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Petra Grimm, Tobias O. Keber, Oliver Zöllner (Hg.): Digitale Ethik. Leben in vernetzten Welten

Neben Sarah Spiekermann bieten auch die Autoren dieses Bandes einen Einblick in die Facetten der digitalen Ethik. Der Blick ins Inhaltsverzeichnis macht deutlich: Hier werden ganz konkrete Probleme verhandelt, die sich aus dem Einzug des Digitalen in mehr und mehr Lebensbereiche ergeben: Privatheit und Datenschutz, das selbstoptimierte Ich, Cyber-Mobbing, Arbeit 4.0 und die Frage der Haltung in der digitalisierten Welt, um nur einige zu nennen. Die Autorinnen und Autoren sind oder waren alle Mitarbeiter am Institut für digitale Ethik an der Hochschule für Medien in Stuttgart. Dieses Buch, so schreiben sie einleitend, sei entstanden aus ihren Vorträgen und der Bitte der Zuhörer, die doch zum Nachlesen aufzuarbeiten.

Bevor sich die Autorinnen und Autoren den uns alle betreffenden Problemen zuwenden, entwickeln sie einen kurzen theoretischen Unterbau ihrer weiteren Erörterungen. So machen sie zum einen deutlich, dass ethische Fragen nur klären kann, wer über grundlegende Informationen der jeweiligen Sachverhalte und mögliche Konflikte, die aus ihnen erwachsen, verfügt. Auf dieser Grundlage erst können wir immer wieder neu über Normen und Werte verhandeln, können nur so Werte immer wieder neu justieren und festlegen.

Neben dieser sachkundigen Sicht auf die Digitalisierung, benötigen wir, so die Autoren weiter, Hilfestellungen, Maßstäbe und auch Methoden, um abwägen zu können, unter welchen Bedingungen und in welchem Maß wir uns auf die Digitalisierung einlassen können oder wollen. Hier stelle das analytische Instrumentarium der Ethik Angebote zur Verfügung, mit deren Hilfe wir Entscheidungen für unser Leben in einer immer digitalisierter Umwelt treffen können. Die Autoren nennen hier drei Ansätze einer ethischen Betrachtung:

Aus einer teleologischen Perspektive könne die digitale Ethik Antworten auf die Fragen geben, was die ursprüngliche Idee der Anwendung gewesen sei und welche Folgen diese Anwendungen in der Praxis habe. Diese Beurteilung aus der Sicht des Entwicklungsziels eines Programms, einer Innovation oder einer App lote somit die Kosten-Nutzen-Relation aus und gebe Hinweise zur Abschätzung der (finanziellen) Folgen. Wenn in der Altenpflege Roboter eingesetzt werden, dann sicher mit dem Ziel, die gleichen Pflegeleistungen zu erbringen wie Menschen. Dafür aber wesentlich kostengünstiger und somit positiv für die Gemeinschaft der Versicherten. Dass dem kranken oder alten Menschen hier der persönliche Kontakt und die menschliche Zuwendung verloren geht, rückt in den Hintergrund.

Eine zweite Betrachtungsweise erlaubt die deontologische Ethik. Hier werde aus der Perspektive der Pflicht beurteilt, ob die Entscheidung für eine digitale Anwendung oder für den Einsatz einer digitalen Leistung moralisch legitimiert werden kann. So kann, um auf das Beispiel des Pflegeroboters zurückzukommen, aus dieser Perspektive angeführt werden, dass einem kranken oder einem alten Menschen eben genauso solche Wertschätzung zustehe, wie einem gesunden. Und dass es einem Verstoß unserer Pflicht zur Humanität gleichkomme, ihn von einem seelenlosen Roboter zu pflegen.

Als eine dritte Beurteilungsmethode regt die tugendethische Betrachtungsweise uns dazu an, die Möglichkeiten des „guten Zusammenlebens“ mit Hilfe der digitalen Anwendungen zu erproben. Diese Art der ethischen Beurteilung stellt das gute und gelinge Leben, sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft, in den Vordergrund. Von diesem Standpunkt aus kann die Frage gestellt werden, ob uns der Einsatz eines Pflegeroboters geeignet erscheint, um ein wertvolles Miteinander auf der einen Seite und die Erhaltung der Würde des Pflegebedürftigen auf der anderen Seite zu fördern.

Nach diesen einleitenden Anmerkungen setzen sich verschiedene Autorinnen und Autoren mit ganz konkreten Problemen und Fragen der Digitalisierung in unserem Alltag auseinander. Sie erläutern das besonders schützenswerte Gut der Privatheit, indem sie aufzeigen, an welchen Stellen unsere privaten Daten entstehen und von digitalen Unternehmen genutzt werden. Ein Leben in Autonomie und Freiheit aber, so die Autoren, könne durch zu viel Zugang zu unseren privatesten Daten in verschiedenen Graden eingeschränkt werden.

Sie setzen sich mit Datenschutz und Überwachung auseinander, mit dem „zwanglosen Zwang“, immer online sein zu müssen, mit den verschiedenen digitalen Gadgets, die uns statt der Verbesserung von Gesundheit oder Fitness doch nur gängeln oder gar an sich ständig steigernden Zielen scheitern lassen. Sie zeigen die Probleme auf, die Fake News in demokratischen Gesellschaften anrichten, erläutern Formen der Online-Gewalt und die verschiedenen Facetten des Gamings.

Im letzten Drittel des Bandes wenden sich die Autoren komplexen Problemen zu, wenn sie sich mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI), mit den Veränderungen unserer Arbeit, der Arbeit 4.0, und unserer Mobilität – Stichwort „selbstfahrerende Autos“ – auseinandersetzen. Dass das letzte Kapital sich dann mit dem Thema der „Haltung“ beschäftigt, mit einer Haltung, die sich eben der Vorteile der Digitalisierung durchaus bewusst ist, die aber auch ihre Grenzen kennt und ihre Auswirkungen auf die verschiedenen Bereiche unserer Gesellschaft, ist dann nur folgerichtig. Und so steht am Ende des Bandes, wofür die einzelnen vorangegangenen Beiträge auf die Folgen und Wirkungen der Digitalisierung schon ihre Beiträge geleistet haben, nämlich mit Hilfe dieser Haltung auch für unsere Zivilität einzustehen.

Wenn auch die diversen Beiträge verschiedene Aspekte der Digitalisierung beleuchten, wenn auch die Autoren versuchen, so konkret wie möglich zu sein, so kann der Band insgesamt so recht nicht überzeugen. Schon die als Grundlage dargelegten ethischen Betrachtungsweisen, die teleologische, die deontologische, die tugendethische Perspektive, sind äußerst knapp formuliert, sind soweit „didaktisch reduziert“, dass kaum noch die philosophischen Kernideen der Konzepte zu erkennen sind. Vor allem aber finden sie sich kaum mehr in den einzelnen Beiträgen wieder, um so eine auf diesen drei Grundlagen ethischer Herangehensweisen vertiefte Auseinandersetzung führen zu können. Das mag dem Erscheinen des Bandes in der Reihe „Kompaktwissen“ geschuldet zu sein, ist aber trotzdem schade.

Schade ist auch, dass dem vollmundigen Hinweis auf eine „narrative“ Ethik mit ihren Möglichkeiten, aus Geschichten lernen zu können, lediglich Textschnipsel aus Zeitungen folgen. Natürlich: die konkreten Beispiele machen die Probleme anschaulich, zeigen die Dilemmata am und im gelebten Leben auf. Als Leserin, die gewohnt ist, aus Geschichten – und ich meine hier explizit die fiktionalen Geschichten – auch ethische Fragestellungen ableiten und abwägen zu können, ist der Begriff in diesem hier verwendeten Zusammenhang doch ein wenig übertrieben.

Die einzelnen Beiträge sind in ihrer Qualität und inhaltlichen Tiefe wiederum sehr unterschiedlich. Manche der Beiträge scheinen mehr das Ziel zu haben, einen fachlichen Aufriss darlegen zu wollen, statt einen ethischen Diskurs anzuzetteln. Hier können Leserinnen und Leser, die sich noch nicht mit den Themen beschäftigt haben, einen zusammenfassenden Überblick bekommen. Andere Beiträge dagegen loten zumindest im Ansatz ethische Fragen aus. So ist der Band für Leserinnen und Leser, die an einer vertieften ethischen Auseinandersetzung Interesse haben, die auch lernen möchten, wie sich die Fragen der Digitalisierung aus den eingangs dargelegten philosophischen Perspektiven diskutieren lassen, kaum empfehlenswert.

Petra Grimm, Tobias O. Kerker, Oliver Zöllner (Hg.) (2019): Digitale Ethik.Leben in vernetzten Welten, Stuttgart, Reclam Verlag

2 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    danke für Deine kritische Auseinandersetzung mit der digitalen Ethik anhand der aktuellen Reclam-Ausgabe.
    Die Aspekte teleologischer, deontologischer und tugendethischer Unterscheidung lesen sich sinnvoll. Wer eine „narrative Ethik“ entwickelt, sollte sie tatsächlich über Zeitungsschnipsel hinaus begründen.
    Die heutzutage häufiger anzutreffende Rede von Werten und Werte-Ethik geht mir auf den Geist. Der Werte-Begriff kommt aus der WIrtschaft, und gerade nicht aus dem philosophischen Diskurs. Daher scheint mir, dass „digitale Werte“ eher bezogen sind auf den Aktien-Kurs von globalen IT-Konzernen und eben nicht auf zuträgliches Zusammenleben.
    Eine politische Ethik der Digitalisierung beachtet nach meinem Dafürhalten:
    o Datenschutz, Datensicherheit, Privatheit sowie Freiheitsrechte vor Dauerüberwachung
    o Digitale Bildung für alle Generationen
    o Volle und gleiche Besteuerung digitaler Unternehmen auf globaler, europäischer und nationaler Ebene
    o dies nicht zuletzt auch zugunsten des offenen Zugangs zu digitalen Medien für alle Menschen
    o sowie die ökologischen und klimapolitischen Aspekte des Gebrauchs, Verbrauchs und Mißbrauchs von Energie, Ressourcen und zugunsten einer nachhaltigen Abfallwirtschaft
    o Gegen Zensur und für journalistische Standards zur Sorgfalt im Umgang mit Informationen und Kommentaren.
    Zum Beispiel der Digitalisierung und Robotik versus Entmenschlichung in der Pflege. Erstmal braucht es mehr Personal zu deutlich besseren Bezügen. Insoweit technische Assistenzen – beispielsweise beim Baden usw. – den Pflegeberuf erleichtern können, finde ich dies nachvollziehbar.
    Danke, Wünsche und Grüße
    Bernd

  2. Lieber Bernd,
    vielen Dank für deinen äußerst ausführlichen Kommentar und deine Gedanken, besser schon: für dein Konzept zur digitalen Ethik. Den Bausteinen, die du für eine digitale Ethik benennst, stimme ich zu. Dass es Werte gibt wie Privatheit im Netz, auch ein Recht auf Ungestörtheit, habe ich als ethische Überlegungen tatsächlich erst bei Sarah Spiekermann und nun auch im Sammelband „Digitale Ethik“ von Grimm et al gelernt. Diese Themen habe ich nie als ethische gesehen, eher als praktische – ich kann ja alle Geräte abschalten oder ausmachen -, vielleicht als rechtliche. Dass sie nun in den verschiedenen Werken zur digitalen Ethik aber abwägend betrachtet werden, sodass sich ein (gesellschaftlicher) Diskurs ergeben kann, das gefällt mir gut.
    Und: deinem Konzept und deinen Forderungen würden wohl auch die Autoren des Reclam-Bandes zustimmen. Aber ihre Beiträge bzw. die Gesamtheit aller Beiträge in Verbindung mit den eigangs formulierten philosophischen Grundlagern sind nicht stimmig. Vielleicht wollten die Autoren mit Blick auf so viele Digitalthemen zu viel, auf Kosten der Tiefe in den einzelnen Artikeln. Vielleicht ist der Band auch mehr für den Einsatz im Unterricht geschrieben. Da schaffen die Artikel zumindest den fachlichen Überblick über die vielen Fragen der Digitalisierung. Nur der ethische Blick gerät dann zu kurz, wenn höchstens die eine oder die andere kritische Frage anklingt. Ohne weiteres Material würde ich jedenfalls damit nicht in den Unterricht gehen.
    An deine Forderung „digitale Bildung für alle Generationen“ machen sich jedenfalls die Schulen – nein falsch: einzelne Lehrerinnen und Lehrer, in der Hoffnung, die Kolleginnen und Kollegen mitzuziehen und ohne viel Untersrtützung ihrer Dienstherren, sondern immer autodidaktisch – auf den Weg.
    Und was deine Blicke auf die Unternehmen und das Thema Steuern betrifft: es wäre zu schön, wenn Politik das auch mehr und entscheidungsfreudiger in den Blick nehmen würde. Vielleicht werden wir es noch erleben…
    Viele Grüße, Claudia

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