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Ulrike Draesner: Kanalschwimmer

Die Fakten sind denkbar klar: Die Luftlinie zwischen Dover und Calais beträgt ca. 32 km, doch wer den Kanal schwimmend durchquert, legt wegen der starken Strömung und der Gezeiten oft eine längere Strecke zurück. Dabei gilt: Je schwächer der Schwimmer ist, desto mehr wird er abgetrieben und desto länger wird die Strecke. Und das bei Wassertemperaturen selbst im Hochsommer von ca 17 Grad. Dabei wird ein Swim nur gewertet, wenn man ihn so bewältigt, wie es der Pionier dieses Langstreckenschwimmens, Captain Matthew Webb, 1875 vorgemacht hat, nämlich mit Badehose oder Badeanzug, Schwimmbrille und Schwimmhaube, alle anderen Hilfsmittel sind tabu. Ein Mitglied eines der Verbände, der die Überquerung festhält und protokolliert – und der Versicherung gegenüber im Fall der Fälle erklärt, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist – sitzt im Beiboot. Das wird gesteuert von einem „Piloten“, dieser hier heißt Brendan, der dafür sorgt, dass der Schwimmer regelmäßig isst und trinkt, der darauf achtet, nicht in die Fahrrinne der Schiffe zu gelangen und der seinen Schützling im Falle einer totalen Erschöpfung frühzeitig aus dem Wasser holt.

Was treibt, so fragt man sich recht ratlos, die Menschen an, die sich auf diese Tortur einlassen. Die unfassbare 15, 19 oder gar 25 Stunden schwimmend diesen Kanal durchqueren, zusammen mit unzähligen Frachtschiffen und Fähren, vom Müll in der Zone Z mal ganz abgesehen? Bei Charles, dem Anfang 60-jährigen Protagonisten, einem Biochemie-Professor, mag es ein Lebenstraum gewesen sein, denn er schwimmt schon im Verein, seit er ein kleiner Junge ist, angetrieben von der Liebe zur See, die sein Großvater ihm mitgegeben hat. Bisher aber hat Charles keine Anstrengungen unternommen, sich auf die lange Strecke vorzubereiten. Nun aber, nun da Maude, seine Ehefrau seit fast vierzig Jahren, erst aus Düsseldorf nach London zurückkehren wollte und ihm dann dort noch eröffnet hat, dass sie das schöne viktorianische Haus auch mit Silas, dem Freund seit Jugendtagen, teilen möchte, nun macht er sein Vorhaben einer Ärmelkanaldurchquerung wahr.

Ein Jahr lang, in dem er das Haus in London weitestgehend meidet, bereitet er sich in Oxford, wo er wieder an der Uni lehrt und auch wohnt, vor. Er engagiert einen Coach, härtet sich den Winter über frühmorgens vor der Arbeit im kalten Flusswasser der Isis, so heißt hier die Themse, ab, eine viertel Stunde schwimmt er zuerst, dann eine halbe, später eine ganze Stunde. Er isst so viel, dass er trotz des Trainings 8 kg zunimmt, eine Fettschicht gegen die Kälte, so wie die Robben sie haben.

Mit Brendan spricht er am Tag vor seinem Swim. Der gibt ihm letzte Hinweise. Vor allem aber legt er ihm eine Liste vor mit den Namen derjenigen, die die Kanaldurchquerung in den letzten Jahren nicht überlebt haben. Und noch etwas anderes zeigt ihm die Liste: Die letzte Meile ist die heikelste. Brendan spricht mit Charles auch über die große Enttäuschung, wenn es nicht klappt. Denn damit müsse jeder rechnen. Charles aber denkt längst daran, wie es losgehen wird am nächsten Morgen:

„Ihn im Schlepptau, würden sie ausfahren. Die Klippen fast durchsichtig in der Morgendämmerung. Richtung Südosten Schlitze im Firmament von körnigem Blaugrau. Brendan würde entscheiden, ob Charles´ Versuch stattfand. Last-minute-Nachrichten, Wetterkontrollen auf www.windy.com.

 Ihn im Schlepptau. So sähe das aus. In Wirklichkeit wären sie durch nichts miteinander verbunden.

Antwortetet man dem Piloten nicht oder trat man nur auf der Stelle, zog die Crew einen heraus. Das Recht auf eine eigene Entscheidung gab man ab. Das Recht auf Gegenwehr.

Wann brach eine Zukunft zusammen?

Wann entschied sich, dass ein Wunsch sich nie erfüllen würde?“

Doppeldeutig sind seine Überlegungen. Denn es ist nicht nur die Entscheidung, ob er den Kanal schwimmend durchmessen wird, die er an den Piloten abgibt. Auch die Entscheidung darüber, wie er in Zukunft leben wird, hat längst eine andere getroffen. Es ist Maud, die sich entschieden hat und die damit auch über seine Zukunft bestimmt. Charles, dem offensichtlich bisher alles so einfach gelang, die viele Jahre währende Ehe mit Maud, eine Tochter, die Professur in Düsseldorf, dann in Oxford, ist nun die Zukunft zusammengebrochen. Mehrfach wiederholt er diesen Satz. Immerhin: Er hat mit strenger Disziplin sein Schwimmprojekt vorangetrieben, hat seinen Körper und seinen Geist auf die stundenlange Prozedur vorbereitet, hat hier – wenigstens – die volle Kontrolle gehabt.

Es könnte eine langatmig-ermüdende Lektüre werden, Charles bei seinen Armzügen zu begleiten: „Eintauchen, Armzug, Armzug, Armzug etc. Auf sechs hoch, Luft“. Ist es aber nicht. Denn Ulrike Draesner findet in Charles Innen- und Außenwelt so vieles Bemerkenswertes, weiß die beiden Ebenen so geschickt zueinander in Beziehung zu setzen, dass hier gleich mehrere Spannungsbögen entstehen, Cliffhanger inklusive. Denn da ist ja zunächst die Frage, ob Charles es bis auf den französischen Strand schafft, ob er seinen Traum umsetzen kann oder Brendan, der Menschenfischer, ihn irgendwann aus dem Wasser herauszieht.

Dann ist da ja auch noch die Frage, wie es weitergehen soll im viktorianischen Haus mit Maud und Silas und Charles. Während er schwimmt, durchlebt Charles noch einmal die Sommer in den 1970er Jahren, als er mit Silas auf Sylt die Ferien verbrachte und sie dort die Schwestern Abigail und Maud kennenlernten und sich schnell zwei Paare bildeten: Charles und Abigail, Silas und Maud. Und er denkt nach über einen Brief, den er damals Maud geschrieben hat und der eine Lüge enthielt, „Sein Lügenbrief. Nein. Sein Liebes-Lügenbrief. Sein Liebesbrief. Mit Notlüge.“

Langatmig und ermüdend wird es aber eben auch nicht, weil hier Ulrike Draesner erzählt, die Lyrikerin, die in ihren Text Sprachbilder hinein webt und so der Leserin einen ganz neuen Blick auf die Natur vermittelt. Da gibt es den Bereich der „stillen See“, wenn die Wellen in sich zusammenfallen und sich das Wasser „entspannt“, da gibt es ein „Sausen, unendlich flach, das sich strudelteigdünn ausbreitet zwischen der flüssigen Weite und der über ihr stehenden Luft“, da rollen, kurz vor einem Gewitter, „graugrüne Zäune über den Himmel, im Kanal flackerten silberne Striemen.“ Charles´ Blick, schon im Londoner Haus in der Souterrain-Küche, eingeschränkt durch die bewachsene Böschung vor dem Küchenfenster, lässt ihm auch hier, beim Schwimmen und beim abwechselnden Blick nach rechts und links, seine Umgebung nicht vollständig wahrnehmen, sondern ermöglicht immer kurze Blicke, Blitzlichtern gleich, auf seine äußere Umwelt. So wie Charles der unverstellt freie Blick auf seine äußere Umgebung fehlt, so fehlt ihm eben auch der „Durchblick“ in seiner inneren Welt.

Und dann ist da auch noch die Kälte, die ihn beim Schwimmen begleitet, ihm manchmal gar wie Hitze vorkommt, und die auf einer anderen Deutungsebene dafür steht, dass seine Beziehungen zu Maud, zu Abigail und zu Silas kalt sind, auf Rationalität und Funktionalität gebaut. Überhaupt sind es eine Handvoll Motive, die der „Kanalschwimmer“ immer wieder aufgreift: das Meer als Ursprungsort allen Lebens, die Nordsee mit ihren Fossilien tief unten am Boden, die Wale, die Charles im Naturkundemuseum in Oxford betrachtet hat, dann ja auch Ahab, der im Meer den Wal besiegen wollte – und Odysseus, der die Meere bereist hat, bis ihn zu Hause niemand mehr erkannte.

 Trotz all dieser literarischen Bezüge und auch wenn Charles´ Leben und seine Beziehungen ein bisschen blutleer wirken: die kunstvolle Verbindung der existentiellen Schwimmerfahrung mit einer ganz ausgefallenen Naturbeschreibung, das Hin und Her zwischen Charles´ innerem und äußerem Erleben und vor allem die Frage, ob er an der französischen Küste ankommt, das alles macht diesen knappen Roman zu einer außergewöhnlichen Lektüre. Die aber, dies sei hier explizit erwähnt, keineswegs dazu motiviert, es Charles nachtun zu wollen.

Ulrike Draesner (2019): Kanalschwimmer, Hamburg, Mare Verlag

Zur Besprechung des Romans bei Literatur leuchtet geht es hier entlang.

13 Kommentare

  1. Danke Claudia,
    was für eine Strecke Schwimmen, Deine Besprechung und Worte wie „strudelteigdünn“.
    Neben den beziehungsmäßigen Bewandnissen assoziiere ich ungewollt den Brexit …
    Gute Wünsche, schöne Grüße
    Bernd

    • Lieber Bernd,
      So habe ich auch immer wieder gelesen, habe Charles, der aus einer multinationalen kontinaleuropäischen Familie stammt, als den Europäer gesehen und Maud als Britin. Ich denke aber, diese Lesart ginge dann doch ein bisschen zu weit. Der Breit und der Umgang mit Flüchtlingen spielt nur da eine Rolle, wo er sich auch manifest zeigt: die Toblerone beispielsweise wird seit dem Votum zu Charles` Missvergnügen mit einem Berg weniger ausgeliefert. Und das, was ihn in der Nähe der französischen Küste im Wasser begleitet, scheinen wohl drei Drohnen zu sein, die sich den Bewegungen des Schwimmers anpassen. Da scheint Frankreich auch seine Kanalküste vor Einreisen aller Art zu schützen.
      Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Birgit,
      solange der nur literarisch ist, geht es doch 😉. Im „Kanalschwimmer habe ich immerhin gelernt, dass im Jahr rund 1000 Menschen auf den Mount Everest klettern und nur 100 den Kanal durchschwimmen. Und ich kann bei beiden Gruppen die Motivation und den unfassbaren Durchhaltewillen nicht verstehen. Dann doch lieber ein paar Bücher gemütlich auf dem grauen Sofa 😁.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Claudia

      • Ich sah neulich einen Film über die Everest-Fanatiker – blieb zwar gebannt vor dem Bildschirm, aber verstehen konnte ich das auch nicht… da doch lieber Sofatraining mit Bücherwälzen. Dir auch ein schönes Wochenende, Birgit

      • PS: Wobei die Literatur sich ja wunderbar dazu eignet, solche Grenzerfahrungen allgemein auf Existentielles übertragen und dann auch lesend nachvollziehen zu können…

      • Filme schauen und Bücher lesen über diese diese Grenzerfahrungen finde ich ja auch immer wieder … faszinierend (um enmal Mr Spock zu zitieren). Irgendetwas spricht mich da also schon an. Und dann staune ich nur, warum so viele Menschen solche Grenzerfahrungen suchen. Ja, diese Erfahrungen schauend und lesend – vor allem aber sitzend! :-)- nachzuvollziehen, das reicht mir auch völlig.
        Einen gemütlichen Sofaabend wünscht Claudia

      • Hallo Claudia,
        bin ich froh, dass du für uns/mich solche Bücher liest. Sie klingen auf den ersten Blick für mich interessant, da völlig fern meiner eigenen Erfahrungswelt, aber ich würde sie nicht vielleicht nicht durchhalten. Dein Satz, „bei beiden Gruppen die Motivation und den unfassbaren Durchaltewillen nicht [zu] verstehen“, trifft es genau. Letztendlich fehlt bei dem äußeren Plot irgendetwas, das mich anbeißen lässt. Eigentlich auch eine spannende Frage, was lässt uns zu einem Buch greifen. Was löst den Wunsch aus, genau dieses Buch zu lesen oder es liegen zu lassen.
        Liebe und völlig unsportliche Grüße, Anna

      • Liebe Anna,
        die Frage, wer warum zu welchem Buch greift ist in der Tat eine spannende. Mich interessieren diese sportlichen Themen schon, weil für mich Sport seit Kinder- und Jugendtagen wichtig ist. Als Kind habe ich die Olympiade im Garten nachgespielt und seit ich Jugendliche bin habe ich Volleyball gespielt. Bis ich eine feste Stelle an der Schule hatte. Da hatte ist auf der Stelle keine Zeit mehr.
        Und zum Glück gibt jetzt den Hund, der lange Spaziergänge möchte und für sein Leben gerne Ball oder Frisbee spielt. Bewegen, in dem Sinn, wie Isabel Bogdan es zeigt, finde ich also auch für mich ganz wihtig. Die besten Ideen habe ich auf dem Hundespaziergang und meine Unterrichtsplanung findet da praktisch auch statt. Immer und gerne in Bewegung. Insofern sind die Bewegungs-Romane für mich schon immer einen Griff wert. Das heißt also – wahrscheinlich wenig überraschend -: Es sind besonders die Romane interessant, die zur eigenen Erfahrungswelt gehören.
        Liebe Grüße, Claudia

    • Vielen Dank, liebe Marina! Ich habe mich schon auf die Sprache einstellen müssen zu Beginn der Lektüre. Aber dann entwickelte sich sozusagen – um im Bildbereich zu bleiben – ein Sog. Im meinem literarischen Quintett haben wir den Roman allerdings sehr kontrovers diskutiert. Da war es zwei Mitstreitern dann doch zu viel Sprache und zu wenig nachvollziehbare Geschichte. Die drei anderen sahen es aber ganz anders und mochten die Bilder, die Motive und die vielfältigen Deutungsmöglichkeiten. Es war jedenfalls eine spannende Diskussion.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, Claudia

      • In meiner Besprechung schrieb ich auch, mit belegtem Beispiel, dass mir manche Details auch ein wenig zu überdreht waren, und dass, obwohl ich ja viel Lyrik lese. Den Teil im Wasser finde ich dann ganz grandios.
        Dir auch noch ein schönes Wochenende!

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