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Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

Als ich vor ein paar Wochen Birgits Besprechung des Romans von Julia von Lucadou gelesen habe, hatte sie mich mit der „Hochhausspringerin“ gleich am Wickel. Zwar schickt die Autorin ihre Figuren in eine dystopische Gesellschaft – und das ist nicht das Genre, das mir immer zusagt -, dafür aber haben die Figuren mit so ziemlich allen Aspekten zu kämpfen, die ich in der Gegenwartsliteratur so oft vermisse: nämlich einem Leistungs- und Wettbewerbsdenken, das in wirklich alle Lebensbereiche vorgedrungen ist. Kombiniert wird das mit den vielfältigen Möglichkeiten der digitalen Selbst- und Fremdüberwachung. Durch Kameras, die jede Bewegung jeder Person bis in die eigene Wohnung hinein erfassen, durch Schlaf-, Stress- und Fitnesstracker, die die aktuellen Werte auch an den Chef melden, der dann seinen Mitarbeiter umgehend zu mehr „Meditation, Entspannungsübungen“ und bewusstem Atmen rät. Das alles ist zwar Science-Fiction – aber gar nicht so ganz weit weg von unserem Leben, denn über die Technik, die hier genutzt wird, verfügen wir zum großen Teil schon. Dass Julia von Lucadous Roman auch noch ein Debüt ist und auf der Liste der eingereichten Bücher zum diesjährigen Bloggerpreis steht, hat mich noch neugieriger auf den Roman gemacht.

Zwei Frauen stehen im Mittelpunkt des Romangeschehens, zwei Frauen, die es beide, so scheint es auf den ersten Blick, geschafft haben. Riva Karnovsky ist die eine, die erfolgreiche Hochhausspringerin, die sich von dem eintausend Meter hohen Hochhausdach selbstverständlich in die Tiefe stürzt wie ein Vogel und sich dann beim Fallen so elegant dreht, rollt und streckt und in ihrem silbrig schimmernden Anzug so überirdisch schön erscheint, dass der Fotograf Aston ihr den Namen Dancer_of_the_SkyTM verliehen hat. Sie stürzt dem Boden entgegen, kostet jede Sekunde ihres Fallens aus für neue Figuren, in vollstem Vertrauen auf die Technik ihres Anzugs, die sie, wenn sie im allerletzten möglichen Moment den Flugmodus ihres FlysuitTM aktiviert, vor dem Aufprall bewahrt und wieder nach oben trägt. Die Zuschauer am Boden folgen begeistert ihrem kunstvollen Flug, halten dann aber doch den Atem an wegen ihrer Waghalsigkeit und sind erleichtert, wenn Riva im letzten Moment doch noch die Kollision mit dem Boden abgewendet hat.

Riva ist nicht nur bei ihrem Sport erfolgreich, sie meistert auch mit Bravour ihre öffentlichen Auftritte und füllt ihre Social-Media-Kanäle immer wieder mit Bildern und Content aus ihrem Glamour-Leben. Dom Wu, ihr Vertragspartner, ist zufrieden mit seinem Star, der bewundert wird von seinen vielen Followern. Riva stammt aus der Peripherie, sie also ist der Beweis: Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur anstrengt.

Hitomi Yoshida ist die andere erfolgreiche Frau und die eigentliche Protagonistin, denn sie erzählt uns diese Geschichte, ihre eigene Geschichte, die ganz eng verbunden ist mit Rivas. Auch sie scheint es geschafft zu haben in dieser Gesellschaft, was sichtbar ist an ihrer schönen Wohnung im 24. Distrikt der Stadt, nur vier Distrikte entfernt von den Wohnblocks mit den besten Adressen. Für diese Wohnung hat sie auf einer Warteliste gestanden, seit sie ihr Psychologiestudium an der Wirtschaftsakademie begonnen hat. Nun, mit dem Abschluss in der Tasche, hat sie sich bei PsySolutions beworben und Hugo M. Master, den Abteilungsleiter Sportpsychologie, von sich überzeugen können. Er hat während der Einstellungsphase viele der vertraulichen Telefoncoachings mit angehört, die Hitomi bei ihrem Nebenjob Call-a-CoachTM geführt hat.

Und Master hat ihr gleich einen wichtigen Auftrag verschafft. Sie soll nämlich Riva helfen, die vor ein paar Tagen plötzlich und völlig unerwartet ihr Training eingestellt und es damit zu einem Vertragsbruch hat kommen lassen mit der Dom Wu Akademie. Dom Wu hat nach den ersten persönlichen Gesprächen mit seiner Sportlerin PsySolutions beauftragt, „Riva schnellstmöglich [zu] reanimieren“. Hitomi kann sich durch diesen VIP-Auftrag, der ihren Creditscore angenehm erhöht, ihre wunderbare Wohnung – fast – leisten.

Die Welt, die Julia von Lucadou hier erschaffen hat, ist faszinierend – und erschreckend zugleich. Faszinierend, weil sie uns zunächst so bekannt vorkommt. Hier leben die Menschen in der Großstadt mit Hochhäusern in guten und schlechten Vierteln. Sie gehen ihrer Arbeit nach und treffen sich abends in Bars. In der Stadt ist es sauber, aufgeräumt und kühl. Aber: Diese Großstadt ist ganz offensichtlich eine Gated Community, in die an den Wachen und Zugangskontrollen vorbei nur hereinkommt, wer so erfolgreich ist, dass er über einen entsprechenden Creditscore verfügt, um sich in der Stadt eine Wohnung leisten zu können. Oder zumindest so erfolgreich ist, um eine Arbeit in der Stadt zu ergattern und dafür einreisen darf. Abends müssen diese Pendler dann wieder nach draußen, in die Peripherie, wo die erfolglosen Menschen in schlechten bis heruntergekommenen Wohnsilos leben, in Hitze und Schmutz, in Enge und Trubel, in einer „unübersichtlichen Masse“. Da will keiner leben, im Gegenteil, da wollen alle weg. Und das befeuert permanent den Wettbewerb in dieser Gesellschaft, in der alle in der Stadt leben und arbeiten wollen und selbst diejenigen, die dort leben, stehen ständig in der Gefahr heruntergestuft zu werden.

Der Schmierstoff dieser Gesellschaft ist ein ausgeklügeltes Bewertungssystem, der Creditscore. Die Höhe des Scores gibt Auskunft über die Leistungsfähigkeit – und letztendlich auch über die Anpassungsfähigkeit der Bürger: Ist er hoch, gibt es „Wohnraumprivilegien“, sinkt er deutlich, gibt es eine Vorladung ins Verwaltungsgebäude und es werden Wohnraummaßnahmen oder gar Relokalisierung in Aussicht gestellt. Und das ist erschreckend an dieser Gesellschaft: Es begehrt niemand auf. Alle spielen das üble Spiel mit, selbst der Barkeeper nimmt gleich mehrere Jobs an, um seinen Score so zu verbessern, damit er endlich aus der Peripherie in die Stadt ziehen kann.

Erschreckend ist für den Leser auch Hitomis Arbeit. Denn die Patienten kommen nicht zu ihr, der Psychologin, um sich beraten und helfen zu lassen. Es ist eher anders herum. Hitomi schleicht sich unbemerkt in die Leben ihrer Klienten ein, in einem helfenden Beruf zwar, aber genau in der Art, wie es die politischen Spitzel aller Diktaturen dieser Welt üblicherweise auch tun: Sie greift auf alle Daten zurück, die es über ihre Klienten gibt, beobachtet sie in ihrer Wohnungen und erfasst, mit wem sie was sprechen und was sie wann tun. Sie hat natürlich Zugriff auf alle aktuellen Körperwerte, auf Fitnesslevel, Muskelschwund und Ernährungsverhalten, auf Erholungswerte durch Schlaf und die Regelmäßigkeit des Mindfulness-Trainings.

Sie kann auch Videos aus fast allen Lebensperioden anfordern oder auch private Dateien, die ihre Klienten gelöscht haben, einsehen, um nach Gründen für aktuelle Unangepasstheit, auffälliges Sozialverhalten, unausgeglichene Stimmungen und natürlich schlechte Arbeitsleistungen zu suchen. Wenn es nötig scheint, nimmt sie auch Kontakt zu Personen im Umfeld ihrer Klientin auf. Dann gibt es direkte Anweisungen auf deren Tablet, damit sie sich für eine Verhaltensänderung einsetzen. Mit diesen Mitteln also versucht Hitomi Riva zu „reanimieren“. Nicht so sehr, so hat es Rivas Chef Dom Wu formuliert, aus Sorge „um den hohen finanziellen Schaden und den Gesichtsverlust meines Unternehmens und unserer Sponsoren, sondern in erster Linie [aus Sorge] um die Gesundheit Rivas.“

So entsteht ein Katz- und Mausspiel zwischen Hitomi und Riva, das seine besondere Tragweite auch dadurch gewinnt, dass Hitomis Schicksal fest an Rivas Einsicht geknüpft ist. Die Spannung, die sich aus dieser Konzeption vermutlich ergeben soll, kommt aber nicht so recht voran. Denn Rivas Beweggründe für ihre Verweigerung sind zu deutlich, bestätigen sich spätestens dann, wenn Hitomi einen Blick in die von Riva gelöschten Tagebuchaufzeichnungen gewinnt. So wird der Roman vor allem vorangetragen durch die Frage, wie Hitomi sich in dieser ja eigentlich von Beginn an ausweglosen Situation verhält. Und auch ihr Weg zeigt – bis auf ein einziges Mal – keine überraschenden Wendungen. Das mag auch daran liegen, dass Hitomi als so angepasster Charakter kaum eine besondere Tiefe aufweist.

Trotzdem: Julia von Lucadou hat in ihrem Roman eine in vielen Facetten überzeugende Welt erschaffen, die ganz besonders glatt, steril und effizient zu sein scheint. In dieser Welt gibt es, zumindest bei den Bewohnern der Innenstadt, kaum Gefühle, keine echten Beziehungen, keine Liebe, nicht einmal die Familien leben als Familien zusammen. Hitomi ist – bis zu ihrer letzten Entscheidung in diesem Roman – das Ergebnis dieser durchkalkulierten Welt: völlig angepasst an alle Anforderungen, die an sie gestellt werden, hat sie nie den leisesten Zweifel an ihrem Tun, greift nie auf einen wie auch immer gearteten moralischen Kompass zurück. Ihr Körper aber macht das alles noch lange nicht mit. Von Anfang dieses Auftrags an kämpft sie mit Kopfschmerzen und einer Übererregbarkeit, mit Einschlaf- und Durchschlafschwierigkeiten, mit hohen Stresswerten. Dass in dieser glatten, in dieser in allen Belangen transparenten Welt keiner ein gutes Leben leben kann, auch Hitomis Chef Master zeigt so seine Schrulligkeiten, ist ja eigentlich klar.

Auch Hitomis Sprache, in der sie von ihrer Arbeit, von ihrem Leben und auch ihrer Kindheit erzählt, ist immer kalt, emotionslos, gespickt mit technischen Begriffen und auf Effizienz getrimmt. Die Rebellion ihres Körpers beschreibt sie so distanziert, wie sie auch Rivas Gespräche und Handlungen beschreibt – und immer aus einer sicheren Entfernung, die ihr der Blick durch die Kameras verschafft. Später treffen sich beide ein einziges Mal zufällig auf der Straße, aber Riva erkennt ihre „Therapeutin“ nicht, denn sie wusste ja nie von ihrer Überwachung. Dass Hitomi sich nicht denken kann, dass ihr Büro und ihre Wohnung auch unter Dauerbeobachtung stehen, das ist dann schon eher nicht mehr richtig glaubwürdig.

Julia von Lucadous Gesellschaftsprojektion erinnert ein bisschen an Juli Zehs Drama und Roman „Corpus Delicti“, in der die METHODE als Grundlage einer Gesundheitsdiktatur gilt, die sich zum Ziel gesetzt hat, allen Bürger bis ins hohe Alter eine gute Gesundheit zu garantieren. Immerhin hat sich hier eine Widerstandsbewegung gegründet – die Hoffnung auf gesundheitliche Sünden und Lebensfreude ist also noch nicht völlig dahin. Nicht einmal solche revolutionäre Ideen scheint es in der „Hochhausspringerin“ zu geben, weil alle freudig am System mitwirken. Es bleibt unklar, ob alle Menschen, die in der Peripherie leben, nur nach dem Leistungsprinzip leben, um die Privilegien der Innenstadt zu erfahren, jedenfalls scheint es auch in der Peripherie keine Widerständler zu geben.

Und es bedarf auch keiner festgeschriebenen METHODE, um auch dem Letzten klar zu machen, wie er sich zu verhalten hat. Die knappen Plätze in der „schönen“ Welt, der ständige Wettbewerb darum, das komplette Vermessen der Menschen in allen Lebensbereichen führt dazu, dass diese Gesellschaft funktioniert – ohne dass von Vordenkern dieses Systems erzählt wird, die sich immer mal wieder zu Wort melden müssen, ohne dass es eine Machtinstanz gibt, die nach dem Rechten schaut. Hier regelt die unsichtbare Hand des Marktes und der Creditscore wirklich alles. Insofern ist Julia von Lucadous Gesellschaftsversion eine noch radikalere als die, die Juli Zeh erdacht hat. Und somit eine spannende und nachdenklich machende Lektüre – und ein gelungenes Debüt.

Julia von Lucadou (2018): Die Hochhausspringerin, Berlin, Hanser Berlin           

 

Ein Nachtrag:

Ein Bewertungssystem, ähnlich wie das in von Lucadous Roman, steht in China in den Startlöchern. Hier soll vor allem das Sozialverhalten der Bürger bewertet werden, der Erziehungsgedanke lässt sich kaum verheimlichen.

Auch wenn diese Idee bei uns – noch – aus Datenschutzgründen sehr fantastisch erscheint, die Möglichkeiten der Überwachung, des Spitzelns und Schnüffelns geht auch bei uns munter weiter. Und kommen weniger aus den Laboratorien des Staates als viel mehr der Industrie.

8 Kommentare

  1. Liebe Claudia, als ich gerade deine Ankündigung auf Facebook las (leider ohne Link zum Artikel, musste ich gleich WordPress aufrufen – bisher habe ich leider noch nicht so viele Besprechungen zu diesem Roman gelesen, daher war ich neugierig – und insbesondere auch darauf, wie du ihn beurteilen würdest, da du dich ja immer wieder mit der literarischen Verarbeitung der Arbeitswelt auseinandersetzt. Umso größer die Freude, a) von Dir erwähnt zu werden und b) dass auch das Buch für gelungen hälst – hier und dort las ich kritische Anmerkungen zum Sprachstil, die ich aber nicht nachvollziehen konnte. Danke für deine intensive Auseinandersetzung mit dem Text, die mir das Buch jetzt wieder lebhaft vor Augen gerufen hat. Ich fand interessant, dass du die Rolle der Psychologin intensiv beleuchtest – ich hatte mich mehr auf die Entwicklung dieser Figur konzentriert, aber ja, da du es schreibst: Sie ist natürlich auch ein „Instrument“, das gezielt eingesetzt wird, nicht um anderen zu helfen, sondern um andere leistungsfähig zu halten. Der Grat ist schmal – ich denke da auch an die großen Firmen, die Happinesscoaches einsetzen oder Hygge-Berater und was auch immer. Vom klassischen Betriebspsychologen, zu dem man bei Konflikten mit Kollegen, Stress oder so geht, ist das ja auch schon weit entfernt. Alles in allem finde ich, dass dieses Buch schon sehr nah an unserer Gegenwart ist – mir ist die Lektüre noch ganz eindrücklich im Kopf. Viele Grüße, Birgit

    • Liebe Birgit,
      der Roman hat so so viele Facetten, über die es sich lohnte zu schreiben. Irgendwie hat sich mir dann diese absolute Verdinglichung der Psychologen aufgedrängt, deren Aufgabe nicht mehr im Helfen und Heilen besteht, sondern mehr Ähnlichkeit hat mit den Tätigkeiten des Herrn Rohlfs, des Stasispitzels aus Uwe Johnsons „Mutmassungen über Jakob“. Hitomis Handeln und ihre Entscheidungen sind allein dem Ziel unterworfen, Riva zu „reanimieren“ (wunderbar, der Begriff an der Stelle), zur Not auch mit Einschüchterungen und Drohungen in ihrem persönlichen Umfeld.
      Und vielleicht hat mein Blick gerade auf diesen Aspekt auch etwas damit zu tun, was ich an anderer Stelle mehr und mehr beobachte – und du hast es ja auch angesprochen: da wird die Arbeitswelt immer anstrengender und fordernder und anstatt etwas an den Rahmenbedingungen und Strukturen zu ändern, werden den Menschen „Tools“ an die Hand gegeben, wie sie mit diesen Anforderungen besser klarkommen. Wenn es auch mit dieser großzügigen Hilfe nicht klappt, steckt wohl ein individuelles Problem hinter dem Versagen. Das sind die Happinesscoachings und Hygge-Beratungen, die du ansprichst. Und die Mindfulness-Trainings und die Resilienz-Seminare, die landauf und landab angeboten werden. Für Lehrer, so habe ich jetzt gelesen, werden Nordic-Walking-Seminare zum Entstressen angeboten! Toll! Und weil die Termine bei den Psychologen rar sind, werden immer mehr Online-Psychoberatungen angeboten. Da liegen dann auch sämtliche Daten der Klienten auf einem Rechner. Weit von Hitomis Welt sind wir also tatsächlich nicht mehr entfernt. Fehlt nur noch, dass denjenigen, die es es trotz der Vielzahl an Kursen doch nicht schafft, die „Letzte Entscheidung“ offeriert wird – wie Hitomi.
      Auch wenn vielleicht an der einen oder anderen Stelle des Romans ein bisschen Tiefe fehlt (bei den Charakteren z.B., vielleicht auch über das Leben in der Peripherie), so finde ich doch, dass von Lucadou hier eine ziemlich komplexe Welt erschaffen hat, die noch einmal die eine oder andere aktuelle Entwicklung in einem anderen Licht sehen lässt. Das ist sicherlich eine Stärke des Romans. Dem ich auch noch viel mehr Aufmerksamkeit wünsche. Dazu haben wir ja nun ein bisschen beigetragen. Und wie gut, dass du dich als eine der ersten diesem Roman zugewandt hast, denn mir ist er beim Durchblättern des Verlagsprogramms irgendwie durch die Lappen gegangen. Und das, obwohl es ja wirklich „mein“ Thema ist, das er verhandelt.
      Ganz viele sonnige Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia, ja, du sprichst in deinem Kommentar nochmals viele Entwicklungen an, die ich auch beobachte und kritische sehe. Bin ja auch im öffentlichen Dienst und hier greift das ebenso um sich, diese Coaching-Geschichten zur Selbstoptimierung. Was am Ende bedeutet: Packst du deinen Job nicht, bist du auch „selbst“ schuld. Dabei wäre es nicht wichtig, aus allen mehr Leistung rauszupressen, sondern in erster Linie einfach die Arbeit besser zu verteilen, d.h. mehr Leute einzustellen – an Schulen, bei der Polizei, in der Justiz.
        Die Charaktere fand ich eigentlich schon schlüssig, d.h. für mich logisch gezeichnet, dass die Peripherie so als Gegenwelt wenig auftaucht, empfand ich auch als kleines Defizit. Aber das hätte evt. die Handlung gesprengt. Herzliche Grüße, Birgit

    • Julia von Lucadou hat eine aktuelle Entwicklungslinie sozusagen auf die Spitze getrieben und geschaut, wie es sich in einer solchen Welt leben lässt. Das ist wirklich erschreckend. Und wird sicherlich nicht passieren. Aber ihr Szenario lässt uns vielleicht doch noch einmal mit den Mitteln des Romans darüber nachdenken, an welchen Stellen wir solche Entwicklungen verhindern sollten. Birgit hat ja die Betriebspsychologen auf der einen Seite und die vielen Gesundheitscoaching-Angebote auf der anderen Seite angesprochen. Da wird meines Erachtens, zunächst ja durchaus im Sinne einer Stärkung der Patienten, vieles angeboten – nur an der Wurzel des Problems, nämlich den überfordernden Anforderungen, braucht dann nichts mehr geändert zu werden. Wenn dann noch eine komplette Digitalisierung und damit die Möglichkeit des gläsernen Menschen hinzukommt, haben wir schon sehr ähnlich Zustände wie im Roman geschildert. Und die Chinesen machen es ja gerade vor. Ein wahrhaft spannendes, aber auch ein erschreckendes Thema.

      • Danke Dir für die eingehende Antwort auf die Kurzmeldung – und den Austausch mit Sätze & Schätze.
        Als Wurzel des Problems bezeichnest Du überfordernde Anforderungen. Wie können wir sie ändern: politisch, persönlich, beruflich?
        Sowohl am Arbeitsplatz, im bürgerschaftlichen Engagement wie im Privaten mag ich ein besseres Leben und rege regelmäßig eine Pause an.
        Viele Grüße

  2. The Future is Now.
    Der Julie Zeh Vergleich drängte sich mir beim Lesen deiner Rezension ebenfalls auf, allerdings habe ich Corpus Delicti nicht besonders gern gelesen, fand ihn etwas knöchern.

    • Ich denke auch, dass „Die Hochhausspringerin“ hier durchaus sprachlich gelungener ist. Indem sie ganz bei Hitomi als Ich-Erzählerin im Präsens bleibt, geht die sprachliche Gestaltung ja durchaus mit dem Charakter Hand in Hand. Und das ist meines Erarchtens gut gelungen.
      Viele Grüße, Claudia

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