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Rafael Chirbes: Am Ufer

Chirbes_UferAls Wirtschaftskrimi kündigt der Verlag Rafael Chirbes Roman an, als Buch zur spanischen Finanzkrise empfiehlt ihn El Pais. Beide Zuschreibungen stimmen – und sind doch zu oberflächlich. Wesentlich vielschichtiger hat der Autor seinen Roman konzipiert und hat eben nicht nur die Auswirkungen der zerplatzten Immobilienblase auf die verschiedenen Milieus einer Kleinstadt in der Nähe von Valencia beschrieben. Chirbes hat uns vor allem Esteban erschaffen, einen knorrigen, und zynischen Handwerker, für den sein siebzigjähriges Leben mehr Enttäuschungen als positive Wendungen bereit gehalten hat. Esteban weiß seine Umgebung – und durchaus auch sich selbst – auch mit Ironie zu betrachten und beurteilen und er gewährt uns durch seine Erinnerungen auch tiefe Einblicke in die spanische Gesellschaft seit dem Ende der Zweiten Republik und der Machtübernahme durch Franco 1936.

Es ist der 14. Dezember 2010 an dem Esteban sich auf den Weg macht in die Sümpfe. Zuvor hat er seinen über neunzigjährigen dementen Vater geduscht, ihm neue Windeln angelegt und ihn angezogen, ihm ein Frühstück bereitet und ihn dann in den tiefen Sessel vor den Fernseher gesetzt, aus dem er eigentlich selbst nicht aufstehen kann. Zur Sicherheit aber hat er ihn mit einem Bettlaken festgebunden, damit er auf keinen Fall stürzen kann, solange Esteban unterwegs ist.

Esteban träumt davon, ein Haus zu bauen auf einem kleinen Grundstück außerhalb des Ortes, sich dorthin zurückzuziehen, nur mit seinem Hund, aber er ist verantwortlich für die Pflege des Vaters, der seit seit seinem Gefängnisaufenthalt zu Beginn des Franco-Regimes, völlig verbittert ist. Die politischen Ideale des Vaters, für die er mit der Waffe gekämpft hat, sind gescheitert und weil er der Bitte seiner Frau gefolgt ist und, auch um die Familie zu schützen, ins Gefängnis, nicht aber mit den anderen Widerstandskämpfern in die Sümpfe gegangen ist, meint er, seine Ehre verloren zu haben. Nun ist er ein alter, kranker Mann, der gepflegt werden muss.

Und es ist Esteban, an dem die Pflege der Vaters hängen bleibt, an ihm, dem einzigen von vier Geschwistern, der im Haus der Eltern geblieben und nicht weggezogen ist in die nächste Stadt oder gar nach Madrid, der nicht geheiratet hat, weil seine große Liebe Leonor ihn verlassen hat, um nach Madrid zu gehen und dort seinen besten Freund Francisco zu heiraten – eine finanziell wesentlich attraktivere Partie. Von seinem Vater fühlte Esteban sich nie geliebt, nicht einmal anerkannt, geduldet gerade einmal als Mitarbeiter, der die niederen Handgriffe in der Familienschreinerei verrichten kann. Ausgerechnet diese beiden leben nun im Haus in Olba zusammen, sind aufeinander angewiesen, aneinandergekettet.

Esteban hat an diesem Dezembertag die Waffe aus dem Schuppen geholt, den Hund gerufen und ist ins Auto gestiegen, um in die Sümpfe zu fahren, denn dort will er einen Ort suchen, an dem er seinen Vater, den Hund und sich selbst töten kann. Er, ausgerechnet er, hat sich verspekuliert. Das gesamte Geld, das sein Vater in seinem Leben angespart hat, hat Esteban von der Bank geholt, dabei die Unterschrift seines Vaters gefälscht, und ist bei Pédro eingestiegen, einem Maurer aus dem Dorf, der es zum Bauunternehmer gebracht hat und nun eigene Wohnblocks hochzieht in Olba, in der Nähe der Küste, bei den Sümpfen. Sein Vater, der Sozialist, hat sich immer geweigert, die Schreinerei zu vergrößern und sich so an der Ausbeutung der Arbeitskraft anderer zu bereichern, er ist immer stolz darauf gewesen, nur das zu verdienen, was die eigenen Hände erschaffen haben. Und Esteban hat dieses ersparte Geld verzockt, gar nicht mal aus purer Gier, sondern, so erklärt er es sich selbst zumindest, weil er sein Alter absichern wollte, sich, wenn nötig, Pflege leisten möchte, vielleicht in einem annehmbaren Altersheim. Damit ist er den finanziellen Träumen der Mittelschicht auf den Leim gegangen und ist einer der letzten gewesen, die am wunderbaren Bauboom partizipieren wollten. So spät, dass die Auslöser der Spekulation mit immensen Gewinnen längst ihre Schäfchen ins Trockene gebracht und nun die letzten Teilnehmer an der großen Geldlotterie, nämlich den Mittelstand, auf dem gigantischen, nicht mehr bezahlbaren Schuldenberg sitzen lassen. Nun kann Esteban von seiner Terrasse anschauen, wo sein Geld steckt, wenn er sie betrachtet,

„die unbewegten Kräne über den halb fertigen Wohnblocks (…), an manchen von ihnen hängt eine Schubkarre, und diese Schubkarren sind der Stempel unter der Katastrophe, meiner Katastrophe, die Aufgabe meiner Projekte, das Zeichen dafür, dass die Kräne unbenutzt sind und die Firma pleite. (…) Die Kräne: ein Scherenschnitt am Himmel und daran schaukelnd die Schubkarre, wie ein Selbstmörder an einem Strick.“ (S. 246)

„Begehung der Schauplätze“ hat Chirbes das große Kapitel genannt, in dem Esteban durch die Sümpfe wandert, bekannte Stellen aufsucht, sich seines Lebens erinnert und einen Platz zum Sterben sucht. Die Sumpfwanderung erinnert sehr an James Joyces Protagonisten Leopold Bloom, über dessen Tag und seine Wege in Dublin wir lesen können. Chirbes aber führt seine Figur nicht durch die Stadt, sondern durch den Sumpf. Immer wieder beschreibt Esteban die Umgebung, als Ort der Keime und Ansteckungen, das stehende Gewässer als fauligen, stinkenden Ort, dem zu misstrauen ist, der verdorben ist, wenn er sich erwärmt, in dem verwest, was hineingerät. Es ist aber auch ein Ort, den Menschen nutzen, um Unrat abzukippen und vergessen zu machen: tote Tiere zum Beispiel, manchmal auch Teer, die Verlierer des Bürgerkriegs sogar, die sich hier erst versteckt haben, die dann aber gejagt werden wie Wild oder ersticken oder verbrennen, weil die Sieger einfach den Sumpf angezündet haben. Es ist aber auch ein Ort, an dem Tiere sich zurückziehen, es ist ein Ort des frischen Wassers, des neuen Wachsens und Werdens, wenn Herbst und Winter kommen und Regenwasser in den Sumpf gelangt. Es ist vor allem der Ort, an den Esteban viele gute Erinnerungen hat, weil er hier mit seinem Onkel zum ersten Mal in seinem Leben geangelt hat, später mit Mitarbeitern hier gewesen, mit dem Hund herumgelaufen ist, zur Jagd ging.

Der Sumpf ist in Chirbes Roman also ein Lebensraum, ein Schauplatz verschiedener Ereignisse, eine Bühne, die Esteban sich für seine finale Tat sucht. Der Sumpf bei Olba ist aber auch ein Symbol für die dunklen Triebe und Instinkte der Menschen in Olba, die alle versuchen, ihr kleines Glück beim Bauboom zu machen, Esteban, der klarsichtige Interpret seiner Umgebung eingeschlossen. Der Sumpf ist ein Symbol für die Zügellosigkeit und Ordnungslosigkeit, wenn eine ganze Gesellschaft der finanziellen Gier verfällt, wenn sie sozusagen „versumpft“, jeder einzelne im materiellen Egoismus stecken bleibt und daran zugrunde geht, weil Beziehungen nur noch nach Soll und Haben beurteilt werden, Mitmenschlichkeit und Solidarität aber Werte von gestern sind.

Natürlich ist Vorsicht geboten, denn wir hören die ganze Zeit Esteban, der zu uns spricht: Wir lernen vor allem Estebans Blick auf die Dinge kennen, hören seine Deutungen, erfahren die Zusammenhänge von ihm. Seinem inneren Monolog folgen wir, durch seine assoziativen Gedanken, Beurteilungen und Erlebnisse können wir die vielen Steinchen Stück für Stück zu einem Bild zusammensetzen. Einsam ist Esteban, dies zeigt nicht nur seine Sumpfwanderung, sondern auch der innere Monolog, den er hält, nicht ein einziges Mal an diesem Tag spricht er mit einem Menschen Und wird so selbst zu dem Symbol einer Gesellschaft, die allein nach wirtschaftlichen Überlegungen tickt – seit Franco so lernen wir, ist das so, denn seit damals bestimmen materielle Vergünstigungen, mit denen Franco die Ruhe in der Bevölkerung kaufte, das Denken der Menschen.

Ob wir nun dem verbitterten Esteban folgen, für den alle Beziehungen nur in Marktwerten berechnet werden, die Freundschaft, die Ehe, das Warten der Geschwister auf den Tod des Vaters und sein Erbe, das bleibt uns überlassen. Sicherlich bietet dieser Blick aber einmal die Gelegenheit, zu überprüfen, wie weit dieses Denken schon in der Mitte der Gesellschaft – auch unserer – angekommen ist. Und wir sehen, quasi zur Warnung, in welche Einsamkeit uns dieses Denken führen kann. Chirbes Roman also geht viel weiter als ein „Roman zur Krise“ zu sein. Er steigt tief in die Befindlichkeit des einzelnen und die der Gesellschaft hinab, um zu klären, auf welchem Boden die heutigen gesellschaftlichen Verwerfungen überhaupt erst gedeihen können.

Chirbes hat seinen Roman in der Nähe Valencias angesiedelt. In Valencia hat der Bauboom besondere Blüten getrieben, mit der Formel 1 Rennstrecke, spektakulären Bauprojekten in der Stadt  sowie mit Hotelburgen, die die Küste zubetonierten, die ursprünglichen Besitzer des Landes wurden zur Not auch einmal enteignet.

Bei Tobias könnt Ihr eine weitere Besprechung des Romans finden

Rafael Chirbes (2014): Am Ufer, München, Verlag Antje Kunstmann

 

10 Kommentare

    • Auf das „Ufer“ habe ich mich schon gefreut, seit ich den Titel im Verlagskatalog entdeckt habe. Endlich etwas zur Wirtschaftskrise! Und dann hat es ein bisschen gebraucht, bis ich mich durch den „schweren Brocken“ durchgearbeitet habe. Ein wirklich toller, manchmal auch anstrengender Roman, der aber sehr viel darüber erzählt, was die Menschen bewegt und wie sie in die Arme der Spekulation getrieben werden. Und darauf hast Du mir mit Deiner Besprechung ja schon einen kleinen Vorgschmack geliefert.
      Viele Grüße, Claudia

  1. Liebe Claudia, weiß der Himmel, wo du dieses Buch wieder ausgegraben hast! Was da offenbar alles drinsteckt an spanischer Zeitgeschichte und Gegenwart, an Zwischenmenschlichem und Gesellschaftlichem! Ich danke sehr für diese fundierte Besprechung aus einem Land, das eine Zeitlang so etwas wie meine zweite Heimat war und wünsche dir eine gute neue Woche!

    • Liebe Maren,
      ich mag ja diese Romane, die sich ganz besonders mit unseren gesellschaftlichen – und wirtschaftlichen – Verwerfungen beschäftigen, deshalb habe ich das „Ufer“ schon seit der Entdeckung des Buches im Verlagskatalog auf meiner Leseliste. Und Chirbes hat mehr in den Romn gepackt, als es Verlagskataloge und Klappentexte versprechen, denn mit Esteban und seiner Lebensgeschichte entfaltet er ein ganzes Lebenspanorama eines einzelnen Menschen, aber eben auch ein Panorama der Geselschaft. Und das fand ich sehr, sehr interessant und habe viel gelernt über die Mentalität in Spanien, gewachsen eben auch aus der politischen Erfahrung – wobei wir Deutsche das ja durchaus auch wissen, welchen langen Einfluss Geschichte haben kann. Das „Ufer“ ist ein schwergewichtiger Roman, zum einen mit seinen vielen Seiten, zum anderen mit seinem komplexen Inhalt, zum dritten mit dieser einen Erzählstimme Estebans, die manchmal auch schwer zu ertragen ist. Wenn Du sagst, dass Spanien zumindest eine Zeit Deine zweite Heimat war, dann wäre es natürlich spannend zu hören, wie Dir der Roman gefällt, ob Du etwas wiederfindest von Deinem Blick auf Spanien und die Menschen… 😉
      Viele Grüße, Claudia

  2. Super-Beitrag, das scheint auch ein Buch nach meinem Geschmack zu sein. Vor längerer Zeit habe ich Chirbes‘ Reisebericht „Am Mittelmeer“ bei mir besprochen (worin er seine Nähe zu Valencia bekennt). Schon damals fiel mir seine Fähigkeit auf, Gegensätze an Orten zu entdecken und scharfsinnig herauszuarbeiten, wo sie sonst niemand bemerken würde. Danke für die Empfehlung.

    • Ich würde mich freuen, lieber leo, wenn ich Dich vom „Ufer“ überzeugen könnte und demnächst auf Deinem Blog Deine Eindrücke lesen könnte. (Ich glaube, Olba und Misent sind fiktive Orte, dazu gibt es dann leider keine Landkarten.) Und ich mache mich mal auf die Suche nach Chirbes Reisebericht auf Deinem Blog.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Chirbes…bei mir liegt schon so lange „Der lange Marsch“ herum und jetzt kommt er mir mit dem Ufer und Du mit deiner tollen Besprechung dazwischen – das Buch hat mich ebenfalls angesprungen, als ich es in einer Vorschau sah. Trotzdem: Die Spanier müssen jetzt ein bißchen bei mir warten, kein Tiki-Taka. Deine Besprechung habe ich jedoch ausgedruckt und mir zurückgelegt – toll geschrieben!!!

    • Liebe Birgit,
      da bekomme ich ja ganz rote Ohren… Vielen Dank für Deine lieben Worte, die ich im Moment sehr gut gebrauchen kann, weil ich gerade meine, kein vernünftiges Wort in die Tatstaur zu bekommen – und es dauert auch stundenlang: Völlige Leere in meinem Kopf. — „Am Ufer“ ist mein erster Chirbes-Roman gewesen und bestimmt auch nicht der letzte. Eigebntlich muss man ihn alleine schon mehrmals lesen, so prallvoll ist er, dass vieles beim ersten Lesen einfach verloren geht. Das ist mir beim Schreiben der Besprechung noch einmal ganz deutlich geworden. Ja, vielleicht fangen wir hier mal spanische Wochen an, literarische, denn fußballerische sind ja schon vorbei :-).
      Viele Grüße und einen schönen sonnigen Sonntag, Claudia

      • Liebe Claudia,
        das war so gemeint, wie ich es geschrieben habe: Die Besprechung war sehr, sehr lesenswert und animierend. Dass Du da vor der Tastatur mit Leere im Kopf warst, ist jedenfalls dem Beitrag nicht anzumerken. Zu den spanischen Wochen: Ja, da gäbe es neben Chirbes wohl noch einige, Semprun, Javier Marias usw…Dass man nicht alles lesen kann 😦 Liebe Grüße, Birgit

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