am Rande notiert, Romane
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Der März-Rückblick: Vom Lesen, Sehen und vom Hören

Der Lese-Rückblick
Der Lese-Monat März war ganz nach meinem Geschmack. Anregende, aufregende, interessante und literarisch spannende Romane habe ich gelesen:

In David Szalays „Turbulenzen“, einem Roman-Reigen, der per Flugzeug einmal um die ganze Welt führt, wird die globalisierte Welt mit seinen so mobilen Menschen porträtiert. Die hier leben und dort arbeiten, die unterwegs sind zu ihren weit entfernt lebenden Familien, die sich manchmal auch „irgendwo in der Mitte“ treffen. Passend zu diesem fluiden Lebensstil lernen sie in den Flugzeugen nur flüchtig Mitreisende kennen. Szalay erzählt ähnlich flüchtig, indem er jeder Figur nur ein paar Seiten widmet, in denen gerade ihre Leben in Turbulenzen geraten sind. Und doch erscheinen uns diese Figuren ganz plastisch.

Brit Bennett erforscht in ihrem Roman „Die verschwindende Hälfte“ die Lebensentwürfe vierer Frauen, den Zwillingsschwestern Stella und Desiree, die, wiewohl farbiger Herkunft, so hellhäutig sind, dass sie sich auch als Weiße ausgeben können, und ihren Töchtern Kennedy und Jude. Dabei überschattet die Passing-Entscheidung Stellas alle anderen Lebenswege. Diejenige von ihnen, die ihren Weg am konsequentesten geht, scheint auch diejenige zu sein, die am besten in ihrem Leben, in ihrer Identität, angekommen ist – und das ist Jude, die dunkelhäutigste von ihnen.

Einen vergnüglichen Ausflug in eine andere Wohnungswelt im Lockdown hat mir Nikolaus Heidelbachs Bildband „Alles gut?“ beschert. Dort bestaunt der Autor – oder sein Ich-Erzähler – in seiner Wohnung bisher unentdeckte Speiselifte, kommt im Flur an sturzbetrunkenen Saiblingen oder auch alleinerziehenden Quallen vorbei und überprüft mit dem Fieberthermometer täglich den eigenen Gesundheitszustand.

Und dann schickte noch Olivia Wenzel ihrem Roman „1000 Serpentinen Angst“ die Ich-Erzählerin in die Erkundung ihrer Angststörung, die auf der Stelle nachvollziehen kann, wer ihr ein wenig in ihre Biografie folgt. Olivias Wenzel hat dabei eine sehr bemerkenswerte literarische Form genutzt, indem große Teile des Romans als Dialog konzipiert sind. Die Frage-Stimme könnte für unterschiedliche Instanzen stehen, für eine Psychotherapeutin, einen Freund. Es könnte aber auch eine manchmal strenge, manchmal Widersprüche aufdeckende, manchmal beruhigende Selbstbefragung sein. Zumal am Ende des Romans aus dem „Du“ ein „Ich“ wird.

Der Film-Rückblick
Ausgehend von Brit Bennetts Roman über das Passing habe ich Philip Roths Roman „Der menschliche Makel“ wieder in die Hand genommen. Philip Roth dreht die dramatische Schraube wesentlich fester als Britt Bennett, die ja mehr ihren Figuren bei der Suche nach einem Leben begleitet, das sie sich auswählen, um dem Glück ein Stück näher zu kommen. Philip Roth dagegen kombiniert die Passing-Geschichte des angesehenen Literaturprofessors Coleman Silk mit den Empörungen an der amerikanischen Universität um die Nuller Jahre. Da wird ihm die ironische Bemerkung von zwei Stundent*innen, die nicht in seinem Seminar auftauchen und die er als „dunkle Gestalten“ bezeichnet zum Verhängnis. Vor der empörten öffentlichen Meinung knicken die Fakultätsmitglieder ein und werfen Silk, der lange Jahre Dekan war, umgehend hinaus.

Lesen möchte ich den Roman wieder. Einstweilen habe ich mir dessen Verfilmung angesehen. Die in verschiedenen Konstellationen davon erzählt, welche Wirkungen das laute Gebrüll des angeblich so moralisch bewertenden Mobs haben kann. Sehr sehenswert. („Der menschliche Makel“ bei amazon prime)

Der Hör-Rückblick
Die Messen sind vorerst abgesagt, Lesungen können nicht stattfinden und die Buchläden schließen zum Teil freiwillig, um zur Reduktion der Corona-Infektionen beizutragen. Es gibt also kaum mehr Gelegenheiten und Räume, in denen Literatur entdeckt werden kann.

Zum Glück aber erproben viele Veranstalter neue, eben digitale Formen, in denen zwar keineswegs die Atmosphäre herrscht wie bei einer Lesung, das Papier nicht so schön raschelt, schon gar nicht riecht, trotzdem aber über die Neuerscheinungen gesprochen, Teile der Texte gelesen werden und die Autor*innen sich vorstellen können. Auf den Seiten der Verlage oder der Literaturhäuser finden sich die Termine, an denen Interessierte zum großen teil sogar kostenlos teilnehmen können.

Und zum Hören gibt es auch etwas Neues: Ähnlich dem Video-Konzept „10 Seiten“, bei dem Autoren 10 Seiten ihrer neuen Romane vorlesen, liest auch in der neuen Podcast-Reihe der „ZEIT für Literatur“ ein Autor aus seinem Roman. Flankiert wird die Lesung von einem kurzen Interview zum Roman und zum Schreiben. Zum Auftakt hat Norbert Gstrein aus seinem neu erschienenen Roman „Der zweite Jakob gelesen“.

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