Romane
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Vom Lesen in Zeiten von Corona – ein Rückblick auf das Lesejahr 2020

Was für ein Jahr! In dem wir kennengelernt haben, was eine Pandemie ist und wie rasend schnell sie sich in einer globalisierten und mobilen Welt bis in die letzte Ecke ausbreitet. An dessen Ende wir nun, nach eigentlich unglaublich kurzer Zeit, aber auch die Hoffnung haben können, durch die verschiedenen Impfstoffe im nächsten Jahr wieder mehr normales Leben leben zu können. Es ist toll, was die Wissenschaft in der kurzen Zeit geleistet hat!

Mein Lesen ist in diesem aufregenden Jahr ziemlich auf der Strecke geblieben. Mein literarisches Lesen jedenfalls. Denn gelesen habe ich mehr als genug: Ich kenne nun die Bedienungsanleitungen von mindestens vier Videokonferenzprogrammen, ich habe mich durch moodle- und logineo-Anleitungen gelesen, durch Padlet-, Oncoo- und Etherpad-Kurzfortbildungen geklickt, mein ganzes Unterrichtsmaterial neu organisiert, sodass es auf alle erdenklichen Lernplattformen hochgeladen werden kann, und Woche für Woche mehr als hundertdrölfundneunzig eingereichte digitale Hausaufgaben gelesen und zum Teil kommentiert. Für literarisches Lesen ist da wenig Muße – und vor allem Lust – geblieben. Fürs Bloggen über meine literarischen Lektüren noch viel weniger.

So gibt es in diesem Jahr einen ganzen Stapel „unverbloggter“ Romane. Vielleicht habe ich ja noch Lust, den einen oder anderen Titel auf dem Blog festzuhalten. Viele Romane haben mich aber auch gar nicht so richtig gepackt. Vielleicht hat mich die ganze Situation ja auch ungnädig gestimmt. Oder das sehr fragmentierte Lesen hat dazu geführt, oft gar nicht in den Text „hinein“ zu kommen.

In Erinnerung bleiben wird mir die kleine Reihe „Beim Lesen reisen“ mit den Romanen von Sarah Jäger „Nach vorn, nach Süden“, Nava Ebrahimi „Das Paradies meines Nachbarn“ und Mathijs Deen Über alte Wege . Und zu diesen Büchern würde auch noch Salman Rushdies „Quichotte“ gehören, auch eine Road Novel und eine Geschichte über die Möglichkeiten der Literatur (und die Macht des Autors!). Bei dessen Lektüre ich schon sehr geschwächelt habe, sodass ich mich zu einem Beitrag so gar nicht motivieren konnte.

Eine andere kleine Reihe hat sich zufällig ergeben und ich könnte sie „Rykestraße“ überschreiben: Enno Stahls Roman über die Gentrifizierung Berliner Quartiere – „Sanierungsgebiete“ – spielt zum Ende der 2000er Jahre in dieser Straße. Und wiederentdeckt habe ich sie mit Carl Bischoff, Lutz Seilers Protagonist in „Stern 111“, der tatsächlich Ende 1989 genau in diese Rykestraße kommt und sich dort in einem der heruntergekommenen Häuser eine leerstehende Wohnung sucht. Zusammen zeigen die beiden Romane die rasante Entwicklung einer Straße innerhalb von nur zwanzig Jahren.

Neben vielen Enttäuschungen gibt es aber auch zwei Lesehighlights: Einmal Thorsten Nagelschmidts Roman „Arbeit“ . Der spielt auch in Berlin, nicht ganz so weit entfernt von der Rykestraße. Innerhalb einer Nacht im März begleitet die Leserin einen Nachtportier, die Frau vom Späti, einen Drogendealer, einen Taxifahrer, den Türsteher vor einer Disko, Polizisten auf Streife und Rettungssanitäter bei ihrer Arbeit. Dabei springt der Blick auf die Protagonisten hin und her, manchmal überlagern sich die Geschichten der einzelnen Figuren. Das ganz großartige Panorama – oder Wimmelbild – einer Nacht in einer Großstadt.

Das zweite Highlight ist Maggie Nelsons „Die roten Stellen. Autobiographie eine Prozesses“. Sie zeichnet in diesem Text über den Gerichtsprozess gegen den vermutlichen Mörder ihrer Tante – der Mord konnte seit 1969 nicht aufgeklärt werden – nicht nur die Ermittlungsarbeit und den Verlauf des Prozesses nach, sondern reflektiert die Folgen des Mordes für ihre Familie insgesamt, für die einzelnen Familienmitglieder, ja auch für die Generation der Kinder. Und schafft es auch, mit durchaus empathischen Blick auf die Angehörigen des Mörders zu schauen. Es ist ein sprachlich beeindruckendes Buch, das die Themen „Mord“ und „Gewalt“ und ihre Folgen aus verschiedenen, manchmal überraschenden, Blickwinkeln beleuchtet.

Und es gibt natürlich auch das Buch mit dem grauslichsten Cover. Davon hat schon Anna Buchpost auf ihrem Blog geschrieben. Und dem ist eigentlich nichts hinzufügen: Es ist das Cover von Sigrid Nunez: Der Freund. Ein Roman, der Anna sehr gut gefallen hat (zum Text hier entlang), mir gar nicht.

Zum Schluss ein Blick auf die Statistik: Bei meinen Lektüren stammt nur ein Titel aus einem unabhängigen Verlag, nämlich Enno Stahls „Sanierungsgebiete“ aus dem Verbrecher Verlag. Ich habe 10 Bücher von Autorinnen gelesen und 6 von Autoren.

Ich bin mir sicher: Auch im kommenden Jahr wird es wieder anregende Bücher und spannende Lektüren geben. So wünsche euch allen einen guten Rutsch ins neue Jahr, Gesundheit und natürlich: jede Menge gute Bücher!


Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Romane

8 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    sei bedankt für Deinen belesenen Rückblick auf dieses Jahr und die guten Wünsche.
    Großen Respekt Dir und allen Lehrkräften, die digitalen Herausforderungen in diesem Jahr anzugehen und weitmöglichst zu meistern. Die Programme, der Internet- oder WLAN-Zugang, di e Geräte, der Datenschutz, das Synchronisieren, wer ist wie erreichbar und wie kommt alles an und zurück?
    Dass Du darüberhinaus noch Muße fandest, einiges zu lesen, und Deiner Lesegemeinde hier zusammenzufassen, dafür ganz herzlichen Dank
    und für die Ferien beste Wünsche und Grüße
    Bernd

    • Lieber Bernd,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Das was bestimmt für viele ein aufregendes und forderndes Jahr, erst recht und viel mehr aber für die, die im medizinischen Bereich arbeiten und noch viel unmittelbarer mit den Auswirkungen der Pandemie zu tun haben und deswegen auch selbst viel mehr in der Gefahr sind, sich selbst zu infizieren. Deswegen habe ich auch versucht, mein „Gemecker“ ironisch zu formulieren, denn wirklich ernst nehmen sollte mich da niemand. In der Schule haben wir nun die digitale Entwicklung ganz schnell umgesetzt, die sonst wahrscheinlich Jahre gebraucht hätte. Und die in „normalen“ Zeiten in der Form auch nicht gebraucht wird. Dafür haben wir ja Präsenzveranstaltungen, dafür ist unser (Schul-)Lernen ja auch eine soziale Interaktion. Und die ist und bleibt ganz wichtig, den tollen Videokonferenzsystemen zum Trotz. Denn dort kann man kaum „durch die Reihen“ gehen und auch diejenigen Schülerinnen und Schüler ansprechen und beraten und motivieren, die gerade abgelenkt sind oder nicht weiterkommen. Spätestens im nächsten Schuljahr wird alles wieder normal. Hoffe ich mal.
      Ich wünsche dir einen guten und gesunden Rutsch ins neue Jahr. Auf dass wir uns dann wiederlesen.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    Deinen Beitrag hatte ich weder als „Gemecker“, noch als ironisch wahrgenommen, vielmehr als ganz wirkliche Jahresschau. Was meckern, lästern und humorig ist, mag regional wie persönlich unterschiedlich klingen. Aus dem privaten Leben weiß ich, dass mein fränkischer Humor zuweilen bärbeißig oder trocken erscheinen mag. Jedenfalls finde ich Deine Arbeit klasse, wie Deine Blog-Beiträge.
    Zwischen den Jahren gute Tage
    und schöne Grüße
    Bernd

  3. Liebe Claudia, komm gut ins Neue Jahr, bleib gesund und gelassen! Und für erschöpfte Momente gibt es ja Elizabeth Strout, die ich auch auf deinem Stapel gefunden habe. Ich mag sie sehr und das Lesen ihrer Texte schenkt mir irgendwie immer Frieden. Ich wünsche dir ein glückliches und anregendes 2021! Viele liebe Grüße, Petra

    • Dir auch einen guten Rutsch ins Neue Jahr, liebe Petra! Und es wäre ja schön, wenn wir uns im kommenden Jahr mal wieder „in echt“ sehen und sprechen könnten. Und dann z.B. über unsere Eindrücke von Elizabeth Strouts Romanen plaudern könnten. Wir drücken uns die Daumen, dass es klappt!
      Liebe Grüße, Claudia

  4. Hallo Claudia,
    wie schön, dass du trotz der unerquicklichen Rahmenbedingungen Zeit und Muße für das ein oder auch andere Buch gefunden hast und sogar schon deine Rückschau schreiben konntest.
    Deine zwei Lesehighlights klingen verlockend und ich sehe, mit Nunez konntest du dich gar nicht anfreunden. Auch bei mir gab es dieses Jahr eine Reihe unverbloggter Bücher (ist das Adjektiv „unverbloggt“ eigentlich schon in den Duden aufgenommen worden?), manchmal ist Lesen auch schöner als Bloggen.
    Ich wünsche dir rundherum gute Erholung, einen schönen Jahreswechsel und gute Nerven beim Wiedereinstieg und ganz, ganz viele lohnende Bücher in 2021.
    Liebe Grüße
    Anna

    • Liebe Anna,
      zu Nunez´ Roman gab es im Literarischen Quertett des swr („Lesenswert“) ein wunderbares Streitgespräch. Bei dem drei Leser*innen (Sigrid Löffler, Dennis Scheck Ijoma Mangold) sehr angetan, ja euphorisch, über das Buch urteilten und Insa Wilke sich diesem rundherum positiven Urteil so gar nicht anschließen konnte. Und ich, im Gegensatz zu vielen anderen Bloggern, die das Buch ja sehr mochten, stand voll auf Wilkes Seite 🙂 🙂 🙂
      https://www.swr.de/swr2/literatur/av-o1209375-100.html
      Ich habe aber wirklich in diesem Jahr mit einigen Romanen, die andere Leser*innen so gut gefallen haben, meine Probleme gehabt. Und ich vermute, dass das an dem sehr fragmentarischen Lesen liegt, zu dem ich es dieses Jahr nur geschafft habe. Dass dadurch kein gleichmäßiger Lesefluss entsteht und auch kaum ein Zugang zu den Romanen. Und ich finde es für mich wirklich bedenklich, wenn mir das Lesen keinen Spaß mehr macht… Dann habe ich auch nicht so recht Lust gehabt, über die Bücher auf dem Blog zu schreiben. („Unverbloggt“ hört sich doch super an. Scheint es nicht im Duden zu geben, wie mir meinen schnellen Recherchen zeigen. Dann wird es aber Zeit …)
      Dafür ist im Februar ein Welpe bei uns eingezogen, der mittlerweile schon ein Jahr alt ist und ein Riesenquatschkopf 🙂 Wenn schon die Literatur nicht aufmuntern kann, dann müssen das – neben anderen – eben die Fellnasen übernehmen.
      Und dir auch einen guten und vor allem gesunden Rutsch ins Neue Jahr. Auf dass wir uns bei vielen spannenden, interessanten, anregenden und kontroversen Blogbeiträgen wieder lesen! Claudia

  5. Hallo Claudia,
    super, vielen Dank für den Hinweis aufs Quartett. Das wäre mir komplett durch die Lappen gegangen. Gelesen habe ich eigentlich ungefähr so viele Bücher wie sonst auch, allerdings hatte ich nicht immer die Muße darüber zu schreiben. Interessanterweise bekommen meine Fotoserien inzwischen meist mehr Likes als die Buchbesprechungen, das hat sicherlich verschiedene Gründe, aber wenn’s hart auf hart käme, dann poste ich halt nur noch Fotos 🙂
    Ein junger Hund, das klingt nach einem guten Programm gegen Stress und zu viel Schreibtisch! Viel Freude mit ihm!
    LG Anna

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