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LLL 2014 Kurzporträt (1): Antonio Fian: Das Polykrates-Syndrom

dbp_longlist_2014Da habe ich mich so gefreut, auch in diesem Jahr wieder beim Erlesen und Erschreiben der LongList des Deutschen Buchpreises mitmachen zu können, da es doch im letzten Jahr so einen Spaß gemacht hat. Und dann fing es schon an, das Bangen darüber, welche Autoren und welche Titel mir zufallen werden – es wird bestimmt ganz schwierig, bestimmt kenne ich keinen der Autoren, und dann sind das bestimmt alles ganz dicke Wälzer, in kleinster Schrift, und ganz schlimm zu lesen – das sind so meine Gedanken gewesen, fast hätte ich abgesagt.

Und dann steht auch noch Antonio Fian auf meiner Liste, von dem Autor habe ich ja noch nie gehört, und auch noch so ein sperriger Titel und ein merkwürdig knalliges Buchcover. Was soll denn, bitteschön, ein Polykrates-Syndrom sein?! Ich habe es ja gewusst, man soll sich doch wirklich nie zu früh freuen, das dicke Ende folgt auf dem Fuß. Vielleicht sollte ich jetzt noch absagen?

Also gegoogelt – und da wurde mir der Autor doch schon viel sympathischer. Er ist Österreicher, in Klagenfurt geboren, der Stadt, die ja nicht nur wegen des Bachmann-Lesewettbewerbs bekannt ist, sondern mir auch noch deshalb so vertraut, weil sie am östlichen Rand des Wörther Sees liegt, da, wo meine schönsten Kindheitssommerurlaubserinnerungen zu verorten sind. Das ist doch schon einmal toll.   – Aber, als ich erwachsener wurde, habe ich auch gelernt, dass Klagenfurt auch etwas Provinzielles hat und den ein oder anderen Politskandal.

Antonio Fian, der heute in Wien lebt, setzt sich genau mit diesen politischen Themen und Skandalen auseinander, in einer parodistischen und satirischen Art und Weise. Das mag auch der Grund sein, warum er in Deutschland ein unbekannterer Autor ist. Ein Blick in seine Werkliste zeigt, dass er literarisch höchst vielfältig arbeitet, denn er schreibt Dramen und Hörspiele, Gedichte, Erzählungen, Romane – und Dramolette. Ein ganz aktuelles könnte Ihr hier lesen (ein Tipp an die nur hochdeutsch sprechenden Leser: am Besten laut vorlesen), ein älteres mit Haider als Protagonist hier.

Und was hat es nun mit dem Polykrates-Syndrom auf sich? Der Begriff geht zurück auf die von Herodot überlieferte Geschichte über den höchst glücklich agierenden Tyrann Polykrates von Samos, dem einfach alles in seinem Leben gelingt. Sein Freund, der Pharao Amasis, dagegen misstraut diesem Glück. Und so legte Schiller ihm in seiner Ballade „Der Polykrates-Ring“ diese Worte in den Mund: „Mir grauet vor der Götter Neide, | des Lebens ungemischte Freude | ward keinem Irdischen zuteil“. Und so kommt es auch knüppeldick: Herodot berichtet, dass Polykrates so erbärmlich gestorben sei, dass er es nicht wiedergeben könnte.

Amasis Prophezeiung ist das Grundmotiv in Fians Roman: Artur, einen Akademiker, der im Copy-Shop arbeitet, treibt doch die Sorge um, dass es mit dem Glück in seinem Leben nicht ewig so bleiben könne. Sein Leben, das die Leser wohl als gar nicht so umwerfend glücklich empfinden, wird dann in eine neue Richtung gelenkt, als Alice in den Copy-Shop kommt. Die Geschichte, die zunächst noch ganz komisch daherkommt, entwickelt sich wohl immer grauenhafter – bis zu einer Zerstücklungsszene. Diese Szene, so ist zu lesen, habe Fian Elfriede Jelinek mit der Bitte um kritische Durchsicht vorgelegt. Jelinek war zufrieden, war sich aber unsicher, ob man mit drei Stunden auskäme, um eine Leiche zu zersägen. So wurde als Experte noch ein Pathologe hinzugezogen, der beschied: Drei Stunden sind ausreichend.

Na, der Roman scheint es ja in sich zu haben. Ich glaube, ich habe doch Glück gehabt mit der Zulosung dieses Titels, es ist also noch einmal gutgegangen.

Und wie haltet Ihr es: ist für Euch auch das Polykrates-Syndrom eine wichtige Lebensrichtschnur, achtet ihr alos darauf, bloß nicht zu gkücklich zu sein, um die Götter nicht zu erzürnen, oder seht ihr es eher so, wie in der im Rheinischen sehr verbreiteten Lebensweisheit: Et hätt noch emmer joot jejange (und für die nur Hochdeutsche sprechenden Leser: bisher ist immer alles gut gegangen)?

Achtung: Eine Antwort (per Kommentar oder Mail an dasgrauesofa(at)web.de) kann zu einem Buchgewinn des „Polykrates-Syndroms“ führen!

Infos zum Roman findet Ihr hier beim Verlag.

 

Je einen Roman gewonnen haben die Buchmacherin und Tina aus Esslingen.

5 Kommentare

  1. Ich glaube nicht an neidische Götter (oder Karma, oder wie immer man eine ausgleichende Macht nennen will). Wer Glück gehabt hat, hat Glück gehabt; wenn Pech das später ausgleicht, war das ebenso Zufall. Wovor ich mich aber zu schützen versuche, ist allzu großes Vertrauen in mein Glück. Nur weil es zehnmal gut gegangen ist, heißt das nicht, dass ich beim elften Mal nicht auf die Nase fallen kann; deshalb versuche ich, immer mit der schlimmeren Möglichkeit im Hinterkopf zu planen, damit die, wenn sie eintrifft, mich nicht völlig aus der Bahn wirft.

    Meine Richtschnur ist also eher: Solange ich Glück habe, versuche ich, es zu genießen, ohne mich darauf auszuruhen.

  2. Ja, das Buch sollte ich lesen, gewinnen und im „Literaturgeflüster“ besprechen, bin ich ja eine Österreicherin und daher zwar nicht ein unbedingter Fian-Fan, aber um seine Kolumnen kommt man, wenn man den „Standard“ liest nicht herum und ich behalte vor allem eine in Erinnerung, wo ein sechzehnjähriges durch künstliche Befruchtung geborenes, Mädchen, ihre schwerhörige, siebzigjährige Mutter fragt, wie das mit der Empfängnisverhütung und dem Schwangerwerden ist.
    „Schwierig, schwierig!“, sagt ihr die, worauf sie zu ihrem Date und wahrscheinlich in ihr Unglück rennt.
    Wie ich das mit dem Glück halte, weiß ich eigentlich gar nicht so genau, die Götter und ihre Gunst sind mir als mißtrauische Atheistin wahrscheinlich auch egal und als Feministin laufe ich auch nicht den Frauen nach, die mir ihr Bild in dem Copyshop in dem ich auhelfe, hinterlasse, denn ich helfe ja in keinen solchen aus.

    • Puh, Blut und Gemetzel, gut, daß Du es erwähnst, Claudia, ich würde sagen, da verzichte ich erstmal. 😉
      Auch wenn mir die Von Eva Jancak berichtete Anekdote sehr gut gefällt. Ich finde, daß ist ein Fall für die Österreicherin.

  3. Um mich nicht allzu glücklich werden zu lassen, brauche ich gar keine Götter. Als ausgleichende Gerechtigkeit fungiere ich selbst ganz gut 😀 Wann immer ich glücklich sein könnte, mache ich irgendwas, was mal wieder alles in einem Desaster enden lässt. Na gut, ganz so schlimm ist es wohl nicht, aber vielleicht kennt das ja jemand, manchmal ist das Glas eben doch eher halb leer als halb voll.

  4. Also die Götter, liebe Claudia, die sind mir sowas von drissejaaal, wie der Rheinländer zu sagen pflegt, es sei denn Du meinst vielleicht Robert Zimmermann, Bruce Springsteen, Patti Smith oder Philip Roth, James Joyce, und andere dieser Sorte (nach Göttinnen war ja nicht gefragt). Und als Rheinländer sag ich zwar auch überzeugt et kütt wie et kütt – allerdings nicht, ohne selber was dazu tun zu wollen, damit so kütt wie et kütt…
    und das andere kölsche Gesetz, das Du erwähnst, also et hätte noch immer joot jejange – da bin ich sehr skeptisch, insbesondere, wenn ich mir die Stadt Köln ansehe, in der dieses Motto ja auf allen Ebenen angewandt wird, bis ins Rathaus und die Verwaltung hinein. Enä, dat is mit mein Ding. Was nicht heisst, dass ich polykratisch unglücklich vor mich hin leben würde, im Gegenteil, nehme jedes Glück gerne mit, wenn ich es denn erkenne – und generell, um auf den Kommentar der Buchmacherin zu reagieren, ist mein Glas immer eher halbvoll. Und wenn es denn leerer wird schenkt oft einer wieder nach … und ansonsten geht ja der Mensch zum Brunnen bis er bricht, oder wie war das nochmal…
    Liebe Grüsse und viel Freude mit dem Buch
    Kai

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