Erzählungen, Lesen
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Roman Ehrlich: Urwaldgäste

Ehrlich_2In den Urwald entführt uns Roman Ehrlich mit seinen zehn Erzählungen, so verspricht es der Titel. Und dabei bleibt unklar, ob wir Leser die Gäste sind im Urwald oder doch die Protagonisten seiner Geschichten. Auch die Covergestaltung trägt das Ihre bei zur Einschätzung, einen Ausflugs in eine Natur zu bestreiten, die gänzlich ohne die ordnende Hand des Menschen auskommt: Äste, Blätter und die verschiedenartigsten Blüten einer unbekannten Pflanze wuchern über die Seite, Vögel sind zu sehen, deren Gefieder sich gar nicht so sehr von denen der Pflanzen unterscheidet, ein hölzerner Sessel mit filzartigen Armschonern steht bereit, den Erzählungen zu lauschen. Ein Urwald also, den wir nicht durchschauen, deren Pflanzen und Tiere wir nicht kennen, eine Umgebung, die angesichts der Farbenpracht phantastisch wirkt, aber auch ängstigend, weil wir nicht wissen, ob sich hinter dem nächsten Blatt eine Gefahr verbirgt, der wir uns völlig ahnungslos nähern. Ein Urwald also, der die Menschen, die sich nicht auskennen, auch täuschen kann, sodass sie nicht mehr wissen, was Realität, was – wahnhafte – Vorstellung ist.

So wissen wir, auf was wir uns einlassen, wenn wir die Erzählungen lesen, und haben doch völlig falsche Erwartungen. Im Urwald spielt keine der Geschichten, da haben uns Autor und Verlag auf eine falsche Fährte geführt, schüren ganz falsche Erwartungen. Aber doppelbödig sind die Geschichten, immer an der Grenze zwischen einer Realität, in der wir uns auszukennen meinen, und einer Realität, die ein bisschen verschoben erscheint, so wie ein Foto, das durch eine leichte Bearbeitung ganz leicht verzerrt wirkt.

Ehrlichs Geschichten spielen mitten in unserem Alltag, viele in einer Berufswelt, die wir so auch kennen. Nette Kollegen gibt es überall, sie unterhalten sich auf dem Flur über dies oder das, schicken bei Krankheit Grüße ans Krankenbett, es gibt keine Konflikte, schon gar kein Mobbing, freundlich-anonyme Arbeitgeber sorgen mit Kaffeemaschinen für das Wohl aller. Viele Figuren werden im ganz normalen Alltag gezeigt, sie bringen ein Tier vom Tierarzt nach Hause, wollen unbedingt im Wochenendhaus wohnen, auch wenn die Mücken das Leben dort schwer machen, warten auf die Eltern, gehen in einen Boxverein, obwohl ihnen am Boxen nichts liegt, nur am Fitnesstraining. Und trotz dieser Normalität geraten sie immer wieder in merkwürdige Situationen, führt eine Beobachtung oder ein nicht ganz richtig gewähltes Wort zu verwirrenden Schlüssen und Entwicklungen, finden viele Personen in ihrer Umgebung Merkwürdigkeiten und wirken im Laufe der Geschichten zunehmend desorientiert, ausgeliefert, rat- und schutzlos. So wie der Nachrichtensprecher, der eines Abends in die Verabschiedung und den Abspann hinein nicht mehr aufhören kann zu reden, und laut darüber nachdenkt, warum die Bergbauarbeiter „Kumpel“ heißen und wie trostlos die Hotelzimmer sind, in denen er seine Abende verbringt. Und während er redet und redet, schaltet der Kameramann seine Kamera ab, wird um ihn herum die Kulisse entfernt.

Gleich in der ersten Geschichte verschlägt es den Ich-Erzähler in eine höchst merkwürdige Arbeitssituation bei der Firma Grinello Clean Solution. Zwar läuft das Vorstellungsgespräch noch gut ab, statt viele Fragen beantworten zu müssen, wird er gleich in wesentliche Dinge seiner Arbeit eingewiesen: „Sie werden hier die meiste Zeit alleine sein.“ Dass scheint dem Erzähler, der kaum Kontakte zu anderen zu haben scheint und auch nicht gerne spricht, erst einmal sehr angenehm zu sein. Es gibt die Kaffeemaschine im Büro, einen Laserdrucker, dessen Ausdrucke umgehend im Papierkorb landen, und einen USB-Weihnachtsbaum, für den Fall, dass es ihm doch zu einsam und zu farblos im Büro sein sollte. Tatsächlich ist der Erzähler die meiste Zeit des Tages alleine im Büro, manchmal kommt ein Vorgesetzter für ein paar Stunden vorbei, manchmal erledigen Vertriebler hier ihre Büroarbeit. Das erscheint alles merkwürdig, geheimnisvoll, fast unheimlich.

Schließlich bekommt er eine Aufgabe: Er solle doch bitte anhand der aus der Zweigstelle Düsseldorf übersandten alten Kontaktdatenbank telefonisch überprüfen, ob die dort gelisteten Kunden Interesse hätten am neuen, „unbestreitbar revolutionären“ Produkt der Grinello, nämlich dem Aquionic Transformer. Er bekommt ein paar Informationsmaterialien, um sich einen ersten Eindruck über das Produkt zu verschaffen, weitere Details würde ihm schon jemand aus dem Vertrieb erklären. Und so beginnt er, ausgerechnet er, der doch gar nicht so gerne spricht, die Telefonnummern der Liste zu wählen. Meist meldet sich niemand, manchmal erklärt die Ehefrau, ihr Mann sei schon seit Jahren verstorben. Und bevor er sich eine ganz andere Gesprächsstrategie zu Recht legt, um die Menschen, die er dann doch am Telefon antrifft, nicht komplett zu verschrecken, wird ihm bewusst

dass ich in den Räumen der Grinello Clean Solutions nichts als meine Zeit gegen einen entsprechenden Geldwert anbot und ich infolge dieser Erkenntnis schließlich den Wunsch, es richtig zu machen und mich aktiv am Absatz des Aquionic Transformers zu beteiligen so gut es ging, langsam aufgeben konnte. (S. 22)

In wie vielen Büros werden die Computerarbeiter ihre Arbeit wohl genauso sinnlos finden, wie der Erzähler es hier berichtet, wenn Ausdrucke aus dem Laserdrucker direkt in den Papierkorb wandern? Wie viele Menschen sind wohl in Büros damit beschäftigt, Produkte an Kunden zu bringen, die sie selbst nicht kennen und die Kunden nicht brauchen werden, den USB-Weihnachtsbaum als einzige Aufhellung auf dem Schreibtisch?

Arne Heym, der Protagonist einer anderen Geschichte, leidet an der Belanglosigkeit und Langeweile seines Lebens. Als Diplom-Biologe musste er aber nach seinem Studium noch eine Weiterbildung im Bereich PR, Marketing, Commerce und Customer Care machen, um attraktiv für den Arbeitsmarkt zu werden. Nun ist er verantwortlich für die Produktentwicklung und Produktionsbegleitung täuschend echt aussehender künstlicher Pflanzen. Hat er eine neue Idee für eine Pflanze, so gibt ihm die Geschäftsführung meist freie Hand, auch wenn sich, beispielsweise bei dem Zimbelkraut, für das Arne sich so erwärmt, kaum eine erlöswirksame Verwendung ergeben wird, wer besitzt schon eine Ruinenmauer, die er künstlich mit mediterranen Pflanzen begrünen möchte? Beim Surfen im Internet stößt Arne auf die Werbung der Agentur Lateralis, die mit dem Werbebanner „Lassen Sie sich täuschen“ auf sich aufmerksam macht. Und so nimmt Arne Kontakt zu dieser Agentur auf, vereinbart einen Beratungstermin und spricht schon am nächsten Tag bei dem seriös wirkenden Hernn Leonhard in seinem ebenso seriösen und großzügigen Büro vor. Der stellt die Leistungen seines ganz den Bedürfnissen der Kunden verpflichteten Unternehmens vor:

Im wesentlichen müsse er sich nur entscheiden zwischen einem romantischen Abenteuer, einer Invasion des Fremden oder einer Heldengeschichte, das seien die Basiserzählungen, nicht nur hier, wie Heym ja sicher schon aufgefallen sei beim Fernsehen und im Kino. (…) Für zurückhaltende Menschen sagte, Herr Leonhard mit verständnisvollem Blick, empfehle sich immer die passive Rolle, die Formate Auf der Flucht oder Im Fadenkreuz würden gerne von Leuten gebucht, die bislang noch keine Erfahrung mit dem Angebot der Agentur Lateralis habe.“ (S. 101-102)

Und schon gerät Arne Heym in den Sog von Ereignissen, von denen er bald keine Ahnung mehr hat, ob sie ihm auch ohne die Agentur Lateralis passiert wären und nur, weil die Agentur ihre Finger im Spiel hat. Mehrfach wählt er die Notnummer und bittet um Abbruch seines Programmes, aber, so entgegnet man ihm dort sehr freundlich und geduldig immer wieder, die Handlungen in diesen komplexen Umwelten seien nur schwer aufzuhalten.

Skurrile, merk- und denkwürdige Geschichten erzählt Roman Ehrlich von Protagonisten, die ein wenig fremd zu sein scheinen in ihrem Leben und in unserer durchrationalisierten, durchgestylten, durch und durch nach ökonomischen Erwägungen funktionierenden Welt. Für diese Figuren wird ihre Umwelt zum Urwald, undurchsichtig, undurchschaubar, beängstigend. Und wir schauen ihnen dabei zu, wohl wissend, dass Ehrlich uns mit klarer Sprache und deutlichen Bildern unsere Welt und ihre Widersprüchlichkeiten und Zumutungen schildert. Und auch wenn die Realität manchmal ein klein wenig verschoben, ein klein wenig unglaubwürdig ist, Ehrlich schildert dies alles so überzeugend, dass wir ihm ohne weiteres folgen. Und plötzlich einen Blick entwickeln für den Urwald um uns herum, der so wunderbar wächst und gedeiht; einen Blick für die merkwürdigen, abwegigen und unsinnigen Dinge, mit denen auch wir uns herumschlagen müssen, ein Gefühl dafür, an welchen Stellen wir aus unserer gut einstudierten Rolle fallen können oder könnten, um uns unversehens in Situationen wiederzufinden, wie Ehrlich sie uns hier erzählt.

Roman Ehrlich (2014): Urwaldgäste, Köln, DuMont Verlag

Hier könnt ihr Angelika Overaths Besprechung der Urwaldgäste lesen und hier ein Interview mit dem Autor.

5 Kommentare

  1. Hm…jetzt Deine Besprechung durchgelesen, die einen schönen Eindruck vom Buch vermittelt…aber dennoch glaube ich dieses Mal kann ich das „zweischneidige“ Kompliment zurückgeben: Ich glaube, das ist jetzt nichts für meinen SUB (was gar nichts über das Buch aussagt, sondern nur etwas über meinen Geschmack/Vorlieben). Es erinnert mich von den Konstruktionen der Geschichten etwas an „Zehnter Dezember“ von George Saunders, und das lag mir auch nicht so…schade.

    • Liebe Birgit,
      Du hast völlig Recht, das Buch ist zweischneidig. Es ist auf der einen Seite beeindruckend, wie Roman Ehrlich unser „normales“ Leben durchleuchtet und ausleuchtet und immer wieder Figuren zeigt, die am Absurden, am Merkwürdigen verzweifeln. Und haben wir, insbesondere in der manchmal doch ziemlich absurde Blüten treibenden Arbeistwelt, ständig mit solchen sinnlosen Phänomenen zu tun? Und auf der anderen Seiten laden Erzählungen, und dann noch solche, die ein Stück neben die Realität schauen, nicht gerade zu Identifikation und Miterleben ein, es bleibt immer wieder das Konstruierte, auch wenn es gut „gemacht“ ist, erkennbar. So kann ich gut verstehen, wenn Dich die Lektüre nicht so reizt. Den „Zehnten Dezember“ habe ich aus ähnlichen Gründen auch links liegen lassen.
      Einen schönen ersten Advent wünscht Dir Claudia

  2. Liebe Claudia,
    ich fürcjhte, das ist auch für meinen Stapel nicht das richtige. Habe in der Buchhandlung meines Vertrauens jetzt mal da hinein gelesen und ich konnte aus irgend einem Grund keinen Zugang zu diesen Geschichten finden.Komisch ist das schn, denn eigentlich mag ich es gerne absurd und ich mag auch Alltagsgeschichten und Erzählungen mag ich auch. Die von Karen Köhler waren allerdings seit langem die ersten, die ich von jüngeren deutschen Autoren wirklich klasse fand, ich glaube, ich hab da immer diese Vorstellung von amerikanischen Short Stories im Kopf.
    Wie auch immer, wieder anderthalb Zentimeter Stapelhöhe gespart.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      es ist doch immer toll, den Stapel nicht unbeingt wachsen lassen zu müssen. Ich bin ja noch gespannt auf Karen Köhlers Erzählungen, die ja überall – und auch von Dir! – so gelobt wurden. Erzählungen sind ja nicht so meins – und so ist es mir auch nicht so leicht gefallen, bei Roman Ehrlich dabeizubleiben. Wenn ich aber rezensieren möchte, muss ich auch bis zu Ende lesen, finde ich wenigstens, und so habe ich mich durchgebissen und ja auch durchaus gute Dinge entdeckt. Aber trotzdem: Romane mag ich mehr. Und so kann ich Deinen Entschluss sehr gut verstehen: Lesezeit ist schließlich auch knapp.
      Einen schönen Sonntag wünscht Claudia

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