Debüt, Identität, Lesen, Romane
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Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Als die Angst sie so richtig gepackt hat, als sie schon längst nicht mehr schlafen kann in der Nacht und am Tag nur wenige Stunden, als die Angst sie vollkommen überwältigt, sodass sie Angst hat vor dem ständigen Grübeln, dem Einschlafen, vor allen möglichen Situationen, auch vor den Gesichtern der Menschen in der U-Bahn, da stürzt die Ich-Erzählerin völlig ab. Später erinnert sie sich, wie sie auf dem Tisch einer Bar stand, tanzend und trinkend, wie sie auf der Toilette Speed nahm, hat vage Erinnerungen an die Heimfahrt im Taxi mit einem unbekannten Mann, vage Erinnerungen an Sex in einem abgewrackten Gebäude. hingeschmiert

„Ich weiß nicht, wie lange ich aus war, vielleicht 20 Stunden, aus den Augenwinkeln sehe ich nervös flackernde Schatten. Mein Herz rast seit Stunden, ich gucke Serien, esse Chips und Kakaopulver mit dem Löffel; nach draußen zu gehen, um an der Tankstelle etwas zu essen zu kaufen, ist keine Option, Essen bestellen auch nicht, niemand darf mich sehen.“

Sie liest im Internet Abschiedsbriefe von Menschen, die sich selbst getötet haben, probiert aus, ob der Frotteegürtel des Bademantels, an die Verstrebungen des Hochbettes geknotet, halten würde. Sie weiß seit Wochen, dass sie ohne Hilfe nicht mehr aus der Angst herausfindet. Und braucht noch weitere drei Tage und Nächte, bis sie es endlich schafft, ihren Freund Burhan anzurufen. Der ist Psychotherapeut und sorgt dafür, dass sie einen Arzt aufsucht, der ihr mit Medikamenten über die erste Zeit hilft.

So wie die Geschichte der Ich-Erzählerin, wie ihr Ringen mit der Angst, ihre Suche nach Hilfe zum Parforceritt wird, so spiegelt der Text diese Anstrengungen wider. Einen engen Helm aus Holz wünscht sich die Ich-Erzählerin, „um meine Gedanken zusammenzuhalten, nirgends Ordnung.“ Und diese „Un-Ordnung“ findet sich auch, wenn sie ihren Erinnerungen nachspürt, die wild zwischen den Zeiten und Orten springen, hier von der Großmutter erzählen, dann von einem Abendessen mit Freunden, von der Suche nach einem Psychotherapeuten, von der Mutter.

Die Ich-Erzählerin ist den Ursachen ihrer Angst auf der Spur. Dazu dient, neben oder nach der Therapie, auch eine Art Selbsterkundung, die sie in diesem Text betreibt. So sind zwei Teile des Romans Dialoge, in der eine fragende Stimme immer wieder versucht, Ordnung in die Gedanken zu bringen – und Präzision. Manchmal ist die fragende Stimme entlarvend, manchmal ist sie beharrlich: „Was fühlst du?“. Manchmal stellt sie Fragen, wie sie aus den Einreisefragebögen in die USA bekannt sind, manchmal weist sie auf Widersprüche in den Überlegungen hin. So entsteht ein intensiver Text, eine schnell durch die Themen, die Zeiten, die Geschichten wechselnde Kommunikation. Und im Kopf der Lesenden entsteht ein ganz dynamischer Dialog: schnell, hart, zärtlich, auf den Punkt, entlarvend, witzig: hier wird Mündlichkeit lesbar.

So chaotisch der Text auf den ersten Blick scheint, so entfaltet sich doch langsam die Lebensgeschichte der Erzählerin, ihre Probleme und Widersprüche. Geboren als Tochter einer sehr jungen Frau in der DDR, die gegen das SED-Regime und die eigenen Eltern rebellierte, indem sie als Punkerin durch die Gegend zog. Die sich, neunzehnjährig, angezogen fühlte von dem angolanischen Mann, der der Vater ihrer Kinder wird. Beschlossen war, dass sie ihm mit den Kindern nach Angola folgen würde, aber dazu ist es nie gekommen. Und so wuchsen die Zwillinge, die Ich-Erzählerin und ihr Bruder, in Ostdeutschland auf, bei einer Mutter, die immer wieder unzuverlässig war. Immerhin sprangen die Großeltern ein, ist die Beziehung zur Großmutter auch heute noch die festere und stabilere. Ein Verständnis für die besondere Situation der Kinder, die wegen ihrer Hautfarbe doch so exponiert sind, entwickelt sie bei aller Liebe und Fürsorglichkeit nicht. Sie reflektiert nicht ihren eigenen Alltagsrassismus den Enkeln gegenüber, sieht nicht die Widersprüche, wenn sie lobend vom angolanischen Vater erzählt, aber kein Hehl daraus macht, dass sie nun die AfD wählt. Und versteht nicht, warum die Ich-Erzählerin im Kaufhaus lieber die Rolltreppe statt des Liftes nimmt, wenn dort eine Frau in einschlägig rechtsradikalem Outfit steht. Und dann noch der Bruder, der Zwilling, der sich, da sind sie auch gerade neunzehn Jahre alt, vor einen Zug wirft. Diese Familienkonstruktion reicht wohl allemal für ein Verständnis der Panikattacken der Ich-Erzählerin.

Es ist eine starke Stimme, die sich hier zu Wort meldet, eine temperamentvolle, eine, die für sich in Anspruch nimmt, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Eine, die dann auch den bohrenden Fragen nicht ausweicht und Szenen erzählt, die nicht immer ein vorteilhaftes Licht auf sie werfen. Eine, die manchmal auch sehr radikal mit sich ins Gericht geht. Eine, die aber auch kleine Szenen mit ein paar Beschreibungen so detailliert schildern kann, dass die Leserinnen sie so schnell nicht vergessen.

Das sind vor allem die Szenen, die von den Rassismuserfahrungen erzählen, die nicht kennt, wer der vermeintlichen Norm entspricht. Weil diejenigen eben nicht ihre Umgebung permanent nach Frisuren, Kleidung und Tätowierungen scannen (müssen); weil die eben nicht konfrontiert werden mit einem Verhalten ihrer Gegenüber, das man nicht für möglich hält; weil die eben nicht in ständiger Angst leben: Einmal sitzt die Ich-Erzählerin mit ihrem Freund am Ufer eines brandenburgischen Sees. Unter einem Baum vor der Sonne geschützt, aber auch vor den Blicken anderer Badegäste. Ein Vater ist mit seinen Kindern am Ufer, die Kinder, planschen im Wasser. Vier junge Leute kommen, ziehen sich aus, gehen schwimmen. Der größte von ihnen hat ein Hakenkreuz auf die Brust tätowiert.

„Als sie wieder rauskommen und sich abtrocknen, wieder so stramm dastehen, wieder so hölzern, niemand hatte hier eben Spaß, bemerken sie, dass nur eines der Kleinkinder weiß ist. Bäh, da war ja ein Neger im Wasser, sagt einer laut unddas Wort sticht mir zwischen die Rippen. Ich sage leise: Wir müssen uns da jetzt daneben setzen, zu dem Vater. Mein Freund sagt: Auf keinen Fall. Das sehen die als Provokation, dann geht erst richtig was los. Ich sage: Aber wir können doch die Kids und ihren Vater nicht mit denen allein lassen. Mein Freund sagt: Den Kindern werden sie nichts tun. Uns schon. Wir fahren jetzt.“

Es sind diese Szenen davon, welche Reaktionen es hervorruft, als „anders“ wahrgenommen zu werden, die die Wut und die Ängste der Ich-Erzählerin so eindringlich nachfühlbar machen. Und ihre Glücksgefühle, wenn sie unbehelligt und unbeobachtet durch New York gehen kann, wenn sie im Restaurant hoch oben im Berliner Fernsehturm auf thüringisch bestellt und dann viel freundlicher vom Servicepersonal umsorgt wird.

Auch wenn der Text keine konkrete Handlung hat, keinen eigentlichen Plot, so steht die Entwicklung der Ich-Erzählerin, im Mittelpunkt des Romans. Die wird vor allem durch die Selbsterkundung vorangetrieben, durch die Betrachtung von Familienbildern, durch Phantasiebilder, die immer wieder auftauchen, durch Erinnerungen und Reflexionen. Die Ich-Erzählerin kämpft sich nach dem großen Zusammenbruch zurück in ihr Leben. Sie scheint sich ihrer Identität und ihren Vorstellungen davon, wie und mit wem sie leben will, immer sicherer. Und plötzlich wechselt die befragende Stimme die Anrede, befragt nicht mehr ein Du, sondern ein Ich: „Wo bin ich jetzt?“

Und so endet dieser kraftvolle und grandiose Roman, der mit der Suche nach der eigenen Position in der Welt ein auch in diesem Frühjahr ganz aktuelles Thema auf unkonventionelle Erzählweise aufgreift, sehr zuversichtlich.

Olivia Wenzel (2020): 1000 Serpentinen Angst, Frankfurt am Main, S. Fischer Verlag

11 Kommentare

  1. Also das ist ein Buch, das ich sicherlich nicht lesen werde. Ich lese eh gerade noch die letzten fünfzig Seiten von „Krass“, übrigens auch ein Roman, bei dem die Handlung sekundär ist. Ich finde, solch pseudopsychologische Selbsterkenntnisromane outdated wie auch Erinnerungen an die DDR. Das mag wohl daran liegen, dass ich in Schweden aufwuchs und überhaupt keine Beziehung zum Osten habe.
    Aber dennoch vielen Dank für die Rezension.
    All the best. Happy Easter
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

    • Lieber Klausbernd,
      Olivia Wenzels Ich-Erzählerin erwähnt die DDR eigentlich nur im Zusammenhang mit ihrer Großmutter und macht so, mehr im „Nebensatz“ deutlich, dass sich Werte und Vorstellungen der SED eben auch noch Jahre später entfalten, dass noch die übernächste Generation davon „betroffen“ ist.
      Wie hat dir denn „Krass“ gefallen?
      Viele Grüße und ein schönes Osterfest, Claudia

      • Guten Morgen, liebe Claudia,
        mir hat die Sprache, ja der gesamte Stil in „Krass“ außerordentlich gut gefallen. Für mich ist das ein Roman, bei dem der Plot unwesentlich ist, bei es auf die Formulierungen, die sprachlichen Ideen und Bilder ankommt. Ich halte das für große Literatur, die sich deutlich von all den Romanen absetzt, die auf einen spannenden Plot setzen. „Krass“ ist auch voller genauer Beobachtungen wie z.B. dass einem nichts ein Werk näher bringt wie der Nachweis von Fehlern oder, was wir interessant fanden, da wir vor kurzem über Schönheit und Hässlichkeit auf unserem Blog schrieben und je ein Podcast machten, dass man realistische Totenköpfe erst in der Gotik findet und dass eine neue Religion mit einer neuen Einstellung zur Hässlichkeit zu entstehen habe.
        Ich nehme an, du hast auch „Krass“ gelesen. Was hältst du denn von diesem Roman?
        Grundsätzlich bin ich übrigens kein Mosebach-Fan, in anderen Werken finde ich ihn oft langweilig.
        Herzliche Grüße vom Meer. Frohes Fest
        Klausbernd
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

      • Lieber Klausbernd,
        „Krass“ habe ich noch nicht gelesen. Hier stapeln sich schon so viele Romane und warten auf Lektüre. Immerhin hört sich die Verlagsvorschau interessant an. Deshalb frage ich nach Leseeindrücken.
        Liebe Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    Deine thematisch aktuelle Buchvorstellung gelingt Dir wieder berührend.
    Im sechsten Abschnitt ist die Rede von „den Ekeln“ und vielleicht sind gemeint die „Enkel“.
    Darf ich dies als Verschreibsel lesen und im Sinne der Besprechung so auffassen, dass die Enkel als Ekel verstanden wurden?
    Gute Wünsche zu den Osterfeiertagen
    Bernd

    • Lieber Bernd,
      Das ist einfach nur ein Verschreiber, ganz ohne Hintergedanken. Werde ich gleich mal richtigstellen. Und ordentlich mit dem allzu lässigen Lektorat meckern. So geht´s ja nicht!
      Dir auch die besten und sonnigsten Ostertage, Claudia

  3. Hallo Claudia,
    frohe Ostertage! Mit hoffentlich relativ leerem Schreibtisch… Deine Buchvorstellung macht mich doch neugierig. „Outdated“ – die Bemerkung von Bernd – finde ich hier zunächst gar nichts. Ganz im Gegenteil, wie viele haben die Thematik in Deutschland noch gar nicht wahrgenommen. Und letztlich entscheidet die literarische Qualität. Also, ich bin gespannt.
    Liebe Grüße
    Anja

    • Liebe Anja,
      nicht so ganz leer ist der Schreibtisch, morgen muss ich mal wieder einen Stoß Arbeiten der Studierenden lesen und Feedbacks schreiben. Aber trotzdem: es ist schon sehr erholsam.
      Mich hat Olivia Wenzels Romans schon ziemlich angesprochen. Zum einen sind ja Inhalt und Form schon ganz besonders, zum anderen packte mich ja auch das Thema „Angst“. Und aus wie vielen unterschiedlichen Quellen es sich speist. Davon sind die Rassismus-Erfahrungen eine, wenn auch sicherlich eine, die besonders schockierend ist (weil wir uns schon an dysfunktionale Familien und DDR-Nachwehen gewöhnt haben). Und trotz allem hat die Erzählerin eine unheimliche Power. Das ist schon beeindruckend.
      Dein Kommentar liest sich, als ob du die „100 Serpentinen Angst“ auch gerne lesen würdest?
      Einen schönen Oster-Montag (auch mit Schnee?) wünscht Claudia

  4. Anonymous sagt

    Hallo Claudia,
    der Titel kommt jedenfalls schon mal auf die Liste… Ja, ein gänzlich freier Schreibtisch, das wär schön. Hier leider auch nicht. 😎
    Liebe Grüße
    Anna

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