Debüt, Lesen, Romane
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Beim Lesen reisen (1) – Sarah Jäger: Nach vorn, nach Süden

Der Blick auf die Bücher, die ich im März gelesen habe und das Buch, das ich gerade angefangen habe zu lesen, zeigt, dass sich so ganz zufällig eine schöne kleine thematische Reihe ergeben hat. Eine Romanreihe, die vom Reisen erzählt und so die Stoffe für die Erlebnisse liefert, die wir gerade in unserer Quarantäne nicht selber erfahren können, sondern nur durch das Miterleben beim Lesen.
Heute geht es erst einmal los mit einem Jugendbuch. Das ist nicht unbedingt das Genre, das oft auf diesem Blog häufig vorkommt. Dafür ist aber die Autorin in der Blogwelt zumindest den meisten schon bekannt, nämlich als eine der Betreiberinnen der Seite www.dasdebuet.com, die in diesem Jahr schon zum fünften Mal „Das Debüt 2020 – Bloggerpreis für Literatur“ ausrichten. Und wie schön, dass sie auch selbst für ihren Erstling Monat für Monat öffentliches Lob einsammelt. So zum Beispiel den von DIE ZEIT und Radio Bremen vergebvergeben von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur.

Nach vorne zu gehen, ist nicht jedermanns Sache. Schon gar nicht die der Ich-Erzählerin. Wenn sie zu spät kommt zur Feier im Hinterhof, dann schaut keiner auf, wenn sie einen Witz macht, dann lacht keiner. Und ihren Namen, ihren richtigen Namen, den hat sie auch, so meint sie, am Hinterhofeingang abgegeben. „Entenarsch“ hat Jo sie genannte und die anderen Aushilfen haben es übernommen. Und es trifft sie ins Mark, zieht sie doch immer weite lange T-Shirts an, um ihre Problemzone zu verstecken.

Die Ich-Erzählerin studiert schon ein Jahr, aber sie fragt sich immer öfter, was sie anfangen soll mit „Linguistik I“, mit „Heldenfiguren im Deutschunterricht“ und der „Mündlichen Diskurstheorie“. Und wer weiß schon mit 19 Jahren so genau, ob oder dass er Lehrerin werden möchte? Mit dem Auto, das ihre Eltern ihr zum Abitur geschenkt haben, ist sie kaum gefahren. Und den Koffer, den sie gleich dazu bekommen hat, hat sie auch noch nicht gebraucht. So richtig weiß sie noch nicht, was sie mit ihrem Leben anfangen will. Aber zu den Aushilfen im Hinterhof möchte sie schon gerne zugehören, auch wenn sie sich mehr als Außenseiterin fühlt.

Den Hinterhof, ein asphaltiertes Quadrat irgendwo im Ruhrgebiet, vielleicht ja in Essen, Mauern an den Seiten, vollgestellt mit den ungenutzten Paletten des Marktes, haben sich die Aushilfen des Penny-Marktes erobert. Für ihre Pausen, mehr noch als Treffpunkt für ihre freien Zeiten, „für Feiertage und Feierabende und alle möglichen anderen Feiern“. Der frühere Filialleiter des Marktes, „der Wendthoff“, hat noch versucht, den Jugendlichen den Hinterhof zu verbieten, der neue Wendthoff, der eigentlich Müller heißt, hat ihn ihnen überlassen. Dort treffen sie sich, sitzen auf den Holzpaletten oder den Stühlen, die Otto mitgebracht hat, und wenn es regnet unter dem Plastikdach, das Pavel im letzten Herbst aus Plastikhüllen gebaut hat. Da sitzen dann Vika, Can, Marie und die Brüder Leroy und Marvin.

Heute feiern sie Maries Realschulabschluss. Can grillt Würstchen, was oft nicht so gut klappt. Otto, der in einer Punkband mit dem denkwürdigen Namen Blümchenschlüpper den Bass spielt, hat seine neue Freundin Yasmin eingeladen, was Vika erzürnt, obwohl sie mit Otto Schluss gemacht hat. Daran hat auch Fine nichts geändert, ihre gemeinsame Tochter. Und Pavel, „unser Pavel“ genannt, erzählt von seinem Plan, einen Aussichtsturm an der Mauer des Hinterhofs bauen zu wollen. Sie brauchten doch eine bessere Sicht in die Ferne, meint er.

Die Ich-Erzählerin kommt zu spät zur Feier und merkt gleich „Niemand hebt den Kopf, nicht jeder wird im Hinterhof vermisst.“ Die Jugendlichen erzählen sich ihren Kummer, spötteln übereinander, wenn einer mal wieder ein Sprichwort vermasselt hat und der Erzählerin entschlüpft, als Can sagt, dass er nächstes Jahr sein Abi machen will: „im zweiten Anlauf“. Vielleicht sind ja ihre immer wieder sehr spitzen Sprüche der Grund, von der Gruppe nicht so recht aufgenommen zu werden. Und nun ist ihr der Satz auch noch ausgerechnet gegen Can herausgerutscht.

Und dann kommt die Rede auf Jo. Jo, der seit ein paar Monaten nicht mehr da ist, abgehauen und keiner weiß so richtig wohin. Marie, die bis kurz vorher seine Freundin war, vermisst ihn schrecklich und macht sich Sorgen. Auch den anderen fallen wieder Jos mit Mullbinden umwickelte Handgelenke ein. Gemeinsam überlegen sie, wie und wo sie Jo suchen könnten und wen sie noch fragen können. Immerhin hat Marie ein paar Postkarten von ihm, man könnte also die Städte abfahren, wo die Karten abgestempelt wurden. Aber wie sollten sie dahin kommen? Keiner ist 18, keiner hat ein Auto.

„Ich hätte ein Auto und einen Führerschein.“ Ich gucke in die Runde, um herauszufinden, wer das gesagt hat. Und stelle dann fest, dass ich es gewesen bin.“

So geht die Reise los, mit Marie und Can im altersschwachen und unklimatisierten Corsa der Ich-Erzählerin. Sie ist eine denkbar schlechte Autofahrerin, die am Anfang den Wagen an jeder Ampel abwürgt, die sich weigert, über die Autobahn zu fahren. Sie haben kaum einen Anhaltspunkt, wo Jo jetzt ist, und wenig Geld: Sarah Jäger schickt ihre jugendlichen Protagonisten auf eine schier aussichtslose Mission, sie sind einfach „scheiße vorbereitet“.

Auf so ein Abenteuer mit ganz ungewissem Ausgang lässt man sich nur ein, wenn man jung ist. Wenn man sich die langen Fahrzeiten im Auto mit witzigen Dialogen vertreibt, von Pavel die Sehenswürdigkeiten am Wegrand gemeldet bekommt – und sie auch ansteuert. Wenn alle, auch die, die zu Hause geblieben sind, ihre Fähigkeitenund Ideen einbringen, um Probleme auf der Reise schnell zu lösen. Um dabei nicht nur eine Reise durch Deutschland zu unternehmen, sondern auch eine durch die Schichten der Gesellschaft, so unvoreingenommen, wie es später, wenn alle älter sind, nicht mehr klappt. Und die Ich-Erzählerin nimmt uns dabei mit, erzählt im Präsens, unmittelbar, ohne Filter. Nur alles erzählt sie uns noch lange nicht.

So wie es Sarah Jäger gelingt, die Ich-Erzählerin und die anderen Protagonisten vom Hinterhof mit einigen wenigen Sätzen ganz lebendig vor dem Auge der Leserin erscheinen zu lassen, so gelingt ihr auch eine rasante Geschichte auf der Landstraße mit unerwarteten Wendungen und viel Witz. Aber eben auch mit den Themen, die ein Erwachsenwerden ausmacht: Freundschaft und Solidarität sind das und Verantwortung, die die die Figuren übernehmen, aus Sorge um den anderen und um einen eigenen großen Fehler wieder gut zu machen. Und für die Ich-Erzählerin mit ihrem unsinnigen Studium und dem despektierlichen Spitznamen geht es auch um ihre Identität:

„Ob Namen Realität schaffen oder Realität nur in Namen ausgedrückt wird. Oder ob Realität und Namen zwei Paar Schuhe sind. Die Realität ist ein Paar ausgelatschter Sneakers, an denen man nicht riechen sollte, und Namen sind High Heels, die den kleinen Zeh einklemmen und an der Hacke böse Blasen machen.“

Die Protagonisten, so jung sie sind, tragen schon jede Menge Last auf ihren Schultern: getrennte Eltern, ein verstorbener Bruder, ein Kind, prekäre wirtschaftliche Verhältnisse und die Aussicht, nicht viel mehr Chancen im Leben zu bekommen, als eine Karriere im Einzelhandel. Aber davon lassen sie sich nun in diesem heißen Sommer nicht entmutigen, sondern gehen die Suche von Jo und die sich bietenden Abenteuer mit viel Herz und Verstand und vor allem Gewitztheit an.

„Nach vorn, nach Süden“ ist eine gut ausbalancierte Geschichte, mit vielen verrückten Ideen, lustig, verrückt und skurril und auch nachdenklich, tragisch und melancholisch. Eine Geschichte, die auch den ganz erwachsenen Lesern noch einmal erzählt, wie es war als junge Erwachsene, mit den vorgeblich unendlichen Möglichkeiten, mit den Hoffnungen auf das kleine Glück und denkrichtigen Platz im Leben. Die Ich-Erzählerin jedenfalls geht dann doch richtig nach vorn. Sie beendet ihre Suche, macht ihren Fehler gut und findet ihren Platz im Hinterhof. Mit allem, was dazugehört.

Sarah Jäger (2020). Nach vorn, nach Süden, Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag

3 Kommentare

  1. Wenn man deinen Beitrag liest, möchte man nochmal viel, viel jünger sein, sich einfach ins Auto setzen und drauf losfahren. Natürlich in Zeiten ohne Corona. Das liest sich richtig gut, wie du das Buch beschreibst, das weckt Fernweh und ein wenig „Alters“wehmut 🙂

    • Vielen Dank, liebe Birgit, für dein super nettes Feedback. Ich habe den Roman wirklich mit ziemlich viel Wehmut gelesen. Auch wenn ich nie Jo oder jemanden anderen gesucht habe. Aber einfach ins Auto zu steigen, ein paar Klamotten in der Tasche und los auf irgendein (Volleyball-)Freiluft-Turinier in Holland, an die See, nach Frankreich zum Zelten – diese Leichtigkeit, Spontaneität, Unbekümmertheit, die gibt es heute nicht mehr. Und so lustig wie im Auto der Ich-Erzählerin ist es auch nicht immer.
      Dafür aber – auch nicht verkehrt – haben wir unseren Platz im Leben gefunden. Das ist ja vielleicht auch nicht verkehrt :-).
      Viele Grüße und besonders schöne Ostertage, Claudia

  2. Anonymous sagt

    Das klingt nach guter Sommerlektüre, Wehmut und Witz, eine vielversprechende Mischung. Dir nun erst einmal trotz allem friedliche Ostertage, bleibt gesund. LG Anna

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