Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane

Dorothee Elmiger: Schlafgänger

Elmiger_2Als Schlafgänger, so erklärt der Student aus Glendale, seien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts diejenigen Zuwanderer in die Großstädte wie Berlin, Frankfurt und Wien bezeichnet worden, die nur schlecht bezahlte und meist befristete Arbeit fanden und sich deshalb kein Zimmer leisten konnten. Sie mieteten sich also ein Bett für ein paar Stunden, um schlafen zu können. Eine absolut prekäre Situation, denn Schlafgänger fanden so „auch für den Schlaf keinen unbedingt sicheren Ort, sie legen sich für einige Stunden auf eine gemietet Stelle, um dann wiederum als Arbeitskraft zur Verfügung zu stehen.“ Und sie wurden auch, so fährt der Student seine Erklärung fort, als „flüchtige Existenzen bezeichnet, auf die stets das Augenmerk der Polizei gerichtet war.“

Schlafgänger gibt es heute wohl nicht mehr, den Gedanken aber, geradezu das Primat, die Arbeitskraft so zu erhalten, dass sie immer wieder einsetzbar ist, sehr wohl. Nur wer über eine marktfäfige Arbeitskraft verfügt, findet seinen Platz in unserer Gesellschaft, sei es als Fußballspieler, als Schriftstller, als Logistiker/Spediteur. Und der Logistiker in Dorothee Elmigers Roman hat nun das große Problem, keinen Schlaf mehr zu finden. Bis zum letzten Jahr war er im Im- und Export tätig, hat Warenlieferungen in die Schweiz und aus der Schweiz heraus organisiert und überwacht und ist dabei wahrscheinlich mit den illegalen Einwanderungen in die Schweiz konfrontiert worden, mit den Grenzgängern also, die gerne die Warenwege zur illegalen Einreise nutzen.

Der Logistiker, der zu allem Übel auch noch in der Grenzstraße und an der Grenz wohnt, nimmt akribisch jede Reaktionen auf die illegale Zuwanderung auf, teils vorgebracht von Bürgern, die Sorge haben vor zu vielen „Asylanten“in ihrer Straße, teils von Vertretern der Verwaltung, allesamt jedoch in einer ausgesprochen techokratischen Sprache vorgetragen:

Reporter: Hier laufen die Asylanten jeweils hin und her? Bürger: Richtig (…). Das einzige Traktandum, das wir eigentlich haben, ist die Frage: Brauchen wir eine Bürgerwehr, oder sind die verantwortlichen Personen und Stellen in der Lage, fähig und willens, geordnete Verhältnisse zu schaffen? (S. 50)
Leiter eines Durchgangheimes: Ein Teil der Betreuungsaufgaben besteht in der Erhaltung der Rückkehrfähigkeit der Asylsuchenden und er frage sich nun,(…) ob man sich weigern solle, unter Rückkehrfähigkeit mehr zu verstehen als rudimentäre Vorkehrungen, diese Menschen am Leben zu erhalten (…). (S. 67)
Die Grenzwächter (…) müssen mit allen Waffen sicher umzugehen verstehen. Aber das Schießen finden Kursteilnehmer leichter als die Theoriestunden, in denen sie sich redlich um Materialkenntnis, Landeskunde und Kartenlesen bemühen. (S. 70)

Über Auswanderungen und Reisen, über Grenzgänge verschiedener Art, über die Frage, wie – gutes – Zusammenleben glücken könnte, darüber sprechen Dorothee Elmigers Figuren. Eine der Figuren meint, das Thema ihrer Gespräche sei doch der Wert des Körpers, eine andere äußert, es gehe doch um wesentlich mehr, nämlich um die Menschen- und Bürgerrechte. Eine Handvoll Personen jedenfalls scheint für eine gewisse Zeit an einem Ort zu leben, sie treffen sich in einem Zimmer, in einem Saal, an einem Tisch und jede der Figuren erzählt Bruchstücke einer, seiner Geschichte, erzählt, was ihn beschäftigt, manchmal auch, was er erlebt hat.

Dabei erscheinen die Figuren dem Leser wie auf einer Bühne, auf der mal der ein auf- und der andere abtritt, immer sind andere Figuren präsent, immer wieder steht ein anderer im Rampenlicht und erzählt; manchmal werden Geschichtenbruchstücke mehrfach erzählt, wahrscheinlich, weil andere Zuhörer da sind, manchmal beziehen sich die Erzählungen der Figuren aufeinander, seltener reden sie miteinander, gehen aufeinander ein. Die Figuren erheben ihre Stimmen, erzählen Teile ihrer Geschichten, Beobachtungen, Recherchen, Reflexionen, doch für den Leser entsteht nur ein Stimmen- und Themengewirr, kaum auseinanderzuhalten, kaum zuzuordnen, vor allem aber nach der Lektüre: kaum zu erinnern.

So wird dem Leser nie richtig klar, woher diese Personen sich kennen und warum sie an diesem Ort zusammen sind, wobei ihm manchmal sogar die Frage beschleicht, ob diese Personen tatsächlich alle zur selben Zeit am selben Ort sind oder er die Gespräche von verschiedenen Schauplätzen und unterschiedlichen Zeiten liest. Flüchtige Existenzen sind also auch die Figuren, die uns Dorothee Elmiger in ihrem Roman präsentiert; flüchtig wirken sie auf den Leser, weil sie nicht als Personen erscheinen, die durch ihr Handeln das Geschehen weiter voran treiben, vor allem, weil sie nicht als komplexe Charaktere erkennbarbar und erinnerbar sind. Irritation also ist eine der wesentlichen Wirkungen, die Elmigers Geschichte beim Leser hinterlässt.

Fortunat Boll, einer der Teilnehmer der Gesprächsrunden, beschäftigt sich mit dem Auswandern von Schweizern im 19. Jahrhundert. Seine Vorfahren sind nach Amerika ausgewandert, „als Mittel der Verminderung von Armut“. Er selbst reist nach Texas, weil er sich für das im 19. Jahrhundert von Victor Considerant gegründete und schnell wieder gescheiterte sozialistische Wohnexperiment La Réunion interessiert. Die Schriftstellerin, die in einem 20-bändigen Werk ihre Reisen an Grenzen zusammengetragen hat, „stets demütigend, wenn nicht tödlich“, wird ganz offiziell aus Los Angeles mehrmals in die Schweiz eingeladen; der Journalist, den, wie den Logistiker, die illegalen Grenzübertritte interessieren, hat seiner Redaktion angekündigt, sich mit eben diesem Werk auseinandersetzen und eine Besprechung schreiben zu wollen. Die Übersetzerin Winnie, die auf ihrer gemeinsamen Schiffsreise mit der Schriftstellerin nach Europa in der Bordbibliothek das Buch über den Konzeptkünstler Bas Jan Aders findet, der einmal ein Video über seinen Sturz drehte, träumt immer wieder davon, dass die Alpen zusammenstürzen. Der Student aus Glendale, der das Phänomen der Schlafgänger erklärt, denkt über die Entwicklung der Städte nach. Der Vater von Fortunat Boll sieht den Wald als einen idealen Ort und fragt sich, ob das Leben in einer gut organisiserten Bienengesellschaft tatsächlich gerechter sei. Und A.L. Erika, die auch in Los Angeles gelebt hat, hat es nie geschafft, ihren Eltern aus den USA einen Brief zu schreiben.

Personen, Gespräche und Themen hat die Autorin sehr experimentell, sehr kunstfertig, aber auch sehr artifiziell konzipiert. So entsteht eine herausfordernde, eine arbeitsintensive Lektüre, an deren Ende trotzdem nur zusammenhanglose Versatzstücke in Erinnerung bleiben, flüchtige Erinnerungen an einen Roman, der auch mit der Form experimentiert. Diese Wirkung liegt vor allerm an der Konzeption des Romans, die eben nicht auf das Erzählen und Erleben einer Geschichte (mythos) setzt und damit dem Leser ermöglicht, eigene Bilder zu erschaffen, sondern die Themen, Fragen, Probleme und Konflikte, die die Menschen umtreiben, aus der distanzierten Perspektive des Verstandes, des gesprochenen Wortes betrachtet (logos).

Vielleicht ist diese nicht-kohärente Wirkung auf den Leser genau das Abbild unserer Gesellschaft, das vermittelt werden soll; vielleicht sollen weniger Lebensweisen und Haltungen von Figuren im Mittelpunkt einer Handlung stehen, als vielmehr eine irritierende Atmosphäre unserer Zeit gespiegelt weden; vielleicht ist gerade das Spiel mit dem Leser, der trotz Anstrengung am Ende vor dem großen Fragezeichen sitzt, das Ziel dieses Textes.

Dorothee Elmiger (2014): Schlafgänger, Köln, DuMont Buchverlag

Anna Buchpost hat zur Elmiger-Besprechung noch den Link zu einem Artikel geschickt, der die Schlaf- und Wohnverhältnisse in Hongkong, der Stadt mit der freiesten aller Marktwirtschaften, beschreibt.  Auch dort lassen sich Schlaf- und Grenzgänger, wie es uns kaum vorstellbar ist, finden, die auf der Suche nach Möglichkeiten des Über-Lebens sind.

10 Kommentare

  1. Vielen Dank für die tolle Besprechung! Das Buch wartet hier neben mir schon seit einigen Tagen auf mich. Ich werde über meine Eindrücke berichten…
    Herzliche Grüße
    Tobias

    • Lieber Tobias,
      so aufwändig wie die Lektüre war auch das Schreiben der Besprechung. Immerhin bin ich durch die dazu notwendige nochmalige Durchsicht dem Roman ein wenig näher gekommen und habe immerhin Gründe für meinen eingeschränkten Lesegenuss gefunden. Nun bin ich natürlich sehr gespannt auf Deinen Blick auf die Schlafgänger.
      Viele Grüße und ein schönes Osterfest, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    puh, während ich hier gemütlich einen Dorothy Sayers-Krimi nach dem anderen wegschmökere (natürlich nur, um der Biografie, die ich gerade lese, ein besseres Fundament zu geben), kämpft du dich – auch für uns – unerschrocken durch literarisch unwegsames Terrain. Mag sein, dass dies Zersplitterte genau der Eindruck sein soll, der nach der Lektüre bleibt. Spiegel der Gesellschaft usw. Aber als Leserin würde mich das nicht so wirklich zufriedenstellen. Da kann ich mich ja auch zwei Stunden in eine belebte Fußgängerzone setzen und hätte vielleicht einen ähnlichen Eindruck. Und so atme ich im Stillen auf, dass ich diesen Titel nicht auf meine WWW (wildwuchernde Wunschliste) setzen muss. Dir ganz herzliche Ostergrüße, Anna

    • Liebe Anna,
      ich habe mich – wieder einmal – vom vielversprechenden Katalogtext zu diesem Roman überreden lassen. Oh, habe ich gedacht, ein aktueller Roman von einer jungen (!), schweizer (!) Autorin zum Thema Flucht und Einwanderung, das ist ja klasse. Und dann war der Roman so ganz anders als erwartet, nämlich ohne Handlung und vielschichtige Charaktere. Vorgewarnt bin ich allerdings gewesen, denn Elmigers Buch wurde im Literaturclub besprochen und da ahnte ich dann schon, was auf mich zukommt. Also habe ich beim Lesen schon ordentlich markiert, damit ich mich später zurechtfinde. Nun, beim Nachblättern des Romans als Vorbereitung der Rezension habe ich schon einige interessante Aspekte gefunden, Querverbindungen usw. Ich denke, der Text bräuchte noch viel mehr Aufmerksamkeit, um noch besser entschlüsselt zu werden. Aber das überlasse ich nun mal ganz getrost den germanistischen Pro- und Hauptseminaren und wende mich Literatur zu, die – hoffentlich – auch ein bisschen unterhält und auf die sich während eines Hundespaziergangs ein Reim machen lässt. Und so kannst Du Deine WWW (tolles Wortspiel) getrost belassen, wie sie ist und Dich weiter hemmungslos von guten Krimis unterhalten lassen – natürlich nur wegen der Biografie :-).- Und der Tesson liegt auch schon bereit !
      Wunderbare Ostern wünscht Claudia – und Deinen Link schaue ich mir natürlich auch noch an!

  3. Klingt sehr interessant, artifiziell muss ja nicht unbedingt schlecht sein, wenn ich auch normalerweise die klassische Konstruktion einer allzu experimentellen vorziehe … Liebe Grüße
    Petra

    • Liebe Petra,
      ich habe schon sehr gerungen mit Elmigers Roman, mehr als sonst üblich. Aber das liegt eben auch an der Konstruktion, am Artifiziellen und ist von der Autorin ja sicher auch gewollt. Es ist schon interessant, sich auf dieses Experiment einzulassen – aber dann kann auch ruhig wieder ein unterhaltsamerer, klassischerer Roman auf dem Programnm stehen.
      Ich wünsche Dir schöne Osterfeiertage (mit den wunderbaren Papierostereiern 🙂 ), Claudia

  4. mickzwo sagt

    Das Buch habe ich auch auf meine Leseliste gesetzt, danke für den Tipp.

    • Wie schön, dass meine Besprechung als Lesetipp angekommen ist :-). Dann habe ich es ja geschafft, meine Meinung einigermaßen ausgewogen darzustellen.
      Schöne Osterfeiertage wünscht Claudia

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.