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David Szalay: Turbulenzen

Als Arthur Schnitzlers Theaterstück „Reigen“ 1920 in Berlin uraufgeführt wurde, führte das zu einem anständigen Skandal. Denn das Drama gibt Einblicke in die Schlafzimmer der Gesellschaft und verhandelt in 10 Dialogen was die Menschen, die sich jeweils getroffen haben, um miteinander zu schlafen, bewegt, was sie antreibt, was sie wünschen und erhoffen. Nicht zuletzt gibt es Einblicke in das Leben, die Einstellungen und Werte der verschiedenen sozialen Gesellschaftsschichten und zeigt am Beispiel des Sex besonders anschaulich auch die herrschenden Machtverhältnisse. Dass der moralische und sexuelle Tabubruch in den 1920er Jahren die Gemüter erhitzte, ist nachvollziehbar.

David Szalays Roman von den „Turbulenzen“ beschwört keinen neuen Skandal herauf. Aber Szalay hat sich bei Schnitzlers Idee des „Reigens“ bedient und sie ins Hier und Heute des 21. Jahrhunderts überführt. Und erzählt hier am Beispiel von flüchtigen Reisebegegnungen von unserer mobilen und globalisierten Welt. Wie in Schnitzlers Reigen wird dabei die Nebenfigur der einen Geschichte zur Hauptfigur der nächsten. So entsteht manchmal ein doppelter Blick auf eine Person, auf eine Situation, ein Blick also aus unterschiedlichen Perspektiven, der für die Leserin ein komplexeres Bild entstehen lässt.

Auf den ersten Flug – von LGW nach MAD – ist eine ältere Frau gebucht. Sie hat für einen Monat ihren Sohn Jamie in London besucht, der sich wegen einer Krebsdiagnose einer Strahlentherapie unterziehen musste. Nun wollen die Ärzte vier Wochen abwarten, um dann zu untersuchen, wie gut die Therapie angeschlagen hat. Fast hat man als Leserin den Eindruck, Jamie wolle nun, bevor die Wochen des Wartens beginnen, seine Mutter möglichst schnell zur Abreise bewegen. Schon hat er einen Flug für sie für den nächsten Tag herausgesucht, schon ist der Flug gebucht – obwohl die Mutter doch eigentlich Flugangst hat und sich überlegt, dass sie lieber mit dem Schiff und dem Zug reisen würde. Als ihr Sohn sie am Flughafen verabschiedet hat, überkommt sie die Ahnung, dass er innerhalb des kommenden Jahres sterben werde. Noch bei der Kontrolle zittert sie.

Im Wartebereich des Flughafens versucht sie ihrer Angst mit zwei Bloody Mary Herr zu werden. Im Flugzeug genehmigt sie sich die nächste. Als das Flugzeug die Biskaya überfliegt, kommt es zu Turbulenzen. Die erste, die steckt sie noch ganz gut weg. Aber die zweite erschüttert sie bis ins Mark. Ihren Sitznachbarn wohl auch, denn der verschüttet seine Cola.

Ja, auch der Sitznachbar, Cheikh, ein Geschäftsreisender, der via Madrid weiter nach Dakar fliegt, hat bei diesen Turbulenzen Angst. Zehn Minuten dauern sie und das fühlt sich, wenn man in diesem zitternden und bebenden, sich scheinbar in sich selbst verwindenden und ächzenden Flugzeug sitzt, wie eine Ewigkeit an. Das sind, so denkt er später, als sein Fahrer ihn am Flughafen abholt, schwere Turbulenzen gewesen. Cheikh ahnt, dass sein Fahrer ihm eine wichtige Nachricht vorenthält, aber noch kann er sich auf die Situation im Wagen nicht richtig einstellen, noch ist er gefangen in der Erinnerung an den Flug über die Biskaya.

Und so erinnert er sich, dass er mit der britischen Sitznachbarin nach den Turbulenzen in ein Gespräch gekommen sei. Darüber, warum sie im Flugzeug sitzen, über die Kinder, er zeigt ihr sogar Bilder auf dem Handy. Und da erst fällt ihm auf, wie blass sie ist und fragt, ob es ihr gutgehe. Eine Ärztin ist an Bord, die sich der älteren Dame annimmt, ein Rettungswagen wird zum Landeplatz der Maschine in Madrid bestellt. Aber damit ist Cheikh noch nicht am Ende mit den Turbulenzen. Denn zu Hause wartet eine schlimme Nachricht auf ihn.

Was es damit auf sich hat, enthüllt dann die dritte Geschichte – DSS – GRU. Da steht Werner, Kapitän einer Frachtmaschine, in seinem Taxi im Stau und fürchtet, zu spät am Flughafen in Dakar zu sein. Er wird es zwar nicht pünktlich zum Kontrollgang schaffen, wird aber die Maschine von Dakar nach Sao Paulo steuern. Weil er die Hotelzimmer hasst, in denen er alleine die Nächte verbringt, sucht er über das Internet nach einer Frau für den Abend. Und verbringt Abend und Nacht bei einer brasilianischen Journalistin.

In zwölf knappen Erzählungen also nimmt David Szalay uns einmal mit auf die Reise rund um die Welt. Immer weiter nach Westen, über fast alle Kontinente fliegen wir. Dabei begleiten wir für eine kurze Zeit Figuren, für die das Fliegen keineswegs Aufbruch zu einer aufregenden Reise ist oder gar Sinnbild ist für die Freiheit. Es sind vielmehr Figuren, für die das Fliegen notwendig ist, um größere Strecken zu bewältigen, weil ihre Lebenswirklichkeit an so weit auseinanderliegenden Orten stattfindet. Es sind Geschäftsreisende, Piloten, Journalistinnen und Schriftstellerinnen, es sind vor allem aber Mitglieder von Familien, die über viele Länder verstreut leben: die Schriftstellerin Marion MacKenzie in Toronto reist quer über den Kontinent zu ihrer Tochter nach Seattle, um bei der Geburt des Enkels in der Nähe zu sein. Jackie, die an der Hochschule von Hongkong lehrt, ist ebenfalls in Seattle zu Besuch, um wiederum ihre Tochter zu besuchen. Anita arbeitet als Haushaltshilfe in Delhi und fliegt, als die Schwester vom Brand in ihrem Haus erzählt, zurück nach Kochi. Dort ist auch ihr Schwager angekommen, der als Gärtner in Doha arbeitet.

Die Erzählstimmen führen uns immer schnell mitten hinein in ihre Reisesituation. Und in die großen Fragen ihrer Leben: Wie umgehen mit Krankheit und Tod, mit Liebe und der Suche nach dem Glück? Wie umgehen mit den mehr oder weniger heftigen Turbulenzen im eigenen Leben? Dass lange Reisen nicht nur der gutsituierten Mittelschicht vorbehalten ist, machen die Erzählungen um die indischen Figuren deutlich, die sich in Delhi, in Doha sogar eine Arbeit suchen müssen.

Es ist ein durchaus melancholischer Ton, der allen Geschichten zugrunde liegt. Der Ausdruck ist der manchmal existenziellen Ereignisse, in die Figuren geraten. Der aber auch Ausdruck sein mag für die Erfahrung, im Grunde unbeheimatet zu sein und vor allem in fluiden Beziehungen zu leben. So ist Szalays Motiv des Fliegens ein starkes Bild unserer mobilen Gesellschaft. Das natürlich keinen Skandal hervorruft, wie Schnitzlers Blick in die Schlafzimmer Wiens der 1920er Jahre. Das aber genauso die Wünsche und Hoffnungen der Figuren transportiert, auch die gesellschaftlichen Verwerfungen. Zum Ende, und damit ähnelt Szalays Dramaturgie der Konzeption von Schnitzlers Drama, führt der Roman dann auch wieder zurück nach London.

David Szalay (2020): Turbulenzen, aus dem Englischen übersetzt von Henning Ahrens, München, Carl Hanser Verlag

5 Kommentare

  1. Ich bekam dieses Buch, gleich als es herauskam, vom Verlag zugesandt und habe es mit Interesse gelesen. Mir gefällt der Stil, dieser leicht melancholische Erzählton, sehr gut. Danke, dass du die Verbindung zu Schnitzlers „Reigen“ aufzeigst. Diese offenkundige Parallele war mir entgangen.
    Alles Gute
    Thanks for sharing
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    • Lieber Klausbernd,
      aus irgendeinem Grund scheinen die „Turbulenzen“ ein wenig unter dem Radar der Bücherblogger und des Feilletons zu fliegen. Jendefalls habe ich nur wenige Beiträge dazu gelesen. Wirklich schade. Und offensichtlich, darüber berichtete ein Buchklub-Kollege, mag Szalay die Konzeption der vielen Stimmen zu einem Thema. Denn auch der vorherige Roman „Was ein Mann ist“ habe zwar nicht diese „Reigen“-Struktur, aber doch einen Chor von Männern, die ihre Geschichten erzählen.
      Vielleicht ist diese Vielstimmigkeit sogar eine wichtige aktuelle Form des Erzählens. Bei Bernardine Evaristos Roman „Mädchen, Frau etc.“, den ich gerade lese, findet sie sich auch (zum Teil kann auch hier wieder vom Reigen gesprochen werden, wenn die Nebenfigur der einen Geschichte zur Hauptfigur der ncähsten wird).
      Viele Grüße an alle Fab Four of Cley, Claudia

      • Liebe Claudia,
        herzlichen Dank für deine erläuternden Anmerkungen.
        Ich lese gerade „Frankissstein“ von Jeanette Winterson, ein cleverer philosophischer Roman über Robotik, AI und das mind-body-Problem. Da werden die Romantiker und die Neuzeit gekonnt, wenn auch experimentell, miteinander verbunden. Vorher las ich von Bill Smoot „Love: A Story“ ein selbstreferentieller postmoderner Roman, den ich technisch toll fand, der mir jedoch zu traurig endete. Ich bekam die von den Verlegern zugesandt, die natürlich wissen, was ich liebe und erwähnen werde.
        Herzliche Grüße vom heute sonnigen, aber stürmischen Meer
        Klausbernd und der Rest von
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

      • Oh, Frankissstein hört sich ja vielversprechend an. Kommt gleich auf meine Liste :-).
        Ein schönes Wochenende (hier mit Regen und Gewitter, brrr), Claudia

      • Wir haben hier gerade Sonnenschein und Sturm.
        Bei ‚Frankissstein‘ ist der Anfang etwas platt, aber dann wird’s differenziert und wir fanden auch elegante Wendungen dort.
        Alles Gute
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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