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Kathrin Gerlof: Nenn mich November

Katrin Gerlofs Roman scheint unter dem Radar der Literaturkritik zu fliegen, kaum besprochen auf den Blogs – jedenfalls habe ich noch keine Rezension gelesen -, wenig in den Zeitungen und einschlägigen Radiosendungen. Das ist schade, denn ihr Roman hat auf jeden Fall viel mehr Aufmerksamkeit verdient, seziert sie doch mit ihrer Geschichte von Marthe und David Lindenblatt, die aus Berlin in ein ziemlich verschlafenes Nest in der ostdeutschen Provinz ziehen, zumindest einen Teil aktueller deutscher Befindlichkeiten. Sie erzählt, wie so eine Abstiegsgeschichte aus dem großstädtischen Mittelstand aussehen kann und welche Tristesse auf dem Dorf herrscht, das schon alle vertrieben hat, die sich auch nur ein kleines bisschen mehr vom Leben erhoffen und das sich so wehrhaft gegen alles Fremde behauptet.

Marthe und David müssen Privatinsolvenz beantragen. Daniels Geschäftsidee, kompostierbares Geschirr auf den Markt zu bringen, hat sich nicht durchgesetzt. Dabei schien das doch angesichts der Plastikmüllberge, die sich bis in die Meere erstrecken, eine gute Idee zu sein: „Papier rettet Meer“. Auch ihren Berater bei der Bank, Herrn Sommer, haben sie überzeugt, „mit einem aufgeblasenen Konzept und einem noch aufgeblaseneren Businessplan, mit dem sie behauptet hatten zu wissen, wo sie in drei Jahren stehen werden“. Er hat den Kredit bewilligt. Doch nun ist das Geld verzehrt und auch das letzte Geld ist weg, das Marthe zurückgelegt hat, als sie und David noch in festen Jobs gearbeitet haben. Auf dem Konto sind nur noch 100 Euro und die Miete ist auch nicht bezahlt. Und sie hat es ausgerechnet:

„Wenn ich jeden Monat viertausend verdiene, braucht es dreiundsechzig Jahre, bis die Schulden abbezahlt sind. Vorausgesetzt wir können jeden Monat tilgen.“

Da kommt die Erbschaft von Davids Tante wie gerufen: Ein altes Haus in einem Siebzig-Seelen-Dorf, eingeklemmt zwischen Maisfeldern und Wald. Dort können sie die Miete sparen und billiger leben als in der Großstadt. Marthe will nicht weg aus Berlin, nicht in dieses Dorf, das nicht einmal einen vernünftigen Breitbandanschluss hat. Dort wird sie nicht ihrer Passion nachgehen können, im Internet die neusten Katastrophenmeldungen zu lesen und in ihren verschiedenen Ordnern auf dem Rechner mit Rubriken wie Erderwärmung, Müll, soziale Ungerechtigkeit, Gewalt, Terror und Krieg abzulegen. Dort wird sie kein eigenes Zimmer mehr haben, in das sie sich zurückziehen kann, weil sie immer wieder Distanz braucht zur Welt, nicht einmal die vielen Fotos, die sie an die Wand ihres Berliner Zimmers geklebt hat, wird sie mitnehmen können.

Trotz ihres Widerstands: Marthe und David ziehen in die dörfliche Einöde, ins Haus der Tante, das sie mit ihren geringen Mitteln für sich herrichten. Kontakte ergeben sich vor allem zu den Dorfbewohnern, die auch mehr am Rande stehen: zum Nachbarn, dem undurchsichtigen und irgendwie auch angsteinflößenden Hundemann, dem, so geht das Gerücht, die Frau weggelaufen ist in die Maisfelder und der nun seinen Hund töten muss, weil der nachts, wenn er durch das Dorf streunert, zu viel Unheil anrichtet. Zum Schreiner Radomski aus dem Nachbardorf, der sich finanziell nur noch über Wasser halten kann, wenn er wildert und das Fleisch an die Restaurants der nächsten Stadt verkauft.

Aber auch zu Schulz, einem der beiden Arbeitgeber im Ort, dem hier alle Felder und alle verlassenen Häuser gehören und der auch David beschäftigt, als Minijobber, das restliche Geld, das sich David beim Reparieren der großen Landmaschinen erarbeitet, bekommt er schwarz. Die meisten anderen Dorfbewohner aber bleiben abweisend, grüßen vielleicht, suchen aber kein Gespräch. Und hier ist der Roman durchaus parteiisch, denn die stumme Mehrheit der Bewohner, die, die sich arrangiert haben mit dem Stillstand in ihrem Leben, die bekommen keine Stimme.

Und dann kommen die Flüchtlinge ins Dorf. Schulz lässt die Baracken, in denen im zweiten Weltkrieg die Zwangsarbeiter untergebracht waren und die abseits des Dorfes liegen, mit Hilfe von öffentlichen Geldern – davon bleibt ein bisschen natürlich auch bei ihm hängen – für die Flüchtlinge umbauen und versucht die Dorfbewohner für seine Idee zu gewinnen, indem er fünf Arbeitsplätze verspricht. Aber die Dorfbewohner sind skeptisch, sie wollen keine Flüchtlinge im Dorf haben, die doch nur Probleme bringen werden, Einbrüche, Vergewaltigungen und was nicht alles zu hören ist. Krüger, der Besitzer der Biogasanlagen, die mit Schulzes Mais gefüttert werden und dessen Widerpart im Kampf um die Macht im Dorf, stellt eine Bürgerwehr auf, die im eisigen Februar des Nachts durch das Dorf patrouilliert, gewärmt auch vom Alkohol, der reichlich fließt. Zu tun haben sie nichts.

Noch ein Dorfroman aus der Provinz also. Mit einer Protagonistin, deren eifriges Sammeln schlechter Nachrichten, deren Blick auf ihr eigenes Leben – „Ich habe längst aufgegeben“ – noch dazu mit einem Arm, den sie als Fremdkörper ansieht, den Leser zunächst schon befremdet. Das verspricht nun nicht gerade spannende Lektüre.

Und tatsächlich hat Katrin Gerlof in ihrem Roman eher die ruhigen Töne gewählt. Das passt zur Umgebung, das passt zum Thema und zu Martha. Und schafft so ein ganz intensives Leseerlebnis, wenn auch die kleinen Dinge ihre besondere Bedeutung bekommen. Gerlof rückt ganz nah an ihre Protagonistin Marthe heran, an ihre Gedanken, Erinnerungen, Reflexionen. In knappen, manchmal abgehackten Sätzen, in Sätzen, in denen sich bisweilen sogar ganz plötzlich die Perspektive hin zur Ich-Erzählung wandelt, zeigt sich, dass Marthe sich nicht nur mit Untergangsmeldungen und diesem falschen Arm abmüht, sondern eine gute, vor allem auch eine mitfühlende und kluge Beobachterin ihrer Umgebung ist.

Eingereiht zwischen den Marthe-Kapiteln stehen Kapitel, in denen auch die anderen Dorfbewohner, einmal auch David, zu Wort kommen. Da erzählt Prokorski, wann die Stimmen in seinem Kopf sich zum ersten Mal gemeldet haben und dass sie damals schon versprachen, sich um ihn zu kümmern. Da erzählt der fünfzehnjährige Robin wie es kam, dass seine Mutter mit dem Trinken anfing und dass er nur so lange im Dorf bleiben wird, bis er seinen Schulabschluss hat. Auch die Geschichte des Schusterhauses wird erzählt, des Hauses, das David geerbt hat. Und vom Dorf wird erzählt, dass sich rüstet zum Kampf gegen die neu zugezogenen Flüchtlinge:

„Geschichten machen die Runde. Uralte Geschichten, tausendmal erzählt, jedes Mal so, als wären sie gerade gestern und gleich nebenan passiert. Legenden, die wie Pech und Schwefel sind, als hätte der Teufel höchstpersönlich sie in die Welt gesetzt. Genüsslich werden sie in flüsterndem Ton. Ich will ja nichts gesagt haben. Erzählt und von Mann zu Mann, Frau zu Frau getragen. Niemand ist frei von Mitgefühl, denn natürlich. Krieg ist schlimm. Da sei Gott oder wer es sonst tun könnte, vor, dass so etwas bis hierherkommt. Aber Krieg hat immer auch Schuldige zu benennen. Und kann jemand sagen, ob von denen nicht am Ende welche hinterm Dorf in den Baracken wohnen werden?“

Diese Art des Erzählens, indem sich die Erzählungen manchmal ein und derselben Sache durch die verschiedenen Figuren über- und nebeneinander legen, ist wie das Weben eines sehr festen Stoffes und erschafft beim Lesen nach und nach eine sehr komplexes Bild vom Dorf und seinen Bewohnern, von seiner Enge und wie das alles zurückwirkt auf Marthe und David und ihre Ehe.

Und ganz tief eingewebt in diese Erzählungen der verschiedenen Stimmen hat Kathrin Gerlof das Thema des Fremdseins. Es ist nicht in erster Linie die Fremdheitserfahrung, die die Flüchtlinge im Dorf haben und bei ihrem kurzen Besuch bei Krügers Tanzfest im neuen Landgasthaus, zu dem das ganze Dorf eingeladen, die Flüchtlinge aber nicht willkommen sind. Es ist vielmehr die Fremdheitserfahrung, die alle Figuren des Romans machen und die sich in ganz verschiedenen Motiven zeigt: Marthe, die ihren Namen nicht mag und statt dessen lieber November genannt werden möchte; die Dorfbewohner, die heimlich in ihren Häusern viel zu viel Alkohol trinken und denen sich Kummer und Unglück als Fettpolster an die Körper gehängt haben; David, der immer schweigsamer und dünner wird. Und manche fremdeln eben auch, wenn auf dem Tanzfest „Hulapula“ von Andreas Gabalier gespielt wird.

Fremd in ihrer Haut, fremd in ihrem Leben, so wird deutlich, fühlen sich schon die im Dorf Heimischen. Da haben die leichtes Spiel, die die Angst vor weiterem Fremden zu schüren wissen. Krüger nutzt das in seiner Eröffnungsrede zum Tanzfest des Dorfes sehr geschickt. Er will der nächste Bürgermeister werden, denn „letztlich geht es darum, im Dorf und in den Dörfern ringsum das Sagen zu haben“.

„Er wird nicht über die Fremden reden. Also kein Fass aufmachen. Auch wenn es ein leichtes wäre, das heute zu tun. Aber er wird sagen, dass zu einer Zukunft auch Sicherheit gehört. Und dass man dafür sorgen muss. Jeder soll sich sicher fühlen. Er wird das Wort Heimat benutzen und sagen, dass jeder Mensch ein Recht auf Heimat habe. Das ist ein versöhnlicher Satz, der auch die Fremden einschließt. Alle im Saal werden wissen, dass die Heimat der Fremden nicht hier ist. Er wird über Gastfreundschaft reden. Dass die wichtig ist und ihnen seit jeher im Blut liegt. Aber auch alle wüssten, Gastfreundschaft darf nicht ausgenutzt werden. Mehr wird er dazu nicht sagen.“

Kathrin Gerlof hat einen sehr aktuellen Roman geschrieben. In leisem Ton erzählt sie nicht nur vom sozialen Abstieg des großstädtischen Mittelstandes, sondern verquickt das geschickt mit der Erzählung von den (Macht-)Verhältnissen und Befindlichkeiten auf dem Land. So lässt sich ihr Roman einreihen in die Dorfromane, die im Kleinen aufzeigen, was die Gesellschaft im Großen bewegt. Und wird leider damit so wenig wahrgenommen wie Norbert Scheuer im letzten Jahr mit seinem Roman „Am Grund des Universums“.

Kathrin Gerlof (2018): Nenn mich November, Berlin, Aufbau Verlag

10 Kommentare

  1. Ruth Leukam sagt

    Liebe Claudia, vielen Dank für die ausführliche Rezension.Das scheint ein Buch für mich zu sein, das Thema interessiert mich auf jeden Fall. Von Katrin Gerlof habe ich schon einige Bücher gelesen und „ Alle Zeit“ war vor Jahren mal Thema in unserem Lesekreis. Dieser Roman ist auch sehr lesenswert!
    Liebe Grüße
    Ruth

    • Liebe Ruth,
      (ich habe schon vor ein paar Tagen geantwortet, aber wohl den falschen Knopf gedrückt…Entschuldigung!)
      Ich habe Kathrin Gerlof jetzt mit diesem Roman erst entdeckt. werde aber bestimmt noch ein bisschen in den „alten“ Romanen nachlesen. Und in meinem Lesekreis ist nun „November“ der Roman, den wir beim nächsten Treffen gemeinsam unter die Lupe nehmen wollen. Da bin ich gespannt, ob meine Mitlesenden den Roman auch so gerne gelesen haben. Und dir wünsche ich dann auch eine anregende Lektüre, wenn das Buch es auf deinen Bücherstapel schafft.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Deshalb gibt es auch noch andere Blogs, die eben die Perlen, die unter dem Radar der Literaturkritik fliegen, für sich und andere entdecken. Danke für diese wundervolle Besprechung und Deinen Tipp. Viele Grüße

    • Liebe Constanze,
      (ich habe schon vor drei Tagen geantwortet, aber irgendwie die falschen Knöpfe gedrückt, so hat sich nichts hochgeladen…).
      Vielen Dank jedenfalls für deine lieben Worte zu meiner Besprechung! Und so oft finde ich ja gar nicht einen Roman, der noch nicht hier und dort schon hochgelobt wurde…
      Die Besprechung ist mir wirklich schwer gefallen, weil ich gar nicht wusste, welche Facetten ich in den Vordergrund rücken und auf welche ich nicht näher eingehen sollte. Aber es sollte ja auch eine Besprechung werden, keine Proseminararbeit 😀. Mir ist jedenfalls einmal mehr deutlich geworden, dass ich sehr die ruhigen, dafür aber in die Tiefe gehenden Erzählungen mag. Und vielleicht lässt du dich ja auch begeistern. Es würde mich freuen!
      Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia,
    zwar habe ich heuer bewußt die ganzen Kataloge mit Neuerscheinungen ignoriert, um selbst wieder mehr außerhalb dessen zu lesen – aber über die Blogs bleibt man ja doch meist auf dem laufenden. Und da ist mir dieser Roman, den du wunderbar besprichst und auf den du neugierig machst, noch nicht untergekommen. Aber das ist ja auch das, was einige Blogs auszeichnet – die Vielfalt, die Unabhängigkeit, die schon in der Auswahl beginnt.
    Das Buch klingt wie ein leiseres, melancholischeres „Unterleuten“, kurzerhand: Es klingt gut.
    Viele Grüße Birgit

    • Liebe Birgit,
      Ich übersehe ja meist die Bücher, die mich später interessieren, beim Blättern in den Katalogen. Und werde erst so richtig aufmerksam, wenn jemand drüber schreibt – oder im Radio bespricht (das ist seit letztem Jahr meine bevorzugte Quelle). Über Kathrin Gerlofs Roman habe ich in einer Sammelrezension in der SZ gelesen. Da war ich dann neugierig. – Es stimmt schon: Ort und Probleme, vielleicht auch die eine und andere Figur, erinnern an Juli Zehs „Unterleuten“. Es ist aber- für meinen Geschmack zumindest – die gelungenere Variation, zumal das Abstiegsproblem mit all seinen Folgen für die Betroffenen auf so eine intensive Art erzählt wird. Ebenso die Situation im Dorf, in der sich die Ressentiments gegen alles Fremde so „wunderbar“ entwickeln können – vielleicht ein Ansatz, die Wirkmacht der AFD-„Argumentationen“ nachvollziehen zu können. Lässt du dich denn hier vom Aktuellen von deiner Leseplanung abbringen?
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia, danke für deine Ergänzungen – der Hinweis auf die Wirkmacht der Populisten ist jetzt das ausschlaggebende Argument für mich, das Buch zu kaufen. (Hab gerade mit so einem Fall als Pressereferentin zu tun, wo Bürger gegen eine soziale Einrichtung für Obdachlose aufgehetzt werden). Und das beantwortet deine Frage: Ich lasse mich abbringen von Blogs meines Vertrauens, wo ich auch weiß, dass da Themen behandelt werden, die mich interessieren. Das sind aber wenige. Ansonsten versuche ich gerade mich wirklich (wenn ich nicht in eine Buchhandlung gehe und rückfällig werde) auf das, was ich schon immer lesen oder wiederlesen wollte, zu konzentrieren. Es gibt zu viele neue Bücher! Und von den Neuerscheinungen gibt es zu viele, die ich dann doch nicht so toll fand. Zugleich gibt es zu viele Lücken bei mir was die Klassiker anbelangt. Da die Zeit begrenzt ist, muss man manchmal einfach die Augen zu machen…

  4. Deshalb folge ich deinem Blog so gern, liebe Claudia: weil ich hier immer wieder auf interessante „Tiefflieger“ stoße. Danke für diesen!

    • Liebe Maren,
      ich bin ja auch immer ganz begeistert, wenn ich – was ja selten genug vorkommt – solch einen Roman „entdecke“, der auf vielen anderen Leselisten noch nicht aufgetaucht ist. Vielleicht kann ich ja so einen bescheidenen Beitrag leisten, dass der eine oder andere Leser sich zur Lektüre des „Tieffliegers“ inspirieren lässt 😄. Vielleicht dich auch ?
      Viele Grüße, Claudia

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