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Hanna Bervoets: Dieser Beitrag wurde entfernt

Was passiert eigentlich, wenn wir bei Instagram und Co einen Beitrag melden? Weil er schockierende Bilder oder Handlungen zeigt, Krieg, Gewalt gegen Menschen und Tiere, Pornografie, Selbsttötung. Oder Verschwörungen thematisiert und anderen Unfug verbreitet. Dann landet der Beitrag bei sogenannten Content-Moderatorinnen und Moderatoren und wird nach Regeln der Plattform geprüft. In die Arbeitswelt dieser Content-Moderatorinnen treten wir in Hanna Bervoets Roman ein und erleben nicht nur die rigiden Arbeitsbedingungen, unter denen die Moderatoren und Moderatorinnen ihren Job erledigen müssen, sondern eben auch das, was der Job mit ihnen macht. Weil es ja eine Wirkung auf die Menschen haben muss, wenn sie den ganzen Tag konfrontiert werden mit den Grässlichkeiten dieser Welt.

Kayleigh, die Ich-Erzählerin, nimmt den Job bei Hexa an, einem Subunternehmen einer der großen Plattformen, deren Namen, das schreibt der Arbeitsvertrag vor, niemand nach außen nennen darf. Sie ist schlechte Arbeitsbedingungen gewöhnt, denn vorher hat sie sich in einem Callcenter von unzufriedenen Kundinnen anbrüllen lassen müssen. Da kommen ihr die Bedingungen beim Überprüfen des Contents fast paradiesisch vor. Und außerdem muss sie Schulden zurückzahlen und findet einen um 20 % höheren Stundenlohn als im Callcenter einfach verlockend.

Und so sitzt sie nun, Anfang Oktober, mit 18 anderen Einsteigern in dem eine Woche dauernden Training, in dem sie alle auf ihre Arbeit vorbereitet werden. Sie lernen die unternehmenseigenen Regeln auswendig, die sie auf keinen Fall mit nach Hause nehmen dürfen, und wenden sie auf Videos an. Ihre Argumentation, ob der Post gelöscht wird und stehen bleiben kann, stellen sie den Kolleginnen und den Ausbildern vor. Wenn die Begründung falsch ist, dann gilt das ganze Ergebnis als falsch, auch wenn die Entscheidung für oder gegen das Löschen richtig war.

„Alice bekam eine Sequenz mit einem Baby, das von einer Frau auf einen Feldweg gelegt wurde und dann von zwei Jungen gesteinigt wird; seelenruhig, auf eine Krücke gestützt, stand Alice in ihrer weiten Jeansjacke da und bewältigte die Aufgabe mit Bravour: „Kindesmisshandlung, eventuell Subkategorie ´gewaltsamer Tod`, jedoch ohne verherrlichenden Begleittext, also stehen lassen, aber als ´beunruhigend` markieren.“

Nicht nur die beschriebenen Videosequenzen sind verstörend, auch die Arbeitsbedingungen sind alles andere als mitarbeiterfreundlich. Die Vermessung der Arbeit funktioniert in der Klick-Ökonomie eben ganz besonders gut:

„Alles, was meine ehemaligen Kollegen über die schlechten Arbeitsbedingungen erzählen, ist wahr. Hatten wir wirklich nur zwei Pausen, eine davon kaum sieben Minuten, die damit vergingen, dass wir an den zwei einzigen vorhandenen Toiletten anstehen mussten? Jep. Saßen sie uns im Nacken, wenn wir weniger als fünfhundert Tickets pro Tag schafften? Natürlich. Bekamen wir eine ernste Verwarnung, sobald unsere Trefferquote auf unter neunzig Prozent sank? Ganz bestimmt. Kam es zu Entlassungen, wenn manche regelmäßig einen zu niedrigen Score hatten? Ist vorgekommen.“

Im Oktober-Team bildet sich schnell eine Clique, Robert, Kyo, Souhaim, Louis, Sigrid und Kayleigh. Sie gehen abends, nach den Schichten in die Bar, der Alkohol fließt, sie reden, sie blödeln, sie lachen. Da werden dann mal die Inhalte, die sie tagsüber als sexistisch, als rassistisch oder queerfeindlich gelöscht haben, wiedergegeben – ironisch gemeint, selbstverständlich. Kayleigh und Sigrid verlieben sich und werden schnell ein Paar. Sigrid zieht zu Kayleigh und die ist so glücklich darüber, dass sie gegen die Verheerungen ihrer Arbeit gut gewappnet zu sein scheint.

Als Kayleigh die Geschichte der Monate bei Hexa erzählt, arbeitet sie dort schon nicht mehr. Nun versucht ein Anwalt, immer wieder in Kontakt mit ihr zu kommen, denn er möchte sie für eine Zeugenaussage gewinnen. Er vertritt mehrere ihrer ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, die eine Klage gegen die Arbeitsbedingungen bei Hexa erreichen möchten. Aber Kayleigh will nicht aussagen, will nicht als Zeugin auftreten. Damit der Anwalt sie endlich in Ruhe lässt, schreibt sie ihm einen Brief. Und das ist die Erzählung, die wir lesen, die ganz anders daher kommt als eine förmliche Absage, die sogar ganz anders daherkommt als eine Zusammenstellung von Fakten. Stattdessen erzählt Kayleigh, erzählt, wie sie die Monate bei Hexa und alles, was darum herum passiert ist, erlebt hat. Sie erzählt chronologisch und sie erzählt sachlich.

Dieses Setting ist von Hanna Bervoets klug gewählt. Denn Kayleigh erzählt alle Ereignisse als Rückschau. Sie weiß also, was passiert ist, ist Beobachtende, immer im Geschehen, immer dabei, wenn die Kolleginnen und Kollegen sich treffen und trinken und reden. Sie kann von den Arbeitsbedingungen sprechen, von den Handbüchern und Hinweisen des Arbeitgebers, von den Prüfungen der Vorgesetzten. Sie kann von ihrer Liebe zu Sigrid erzählen und von Sigrids Verhalten, das immer merkwürdiger wird, je länger sie bei Hexa arbeitet. Aber irgendwann stutzt man, denn sie erzählt so wenig von sich. Sie erweckt tatsächlich den Eindruck, dass ihr die Arbeit mit den verstörenden Bildern nichts anhabe.

Kann es denn sein, dass das tagtägliche Betrachten und Beurteilen von Gewalt und Hass, von Verschwörungstheorien und Fake News nur bei Kayleigh keine Wirkung zeigt? Dass ihre Verliebtheit sie schützt? Warum will sie eigentlich nicht aussagen gegen Hexa, warum will sie nicht den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen helfen bei ihrer Klage gegen die Arbeitsbedingungen? Und aus welchen Gründen besucht sie nun eine Psychotherapeutin?

Kayleigh gelingt es lange, die Lesenden in Sicherheit zu wiegen. Doch nach und nach beginnt man zu zweifeln, ob das denn alles so war, wie Kayleigh es schildert. Und so gelingt es Bervoets mit der Wahl ihrer Erzählerin und der Erzählperspektive nicht nur, eine besondere Spannung aufzubauen, sondern – und nicht nur bei der Protagonistin – auch noch ganz andere psychische Abgründe anzudeuten.

In ihrem knappen, aber trotzdem prägnant erzählten Roman geht Bervoets mitten hinein in eine der ziemlich schäbigen Ecken unserer neuen digitalen Arbeitswelt. Sie erzählt von den Geschichten, die die Menschen mitbringen zu ihrer Tätigkeit als Content-Manager:in, sie lotet aus, welche Wirkungen Arbeitsbedingungen und Arbeitsinhalte auf der individuellen Ebene haben. Aber auch auf die sozialen Beziehungen untereinander. Das ist oft schockierend und schwer zu ertragen, aber trotzdem ein ganz wichtiger literarischer Blick. So schafft sie eine ganz moderne Version des Marx´schen Satzes vom Sein, das das Bewusstsein bestimmt.

6 Kommentare

    • Das stimmt, Bervoets Geschichte, ihre Figuren, sind schwer erträglich. Und die Arbeit, die sie ausführen, ist auch alles andere, als ein Traumjob. Trotzdem sind gerade diese Geschichten auch wichtig, finde ich. Und du schreibst ja auch, dass du viel gelernt hast – wahrscheinlich auch über die Arbeit und die Arbeitsbedingungen.
      Einen schönen 1. Advent wünscht Claudia

  1. Hallo Claudia,
    das klingt heftig. Danke fürs Vorstellen. Ich bin froh, durch deine Besprechung einen Eindruck vom Buch bekommen zu haben, aber lesen möchte ich das definitiv nicht. Es wäre mir momentan wohl zu nah dran an den Widerlichkeiten der Welt. Dir einen guten Dezember und liebe Grüße, Anna

    • Liebe Anna,
      ich freue mich, von dir zu hören – besser: zu lesen. Der Roman ist „in sich rund“, der Schrecken der Arbeit greift auch nach den Menschen. Das hat Hanna Bervoets gut gemacht. Aber eine schöne, angenehme und erbauliche Lektüre ist es wirklich nicht.
      Ich bin immer noch nicht so richtig wieder die Alte. Das Trauern dauert und hat verschiedene Phasen. Langsam werde ich ja ein bisschen ungedulig. Umso mehr freue ich mich auf die ruhigere Weihnachtszeit, auf gemütliches Kerzenlicht und Lesen und Stricken.
      Ich wünsche dir auch eine schöne ruhige Adventszeit und sende dir ganz viele Grüße, Claudia

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