Sach- und Fachbuch

Petra Hartlieb: Meine wundervolle Buchhandlung

Hartlieb_2Dass mit einer Buchhandlung auch scheitern kann, wer eine junge, moderne Idee umsetzt, haben wir in dieser Woche aus dem Börsenblatt des Buchhandels erfahren können. Die Berliner Buchhandlung ocelot, den Bildern nach gestaltet wie ein Wohnzimmer, das zum Verweilen, zum Schmökern und Kaffeetrinken einlädt, hat Insolvenz angemeldet. Auch das akribisch entwickelte Gesamtkonzept mit Bausteinen wie Ladengestaltung, einer Öffentlichkeitsarbeit weit über die Berliner Grenzen hinaus, verschiedenen Veranstaltungen und selbstständigem Internetauftritt hat die bodenständigen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen nicht aushebeln können: Die Kosten sind letztendlich höher als die Erlöse, das Kapital wird langsam aber sicher verbrannt, die Liquidität schwindet. Ob damit gleich dem kompletten Geschäftsmodell des stationären Buchandels das Totenglöckchen geläutet werden muss, scheint äußerst fragwürdig, denn es sollte doch zunächst am konkreten Beispiel eine genaue Analyse der finanziellen Schieflage und ihrer Gründe erfolgen, bevor hier munter von einem auf die anderen geschlossen wird, gerade so, als ob alle Buchhändler mit völlig gleichen Rahmenbedingungen zu tun haben und absolut gleiche Entscheidungen treffen.

Petra Hartlieb jedenfalls beschreibt in ihrem Buch einen völlig anderen Weg, eine Buchhandlung zu führen. Sie ist mit ihrem Mann eher zufällig an eine Buchhandlung in Wien gekommen, die Idee entstand beim gemütlichen Abendessen zusammen mit einem Verlagsvertreter, der von der Buchhandlung erzählte, einer Buchhandlung, die in den siebziger und achtziger Jahren sehr erfolgreich gewesen sei, sodass man ihr durchaus das Etikett „Traditionsbuchhandlung“ anhängen könne, für die wohl ein Käufer gesucht werde. Mit 40 qm hat der Laden auch vor zehn Jahren schon nicht mehr die übliche Größe eines Verkaufsraums, mit den Regalen bis zur Decke und ihren Leitern wirkt er auch eher alt, vielleicht gar verstaubt? Die beiden schauen sich den Laden an, von außen, von innen, sie überlegen, was sie wohl hereinstecken müssten, überlegen, wie sie das Geld auftreiben können, schätzen, wie hoch der Umsatz sein könnte – und geben ein Gebot ab. Dann hören sie nichts mehr, keine Rückmeldung darüber, ob ihr Gebot eingegangen ist, wie der Stand des Bieterverfahrens ist, nichts. Bis ein paar Wochen später, sozusagen aus heiterem Himmel, die Mail eintrifft:

„Sie haben den Zuschlag für das Objekt (…) erhalten und somit die Konkursmasse der Firma XY erstanden.“
So fühlt sich also ein Nervenzusammenbruch an. Ich versuche, meinen Mann im Büro zu erreichen. (…) Noch niemals habe ich ihn aus einer Besprechung rausgeholt, selbst damals, als das Kind auf die Welt gekommen ist, habe ich in Ruhe abgewartet, bis er zurückrief. Ich werde durchgestellt. „Du musst sofort kommen. Wir haben eine Buchhandlung gekauft. Scheiße, wir haben eine Buchhandlung gekauft.“ (S. 16-17)

Noch dazu ist die Buchhandlung in Wien, die Familie lebt in Hamburg, arbeitet dort, zwei Kinder gehen noch zur Schule. Innerhalb von ein paar Wochen ist also ein Umzug zu organisieren, zunächst in das Gästezimmer von Freunden, denn die Wohnung über dem Laden muss noch umgebaut werden, die Jobs müssen gekündigt, für die Kinder Kindergarten und Schule gefunden werden. Natürlich gibt es auch notwendige Veränderungen im Laden durchzuführen und zum November muss er fertig sein, denn ohne die Einnahmen des Weihnachtsgeschäftes geht gar nichts.

Wenn es stimmt, was Petra Hartlieb schreibt, dann ist dieses Beispiel einer Unternehmensgründung so vollkommen das Gegenteil von den üblicherweise zu empfehlenden Vorgehensweisen, dass das Projekt eigentlich nur scheitern kann. Zum Zeitpunkt des Zuschlags haben die Hartliebs wohl nicht einmal eine zugesicherte Finanzierung, viele andere in ihrer Situation würden wohl nun über Möglichkeiten der Flucht nach Übersee nachdenken. Hartliebs aber packen an, Schritt für Schritt arbeiten sie sich durch die anstehenden Aufgaben: Und siehe da, alles fügt sich, alles passt, alles klappt, nicht zuletzt, weil sie sich sehr situativ entscheiden können, weil sie auf dem unter ihnen nun sehr kipplig gewordenen Boden doch nie die Balance verlieren.

Personal haben sie beispielsweise auch noch keines. Nun denkt jeder an Zeitungsannoncen oder Anzeigen in entsprechenden elektronischen Portalen, an die Sichtung von Bewerbungsmappen, die Auswertung von Anschreiben, Zeugnissen, Lebensläufen und Motivationen, die Einladung zum Vorstellungsgespräch, die vielen Gespräche und die Überlegung, wer könnte denn besonders gut geeignet sein, wer könnte ins Team passen, wer hat Potenzial sich wie zu entwickeln, wem bieten wir einen Vertrag zu welchen Konditionen an usw. Auch das geht bei Hartliebs ganz anders:

Irgendwann im Trubel [der Renovierung] steht eine blonde Frau vor mir, sie war vor ein paar Tagen schon einmal da, während der heißen Renovierungsphase, und hat gefragt, ob wir einen Job für sie hätten. Sie hat an der Tür gestanden und nach dem Chef gefragt, da klärte ich sie auf, strich sie von meiner imaginären Liste. Ich habe sie weggeschickt, ohne mir ihre Telefonnummer aufzuschreiben.

„Entschuldigen Sie, ich war letzte Woche hier und hab nach einem Job gefragt. Ich wohn hier ums Eck und ich lese so gerne und wollte schon immer in einer Buchhandlung arb…“
„Wann kannst Du anfangen?“
„Montag?“
„Okay, Montag um neun.“
Es geht nichts über eine sorgfältige Auswahl von Mitarbeitern.(S. 33)

Zunächst arbeiten Hartliebs weiter nach dem Management-by-Crisis-Konzept und wursteln sich so durch die Weihnachtszeit. Aber die Buchhandlung läuft, mehr und mehr Kunden entdecken ihren Laden, kaufen, bestellen, manche sind auch ärgerlich, weil der vor drei Jahren erschienene historische Spezialband nicht im Regal steht. In einer späteren Weihnachtszeit, so rechnen sie nachher aus, haben in den Dezemberwochen 700 Käufer den Laden besucht, alle Mitarbeiter haben Überstunden gemacht, Hartliebs selbst packen nächtelang die neu bestellten Bücher wieder in die Regale, sie kommen locker auf einen fünfzehnstündigen Arbeitstag. Aber in dieser Zeit verdienen sie ihr Geld:

Oliver hat mir das eindrucksvoll vorgerechnet: In den ersten elf Monaten geht alles drauf für Miete, Einkauf, Personal, Versicherungen, EDV, Sozialversicherung, und das, was wir im Dezember erwirtschaften, ist das, was wir letztendlich verdienen. (S. 169)

Und die Kunden sorgen sich ja auch um ihre Buchhändler: In der Weihnachtszeit bringen sie Plätzchen mit und Obst vom Markt, manche Kunden bekochen die ganze Belegschaft, einmal lädt ein Kunde sie zum Essen ein, damit sie anschließend mit frischer Kraft ans Büchereinräumen und –einpacken gehen können. Zum Glück ist ja nicht das ganze Jahr Weihnachtszeit.
So kann Petra Hartlieb auch von anderen Aspekten ihrer Buchhandelstätigkeit erzählen, von den Büchertischen, die sie abends bei Lesungen aufbaut, von den Einladungen zu Abendessen mit Autoren, von ihren Aufenthalten bei der Frankfurter Buchmesse, bei der mit einem Bekannten ganz spontan die Idee entsteht, doch gemeinsam einen Krimi zu schreiben. Sie fängt an, sich öffentlich einzumischen. Ein Artikel gegen Amazon erscheint und in ihrer Umgebung beginnt sie, für den Buchhandel zu werben. Wenn sie merken, dass die Kunden wegbleiben, entwickeln Hartliebs eine Kundenzeitschrift, die sie im ganzen Viertel verteilen. Wenn sie sehen und hören, dass immer mehr Bücher im Internet gekauft werden, bauen sie ihren eigenen Internetpräsenz aus, passen einen Webshop in ihre Layout-Konzept, geben viele Empfehlungen.

Und irgendwann gibt es da ja auch diesen sehr netten Laden im 9. Bezirk, für den ein neuer Buchhändler gesucht wird. Natürlich wollen Hartliebs keinen zweiten Buchladen, sie schauen nur so vorbei, aus reinem Interesse und weil er so schön ist. Man kann sich denken, wie es ausgeht… Doch dieses Mal machen sie es anders, sie erarbeiten ein Geschäftskonzept, planen ganz genau, was und wie dort von wem verkauft werden soll und spezialisieren sich auf französische und italienische Bücher, von denen sie – ein bisschen etwas Neues, Unüberblickbares muss ja trotzdem mal ausprobiert werden – überhaupt nicht wissen, wie man sie bestellen kann.

Es scheint wohl geklappt zu haben mit den kleinen, feinen Buchhandlungen in Wien. Vielleicht lässt sich aus dieser Erfolgsgeschichte ja auch ein überzeugender Existenzgründerratgeber schreiben, in dem weniger rationale Planung und aufwendige Entwicklung einer pfiffigen Geschäftsidee im Vordergrund stehen, sondern mehr solche Eigenschaften wie Mut zum Wagnis, Entschlossenheit, Leidenschaft, Intuition, Kreativität – und ganz viel Begeisterung für die Idee des Buches und der vielen Geschichten, die in ihnen erzählt werden.

Aber im Prinzip hat das Buch auch gar nichts mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Themen zu tun und gehört im Buchlanden sicherlich nicht in die Ecke mit den Wirtschaftsbüchern. Vielmehr ist es ein Abenteuerbuch, in dem erzählt wird, wie eine Familie es in mehrfach fast neuem Terrain schafft, Fuß zu fassen und Wurzeln zu schlagen, ein Familienbuch, das beschreibt, welche Freude und welches Leid Kinder haben können, die – fast – in einer Buchhandlung leben, es ist auch ein Ehebuch, in dem beschrieben wird, wie es ist, in guten und in schlechten Tagen nicht nur zusammen zu wohnen, sondern auch zu arbeiten – und dabei auch noch in der Arbeit zu leben -, ein Buch über Freundschaften, das zeigt, welche hilfreichen Hände und Ideen immer mit Rat und Tat zur Stelle sind, mithin ein Buch über das ganz normale Chaos des Lebens mit seinem Auf und Ab und warum und wie das gemeistert werden kann. Allein dem Familienhund wird aus meiner Sicht viel zu wenig Platz eingeräumt :-).

Petra Hartlieb (2014): Meine wundervolle Buchhandlung, Köln DuMont-Verlag

Ein Interview mit Petra Hartlieb auf der Frankfurter Buchmesse findet ihr hier.

22 Kommentare

    • Das ist sie. Und dann auch noch mit einer Portion Selbstironie erzählt, sodass es noch mehr Spaß macht, sie zu lesen,

  1. Ich hatte es ja befürchtet, aber nach dieser Besprechung gebe ich auf. Werde mir das Buch holen, und zwar in meiner Buchhandlung vor Ort 🙂
    Irgendwo habe ich von dem Betreiber von Ocelot den Satz gelesen, er habe mit seinem Laden das Leseerlebnis revolutionieren wollen. Das fand ich – gelinde gesagt – merkwürdig. Denn mein Leseerlebnis heißt: Ich lese ein Buch, es gefällt mir oder nicht. Natürlich ist es nett, wenn ich vor oder nach dem Kauf dazu einen Kaffee trinken kann. Aber das ist nicht revolutionär, das gibt es seit Jahren, manchmal seit Jahrzehnten. Und ich kaufe vermutlich mehr Bücher in Buchhandlungen, die gar nicht so schick daherkommen … Wobei ich Ocelot natürlich wünsche, dass sie es schaffen. Jeder Buchladen zählt, oder so ähnlich. LG, Anna

    • Liebe Anna,
      nun hast Du aber wahrscheinlich schon so oft von diesem Buch gelesen, dass Du schon fast den ganzen Inhalt kennst :-). Aber wenn Du noch Zeit hast, könnte sich dieses Büchlein schon lohnend in Deine Leseliste schleichen. Das, was Petra Hartlieb da über die Wirren und Fährnisse des BuchhändlerlebEns schreibt, gibt es ja auch in anderen Zusammenhängen (z.B. wenn man sich blauäugig auf eine Leitungsstelle bewirbt und tatsächlich so naiv ist zu meinen, dass das alles mal eben so mit links locker neben allem anderen zu erledigen ist, dann geht halt auch alles nur mit dem Konzept des Managements-by-Crisis. Oder wie es früher hieß: man wächst mit seinen Aufgaben :-)). — Hinter der ocelot-Geschichte steckt wohl wirklich etwas mehr, denn andere Buchhandlungen kommen ja auch über die Runden. Und im Zusammenhang mit meiner Befragung von Buchhändlern beim LLL 2014 habe ich Kontakt bekommen zu sehr engagierten, „kleineren“ Buchhändlern, die ihre Buchhandlung wohl ähnlich betreiben wie die Hartliebs. Und das klappt auch. — Ich erlese mir gerade Grills Buch über Tod und Sterben, es dauert aber wohl noch ein bisschen bis zu einer Besprechung. Beeindruckend ist das Buch auf jeden Fall, inhaltlich wichtig ist, sehr sogar, und auch toll geschrieben. Und gerade gestern habe ich über das Thema mit meinem über achtzigjährigen Vater gesprochen, der dazu natürlich auch so seine Meinung hat.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Management by Crisis, sind das nicht die Krisen, die die Leitungsebene vorsätzlich herbeiführt? Das trifft dann auf dich also auf gar keinen Fall zu!! Aber eine Kollegin überlegt auch gerade, ob sie sich in absehbarer Zeit auf eine Abteilungsleiterstelle bewirbt. In der heutigen Zeit, in der es ja nicht mehr „nur“ darum geht, diese Stelle nach innen sinnvoll wahrzunehmen, sondern man auch die ganzen von außen gesetzten Einflüsse (Qualitätsmanagement etc.) mitbedienen muss, keine einfache Frage. Aber der alte Spruch „Man wächst …“ ist doch auch tröstlich, manches darf/muss man delegieren, man wird an Erfahrung gewinnen und letztlich geht es um Menschen. Da ist eines besonders wertvoll: Zuhören können.
    Freut mich, dass du Grills Buch ebenfalls so wichtig findest. Spannend, wenn sich dann im Familienkreis dann dazu Gespräche ergeben. Auch dir viele Grüße, Anna

    • Auf jeden Fall bewerben, würde ich mal sagen. Es ist ja auch toll mitgestalten zu können. Und ich gehe mal davon aus, dass man die Arbeit im Laufe der Zeit auch besser organisieren kann. Und dann hat man auch weniger Krisen 🙂 und wieder mehr Zeit für die guten Lektüren.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia,
    dieses Buch habe ich vor ein paar Tagen auch mit grossem Vergnügen gelesen. Abends angefangen, nachts fertig gewesen. Man will ja dann immer wissen, wie es nun weitergeht, obwohl man als informierter Leser ja schon weiss, DASS es weitergeht – aber eben nicht wie. Und das WIE ist in diesem Falle wirklich abenteuerlich, weshalb Dein Statement, dies sei ein Abenteuerbuch auch wirklich genau passt.
    Manchmal fand sich die gute Frau Hartlieb nach meinem Geschmack zwar selber ein bisschen zu grossartig, aber was soll man sagen: die haben da ja auch wirklich was dolles aufgebaut.
    Als Ratgeber nach dem Motto ‚Wie ich eine Buchhandlung erfolgreich aufmache und führe‘ scheint es mir auch nicht soooo doll geeignet.
    Allerdings denke ich, es gibt so viele kleine inhabergeführte kleine aber feine Buchhandlungen, und je nach Person, Standort und Kundenprofil hat da jeder seinen eigenen Weg gefunden. Ich bewundere das sehr, auch die ungeheure körperliche und geistige Energieleistung, die dahinter steckt – und da steht dann Frau Hartlieb sicher schon als ein Beispiel von vielen da, und ich finde es einfach schön, dass und wie sie das hier einem breiteren Publikum kundtut. Vielleicht nützt es ja was…
    Zu ocelot ist ja eigentlich alles gesagt, von Dir hier zu Beginn Deines Artikels und von Anna in ihrem Kommentar, den ich so unterschrieben kann. Meine Meinung dazu habe ich ja schon in bösartigster Form hier http://www.54books.de/ocelot/#comments bereits etwas von mir gegeben.
    ich hatte dann tatsächlich nach dem Absenden des Kommentars ein klein wenig ein schlechtes Gewissen, aber man kann ja nicht immer nur schönwetterartiges von sich geben, und hier hatte ich tatsächlich ein bisschen den Eindruck, es wird Ursache und Wirkung verwechselt. Nicht, dass ich dem Felltier das Überleben nicht wünschen würde. Ach, nun fällt mir doch noch ne kleine Abschweifung (!) dazu ein: Man kann dem Amerika-Land ja derzeit durchaus nicht all zuviel abgewinnen wollen dürfen müssen, aber dieses hiesige Lamento, wenn mal ne Geschäftsidee nicht geklappt hat? Da finde ich tatsächlich die amerikanische Haltung ‚Shit happens, get up and try it again‘ recht nachahmenswert. Der Trick ist halt, früh genug zu sehen, dass es nicht klappt und dann ohne erhebliche Schulden aufhören und neu anfangen. An dem Punkt ist man bei uns dann der Versager, oder fühlt sich anscheinend so, in dem Amerika-Land ist man Unternehmer, man unternimmt was. Was Neues zum Beispiel.
    Liebe Grüsse, Kai

    • Lieber Kai,
      wow, was für ein Kommentar! Wo soll ich anfangen? Am besten der Reihe nach: Ich denke, dass die Hartlieb´sche Geschichte an manchen Stellen schon zur Anekdote geronnen ist, weil sie eben oft erzählt wurde oder sich beim Schreiben auf einmal so entwickelte. Deshalb ist es sicherlich überhaupt gar kein Ratgeberbuch, sondern wirklich nur eine individuelle, vielleicht sogar ein bisschen fiktionalisierte Geschichte. Auf jeden Fall aber habe ich mitgenommen, wie in vielerlei anstrengend die sache war und ist – von einer ungeheuerlichen körperlichen und geisteigen Engergieleistung schreibst Du ja auch, und dir ist mir auch beim Erinnern sehr,sehr, präsent. Ich habe ja mal im Buchhandel ein Praktikum gemacht, von Buchromantik habe ich da auch nichts in Erinnerung gehalten, eigentlich sind mir nur meine ziemlich schmerzenden Füße in Erinnerung geblieben und eigeräumt habe ich nicht einmal ein enziges Buch.
      Und zur Ocelot-Beurteilung fehlen mit einfach mal die ganz klassischen Informationen und vor allem Zahlen. Aus meinen Proejtkarbeiten, die ich in der Fachschule immer betreue, weiß ich, dass so manchen Studierenden die Augen übergegangen sind, wenn sie zu ihrer schönen Geschäftsidee mal einen knackigen Business-Plan geschrieben und dabei alle Kosten zusammengetragen haben. Es ist halt manchmal nicht so einfach und mit Marketing alleine geht es eben auch nicht. So, nun muss ich meine Lieben bespaßen – mit Marketing :-).
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        meinst Du jetzt diesen da oben oder den Kommentar auf 54books? Da hab ich ein bisschen böse vom Leder gezogen, zugegeben. Aber ich muss leider sagen, mich nervt die Art und Weise, wie mit dieser Insolvenz umgegangen wird.

        Klar, es handelt sich hier um eine Buchhandlung, eine je nach Sichtweise sehr schöne Buchhandlung mit einem interessanten Konzept. Aber es hat nicht geklappt.

        Das Marketing-Konzept von ocelot, weil Du es ansprichst, zielte, sofern ich es einigermassen richtig verstanden habe, darauf ab, bundesweit mit dem vielleicht ‚anderen‘ Online-Shop Bücher zu verkaufen als zweites Standbein neben dem stationären Laden. Und das nicht als Online-Variante für die lokalen Kunden, sondern bundesweit.

        Das ist natürlich völlig legitim. Aber wenn man es recht bedenkt auch völlig widersinnig – falls man den Schwerpunkt darauf legt, den stationären Buchhandel als wichtig und erhaltenswert zu erhalten jedenfalls. Denn das zielt ja am Ende genau wie Amazon darauf ab, den anderen kleinen Läden die Kundschaft auch noch auf deren eigenen Online-Plattformen wegzunehmen.

        Auch legitim, wir leben ja im Kapitalismus (und das mit Amerikaland war natürlich genau darauf bezogen – naja, vielleicht kein guter Vergleich…), aber dann darf man diese Wichtigkeit der stationären Buchhandlungen nicht wie eine Monstranz vor sich her zu tragen.

        Ja, und darüber hinaus scheint es mir bei ein wenig Nachdenken darüber auch wirtschaftlich völlig widersinnig, denn erstens, es gibt Amazon schon für die, die einfach zu faul sind, ein bisschen über die Folgen nachzudenken. Benötigen wir noch ein zweites A..? Und zweitens, die, die den stationären Buchhandel wirklich schätzen und erhalten möchten, also zum Beispiel und hoffentlich wir Buchblogger, benutzen ja wohl hoffentlich die Online-Shops der Buchhandlungen unseres Vertrauens, wenn wir es denn aus Gründen nicht schaffen, in den Laden zu gehen.

        Warum also sollte ich bei ocelot online bestellen? Was soll ich sagen: ich glaube einfach nicht, dass ich der einzige bin, der so denkt und handelt. Und dann ist so ein aufwändiger Shop eben auch teuer. Vielleicht zu teteur. Und so ein Café oder Bistro im Buchladen macht erstmal sozusagen vor allem Kosten, das habe ich mal, als ich es selber fast versucht habe, sehr deutlich vorgerechnet bekommen. Also muss man sich vielleicht auch an der Stelle genau überlegen, was tun. Genau wie Du kenne ich die Zahlen natürlich nicht und ich wünsche dem ocelot von Herzen, dass es die Kurve noch kriegt, sehr gerne als stationärer Buchladen mit einem besonderen Konzept. Aber ehrlich gesagt, schon das Motto ‚Notnjust another bookshop‘ finde ich einfach erstmal anmassend und für die anderen ‚Kleinen‘ fast beleidigend. Die besonderen Buchläden, und ich kenne einige davon, die sind besonders wegen dem Personal oder und meistens der Inhaber und Inhaberinnen wegen. Da ist Frau Hartlieb ein sehr schönes Beispiel. Aber auch Klaus Bittner in Köln, oder früher in Stuttgart der Wendelin Niedlich. Ach, es gäbe noch so viel mehr zu nennen.

        So, jetzt höre ich hier auf und ich werde mich niemals nie mehr nicht noch einmal über dieses Thema was von mir geben…
        Liebe Grüsse, viel Spass beim Bespassen und Gute Nacht
        Kai

      • Lieber Kai,
        ich möchte Deinen Überlegungen, die heimischen Buchhandlungen (wie die anderen heimischen Geschäfte auch) zu besuchen und dort zu kaufen – im Zweifelsfalle über ihren Online-Shop, weil es eben manchmal doch sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, die im Buchhandel bestellten Bücher dort auch abzuholen – noch einen Gedanken hinzufügen: das ist die Steuer. Die heimischen, inhabergeführten Buchandlungen versteuern im Heimatort, sodass auch Geld in die Stadtkasse kommt, von der dann wieder Infrstruktur für die Bevölkerung zur Verfügung gestellt werden kann. Das sind die Straßen, die Badeanstalten – oder auch mal der Kopierer für die Schulen (bin gerade sehr leidgeprüft, was die Kopiererfrage betrifft :-), aber in einer notisch klammen bis völlig überschuldeten Stadt gibt es in Schulen eben auch keine vernünftigen Arbeitshilfen).
        Ein Punkt aber ist mir auch wichtig in der Diskussion: viele Menschen haben sich einfach (noch) nicht mit der Thematik beschäftigt – und das nicht immer nur aus bösem Willen oder aus Faul- oder Dummheit. Die elektronischen Möglichkeiten sind schneller gewachsen, als dass das Allgemeinwissen damit Schritt gehalten hätte. Deshalb ist es wichtig, immer wieder mit ruhigen besonnenen Worten und guten Argumenten aufzuklären (ganz im Kant´schen Sinne). Und dabei passiert es dann doch immer mal wieder, sichtbar und hörbar Augen zu öffenen – wenn beispielsweise eine Studierende nach Unterrichtsschluss zuhause (also abends um 10 Uhr) erst einmal das Kleingedruckte zu ihrem kindle liest und beim nächsten Unterricht allen anderen Studierenden völlig aufgebracht berichtet, dass sie tatsächlich (wie die olle Lehrerin behauptet) nur ein Recht zu lesen erworben habe und mehr nicht. Da sitzt nun immerhin mal eine Gruppe von Studierenden, die nicht mehr einfach mal so ein e-Book bei amazon herunterlädt. Das sind so die kleinen Erfolge, die man haben kann. Und daran sollten wir alle geduldig und mit Engelszungen weiter arbeiten, denn es betrifft ja icht nur den Buchhandel.
        Und noch zu oeclot: Dein Unbehagen an Namen und Leitspruch, am ganzen hochgehangenen PR-Konzept kann ich sehr gut nachvollziehen. Mir ist das auch „to much“, um in der Diktion zu bleiben. Da sind mir solche langsam und sehr organisch gewachsenen Geschichten wie die der Hartliebs auch viel lieber.
        Viele Grüße, Claudia (und gerne noch viel mehr Diskussion auch zu diesem Thema 🙂 )

  4. Liebe Claudia,
    kaum hab ich mein ‚Gelübde‘ getan, da breche ich es wieder, denn hiermit

    „Ein Punkt aber ist mir auch wichtig in der Diskussion: viele Menschen haben sich einfach (noch) nicht mit der Thematik beschäftigt – und das nicht immer nur aus bösem Willen oder aus Faul- oder Dummheit.“

    hast Du natürlich völlig recht und auch diesen Satz von Dir

    „Deshalb ist es wichtig, immer wieder mit ruhigen besonnenen Worten und guten Argumenten aufzuklären (ganz im Kant´schen Sinne).“

    unterschreibe ich sofort, und ich glaube, meistens tu ich das ja auch. Nur manchmal, da muss ich zugeben, da bricht die polemische Seite an mir doch einfach mal so durch. Ich würde es mal als schwache Rechtfertigung ein Stilmittel nennen, das ich möglicherweise nicht ganz beherrsche…

    Aber wie auch immer, ich finde, das unsere Diskussion an dieser Stelle – die sich ja aus Deinem Post und einigen anderen Anlässen ergeben hat, nicht umsonst ist. Da ist Dein Beispiel von der Wirkungskette Amazon-Kindle-eBookrechte-Studierende ein sehr schönes – und ich habe auch wieder einiges gelernt. Durch Deine sehr richtigen Gedanken zur lokalen Versteuerung und deren kommunale Folgen, die mir noch gar nicht in den Sinn gekommen sind, dabei sind sie so wichtig. Aber auch Deine Erinnerung an die Aufklärung im Sinne Immanuel Kants. Ich habe mir den Satz gerade nicht einmal vor Augen geführt und schreibe ihn noch mal hier hin:

    „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

    Das ist es doch, was uns am Ende bei solchen Diskussionen antreibt – und sei es mit den Mitteln der Polemik…

    So, ich verspreche jetzt gar nix mehr und grüsse Dich herzlich, Kai

    • Lieber Kai,
      wie schön, dass Du Dein Gelübde so schnell gebrochen hast :-)! Und dann auch noch Kant im Original zitiert. Vielleicht haben wir beide – auch angesichts unseres hohen Alters (hihihi) – einen antiquierten Bildungsbegriff, aber ganz falsch ist der bestimmt nicht. Da komme ich gerade drauf, weil es bei spiegel-online eine Umfrage gibt, wie Unterricht stattfindet. Dort wird dann bemängelt, dass es an Schulen zu wenig Internetzugang und zu wenig Whiteboards gebe – als ob sich guter Unterricht an der Medienausstattung festmachen lässt. Hinter die Dinge zu schauen, ist viel, viel wichtiger und dazu braucht man manchmal nur die AGB (wie im Fall des kindle) und eine gewisse Lesekompetenz (die hat die Studierende offenbar schon mitgebrahct). Und da Du gerade Kant so schön zitierst, bringst Du mich auf eine tolle Idee: der kommt mal direkt Freitag mit in den Unterricht (braucht man auch weder Internet noch Whiteboard zu).
      Sapere aude! So machen wir es auch und versuchen immer wieder andere Menschen auch zu überzeugen vom „Think global, buy local“!
      Einen schönen Tag wünscht Dir Claudia

      • Liebe Claudia,
        nun bin ich ja doch gespannt, was Deine Schüler nun aus dem Kant gemacht haben. Erstmal im Internet recherchiert… Nein, im Ernst, ich finde Kant da eigentlich so aktuell und es scheint heutzutage dringend notwendig, mal wieder daran zu erinnern.
        Liebe Sonntagsgrüsse
        Kai

      • Lieber Kai,
        der Kant-Text zur Aufklärung ist mein eigenes Schulhighlight, deshalb MÜSSEN sich alle meine Abiturienten auch mit dem Text herumschlagen. Und ein Herumschlagen ist es dieses Mal auch wieder gewesen, viele Schüler haben ihre liebe Mühe mit dem Verstehen gehabt. Aber dann haben sie auch allerhand Aha-Erlebnisse beschreiben können: erst den Bezug zu Juli Zehs „Corpus Delicti“ hergestellt, dann Geschichten aus den Familien erzählt (die Omas!, die nicht Lesen und Schreiben gelernt haben, das brauchte man auf dem Bauernhof ja nicht und etwas Anderes kam für sie ja auch nicht in Frage, als auf dem Bauernhof zu arbeiten), die Bedeutung von Bildung, das Verhältnis von Selbstbestimmung und Freiheit. Das sind – finde ich – immer wieder Sternstunden des Unterrichtens. Und dazu Wilhelm Schmid am Donnerstagabend bei Scobel, der auf Scobels kritische Anmerkung, wir seien so weit von der Aufklärung entfernt wie vor zweihundert Jahren, ganz ruhig und enspannt antwortete: da müsse man der Menschheit auch Zeit lassen, es würde wohl noch so ungefähr 500 Jahre dauern, bis Aufklärung sich überall durchgesetzt habe. Also: Wir müssen noch dran arbeiten, geduldig und Schritt für Schritt.
        Einen schönen ersten Advent wünscht Claudia

  5. Ich freue mich über dein Folgen und dass Maren hier eine Verbindung gelegt hat. Schön, dass ich nun dein graues Sofa entdeckt habe, auf dem es anregend bunt ist, wie mir scheint. Herzliche Grüße, Marion

    • Dann ganz herzlich Willkommen auf dem grauen Sofa! So finden Glück und Bücher zusammen – und schauen immer mal wieder, was es bei Maren zu gucken gibt :-). Viele Grüße, Claudia

  6. Buchhandlung + Hund, die eigenen Träume und Vorstellungen, aus denen vielleicht eine eigene schöne, langsam erzählte Geschichte werden kann: dieses Buch wird in Kürze von mir gelesen werden. Es ist mir/uns sicher behilflich, doch zumindest inspirierend.
    Freundlichst
    Ihr Herr Hund

    • Sehr verehrter Herr Hund,
      wollen Sie denn auch buchhandlungsmäßig aktiv werden oder gewerbsmäßig und mit ganz viel Herzblut einen anderen Traum verwirklichen? Aber selbst wenn nicht, die Lektüre der „wundervollen Buchhandlung“ lohnt sich allemal, denn zum einen können wir das Auf und Ab verfolgen, können kleine Einblicke in den Buchhandel und damit verbundene Tätigkeiten (der Büchertisch zum Beispiel) bekommen und vor allem sehen, wie Begeisterung und Engagement dann auch Früchte tragen. Und das ist doch auch auf andere (Lebens-)Bereiche übertragbar. Ganz kritisch jedoch sehe ich in Petra Hartliebs Buch den Hund: der kommt nämlich leider viel zu kurz vor. Dafür können wir ihn in dem Buchtrailer in Aktion bewundern. Aber vielleicht können Sie sich meiner Kritik ja gar nicht so recht anschließen, Sie sind ja schließlich Herr Hund.
      Herzlichst, Claudia

      • Ja ja, sehr konkret arbeiten meine Partnerin und ich an unserer „wundervollen Buchhandlung“, die im Übrigen auch eine Chocolaterie sein wird. Doch dafür sind noch einige Hürden zu überwinden.
        Freundlichst
        Ihr Herr Hund

        P.S. Den Buchtrailer werde ich mir einmal ansehen.

      • Buchhandlung mit Chocolaterie: das hört sich ja ganz „wundervoll“ an: sozusagen Gehaltvolles für Kopf und Bauch. Ganz viel Spaß und Erfolg!

      • Wow: was für ein schönes Video! Schade, dass Sie Ihr Geschäfterl in Berlin eröffnen wollen, das ist so weit weg, nicht mal eben um die Ecke zum Vorbeikommen, Naschen und Schmökern. Ich finde es ist eine großartige Idee, die müsste doch – allen Unkenrufen zum Trozt – klappen in einer Großstadt.
        Ganz viele schokoladenhungrige Grüße, Claudia

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