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LLL 2014 Kurzporträt (3): Gertrud Leutenegger: Panischer Frühling

dbp_longlist_2014Und noch eine Autorin, von der ich bisher noch nichts gelesen und mit deren Roman es mir so ähnlich ergangen ist wie mit Bärfuss´ „Koala“. Im Verlagsprospekt entdeckt, wollte ich den „Panischen Frühling“ schon im Frühjahr lesen, habe ihn dann aus den Augen verloren und nun durch die Nominierung wiederum eine zweite Lesechance bekommen.

Mich der Autorin zu nähern, ist gar nicht so einfach. Natürlich gibt es die wichtigsten biografischen Daten in einschlägigen Quellen nachzulesen: geboren 1948 in Schwyz, dann ein Regiestudium an der Zürcher Schauspielakademie und die Arbeit als Regieassistentin ab 1978 in Hamburg, später Reisen und Aufenthalte in Florenz, Berlin und in Tokio. Nun hat sie sich in Zürich niedergelassen.

Viel mehr aber ist kaum über Gertrud Leutenegger zu erfahren. Es gibt zwar viele Rezensionen in den Zeitungen zu ihrem Roman „Panischer Frühling“, aber keine Interviews, keine Fernsehauftritte, keine weiteren Möglichkeiten, etwas mehr zu erfahren über die Autorin und was sie umtreibt. Und so ist auch in der ZEIT zu lesen, dass sie „keinerlei Lärm“ verursache, sondern eine Autorin sei, die es vorziehe, ihre Bücher wirken zu lassen, ohne ständig selbst in den Medien präsent zu sein. Weiter ist dort zu lesen, ihr hefte die Eigenschaft an, schwierig zu sein. Und dabei beziehe sich diese Eigenschaft auf ihre Art zu schreiben. So erzähle die Autorin weniger Geschichten, die sich über ihre Handlungen entwickeln, als vielmehr Texte, die aus der Beschreibung von Bildern bzw. Wahrnehmungen der Protagonisten entstehen, aus denen sich dann ganz assoziativ Erinnerungen, (historische) Verknüpfungen, andere, kleine Geschichten ergeben. Das rücke die Prosa in die Nähe zur Lyrik und mache das Lesen manchmal nicht ganz einfach.

Ein Blick auf Leuteneggers Werk zeigt dann auch eine Mischung aus Romanen, Geschichtensammlungen und Gedichten. Und bei den Romanen scheint sie immer Situationen zu (er)finden, in denen ihre Protagonistinnen in einer Situation erzählt werden, in denen sie als Passanten, als Flaneure ihre jeweiligen Umgebungen beobachtend erkunden, dabei Ungewöhnliches berichten, Zusammenhänge herstellen und beim Beobachten auch ganz oft eigenes Erleben erinnern. So wandert zum Beispiel in Leuteneggers erstem Roman „Vorabend“ (1975) eine junge Frau die Straßen entlang, die am nächsten Tag von einer Demonstration passiert werden. Im letzten Roman der Autorin, vor immerhin schon sechs Jahren erscheinen, verschlägt es eine Kunst-Kustodin einen Monat lang in die fast klösterliche Umgebung eines Vogelfängerturms im Luganer See. Und so sind auch hier die Landschaftsbeobachtungen Anlass, eigenes Erinnern anzustoßen.

Auch im „Panischen Frühling“ hat Leutenegger sich eine Ich-Erzählerin erschaffen, die durch die Straßen schlendert, dieses Mal sind es die Straßen Londons, die Natur anschaut, die Bauwerke beschreibt, Menschen beobachtet und ihre Reaktionen. Auch hier wieder ist eine Flaneurin unterwegs, die einen sehr genauen Blick auf ihre Umgebung hat – und durchaus auch einen besonderen auf merkwürdig-kuriose Dinge – und uns auch immer wieder erzählt, was los ist mit dem isländischen Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen, der den Flugverkehr über Europa lahmlegt.

Ich habe schon ein paar Seiten des „Panischen Frühlings“ gelesen und mag diese Art des assoziativen Erzählens sehr:

Im Getöse des Verkehrs, das unter den Brückenbogen der Themse widerhallte, kehrte ich zur Underground zurück. War da wirklich ein Winken gewesen? Etwas zerstreut blickte ich um mich. Die Tulpenknospen in der schmalen Gartenanlage sprangen in so grellen Farben auf! Leuchtende Bänder, schlängelten sie sich zwischen dunklem Buchs hindurch, schneeweiß, flackernd orange, violett, kanariengelb. Hinter der Gedenktafel an die Terrorattentate vom Juli 2005 schlief jemand, unkenntlich zusammengerollt in einem schwarzen Plastiksack, es roch nach verschüttetem Bier und Hyazinthen. (S. 12-13)

Und wer mag auch noch Leuteneggers Roman lesen? Wenn Ihr mir erzählt, was Euch reizt an der Lektüre, könnt Ihr wiederum einen Band gewinnen.

 

Zu Maren reist der „Panische Frühling“. Ich bin schon neugierig auf Deine Lektüreeindrücke.

4 Kommentare

  1. Was mich hier reizt, ist, daß ich über Buch und Autorin wirklich so gut wie nichts weiß. Das wäre also eine Neuentdeckund und der Titel klingt auch sehr spannend

  2. Liebe Claudia, ich gebe zu, im Rahmen deiner / eurer Regeln bin ich versucht, mich um Kommentare zu den kurz vorgestellten Büchern von der Longlist nach Möglichkeit zu drücken. Zu leicht kann einen das Schicksal ereilen, sich womöglich äußern zu „müssen“. Als selbst begeistert Herumstromernde und dabei oftmals wild Assoziierende siegt hier am Ende aber die Neugier. Es bleibt doch dabei, dass du dich an geeigneter Stelle für die Einführung eines 13. Kalendermonats im Jahr zum Dauerlesen einsetzt? Liebe Grüße!

    • Liebe Maren,
      der Antrag ist schon eingereicht bei der zuständigen Oberen Lesebehörde (OLB), mit Doppel, notwendigen mehrfachen Unterschriften und natürlich gestempelt! Man hat neutral geschaut, ich weiß nicht, ob er genehmigt wird. Würdest Du es denn trotz der Zeit gerne einmal mit dem „Panischen Frühling“ versuchen? KInskys „Am Fluß“ steht noch auf meiner Liste und ist ein sehr ähnlich angelegt. Ein Porträt kommt morgen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Nachdem es meinem Internetprovider gefallen hat, mich wieder mit der Welt zu vernetzen, kann ich antworten: Ja, würde ich gern. 🙂 Schön, dass du den Antrag schon eingereicht hast! Und dann gleich bei der OLB, wie schlau! Ich weiß das Vorhaben bei dir in den allerbesten Händen. Sonnige Grüße!

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