Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane
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Beim Lesen reisen (2) – Nava Ebrahimi: Das Paradies meines Nachbarn

Der zweite Roman meiner kleinen Reiseserie spielt in München, in Teheran und in Dubai. Anders als Sarah Jägers Geschichte ist dies aber keine Road-Novel. Die Protagonisten reisen nicht auf der Landstraße, nicht einmal auf der Autobahn und können so auch keine Abenteuer rechts und links der Straßen bestehen. Nava Ebrahimis Figuren nehmen – so wie es sich für Menschen des 21. Jahrhunderts gehört – das Flugzeug, wenn sie eine größere Reise antreten. Und so spielen Landschaften und Sehenswürdigkeiten, nicht einmal in Dubai, eine Rolle. Dass sie aber am Ende der Reise in Dubai alle in den Bars, auf den Zimmern und in den Salons der Hotels doch etwas ganz Neues erleben und mehr über sich erfahren und gelernt haben, verbindet das Setting dieses Romans mit der Road Novel.

Sina Khosbin ist Produktdesigner in einer Münchner Agentur, die schon längst nicht mehr selbstständig arbeitet, sondern von einem Küchengerätehersteller aufgekauft wurde. Sina ist Ende 30, verheiratet mit Katharina, einer Resilienzforscherin, und hat eine Tochter. Seine Entwürfe von Toastern, Smoothie-Makern und Thermoskannen haben keinen Esprit mehr, die hochtrabend formulierten Anforderungen an neue Designs nerven ihn nur noch. Der Job als Kreativchef, für den er sich zwar nicht beworben, auf den er aber irgendwie doch gehofft hat, wird ihm nicht angeboten. Stattdessen wird ein Designer eingestellt, den alle Kollegen schon kennen, außer Sina.

Ali Najjar heißt der neue Vorgesetzte, ein Iraner, der durch die Life-Style-Magazine gereicht wird, weil so toll ist, wie er es geschafft hat, von der Front, an die er als Kindersoldat im Iran-Irak-Krieg geschickt wurde, in Deutschland gleich bis in den Design-Olymp aufzusteigen. Schon nach seiner Abschlussarbeit an der Fachhochschule hat er einer Zeitung in einem Interview erzählt, wie er mit dreißig anderen Jungen seiner Schule zur Front gefahren wurde, nicht für den Krieg ausgebildet, nicht bewaffnet. Und wie er sich dabei erinnert an die große Erzählung in der Schule: „Fürchtet euch nicht“, hatten die Lehrer gesagt, „ihr werdet im Paradies erwachen.“ Die Eltern haben ihm erklärt, das sei Propaganda.

„Trotz allem, als ich aus dem Busfenster die karge Landschaft betrachtete, malte ich mir das Paradies aus. Darin konnte ich den ganzen Tag Fußball spielen oder im Bett liegen, Cola trinken, Eis essen, Knight Rider gucken und Autos zeichnen, die meine Mutter dann, sobald der Entwurf fertig war, vorfuhr und mir übergab. In meinem Paradies besaß ich natürlich einen Führerschein.

Mein Sitznachbar, ein Jahr älter als ich, stellte sich das Paradies ganz anders vor. Sollte es sein, dass jeder sein Paradies selbst gestalten konnte? Ja, schloss ich, schließlich konnte das Paradies meines Nachbarn meine Hölle sein.“ Und umgekehrt, möchte man vor dem Hinterggrund seiner weiteren Geschichte hinzufügen.

Am ersten Tag in Sinas Agentur hält er jedenfalls eine – dem Klischee entsprechend – furchteinflößende Rede. Dann schmeißt er – wiederum dem Klischee entsprechend – alle Mitarbeiter raus, deren Verträge das hergeben. Und natürlich trägt er Gegner ein ein T-Shirt mit der Aufschrift „No Pressure No Diamonds“.

Sina beäugt den neuen Vorgesetzten, der ihn  so einschüchtert, vor dem er sich so fürchtet. Wie Ali mit einem wichtigen Kunden spricht, einem Hersteller für Soundsysteme, ist ja auch auch mehr als beeindruckend. Erst füttert Ali ihn mit den üblichen Begriffen „user experience“, „ikonisch“, „mehr architecture als product“. Und dann verspricht er:

„Wir arbeiten gerade an neuen Entwürfen, die das Thema Licht aufgreifen, (…) an Multi-Facettenentwürfen, triangulierten Körpern, bei denen die Facetten fließend ineinander übergehen, wie das Licht, das den Tag über wandert. Oder treffender, bitte fürs Wording schon einmal notieren: Das Licht tanzt. Zwar ist es der Sound, der sich durch den Raum bewegt, aber wir lassen den Eindruck entstehen, dass sich der Lautsprecher selbst bewegt. Messinge Oberflächenstruktur, schlankes, anmutiges Design, kurvige, dynamische Silhouette. (…) Das wird richtig geil.“

Dieser Ali ist schon ein „Scheißkerl“, das sagt er selbst über sich. Weil sein Credo ist, niemals mehr ein Opfer sein, deshalb, so meint er, müsse er zum Täter werden. Und es dauert auch nicht lange, bis er Sina in sein durchgestyltes Büro bestellt und dort, er hat sein T-Shirt mit den Diamanten-Spruch an, schnell zur Sache kommt. Als „Schlafparalyse“ könne man doch nur bezeichnen, was Sina da als Entwurf einer Thermoskanne für Unternehmen entwickelt habe, die „ducken sich doch nur weg“, sähen aus, als fühlten sie sich ungeliebt. Sina fällt nichts weiter  ein, als um ein Sabbatical zu bitten.

Sina und Ali führen also in München, im Büro oder mittags im Schnitzelhaus, ihre dekadenten Scharmützel. So, wie man es in einer Designagentur ja auch erwartet. Im Wettstreit mit Ali hat Sina ja von Anfang an die schlechteren Karten. Nicht nur, weil er nicht so ohne Rücksicht Karriere macht, sondern vor allem, weil er nicht die richtige Biografie mitbringt, weil er eben nicht als Kindersoldat an der Front verheizt und dann doch in Deutschland seinen Weg gegangen ist. Sina, dessen Nachmane Optimist bedeutet, kann „nur“ einen iranischen Vater aufweisen. Der sich nach Amerika abgesetzt hat und dort für Sina kaum erreichbar ist.

Diesen ersten Kapiteln in der Agentur, wechselseitig erzählt aus der Perspektiven von Sina und Ali,  sind Kapitel zwischengeschaltet, in denen eine weitere Stimme zu hören ist. Es ist die von Ali-Reza, der in Teheran lebt und den Telefonanruf vom Tod seiner Mutter entgegennimmt. Die ihm aber recht fremd geworden ist. Es gibt eine andere Frau, Maryam, die für ihn eine viel wicpflegte, die ihm eine zweite Mutter geworden ist. Die ihn als 13-Jährigen von der Straße gerettet hat, so erinnert er sich zu Beginn des Romans, die ihm aber auch die schlimmste Zeit seines Lebens eingebracht hat, als Kindersoldat an die Front: „Sie war Rettung und Verhängnis für ihn gewesen, aber am Ende mehr Rettung.“

Es sind sicherlich die eindringlichsten Sätze dieses Romans, wenn Ali-Reza sich zurückerinnert an die Front, an die Arbeit der Kinder, die für die nachrückenden Soldaten mit nichts als ihren Körpern die Minen entschärfen. Wenn er sich erinnert, wie er Freund um Freund verliert, kaum dass eine engere Beziehung geknüpft ist, wie er über das Feld rennt und nicht stehenbleiben darf, wie er Schüsse hört und Explosionen und über allem der Geruch nach verbranntem Fleisch hängt. Dass Ali-Reza, der diese Hölle überlebt hat und die psychischen und physischen Traumata dieser menschenverachtenden Kriegspraxis mit sich trägt, davon Ali Najjar endlich erzählen möchte, ist nur zu verständlich.

Die Verbindung zwischen Ali Najjar und Ali-Reza, die sich durch Maryam ergibt, die durchschaut die Leserin, wenn auch nicht in allen Details, sehr schnell. Auch dass der Briefs Maryams, ihr Vermächtnis, der nun von Ali-Reza in Dubai an den anderen Ali überbracht wird, die Aufarbeitung der Schuld an den Sohn delegiert. Es ist aber doch die Frage, ob eine Romankonzeption, die Aufklärung als Ziel und dabei den klassischen auf Spannung setzenden Verlauf hat, für dieses so existentielle, so zynische Thema der Kindersoldaten die richtige ist.

Und weiter: Die so grell ausgeleuchteten Charaktere und die so gegensätzlich konzipierten Milieus schaffen eine plakativ gestaltete Erzählwelt, keine, in der die Figuren, ihre Verletzungen, ihre Identitätssuche mit feinem Strich gezeichnet und entlang den Begebenheiten ihres Lebens erzählt werden. Dabei hätte der Stoff dafür doch die besten Voraussetzungen.

Als Ali-Reza zum Treffen nach Dubai lädt, als Najjar ahnt, dass es unbequem werden könnte, findet er schnell einen Stellvertreter. Schließlich ist Sina Halb-Iraner und hat gerade Zeit: „Hey Khoshbin, ich bin´s Ali. Rasier dir den Schädel und pack deine Sachen, wir fliegen nach Dubai.“ Und Sina rasiert sich den Schädel, packt ein paar Sachen zusammen und besorgt in Dubai, während Najjar im Pool planscht, Geschenke für die Kinder zu Hause.  Und hört sich Ali-Rezas Geschichte an, die er nicht einmal versteht, weil er kein Persisch spricht. Das Paradies meines Nachbarn kann meine Hölle sein.

Nava Ebrahimi (2020): Das Paradies meines Nachbarn, München btb Verlag

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