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Juli Zehs Corpus Delicti, Big Data und der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Zeh_Corpus1Als Juli Zeh 2009 ihren Roman „Corpus Delicti“ veröffentlichte, schien die von ihr dort als METHODE geschilderte Doktrin doch sehr weit hergeholt zu sein. Einen Staat, der das Rauchen verbietet, den kennen wir ja. Eher unvorstellbar aber ist, dass der Staat so sehr in eine Erzieherrolle hineinwächst, dass er uns so allerlei gesundes Verhalten vorschreibt – und das auch lückenlos überprüft.

Und doch wird uns mehr und mehr klar, dass „der Staat“ über Institutionen, die zunächst einmal unbemerkt von der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit agieren, ungehindert Daten sammeln kann, zunächst vielleicht unter dem Deckmantel einer Terrorbekämpfung und mit sehr ungewissen Erfolgen. Neben dem Staat aber, und auch hier weitgehend außerhalb unserer Beobachtung, sammeln aber auch Unternehmenumfassende Daten, der „gläserne Kunde“ ist ihr Ziel, der Kunde, dem man am besten schon Werbung zu Produkten zukommen lassen kann, für die er sich wahrscheinlich erst in naher Zukunftinteressieren wird, der Kunde, dessen Risiko das (Versicherungs-)Unternehmen genau einschätzen kann.

In Juli Zehs Gesellschaft, die sich zu Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts entwickelt hat, ist es das Gesundheitswesen, dass die Menschen beherrscht. Rauchen ist sowieso schädlich, jeder Körperkontakt, von Händeschütteln über das Küssen bis hin zum Sex, ist unhygienisch und die Fortpflanzung sichert man auf der Basis von immunologischen Untersuchungen und Kompatibilitäten. Der Aufenthalt der Menschen sollte hauptsächlich in keimfrei desinfizierten Umgebungen stattfinden, der Aufenthalt in der Natur, im Wald, am Bach sollte aus gesundheitlichen Gründen vermieden werden. Die Menschen müssen den Behörden regelmäßig nachweisen, wie sie geschlafen haben, was sie gegessen und wie viel Sport sie getrieben haben. Verstöße gegen diese als METHODE bezeichnete Gesundheitsvorsorge, die ja, man ahnt es, jegliche Lebens- und Sinnenfreude konsequent unterbindet, werden in Zehs Gesellschaftsprojektion schnell und umfassend geahndet, und zwar mit den Klassikern jeder Diktatur: Gefängnis, Folter, Umerziehung.

Ganz perfide an der von Juli Zeh erdachten METHODE ist, dass sie auf den ersten Blick so vernünftig daherkommt. Der Staat hat sich unseres persönlichen Zieles, nämlich gesund zu sein und möglichst gesund alt zu werden, angenommen: „Ein gesunder Organismus steht in funktionierender Wechselwirkung mit seiner Umwelt. Der gesunde Mensch fühlt sich frisch und leistungsfähig. Er besitzt optimistisches Rüstungsvertrauen, geistige Kraft und ein stabiles Seelenleben.“ (S.7) Wie gut, dass der Staat endlich vorgeht gegen Epidemien, dass er dafür sorgt, dass wir mit richtiger Ernährung und ausreichender Fitness selber gut für uns sorgen und somit auch gut gewappnet sind gegen jede Krankheit. Das führt zu mehr Zufriedenheit und Glück – und senkt die Kosten für das Gesundheitswesen. In Zeiten des „demografischen Wandels“, in Zeiten einer zunehmenden Vergreisung der Gesellschaft sind das doch alles höchst willkommene Entwicklungen.

Ein Staat, der unsere Gesundheit überwacht, der Daten sammelt, auswertet, bestraft? Das ist ja wohl tatsächlich eine Utopie – oder besser: Dystopie. Alles Science-Fiction also, was Juli Zeh da für ihre Literatur ersonnen hat, nur ein erhobener Zeigefinger nach dem Rauchverbot, ein Hinweis, dass der Staat sich besser nicht zum Erzieher aufschwingen sollte?! Und was für ein Aufwand, solche Mengen an Daten zu sammeln und auszuwerten.

Während wir uns noch über staatliche Überwachung und Sammelwut ärgern, NSA, BND verteufeln, laut nach Kontrolle und Prozessen rufen, gibt es aber die von Juli Zeh skizzierten Entwicklungen längst. Ihre Science-Fiction ist näher an der Realität als uns lieb ist, ihre Literatur zeigt uns deutlicher eine mögliche Zukunft auf, als wir uns vorstellen können. Big Data heißt das reale Phänomen, hier werden die Möglichkeiten genutzt, die riesigen Datenmengen, die wir alle elektronisch erzeugen, zu sammeln und so statistisch auszuwerten, dass möglichst gute, weil zutreffende, Interpretationen und Vorhersagen über uns und unser Verhalten gemacht werden können.

Mehr und mehr Menschen finden großen Gefallen daran, ihre Fitness zu verbessern. Sie vermessen sich selbst, lassen Schritte zählen und Herzfrequenzen festhalten, ihre Schlafdauer und Schlafqualität ermitteln, reichern das noch an mit Daten zur Ernährung, zum Gewicht, gerne auch mit Angaben zum momentanen Wohlbefinden, und schicken dies in Echtzeit auf die Server von Unternehmen, die mit ihren Diensten diese sogenannte Self-Tracking- bzw. Quantified-Self-Bewegungunterstützen. Die Idee ist gut, keiner wird etwas dagegen haben, dass Menschen sich Gedanken um Fitness und Gesundheit machen, dass sie sich „bewusst ernähren“, es ihnen wichtig ist, sich zu bewegen und so dem oftmals sitzenden Bürojob etwas entgegenzusetzen. Und erste Krankenkassen unterstützen die Idee und machen ihren Mitgliedern die Teilnahme schmackhaft. Trotzdem: Wenn der Staat diese Daten von seinen Bürgern verlangen würde, wär vermutlich der Aufschrei ziemlich groß. Warum nur machen in diesem Kontext so viele Menschen bedenkenlos mit?

Quarks und Co hat vor Kurzem eine sehenswerte Sendung zum Thema Big Data und in diesem Zusammenhang auch einen Beitrag zur überwachten Gesundheit gesendet. Wer die Möglichkeiten sieht, die es in diesem Bereich jetzt schon gibt und in Zukunft noch geben könnte, der empfindet Juli Zehs Gesundheitsgesellschaft gar nicht mehr als visionär, sondern ganz real, nur ist es eben nicht der Staat, der sammelt, auswertet und bewertet, sondern es sind die Unternehmen und damit sind wirtschaftliche Interessen im Spiel, die sich fast noch mehr als die staatliche Überwachung jeder Kontrolle entziehen.

Was daherkommt wie ein gutes, weil gesundheitsförderndes Angebot, was spielerisch aufgebaut ist, mit Challenges, Highscores, vielen Erlebnissen und Begegnungen mit anderen Gleichgesinnten, hat auf der anderen Seite handfeste wirtschaftliche Interessen. Und dabei geht es nicht um die Gebühren, die zu entrichten sind, um die Pattformen nutzen zu können, es geht nicht um die technischen Geräte, die es braucht, um Körperdaten sammeln und verschicken zu können. Es geht mehr darum, was mit den gesammelten Daten geschieht, wer sie weiter nutzt und zu welchem Zweck. Was, wenn Krankenkassenbeiträge an Mitgliedschaften solcher Self-Tracking-Angebote geknüpft werden? Im Fernsehbeitrag äußerte sich einer der Anbieter solcher Seiten schon einmal dazu. Er sieht kein Problem darin, dass diejenigen, die sich hier ganz offensichtlich um ihre Gesundheit kümmern, weniger Beiträge bezahlen müssen. Und die, die das nicht wollen, das sind ja die unter uns, die eben weiter ungesund essen und keinen Sport machen wollen, so seine reichlich zynische Anmerkung, müssten dann eben mehr bezahlen. Entlarvend ist die Äußerung schon. Und weiter möchte die Verwendung solcher Daten gar nicht fortspinnen.

Auch die anderen Beiträge dieser Sendung sind höchst sehenswert. Der Beitrag zum „verräterischen Kassenbon“zeigt, dass ein Warenhaus tatsächlich einen Suchalgorithmus gefunden, mit dessen Hilfe es anhand der Kassenbons Schwangerschaften in den ersten Wochen sehr genau erkennen und so passgenau Werbung verschicken kann. Der Beitrag zur Kreditvergabe zeigt, wie mit Hilfe von Daten, die dem Facebook-Account des Antragstellers entnommen sind, in Sekunden und  mit einer prognostizierten Rückzahlungswahrscheinlichkeit  von 90 % Kredite genehmigt oder verweigert werden. Und erschreckend ist hier, dass nicht einmal mehr der Entwickler des Auswertungsalgorithmus die fünf oder sechs Kriterien benennen kann, die hauptsächlich für die Rückzahlungsbereitschaft verantwortlich sind.

Dass Big Data ein wichtiges Thema ist, zeigt auch die Entscheidung, den Computerwissenschaftler Jaron Lanier in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels auszuzeichnen. Er habe erkannt, so die Jury, „welche Risiken [die digitale Welt] für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen birgt.“ – Und Lanier schreibt dann auch auf den ersten Seiten seines Buches „Wem gehört die Zukunft?“ mit welchem Enthusiasmus er einstmals ins Internetzeitalter gestartet ist, welche Hoffnung er hatte, mit digitalen, mit dezentralen Netzwerken die Machtverhältnisse verändern zu können, weil keine Institution alleine mehr die Kontrolle über die Kommunikation übernehmen kann. Wie schnell sich in diesem Medium aber auch die Kehrseiten zeigen, welche Entwicklungen es nun auch gibt, das beschreibt er ebenfalls. So zeigt er, und das passt gut zu unserem Gesundheitsthema, wie die amerikanischen Versicherungsunternehmen durch Big Data in die Lage versetzt wurden, „nur diejenigen zu versich[ern], die laut Algorithmenberechnung die Versicherung am wenigsten in Anspruch nehmen würden.“ (S. 16)

Bei Juli Zeh sind es Bestrafung, Folter, Umerziehung, wenn ein Bürger sich den Vorgaben entzieht und aus der Reihe tanzt. Die Realität hat keine erzieherischen Ideen und so gibt es weder Bestrafung noch Folter oder Umerziehung. Die Realität  macht zu Geld, was sich zu Geld machen lässt, zur Not auf Kosten unserer Privatsphäre, auf Kosten unserer Freiheit, auf jeden Fall mit unseren Daten, für die wir meist viel weniger erhalten als sie wert sind.

Juli Zeh (2009): Corpus Delicti, Frankfurt am Mein, Schöffling & Co

Jaron Lanier (2014): Wem gehört die Zukunft, Hamburg, Hoffmann und Campe (Besprechung folgt)

2 Kommentare

  1. „Corpus Delicti“ ist nach „Nullzeit“ mein Lieblingsbuch von Juli Zeh. Schon 2009 empfand ich die Story erschreckend real. Ich hoffe, es wird irgendwann mal Schullektüre – das wäre doch mal was!

    • Es ist schon Schullektüre. Die ersten Schulbuchverlage haben Unterrichtserläuterungen herausgebracht, die Schulserver der Bundesländer sind „voll“ von Unterrichtsideen. Das ist auf jeden Fall ein spannendes Unterrichtsthema, das ja nach Herzenslust noch mit weiteren journalistischen Artikeln angereichert werden kann.

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