Lesen, Reportagen
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Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus

Die Reportage ist eine ganz besondere journalistische Textsorte. Damit die Leser bedeutsame Situationen miterleben und nachempfinden, damit sie das Gefühl haben, bei den Ereignissen mit vor Ort zu sein, dort zu sehen und hören, was passiert, wird der Reporter zu einem übermittelnden Medium. Er schreibt auf, was er am Schauplatz der wissenswerten und aufregenden, vielleicht auch erstaunlichen Vorgänge erlebt hat, er notiert, mit wem er gesprochen und was er beobachtet hat, er erzählt die Geschichte einer Betroffenen. Er übermittelt also die Situation so lebensnah wie möglich, mit dem Ziel, beim Leser ein „Kopfkino“ zum Laufen zu bringen.

Damit diese eine Situation, die hier für ein vertieftes Verständnis beim Leser sorgen soll, aber auch umfassend verstanden werden kann, bedarf es einer Einordnung der erzählten Szenen in einen faktenorientierten Hintergrund. Hier kommt also die journalistische Recherche zum Zug, hier werden Daten vermittelt, hier wird reflektiert und analysiert. Und es geht natürlich auch immer um die Frage nach der Wahrheit, der Überprüfbarkeit und der Echtheit – sowohl der erzählten Situation als auch der dazugehörenden Informationen.

Da löste der Spiegel im Dezember 2018 ein mittelschweres journalistisches Beben aus, als er mit der Nachricht an die Öffentlichkeit ging, dass einer seiner Reporter, der mit vielen Preisen ausgezeichnete Claas Relotius, es mit der Wahrheit und der Nachprüfbarkeit der Fakten nicht ernst genommen habe. Dass Relotius über Jahre hinweg die Redaktion und die Dokumentation, das ist die Abteilung, die die Inhalte der Reportagen überprüft, getäuscht habe. Dass vieler seiner Texte nicht auf wahren Begebenheiten beruhen, sondern mehr oder weniger ausgedachte Figuren oder Situationen enthalten.

Entdeckt hat diese Unwahrheiten in den Reportagen Claas Relotius´ der Spiegel-Kollege Juan Moreno. Der im November 2018, er war gerade wegen einer anderen Recherche in Mexiko, aus Hamburg den Auftrag erhielt, eine Geschichte aus dem Flüchtlingstreck durch Mexiko Richtung USA zu einer größeren Reportage beizusteuern. Den anderen Part solle Claas Relotius liefern, der in den Süden der USA, an die Grenze reisen würde, um dort Kontakt zu den Bürgerwehren aufzunehmen.

„Die Geschichte kann man machen, dachte ich. Ein klassischer Konflikt, Protagonist und Antagonist, um anhand von ihnen den großen Zusammenhang zu verdeutlichen. Mir gefiel gerade, dass sie erwartbar klang. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass solche Schreibtischplots meist in einem vollen Notizbuch enden, in dem die anfangs zurecht gelegten Klischees implodieren. Zwar kann man sich am Schreibtisch die Welt zusammenphantasieren, wie man will, doch irgendwann fährt man los und stellt fest, dass es ganz anders ist. Es ist unmöglich, zwei Wochen ernsthaft zu recherchieren und nichts Neues zu lernen.“

Auch wenn Moreno viel interessantere Menschen auf dem Treck sieht, „eine Gruppe guatemaltekische Drag-Queens“ beispielsweise, so kommt er dem ganz konkreten Auftrag seines Ressortleiters, Matthias Geyer, nach und sucht nach einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren Kindern reist. Er findet Aleyda aus Honduras und begleitet sie vier Tage. Dabei erzählt sie ihm, dass sie zu Hause abgehauen ist, weil ihr Mann trinkt und sie schlägt, weil sie hofft, bei einer ihrer Tanten in den USA eine Arbeit zu finden und ein besseres Leben.

Während Moreno das alles herausfindet und – mit aller Vorsicht, weil er nicht weiß, ob Aleyda die Wahrheit erzählt – im Notizbuch notiert, versucht Relotius in den USA an eine der Bürgerwehren heranzukommen. Es sei schwer, so mailt er immer wieder, zu einer solchen Gruppe Vertrauen aufzubauen, sodass die ihn dann mitnehme. Und auch Moreno hat so seine Vorbehalte, ob solch ein Kontakt sich in der kurzen Zeit, die die beiden mit Blick auf das geplante Erscheinungsdatum des Artikels zur Recherche haben, herstellen lässt. Immerhin ist er mit den Gruppen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze vertraut und kennt ihre Scheu vor Journalisten. Vorbehalte gegen eine Kooperation mit Relotius scheint er jetzt schon zu haben und spricht sie auch gegenüber seinem Chef an. Schließlich entschuldigt sich Moreno bei Geyer und schiebt seine Bedenken wegen der Kooperation auf seine gekränkte Eitelkeit.

Trotzdem: Es gibt zu viele denkwürdige Vorfälle im Prozess der Zusammenarbeit, die Moreno immer wieder überraschen, weil sie ihm einfach unglaubwürdig erscheinen. Dass Relotius dann doch so schnell einen Zugang zu einer Gruppe findet, dass die ihn nachts mitnimmt, ihn Bilder machen lässt, aber keinen professionellen Fotografen dabei haben wollen. Dass einer der Mitglieder der Gruppe, obwohl ein Journalist dabei  ist, einfach in die Wüste schießt, nicht wissend, ob die Bewegung, die eine der Überwachungskameras aufgenommen hat, von einem Tier oder einem Menschen stammt. Und nicht zuletzt ärgert er sich auch, wenn Relotius, der demnächst sein Chef werden wird und den Artikel federführend „zusammenschreibt“, ihm seine analysierenden und reflektierenden Passagen wegstreicht und ihn auffordert, mehr zu erzählen, näher an Aleyda und ihre Kinder zu rücken. Der Konflikt um die Sache vermischt sich also mit persönlichen Animositäten.

Moreno schreibt packend über den Verlauf seiner Nachforschungen, über seine Hinweise in die Spiegel-Redaktion, die ihm aber nicht abgenommen werden, über seine Reise in die USA, seine Interviews mit den vermeintlichen Protagonisten. Er erzählt über sich, seine Geschichte als Journalist mit spanischen Wurzeln in einer Redaktion mit Kolleginnen und Kollegen, die zumeist einem akademischen Milieu entstammen. Er erklärt seine Situation als fester Freier, dem wegen seiner Hinweise, Relotius´ habe bewusst getäuscht und gelogen, die sofortige Kündigung seines Vertrags angedroht wird. Er zitiert den Mitarbeiter aus der Dokumentation, der sagt, er würde auf jeden Fall Relotius glauben – und damit meint, dass Moreno die Unwahrheit sagt. Und zeichnet nach, wie es Relotius immer wieder gelingt, die Vorwürfe zu entkräften, den Spieß umzudrehen. Moreno schreibt also eine Reportage über den Fall Relotius. Der auch sein eigener ist, auch wenn er das nie wollte.

Die Geschichte um den Betrugsfall der Arbeiten von Claas Relotius ist, so im Zusammenhang gelesen, noch einmal spannend. Die immer wieder erfolgenden Einschübe, in denen Moreno Hintergründe über die Arbeit beim Spiegel darstellt oder die Reaktionen von Relotius und seinen Chefs im Detail darlegt, machen die ganze komplexe Geschichte erfahrbar. Es wird hier auch noch einmal sehr deutlich, in welche Gefahr sich Whistleblower begeben. Natürlich, denn bis ein Hinweis auch tatsächlich bewiesen ist, kann es sich ja schließlich auch um üble Nachrede handeln, um Denunziation.

Moreno reflektiert zum Schluss seiner Geschichte aber auch über die Aufgaben des Journalismus in Zeiten von Fake News und über die Reportage und die Anforderungen an nachweisbare Fakten. Und hier liest sich sein Buch als flammendes Plädoyer für einen Journalismus, der sich – natürlich – am Ort des Geschehens umschaut und dem Leser seine Erfahrungen nahe bringt. Der dann auch wertet, deutet und interpretiert, der einordnet und Schlüsse zieht. Weil jeder Internetnutzer die reine Information jederzeit erhalten kann. Um die Information aber einordnen zu können, um sie werten zu können, braucht er den Journalisten, der diese Einordnung mitliefert. All das aber muss auf Tatsachen beruhen, auf Fakten, die überprüfbar sind. Es ist anzunehmen, dass Moreno beim Niederschreiben seiner Story diese Anforderungen an eine „gute“ Reportage umgesetzt hat.

Natürlich hat Relotius Moreno verklagt, ungefähr 20 Textstellen seien falsch. Die meisten scheinen eher unwichtiger Natur zu sein. Es wäre wirklich schade, wenn Moreno bei seiner engagierten Aufarbeitung schwerwiegende Fehler passiert wären. Wegen des Auftrags, den der Journalismus hat, wegen seiner großen Bedeutung bei gleichzeitig schwindenden Geldquellen. Und weil Moreno sich in seinem Buch ja genau für diesen Journalismus so einsetzt.
Juan Moreno (2019): Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus, Berlin, rowohlt Berlin

Artikel zur Reaktion Relotius´ auf Morenoas Buch findet ihr hier und hier

Den Abschlussbericht des Spiegel zur Relotius-Affäre könnt ihr hier lesen.

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