten erzählen… Und nur ganz wenige finden einen adäquaten Job für den Vierbeiner.
      Viele Grüße und auch Dir einen schönen Start ins Wochenende, Claudia

  4. Das klingt ja sehr amüsant. Serge Bloch kenne ich schon von einem anderen Buch, wo er englische Redewendungen in Szene gesetzt hat. Und auch diese Geschichte klingt einerseits ironisch und andererseits sehr liebenswert. Liebe Grüße und gute Nacht, Peggy

  5. Pingback: Hund und Herrchen. Über „Jasper braucht einen Job“ von Michael Ondaatje & Serge Bloch | Frank O. Rudkoffsky

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