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Saphia Azzedine: Bilqiss

Schon das Alte Testament erzählt von der Königin von Saba, die von der Weisheit des Königs Salomon gehört hat und sich bei einem Besuch an seinem Hof davon überzeugen wollte. Auch im Koran finden sich Verweise auf die Königin aus dem südlichen Land, die hier auch den Namen Bilqiss trägt, und hier ist sie es, von deren besonderer Weisheit erzählt wird.

Saphia Azzeddines Protagonistin Bilqiss aber ist weder eine Königin noch ist sie weise. Dass ihr Leben so völlig missraten ist, das sei, so Bilqiss´, schon von Anfang an klar gewesen. Ihr Vater entlässt nach ihrer Geburt die im Nachbarzimmer wartende Schar der Nachbarn mit dem tiefen Seufzer „Das ist der Wille Allahs“, denn da ihm eine Tochter geboren ist, gibt es nun nichts mehr zu feiern. Und tatsächlich, für ein Mädchen, eine Frau ist das Leben nicht leicht in diesem Dorf irgendwo auf dem Land. Bilqiss darf zwar zur Schule gehen, arbeitet aber auch auf dem Mohnfeld und mit dreizehn Jahren muss sie Qasim heiraten, einen 46-jährigen dickbäuchigen ehemaligen Fischer, der nun als Chauffeur für den Richter des Dorfes arbeitet. Sie lebt das typische Leben der Frauen, die, wenn es ihren Männern langweilig wird, geschubst werden, geschlagen, misshandelt und missbraucht. Als ihr Mann stirbt und sie das Haus alleine weiter bewohnt, wird sie argwöhnisch von den anderen Dorfbewohnern beäugt und mehr und mehr aus der Gemeinschaft ausgegrenzt, denn eine alleinstehende Frau ist hier nicht vorgesehen. Das ist wahrlich kein königliches Leben.

Und weise ist diese Bilqiss auch nicht. Überhaupt nicht. An ihr ist keinerlei Gelassenheit zu sehen, nein, Bilqiss sagt ganz direkt und unverblümt, was sie denkt, denn für sie gibt es nur den ehrlichen und gradlinigen Weg, auch wenn der direkt auf eine dicke Mauer zuführt und die Mauer in ihrem Fall die Todesstrafe sein wird, der archaische Tod durch Steinigen auf dem Dorfplatz. Sie hat eine sehr realistische Einschätzung ihrer Situation und ihrer Handlungsmöglichkeiten, aber sie hat sich entschieden, ohne jegliche Rücksichtnahme ihren Weg zu gehen, auch ohne Rücksichtnahme auf ihr eigenes Leben. In andere einfühlen will sie sich nicht (mehr), sie stößt alle weg, die ihr helfen wollen, verachtet sie gar. Nein, weise, so wie wir Weisheit verstehen, ist diese Bilqiss wirklich nicht.

Kann aber überhaupt weise sein, gelassen, empathisch, freundlich auslotend, selbstreflexiv lernend, offen und neugierig, wer in einem Land lebt, in dem Fundamentalismus herrscht? Ein Land also, in dem Toleranz, Respekt und Achtung vor anderen nichts gelten, in dem Reflexion und tiefere Einsicht keinen Wert haben, in dem das Wissen, dass Dinge komplex sind und es immer verschiedene Perspektiven gibt, im öffentlichen und oft auch im privaten Leben nicht vorhanden ist? In dem schon alleine nichts gilt, wer eine Frau ist?  In dem Frauen nicht nur in lavendelfarbere Burkas gezwungen werden, sondern in dem die Ehemänner auch zu Hause nicht mit ihnen sprechen, ihnen kein freundliches Wort gönnen, sie nicht anlächeln und ermutigen, einfach, weil sich das nicht gehörte. Und dies alles mit dubiosen religiösen Deutungen erklärt wird.

Bilqiss, die in diesem Land der lavelfarbenen Burkas lebt, in dem auch amerikanischen Soldaten durch die Straßen laufen, es gar Weihnachtsgirlanden zu sehen gibt, steht also vor Gericht. Nicht für den Totschlag ihres Mannes, gegen dessen Zudringlichkeiten, Schikanen und Schläge sie sich irgendwann einfach mit der Frittierpfanne gewehrt hat. Den Tod kann sie gut vertuschen, zwei amerikanische Soldaten helfen ihr, den Tod wie einen Sturz vom Dach aussehen zu lassen. Nein, nun hat sie etwas getan, was schier ganz und gar ungeheuerlich ist.

Und das geschah so: Eines Morgens nämlich kam die Frau des Muezzins zu ihr, völlig aufgelöst, denn sie konnte ihren Mann nicht wecken, denn der hat am Abend zuvor viel zu viel getrunken hat.

„Sonst schaffe ich es, ihn aufzuwecken, aber heute früh regt er sich nicht“, rief sie aus. Sie wusste, dass niemand es wagen würde, einen Glaubensmann anzuprangern. Ihren ehrenwerten Gatten. Den unvergleichlichen Muezzin des Viertels. Sie hingegen würde sofort von allen geächtet werden. Das wusste ich“, erzählt Bilqiss. Und weiter: „Bevor wir ihn verließen, drehten wir ihn auf den Rücken in der Hoffnung, er würde in seinem eigenen Erbrochenen ersticken.“

Nun machen die Frauen sich auf, um einen Imam eines benachbarten Viertels zu holen, da kommt Bilqiss die unheilvolle Idee, selbst das Morgengebet zu sprechen. Sie rennt zum Minarett, erklimmt die Stufen und beginnt das Gebet. Nach den ersten Zeilen völlig euphorisiert von ihrer Tat, wandelt sie „hier und da ein paar allzu doktrinäre Passagen ab, um sie mit Nuancen, Erbarmern und Alltäglichem anzureichern.“ So nimmt das Unheil seinen Lauf und es ist Bilqiss völlig klar, dass sie in dem nun folgenden Prozess nur die Todesstrafe zu erwarten hat.

Ungewöhnlicherweise aber zögert der Richter Bilqiss´ Verurteilung von Tag zu Tag hinaus. Die Meute im Gerichtssaal wird schon unruhig, sie will Bilqiss endlich ihrer gerechten Strafe zuführen. Der Richter aber, so erklärt er, will eine „höchstmögliche Objektivität“ herstellen, will genau wissen, wie es zu Bilqiss´ Tat kommen konnte – und will noch viele Abende herausschinden, an denen er sie im Gefängnis besuchen und mit ihr reden kann.

Saphia Azzeddine erzählt Bilqíss´ Geschichte aus drei Perspektiven, aus der von Bilqiss und der des Richters, der so von der Angeklagten angezogen ist. Auch die amerikanische Journalistin kommt zu Wort, die im Internet Videos der Verhandlungen gesehen hat, eine tolle Story wittert und in das weit entfernte Land reist. Der Perspektivwechsel ist einerseits klug, denn wahrscheinlich würden Leser der manchmal frechen, ja sogar witzigen, manchmal aber auch völlig maßlosen, manchmal irritierenden Stimme Bilqiss´nicht den ganzen Roman über lauschen können. Er ist auch klug, weil verschiedene Perspektiven einen komplexeren Blick bieten, einen Blick, den gerade die Bewohner des lavendelfarbenen Landes üblicherweise nicht einnehmen. So gewinnen wir Einblicke in das Leben und Denken des Richters, erkennen, wie er hineingezogen wurde in den Strudel des religiösen Fundamentalismus, der ihm, einem Handwerker, ungeahnte Privilegien ermöglicht. Wir gewinnen auch einen Einblick in das als Gegenkonzept zu Bilqiss entworfene Leben der amerikanischen Journalistin, Leandra Hersham, die nun auch einmal eine mitreißend-reißerische Geschichte schreiben möchte, bevor sie in einer langweiligen Ehe und in ihrer Redaktion auf dem Abstellgleis endet.

Dieser Perspektivwechsel – oder auch: die Konzeption dieser Figuren – ist andererseits aber auch die Achillesferse des Romans. Die Figuren sind allesamt klischeehaft angelegt. Leandra ist das Abziehbild einer Amerikanerin: Hineingeboren in eine jüdische Ostküstenfamilie, die Mutter in den 1980er Jahren ein Mannequin und nun Künstlerin, der Vater ein „milliardenschwerer“ Filmproduzent, haben die Eltern sie und die Schwestern dazu erzogen, auch das Elend der anderen zu sehen und etwas dagegen zu tun. Nun lebt sie als Journalistin in der Zweitwohnung der Eltern in New York und sieht einer Hochzeit mit einem Anwalt entgegen. Der Richter, Vertreter einer Religion, die meint, auch pädagogisch wirken zu müssen, damit die Gesellschaft funktioniere, wird offensichtlich immer wieder gerade von solchen Frauen heimgesucht, die die einen stark, die anderen widerspenstig nennen. Und Bilqiss hat ihren aufklärerischen Furor augenscheinlich den Romanen und Gedichtbänden entnommen, den romantischen Liebesgeschichten mit den entschlossen handelnden Frauen, die Nafisa, die Grundschullehrerin, ihr erzählt hat, den Büchern, die sie haben wollte als Gegenleistung dazu, dass ein englischer Tourist sie fotografieren durfte, als sie vierzehnjährig zur Feldarbeit ging: ein Buch von Victor Hugo, eines von Edgar Allen Poe, einer Zeitschrift über Fotografie und der Gebrauchsanweisung seines Fotoapparates.

Diese Überzeichnungen stören, stören die Wirkung des Romans, auch wenn die Autorin durchaus kunstvoll literarische Bezüge in ihren Roman webt, die Hinweise auf Bilqiss, die Königin von Saba, die Hinweise auf Scheherazade, die sich ihr Leben von Nacht zu Nacht durch Sprachfertigkeit und Erzählfertigkeit erhält. Und dabei wäre die Figur der Bilqiss, diese frech, ehrlich, entwaffnend und überzeugend argumentierende Frauenfigur eines ausgewogeneren Romans würdig gewesen. Denn ihre Stimme, ihre fundamentalistisch emanzipatorische Stimme, ihr entschlossenes und rücksichtloses Eintreten gegen die unausgegorenen Deutungen der islamischen Männerwelt, wirken nach der Lektüre noch lange nach. Und vielleicht ist es nur so eine Stimme, die ihre Umgebung aufrütteln und aufwecken und eine Veränderung herbeiführen kann. Eine Stimme, die dann doch auch eine große Weisheit hätte.

Saphia Azzedine (2016): Bilqiss, Berlin Wagenbach Verlag

4 Kommentare

  1. Hallo Claudia, wieder eine sehr ausgewogene Besprechung. Das Buch klingt von der Grundidee so interessant, schade, dass es anscheined stellenweise etwas klischeelastig geraten ist. LG und ein schönes Wochenende, Anna

    • Die Grundidee ist wirklich spannend. Aber ich habe gerade noch eine paar weitere Romane gelesen, die sich auch mit den Klischees so schwertun. Das verfolgt mich gerade, das Thema. Dafür ist aber „Jasper“ viel witziger.
      Viele Grüße, Claudia

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