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John von Düffel: Wassererzählungen

Düffel_Wasser2Von verschiedenem Wasser erzählt uns John von Düffel in diesen Erzählungen, von Ostsee und Nordsee, von einem natürlichen Schwimmteich, einem Swimmingpool, einem Teich im Garten, einem See in Norddeutschland. Von unterschiedlichen Landschaften erzählt er und von Menschen in entscheidenden Situationen ihres Lebens.

John von Düffel ist ein passionierter, ein unermüdlicher Schwimmer. Dabei kann ihn beobachten, wer die Dokumentation zur Entstehung seines Houwelandt-Romans sieht: Immer wieder zieht von Düffel seine Bahnen, im Schwimmbad, im See. Und so bezeichnet er sich selbst als einen „Paradiesvogel“ unter den Schriftstellern, zumindest zu Beginn seiner Karriere sei das so gewesen. Ein asketischer Schriftsteller, dem der eigene Sport wichtig sei, das Langstreckenschwimmen noch dazu, das passe nicht zur gängigen Vorstellung über das Lebens eines Künstlers, der, so werde doch immer noch unterstellt, seine Schaffenskraft, seine Intuition und Kreativität vor allem auf den Genuss von Rauchwaren und Rotwein zurückführe, nicht auf den möglichst täglichen Gang ins meistens zu kalte Wasser [2]. Dass aber auch das zu kalte Wasser eine Inspirationsquelle sein kann, das zeigt von Düffel uns deutlich mit seinen „Wassererzählungen“.

In drei seiner Geschichten sind dann auch Schwimmer die Protagonisten. Der erste liebt und fürchtet die Kälte der Ostsee im Winter. Er nimmt uns mit auf seiner Schwimmrunde, beschreibt genau, wie das Wasser aussieht, an ruhigen Stellen mit einer zarten Haut aus Eis, wie es nach Schnee riecht, den der Ostwind heranbringt, wie es gelingen kann, den Widerstand auszuschalten beim Ausziehen der wärmenden Kleidung, erst recht beim tiefen Erschrecken des Körpers, wenn er, vom Verstand gezwungen, in das eiskalte Wasser taucht und dem Schwimmer für einen Moment die Luft nimmt. Und dann das wie befreite Schwimmen, der Gedanke, heute das Wasser wärmen zu können, aber Vorsicht, es gilt darauf zu achten, nicht zu weit zu schwimmen, mit den Kräften so zu haushalten, dass der Rückweg gelingt:

Bereits nach wenigen Metern mit Kurs auf den Strand merke ich, dass es die richtige Entscheidung war. Ich brenne herunter, so rasend schnell und erbarmungslos, dass die Kälte kein Zustand mehr ist, sondern freier Fall. Ich schlingere, statt vorwärts zu gleiten, keine Bewegung läuft mehr rund. Die Entfernung zum Ufer scheint immer größer zu werden, unüberwindlich, doch das kann nicht sein, sage ich mir, nein, nein, ich bin es, der kleiner wird, immer kleiner, mein Körper schnurrt zusammen auf den eines Kindes, hilflos und verloren, ich kenne dieses Kind, es hat Angst, große Angst. (S. 16)

Auch ein anderer Schwimmer hat Angst, Angst vor dem körperlichen Verfall, den das Alter mit sich bringt. Um dem zu entgehen, joggt er und schwimmt, arbeitet so an seinem Körper, auch gegen immer wiederkehrende Schmerzen, wie ein Bildhauer aus einem Stück Stein einen ästhetischen Körper schafft. Wie trifft es diesen Schwimmer, einen Sohn zu haben, der seit Geburt ein schiefes Becken hat und einen verkürzten Fuß, einen Sohn, mit dem er wegen dieser Behinderung meint, nicht spielen zu können. Statt dessen trägt er den Siebenjährigen überall hin, um ihm die mitleidigen Blicke zu ersparen, trägt ihn nach einem Jahr in der Schule noch jeden Morgen an seinen Platz. Da hat sich ein Vater in eine merkwürdige Idee verrannt, selbstkritisch weiß er ja, dass „all seine Liebe zu diesem Kind Mitleid geworden“ ist. Der Sohn, obwohl wir ihn nur durch die Augen des Vaters kennenlernen, scheint weitaus patenter, gewitzter, mutiger und bewegungsfähiger zu sein, als sein Vater ihn einschätzt. Der Sohn hat sich, sehr zum Ärger des Vaters, der auch noch die Angst vor Hunden mit sich herumträgt, mit dem Hund des Nachbarn angefreundet. Er spielt mit ihm, tollt über die Wiese, wirft Stöcke. Und so kommt dann doch noch ein Spiel zustande zwischen Vater und Sohn: Weil der Sohn zeigen will, wie weit und immer weiter er werfen kann, wirft er den Stock ins Wasser und sein Vater, der Schwimmer, holt ihn wieder zum Steg.

Die dritte Schwimmerin wiederum hat einen ungewöhnlichen Job. Sie schwimmt im Auftrag eines japanischen Stararchitekten jeden Abend bei Sonnenuntergang in seinem Pool, weil ja niemand auf einen Pool schaut, wenn sich nichts darin bewegt, so wie sich auch niemand für ein Aquarium interessiert, halten sich darin nicht einige Fische auf. Dieser Job, sich quasi als Fisch zu verdingen, ist schon ein zweifelhaftes Angebot. Umso mehr muss es zu einer ästhetischen, einer meditativen, einer religiösen Handlung aufgewertet werden. Und dazu trägt schon alleine der Pool bei, der eher eine Schwimmbahn ist, 25 Meter lang und immer 21 Grad warm. Er ist nach Südwesten angelegt, Richtung Sonnenuntergang:

Du kannst die Sonne vom Becken aus sinken sehen, den ganzen Abwärtsbogen, die Farbwechsel am Himmel und im Wasser. Stell dir vor, du tauchst ein in einen wunderbar glitzernden See in den bergen, blaugrün auf deinem Handrücken, deinen Armen, wenn du los schwimmst, und ein paar Bahnen später bis du schon woanders. Es wird wärmer, gelb, orange, rötlich, glutrot, je nach Abendsonne. (…) Aber gerade wenn es regnet, ist es etwas ganz Besonderes. So als würde der Regen, als würde jeder einzelne Regentropfen mit dem Bergseewasser auf eine ganz spezielle Art und Weise reagieren. Es prickelt. (67-68)

Immer wieder in von Düffels Geschichten ist es also das Wasser in seinen unterschiedlichen Formen, in dem sich die Lebensfragen oder Lebenslügen der Figuren spiegeln. Und es ist längst nicht immer die Bewegung des Schwimmens, die zu dieser Auseinandersetzung zwingt. Einmal ist es ein morastiger Teich tief im Inneren eines Waldes, der eine Mutter zu einer bitteren Erkenntnis führt. Einmal ist es ein tiefer Gartenteich, der quasi als letzte Äußerung eines sterbenden Vaters der Tochter etwas von seiner Wut und Verzweiflung erzählt. Und einmal redet sich eine Personalmanagerin mit ausgesprochen soziopathischer Haltung mit Blick auf das Aquarium eines Zoos um Kopf und Kragen.

In allen elf Geschichten lesen wir über meist einsame Figuren, die sich mit ihren Problemen und Sorgen, mit ihrer Schuld, ihrem Verranntsein in eine fixe Idee mehr oder weniger ehrlich auseinandersetzen. Manchmal gibt es auch einen Gegenspieler, der den inneren Konflikt noch weiter anheizt. Oft sind es Familienkonflikte, die auch die Ehen in einem merkwürdigen Licht erscheinen lassen. Die Konflikte selber entzünden sich meistens zwischen den Generationen, mehrmals zwischen Vätern und ihren Kindern, zwischen der erwachsenen Tochter und ihrem sterbenden Vater. Dies sind immer wieder Geschichten, in denen die Verhältnisse zwischen den Familienmitgliedern ausgelotet werden, die Verwerfungen, die sich ergeben müssen, wenn mehrere Individuen mit ihren Vorstellungen, Fehlern, ihrer mangelhaften Kommunikation und ihren Projektionen eng zusammenleben.

Eine Stärke der Geschichten ist die Schilderung der so verschiedenen Landschaften, die von Düffel mit ein paar Worten, Pinselstrichen gleich, vor dem Auge des Lesers entstehen lässt. Das Wasser, das in allen Erzählungen seine Rolle hat, ist die metaphorische Klammer, steht aber nie im Vordergrund, ist manchmal nur ein Dauerregen oder ein Angelloch ganz am Ende einer Geschichte. Und auch die Figuren, die sich in diesem Landschaften und am Wasser bewegen, werden in diesem Lebensausschnitt präzise skizziert, manchmal geradezu seziert. Diesen Blick auf die Figuren muss der Leser schon mögen.

Die Geschichten sind kunstvoll geschrieben, sie lassen sich gut lesen, bei einigen treibt einen die Spannung, wie es nun weitergeht, beim Lesen vor sich her. Und trotzdem: Es ist manchmal alles zu viel. Zu viel Bedeutung, die der Landschaft und dem Wasser zukommt, den anderen Requisiten, den Menschen und den Tieren, zu viel Symbolisches im Verhalten der Figuren und zu viel düstere Atmosphäre, die den Leser immer wieder das Schlimmste erwarten lässt.
Die Erzählungen also ziehen den Leser hinauf und hinab, eine schleudert ihn empor, eine andere zieht ihn herunter, in eine taucht er wohlig ein, eine andere katapultiert ihn an Land, eine erfrischt ihn, nach einer anderen schüttelt er sich. — Und nun ist es doch geschehen: Das Wasser hat sich doch hinterrücks dieses Textes bemächtigt.

[1] John von Düffel (2014): Wassererzählungen, Köln, DuMont Verlag
[2] John von Düffel (2009): Wovon ich schreibe, Köln, DuMont Verlag

14 Kommentare

  1. Danke für deine Besprechung, die mir einen guten Eindruck vermittelt. Zum Glück habe ich es nicht so mit großen Wassermassen, sodass meine Liste ein klein wenig aufatmen kann 🙂 Einen schönen Wochenanfang! Anna

    • Liebe Anna,
      ja, die Erzählungen sind sicherlich eine kleine Verschnaufpause für den unendlich hohen SUB.
      Dir auch einen guten Start in diese wunderbare Woche :-), Claudia

  2. Schöner Schlusssatz. Dieses hinterrückse Wasser…Aber ich war nach dem Lesen der Erzählungen auch nicht ganz zufrieden, aus ähnlichen und anderen Gründen – das von Dir angesprochene „Zuviel“. Manches aber auch zuwenig. Sprachlich toll, aber für mich ist er einer, der die Erzählung lang nicht so gut beherrscht wie die Form des Romanes.

    • Liebe Birgit,
      vielleicht bin ich ja sowieso nicht gerade der passionierte Erzählungsleser – und dann noch diese melancholische Intropespktive. Das war mir, trotz der immer wieder tollen Formulierungen, dann doch insgesamt zu dunkel. Da ich gerade bei den Erzählungen bin, habe ich mit Zsofia Bans „Als nur die Tiere lebten“ angefangen. Und da ist die Stimmung eine andere. Toll, wenn eine 78-Jährige den Verkauf von Organen als neues Geschäftsmodell entdeckt hat und wortreich aus allen Wolken fällt, weil ihr alle Ärzte freundlich versuchen klarzumachen, dass das wohl nichts wird. Oder wenn Röntgen darüber nachdenkt, dass seine Anna Bertha doch eine Strahlung habe, die jedem Gesetz der Physik widerspricht.
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        das liest sich ja ansprechend…scheint jedenfalls für Dich nach dem Melancholie-Düffel die richtige Abwechslung zu sein 🙂
        Viele Grüße, Birgit

  3. Hallo Claudia, schön, daß Du mich mit Deinem Blog an ein längst vergangenes und beinahe vergessenes Lektüreerlebnis erinnerst. Düffels Roman „Vom Wasser“ stand ganz am Anfang unseres Literaturkreises auf dem Programm und wenn ich mich noch an eines erinnern kann, dann an den Stil, der mich damals sehr beeindruckt hat. Mit dem Wasser hat er’s ja, der Herr Düffel. Wenn ich richtig zähle sind mindestens vier Titel zu dieser Thematik bisher erschienen. Übrigens ist er bei weitem nicht der einzige Schriftsteller, der seinen Körper und dessen Ertüchtigung literarisch ausschlachtet. Erinnert sei nur an den Läufer Murakami, der in seinem letzen Roman auch dem Schwimmen huldig. Hier schließt er sich wieder, der ewige Kreislauf des Wassers. 😉
    Freundliche Grüße, Atalante

    • Liebe Atalante,
      ja, das Laufbuch des Herrn Murakami steht auch noch im Regal, neben der Pilgerreise. Ist Herr Tazaki ein Schwimmer? Früher bin ich ja auch einmal sehr gerne gelaufen, bevor ich die Hundejungs und keine Zeit mehr hatte und nicht völlig lädierte Achillessehnen – wieder ein literarischer Bezug :-). Diese Arten des Sportes sind schon toll, weil sie wirklich meditativ sind. Ich kann sie mir gut als kreative Auszeiten vorstellen – mehr als diverse Rauchwaren, Alkohol oder andere Bewusstseinserweiterungen, aber das kann ja auch Geschmacksache sein :-). „Vom Wasser“ habe ich auch gelesen, ist schon ewig her, aber seitdem verfolge ich schon, was von Düffel schreibt.
      Viele Grüße, hoffentlich in dieser Woche mit weniger Wasser von oben, Claudia

  4. Liebe Claudia, es mag ja sein, dass du es, wie du weiter oben an Birgit schreibst, mit Erzählungen nicht so „hast“ oder doch jedenfalls nicht mit den „melancholisch introspektiven“ – aber deine Besprechung zu lesen ist ein Genuss! Liebe Grüße!

    • Oh, vielen Dank für Deine lieben Worte! Eine riesengroße Motivation für die nächste Besprechung.
      Liebe Grüße, Claudia

  5. Liebe Claudia, wirklich eine sehr aussagekräftige, schöne Besprechung. Allein das Lesen Deines Textes macht Spaß. Für mich muss ich sagen, ich hab es zwar mit dem Wasser, aber der Zugang, den Herr von Büffel dazu hat ist nicht meiner. Oder sagen wir es so: Von von Tüpfels Wasserbüchern habe ich schon zwei probiert, ich bin mit ihnen aber nicht warm geworden. Hab ich und meine Liste Glück gehabt.

    • Lieber Kai,
      vielen Dank für Deinen den Tag aufhellenden wortspielerischen Kommentar (ganz breites Grinsen). Und manchmal ist es ja auch sehr erleichternd, wenn Leselisten nicht unendlich weiter strapaziert werden – wir schrieben ja letztlich schon darüber. Ich wünsche den Zwei- und Vierpfötlern in Eurem Haushalt einen wunderschönen Tag, Claudia

      • Liebe Claudia,
        heute ist Terrassenlese- und Blog-Tag, kein Arzttermin, keine Formulare von Krankenkassen und ähnlichem und uns geht es gut. Die Hündin (eine inzwischen ganz schön alte, fast blinde Hündin mit Herzproblemen, die zunehmend unsicherer wird und viel Schlaf und Zuwendung braucht) liegt auf der Wiese und steckt den Bauch in die Sonne Wenn es immer so wär…
        Liebe Grüße, Kai

      • Lieber Kai,
        Euer Terassentag hört sich richtig gut an. Ich wünsche Euch noch viele solcher schönen Tage – und das Ergebnis des Lesens auf Deinem Blog! Und puschel die alte Hundedame von uns allen. Linus, der sehr für weibliche Hunde schwärmt und sie – fast – alle mit seinem ganz zurückhaltenden Charme bezirzt, schickt extra ganz viele Nasenschlecks.
        Liebe Grüße, Claudia

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