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Khaled Khalifa: Keine Messer in den Küchen dieser Stadt

Khaled Khalifas 2013 erschienener Roman führt mitten hinein in das Leben in Syrien seit den 1960er Jahren. Damit spielt die Geschichte in der Zeit, in der die Baath-Partei nach der Macht gegriffen und Hafiz al-Assad durch einen Putsch an die Spitze der Partei und damit auch der Regierung gelangt ist. Dass diese Jahre bleiern auf den Leben der Familienmitglieder des Erzählers liegen, davon erzählt er uns.

Die Mutter des Erzählers ist gestorben, an einem glühend heißen Junitag des Jahres 2004. Sein Onkel Nisâr hatte ihn angerufen, als er von der Arbeit – er übersetzt für eine Textilfabrik – auf dem Weg nach Hause war. Er solle die Schwester Saussan suchen und ihr Bescheid geben. Spät in der Nacht kommt Saussan zur Wohnung, in der die Mutter zwischen Eisblöcken und unter Decken liegt. Onkel Abdalmunim ist da mit seinem Sohn, und Nariman, die Freundin der Mutter. Zwei Generationen einer Familie treffen hier aufeinander, mit all ihren Animositäten und ihren Konflikten. Die trotz allem für eine respektvolle, für eine würdige Trauerfeier sorgen.

Der Roman setzt ein, als der Ich-Erzähler nach der Beerdigung nach Hause geht. Wie es oft ist nach solchen einschneidenden Erlebnissen, so ist auch der Erzähler nun tief versunken in seinen Erinnerungen. Er erinnert sich an den Anruf des Onkels, erinnert sich die letzten Tage der Mutter, an ihre Notizen und Briefe auf dem besonderen, nach Zimt duftenden Papier, das sie immer im Schreibwarenladen ihres Bruders Abdalmunim besorgt hat. Er erinnert sich, dass der Onkel in einer Ecke seines Ladens das Bild seiner Söhne stehen hat, Hassan und Hussain neben Jacha in der Mitte, die Arme umeinandergelegt. Der Erzähler weiß, dass sein Onkel, wenn er das Bild betrachtet, nur noch Jacha sieht. Ihn hat er zum letzten Mal im Leichenschauhaus der Universitätsklinik gesehen, wohin er gerufen wurde, um ihn zu identifizieren. Die Misshandlungen der Folter hatten Spuren hinterlassen auf seinem Körper. Berühren durfte der Vater, trotz seiner Bitten, den Leichnam nicht mehr. Aber für die Beerdigung muss er sorgen mit der Hilfe seiner Söhne und unter Aufsicht des Militärs. Schon auf den ersten Seiten sind die politischen Verhältnisse klar umrissen.

Das assoziative Erzählen, das das Hin- und Herspringen der Erinnerungen sehr anschaulich abbildet, macht es den Leserinnen und Lesern zu Beginn schwer. Die vielen Familienmitglieder mit den ungewohnten Namen, die sich alle bei der Beerdigung der Mutter versammeln, die Bruchstücke, an die der Erzähler sich erinnert, quer durch die Zeiten, das erscheint zunächst sehr verwirrend. Wer sich aber durch diese ersten Seiten der Lektüre nicht aufhalten lässt, der wird belohnt mit einer Familiengeschichte, bei deren Erzählung vieles im Ungefähren, im Angedeuteten, im Metaphorischen bleibt und die doch so eine dichte Wirkung entfaltet.

Als junge Frau in ihrem letzten Schuljahr lernt die Mutter auf einem Fest der Eisenbahngesellschaft, für die auch ihr Vater gearbeitet hat, einen jungen Eisenbahningenieur kennen. Der stammt aus der Provinz im Norden Aleppos, in der Nähe der Grenze zur Türkei. Dorthin folgt sie ihm, mittlerweile zur Lehrerin ausgebildet, nach der Hochzeit, abschätzig kommentiert von der Schwester Ibtihâl, die den Ideen des Osmanischen Reiches anhängt und nicht verstehen kann, warum die Schwester zu rückständigen Bauern aufs Land zieht. Spätestens nach der Geburt der Tochter Suâd, die behindert zur Welt kommt, weil bei der Geburt nur die Dorfhebamme anwesend war, teilt die Mutter wohl die Vorbehalte gegen die Provinz. Zur Geburt des Erzählers jedenfalls verkauft sie Goldschmuck und sichert sich mit dem Geld eine gute ärztliche Versorgung im Krankenhaus in Aleppo. Und genau in dieser Woche ihres Aufenthaltes kommt es zu Assads Putsch. Die Geburt in dieser Zeit, so erzählt der Erzähler später, scheint ihn wie ein schlechtes Omen sein Leben lang zu begleiten.

Die Mutter zieht mit den vier Kindern wieder zurück nach Aleppo, als der Vater die Familie verlassen und mit einer Amerikanerin in die USA abgereist ist. Voller Hoffnung und Zuversicht macht sie sich, die für die ersten Wochen mit den Kindern im Keller des Hauses ihres Bruders Abdalmunim unterkommt, daran, ein neues Leben aufzubauen.

„Mutter akzeptierte nicht, dass Schatten über ihren Träumen lagen. Sie machte sich voller Enthusiasmus auf den Weg zu ihrer Schule – elegant gekleidet und frisiert, das Notizbuch in eine farbige Hülle gesteckt. Keiner ihrer Schüler würde sie je vergessen können. Eine romantische, träumerische Frau, die sie häufig zu faszinierenden Dingen führte: Musik von Vivaldi und Mozart, Chansons von Mireille Mathieu, Bilder vom Paris der 1960er Jahre, die Stadt, die sie einmal für den einzigen Ort gehalten hatte, an dem ihre Träume verwirklichen könnte – bevor sie bei jener unseligen Party unseren Vater traf.“

Die Mutter scheint die letzte in der Familie zu sein, die sich noch Träumen hingibt und versucht, ein französisch inspiriertes Leben zu führen. Sie verweigert die Parteimitgliedschaft und beschließt, ein „Parallelleben“, wie sie es nennt, zu führen. Ihre Kinder haben weder Träume noch Halt. Am deutlichsten wird das bei der Tochter Saussan, die als Kind die ganze Familie mit ihrer Fröhlichkeit aufgeheitert hat. In ihrer Schulzeit knüpft sie eine Beziehung zu ihrem Französischlehrer Jean. Nach dem Schulabschluss macht sie jedoch eine Ausbildung zur Fallschirmspringerin beim Militär und führt eine Beziehung zu einem höherrangigen Parteimitglied. Als der sie verlässt, um eine Frau aus seinem Dorf zu heiraten, kehrt sie nach Aleppo zurück, wird streng religiös und beginnt ein Studium. Aber auch dieser asketisch-sinnenfeindliche Weg ist auf die Dauer kein Weg für Sausson. Und so kehrt sie auch der Religion den Rücken. Wie dem Erzähler bleiben auch ihr nur kleinere Übersetzungen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten.

Haltlosigkeit, Stillstand, Perspektivlosigkeit – das sind die Begleitumstände der Generation, die unter dem Regime der Baath-Partei leben. Khaled Khalifa zeigt dies nicht nur in den Biografien der Onkel und Tanten und der Geschwister des Erzählers, er zeigt es auch durch starke Motive: Da ist die Stadt Paris, die Stadt der Wünsche und Träume, da ist die europäische Kultur, die Musik vor allem, die für viele Familienmitglieder eine große emotionale Stütze ist. Da ist auf der anderen Seite die Stadt Aleppo, die immer mehr ihr offenes, fröhliches Gesicht verliert, in der korrupte Städteplaner die alten Häuser abreißen, die „wundervollen Örtlichkeiten innerhalb der alten Mauern, hinter denen die Geschichte der Stadt bewahrt wurde“. Die Bewohner werden vertrieben und in „rasch errichteten, billigen Gebäuden unter[gebracht], in Zimmern wie Rattenlöcher.“

Auch das Haus der Mutter, stolz errichtet nach ihrer Rückkehr nach Aleppo mit weißer Fassade und einem Koranvers über der Tür und die weiten Lattichfelder, versinnbildlicht das Leiden seiner Bewohner. Erst werden neue Häuser in unmittelbarer Nähe gebaut, Parteigenossen ziehen dort ein, sodass die Familie sich nicht einmal mehr im eigenen Haus unbeobachtet fühlt. Und dann beginnt das ganze Haus zu schimmeln und zu faulen, alle Möbel werden schäbig, der Geruch von „Moder und Verwesung“ zieht ein. Und doch kehren die Familienmitglieder immer wieder in dieses Haus zurück.

Und es sind die Figuren, die diesen Roman so vielschichtig machen. Da ist der offen homosexuell lebenden Onkel Nisâr, charakterstark und integer, der den anderen immer wieder Stütze ist und Zuflucht gewährt. Da ist die von früher träumende Mutter, die sich ihren Stolz bewahrt und die Realität nicht anerkennen will. Sausson, die sich immer wieder neu erfindet und doch nicht den richtigen Weg für sich sieht. Rashid, der Musikbegeisterte, der dann doch zum islamistischen Terroristen wird. Und einem Erzähler, der sich an die Familiengeschichten erinnert und dabei eine ganz beklemmende Atmosphäre entstehen lässt. Und der, je näher er den Ereignissen der Gegenwart kommt, um so konkreter erzählt. Der sich in seinem Leben und in dieser Geschichte so unsichtbar wie möglich macht, eher zum Chronist der Leben der anderen wird:

„Keine Wünsche, keine Träume. Keine Zukunft, keine Vergangenheit. Das war mein Glaubensbekenntnis geworden.“

Nicht nur die Familienmitglieder verzweifeln. Auch andere Familien sehen keine Hoffnung mehr. So schreit ein Mann, der gerade seine Frau und seine Kinder verbrannt hat, den seelenruhig zuschauenden Nachbarn zu, es sei ehrenwerter, in den Flammen umzukommen, „als aufs Verhungern zu warten. „Gibt es denn keine Messer mehr in den Küchen dieser Stadt?“, fragte er bitter.

Dass Khalifa mit seinen Romanen, die doch auf so vielen Ebenen vom Elend in Syrien erzählen, auch ins Zensur-Visier des Assad-Regimes gerät, verwundert also kaum.

Khaled Khalifa (2020): Keine Messe in den Küchen dieser Stadt, aus dem Arabischen vom Hartmut Fähndrich, Hamburg, Rowohlt Verlag

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