Memoir, Romane
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Annie Ernaux: Die Scham

Ein Ereignis aus der Kindheit ist es, dass die Ich-Erzählerin in diesem schmalen Buch immer wieder umkreist. Es hat sich am 15. Juni 1952 ereignet und es hat sie zutiefst erschüttert. Es ist das Ereignis, von dem sie sagt, dass es ihr Leben in ein „vorher“ und „nachher“ gliedert, das Ereignis, das ihre Kindheit beendet und ihren Prozess des Loslösens vom Elternhaus einleitet.

An diesem Tag gab es einen Streit zwischen ihren Eltern, das ganze Mittagessen lang. Und ihr Vater, der den Nörgeleien seiner Frau sonst meistens nichts entgegensetzte, wurde so wütend, dass er erst zitterte und keuchte, dann die Mutter packte, in die Vorratskammer schleifte und schrie. Als die Erzählerin, von der Mutter gerufen, hinzukam, hielt er mit der einen Hand die Mutter an Hals oder Schulter fest, mit der anderen hielt er das Beil. So beginnt die Erzählerin ihren Text mit dem Satz:

„An einem Junisonntag am frühen Nachmittag wollte mein Vater meine Mutter umbringen.“

Es sei hier das erste Mal, so berichtet die Erzählerin, dass sie dieses Kindheitsereignis notiere. Es habe ihr unmöglich erschienen, nicht einmal ihrem Tagebuch mochte sie das Ereignis anvertrauen. So, als sei es ihr verboten darüber zu schreiben, so, als würde sie dann bestraft. Auch gesprochen haben die Eltern und sie über den Vorfall nicht mehr. Vielleicht, so überlegt sie nun, haben die Eltern es doch getan, haben dann vereinbart, in Zukunft darüber zu schweigen. Aber in ihrer Anwesenheit sei die Szene nie wieder thematisiert worden. Und so habe sie sie nur den Männern erzählt, in die sie richtig verliebt gewesen sei.

„Alle verstummten, nachdem sie den Satz gehört hatten. Ich merket, dass ich einen Fehler gemacht hatte, dass sie damit nicht umgehen konnten.“

Nun also, so viele Jahre später erst, findet sie die Sprache, die es möglich macht, das traumatische Erlebnis zu schildern. Sie findet dafür eine klare Sprache, ohne Wertungen ohne Gefühle, ohne Verurteilungen. Eine Sprache, die die Szene plastisch vor dem Auge der Leserin erscheinen und so das Entsetzen, das das Kind empfindet, unmittelbar spürbar werden lässt. Für die Schreiberin jedoch ist die Wirkung des Erzählens, der tastenden Suche nach den richtigen Worten, eine ganz andere: sie merkt beim Weiterschreiben, dass sie nicht bestraft wird und dass das Erlebnis seinen Schrecken verliert:

„Mehr noch, seit ich es geschafft habe, davon zu erzählen, habe ich den Eindruck, es handle sich um einen banalen Vorfall, um etwas, das in viel mehr Familien vorkommt, als ich dachte. Vielleicht macht das Erzählen, egal in welcher Form, jede beliebige Tat, sogar die dramatischste, zu etwas Normalem. Aber weil ich die Szene bisher in mir getragen habe wie ein Bild ohne Wörter und Sätze, abgesehen von denen, die ich zu meinen Liebhabern gesagt habe, kommen mir die Worte, mit denen ich sie hier beschrieben habe, fremd vor, beinahe unpassend. Die Szene gehört jetzt anderen.“

Um tiefer in die Bedeutung einzutauchen, die der dramatische Streit der Eltern damals für sie hatte, um näher heranzukommen an ihre Art des Fühlens, Denkens und Sprechens, versucht die Erzählerin, ihrem Alltag im Jahr 1952 nahezukommen. So nähert sie sich dem Jahr und ihren Erinnerungen über zwei Fotos und die Lektüre der Tageszeitung aus der Zeit. Sie erinnert sich an die „Gesetze und Riten, die Glaubenssätze und Werte der verschiedenen Milieus in der Schule, in der Familie, in der Provinz“ und die verschiedenen Sprachen, zwischen denen sie selbstverständlich wechselte, nämlich der Sprache der Religion, der Sprache der Eltern, die meistens an Alltagsgegenstände und Handlungen geknüpft war und der Sprache der Fortsetzungsromane, die sie in Zeitschriften las. Sie versuche, so schreibt sie, eine Ethnologin ihrer selbst zu werden.

Diese wissenschaftliche Herangehensweise, die sich ja auch in der distanzierten, auf das Sachliche bedachten Sprache spiegelt, bestimmt ihren Weg, sich dem Ereignis zu nähern, sich über dessen Voraussetzungen und Gründe klar zu werden. Zwar untersucht sie keine fremde Kultur, sondern ihre eigene, in der ihr eine teilnehmende Perspektive von Natur aus zufällt. Aber indem sie immer wieder ihr Vorgehen und ihre Methoden erklärt und vor allem auch reflektiert, versucht sie am Beispiel ihrer Erlebnisse und Erinnerungen die Lebensbedingungen ihres Milieus sowie die Bedingungen ihres sozialen Aufstiegs zu klären.

Und doch entsteht hier kein wissenschaftlicher Text. Sondern vielmehr ein literarischer, der fast chronologisch von besonderen Ereignissen dieses Sommers 1952 erzählt, als den wichtigen Monaten, in denen die Erzählerin sich ihrer Herkunft schmerzlich bewusst wird. Es sind die Monate, in denen sie die kulturelle und gesellschaftliche Diskrepanz zu ihren Mitschülerinnen am katholischen Gymnasium erkennt. Ein Text, der neben den erzählenden Passagen dann aber auch die reflektierenden Passagen des erwachsenen Ichs beinhaltet sowie die Reflexion der Art der Spurensuche. So entsteht ein ungewöhnlich dichter Text, der gleich aus verschiedenen Perspektiven um das Erwachen der Scham kreist.

Denn Scham empfindet die Erzählerin seit dem Sonntag, an dem ihr Vater ihre Mutter töten wollte. Weil sie in dieser Szene erkennt, dass die Familie nicht zu den anständigen Leuten zählt. Sondern zu denen, die trinken, sich streiten und prügeln. Zu denen, die zur Toilette nach draußen gehen und nachts auf einen Eimer und sich mit dem Nachthemd nach dem Urinieren abwischen. Zu denen, die in beengten Wohnverhältnissen leben, in denen es kein eigenes Zimmer gibt für die Tochter, die ihr Bett im Schlafzimmer der Eltern hat. Seit diesem Ereignis sieht sie die Eltern durch die Augen ihrer Mitschülerinnen und Lehrerinnen. Das führt zu einer starken Erschütterung ihrer selbst, denn alle Gewissheiten geraten ins Wanken.

Der schmale Band Annie Ernaux´ entfaltet eine starke Wirkung. Sie beleuchtet das Problem der sozialen Schichten, das mehr eines der kulturellen Unterschiede ist, als eines der Exklusion. Davon schreibt sie sachlich und distanziert und ohne Verurteilung – aber anschaulich und lebendig und nachfühlbar. So, dass man selbst hinabsteigt in die eigenen Kindheitserinnerungen, auf der Suche nach ähnlichen Erlebnissen, die Scham ausgelöst haben. Und trotz aller Tragik auch dazu beigetragen haben, sich vom Elternhaus zu lösen und erwachsen zu werden.

Annie Ernaux (2020): Die Scham, aus dem Französischen übersetzt von Sonja Finck, Berlin, Suhrkamp Verlag

3 Kommentare

  1. Das ist es vielleicht, was das Erwachsenwerden am eindrücklichsten kennzeichnet: die eigenen Eltern von außen zu sehen… Vielen Dank für diesen tollen Lesetipp, liebe Claudia!

    • Liebe Maren,
      in Annie Ernauxs Fall ist das Erlebnis, das diese Außenperspektive anstößt, natürlich sehr eindrücklich und erschreckend. Aber ich glaube, dass der Wirkmechanismus bei uns allen so ähnlich ist. Und plötzlich schämt man sich für seine Eltern.
      Wenn Literatur die Leser*innen zu solchen Betrachtungen anstößt, dann ist sie doch großartig. Und ich hoffe, dir geht es ähnlich bei der Lektüre.
      Einen schönen und sonnigen Sonntag wünscht Claudia

      • Man distanziert und positioniert sich und begnet sich, wenn es gut läuft, neu und reifer wieder. Annie Ernaux‘ Fall ist, wie du schreibst, natürlich schon sehr speziell. Auf die Lektüre hast du mich jedenfalls neugierig gemacht. Auch dir noch einen schönen Sonntag!

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