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Leonardo Padura: Ketzer

Padura_Ketzer_1Wer einen Schmöker sucht für verregnete – oder gerade auch sonnige – Ferientage, einen üppigen Roman, der den Leser über die Kontinente und durch die Jahrhunderte entführt – in das Havanna von heute und das der 1930er bis 1950er Jahre, nach Amsterdam und bis nach Osteuropa zur Mitte des 17. Jahrhunderts, in Rembrandts Atelier, die Behausungen der Einwanderer und auf die alte Prachtstraße Calle G in Havanna – dem sei Paduras „Ketzer“ empfohlen. Der kubanische Schriftsteller, der sich auch mit kritischen Reportagen über die Missstände in seinem Land einen Namen erworben hat, schickt wieder seinen Ermittler Mario Conde ins Rennen, den ehemaligen Polizisten und jetzigen Jäger bibliophiler Schätze. Doch dieses Mal geht es nicht um einen Mord, sondern um die Suche nach einem Bild Rembrandts, das seit 1939 verschollen ist, nun aber bei einer Auktion in London plötzlich wieder auftaucht. Und nebenbei – oder doch: vor allem – geht es um die Frage, wie viel Freiheit verschiedene Gesellschaften ihren Mitgliedern zugestehen, um individuelle Entfaltungsmöglichkeiten wahrnehmen zu können- und welchen hohen Preis diese Freiheit haben kann.

Zusammengehalten wird diese Zeitreise durch ein Bild Rembrandts, das Porträt eines jungen Juden, das jeder sofort als das Abbild Christus´ erkennt. Indem wir Elias Ambrosius Montalbo de Ávilas durch die Straßen Amsterdams folgen, erfahren wir, unter welchen außergewöhnlichen Umständen das Bild im Amsterdam des Jahres 1648 zustande gekommen ist: Elias Ambrosius ist begeistert von den Bildern Rembrandts. Er kennt sie alle, kann ihre künstlerische Genialität erfassen, erkennt sofort, welche neue Technik Rembrandt angewendet hat, um eine ganz neue Wirkung, einen ganz neuen Eindruck bei den Betrachtern entstehen zu lassen. Und Elias Ambrosius hat den großen Wunsch, selbst Maler zu werden, experimentiert mit ersten Zeichnungen, will selbst lernen, wie es geht, so ein großartiges Bild malen zu können. Aber er ist Jude und seine Gebote verbieten ihm das Malen: „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Das stürzt Elias in einen massiven inneren Konflikt, immer wieder setzt er sein tiefes Drängen und Wünschen und sein Talent ins Verhältnis zu dem religiösen Verbot, das ihm immer merkwürdiger vorkommt, immer einengender.

Elias hat in Menasse ben Israel einen unkonventionellen Lehrer, der, seiner modernen Ideen wegen, vom Rabbinerrat, dem er allerdings auch weiterhin als gemäßigte Stimme angehört, in die zweite Reihe zurückbeordert worden ist. So findet ben Israel nicht nur, dass jeder Tag ein „außergewöhnliches Geschenk sei“, das man „Stück für Stück genießen müsse“, sondern ist auch der Meinung, dass ein Nachlassen der Wünsche und Sehnsüchte zum Tod führe, während das Leben es erfordere, im Hier und jetzt zu leben und sich der Fülle der Möglichkeiten und der Einzigartigkeit des Lebens immer bewusst zu sein. Und über die Freiheit des Menschen, über seine Möglichkeit, sich zwischen verschiedenen Alternativen entscheiden zu können, sagt er, dass sie das

oberste Recht des Menschen sein (müsse), da es ihm vom Schöpfer von Anbeginn der Welt verliehen wurde, zu seiner Rettung oder zu seinem Verderben, aber immer zu seinem Gebrauch. (…) Der Weise muss stets so handeln, wie es ihm seine Intelligenz vorschreibt, denn nicht umsonst hat der Schöpfer dem Menschen diese Fähigkeit verliehen. (S. 260/S. 262)

Natürlich findet Elias bei Menasse ben Israel, dem modernen Denker – oder dem ketzerischen? -, der ja schon Kants Leitspruch „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ vorwegnimmt, Unterstützung für sein Vorhaben, nicht nur religionsphilosophisch, sondern auch ganz tatkräftig, denn durch ben Israels Vermittlung bekommt Elias tatsächlich einen Platz als Schüler bei Rembrandt. Und im Laufe der nächsten Jahre lernt er dort nicht nur die Künste des Malens, sondern sitzt seinem Lehrer auch Modell, als der nämlich ein Christusbild, „der Natur nach“ malen möchte.

So offen die Amsterdamer Gesellschaft in dieser Zeit ist, so frei wie Juden hier in der Stadt ihrer Religion und ihren Geschäften nachgehen können, Juden, die in Spanien und Portugal konvertieren mussten, mit dem Tode bedroht oder – meistens mittellos – ins Exil vertrieben wurden, so exakt wacht der Rabbinerrat darüber, dass alle Mitglieder der Gemeinde die Gesetze streng befolgen; er befürchtet, dass die Verlockungen der liberalen Amsterdamer Gesellschaft das ein oder andere Mitglied der jüdischen Gemeinschaft auf den falschen Pfad leiten könnte. In dieser Umgebung muss Elias schließlich seine Entscheidung treffen: Will er ein Leben leben, das seinen Talenten entspricht, seinen Möglichkeiten, sich zu verwirklichen, ein erfüllendes aber unsicheres Leben, ein Leben als Ketzer? Oder will er sich in die Gemeinschaft fügen, den Geboten folgen, Miriam heiraten, die Druckerei seines Vaters übernehmen und in Sicherheit leben?

Viele Jahre später steht 1939 Daniel Kaminsky, ein neunjähriger Junge, an der Hand seines Onkels Joseph am Hafen von Havanna und blickt auf die St. Louis, das Schiff, das aus Hamburg kommend über 900 Juden nach Kuba und in Sicherheit bringen soll. Eine Woche liegt das Schiff vor der Insel, Delegationen fahren zum Schiff und wieder weg, Verhandlungen werden geführt über weitere Zahlungen, damit die Passagiere, die schon in Berlin ein Visum gekauft haben, doch endlich an Land gehen können, Verhandlungen zwischen der kubanischen und us-amerikanischen sowie der kanadischen Regierung werden geführt. Am Ende hat alles Hoffen und Bangen, hat alles Beten in der Synagoge nichts genützt, die St Louis wird nach Europa zurückkehren, an Bord auch die Eltern Daniels und seine Schwester. Über dieses Erlebnis verliert Daniel seinen Glauben und ein paar Jahre später trifft er sogar die Entscheidung, sich von dem jüdischen Glauben und der jüdischen Gemeinde auch ganz öffentlich lossagen zu müssen.

Und dann ist da noch Judy, eine junge Kubanerin zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Auch sie trifft eine Entscheidung, wie sie leben will, jedenfalls nicht so, wie die aus ihrer Sicht gescheiterte sozialistische Gesellschaft es von ihr verlangt. Sie wird Emo, auch eine Art Ketzerei, gefällt sich im Depremiertsein und in ihrer auffälligen Kleidung, liest Nietzsche und probiert Drogen und dann verschwindet sie plötzlich und es wird Mario Condes Aufgabe, sie wiederzufinden.

Padura erzählt uns die Schicksale verschiedener Menschen aus drei Jahrhunderten und lotet dabei die Möglichkeiten und Gefahren der Freiheit aus. Das liest sich manchmal wie ein philosophischer Diskurs, viele Ideen der Aufklärung sind schon zu erkennen. Zusammengehalten werden die drei Geschichten über das Bild Rembrandts, das Porträt eines Juden, der aussieht wie Christus, das Bild, bei dem ganz offensichtlich ein Ketzer Modell gesessen hat. Dieses Bild geht abenteuerliche Wege, gelangt schon Mitte des 17. Jahrhunderts nach Krakau und dort in die Hände der Familie Kaminsky, die es jahrhundertelang unter Verschluss hält, und dann im 20. Jahrhundert schätzen lässt. Als die Eltern Daniels sich zur Auswanderung entschließen, ist das Bild ihre Versicherung, denn es ist so wertvoll, dass ein Verkauf jede Türe öffnen sollte. Dass das Bild dann tatsächlich mit der St Louis nach Havanna gekommen ist, die Eltern aber zurückgeschickt worden sind, das erfährt Daniel erst fast zwanzig Jahre später durch Zufall. Und dann taucht das Bild wieder 2007 auf, in London. Bei den Ermittlungen zur Frage, wie das Bild 1939 nach Kuba und nun nach London gelangt ist, erfährt Conde die Geschichte der Familie Kaminsky.

Paduras Roman ist sicherlich kein Krimi, dafür ist er thematisch zu vielschichtig, aber er ist mit Blick auf die Figurenkonzeption und die Art des Erzählens auch keine ganz große Literatur. Trotzdem ist der Leser nicht nur sehr gut unterhalten, sondern taucht auch noch einmal tief ein in die Diskussion darüber, wer weiß, was gut und richtig ist für den Einzelnen (die religiösen Führer, die sich mit ihren Ideologien bis heute immer wieder lautstark zu Wort melden, oder auch politische Ideologien?). Es gelte doch, so schreibt Elias Ambrosius in einem Brief an Rembrandt – und es liest sich fast wie Kant kategorischer Imperativ – „die Menschen toleranter gegenüber dem freien Willen anderer zu machen, solange diese Freiheit dem Nächsten nicht schadet.“

Leonardo Padura (2014): Ketzer, Zürich, Unionsverlag

Weitere Besprechungen findet Ihr bei auch bei Vera und Gérard.

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