Lesen, Romane, Wirtschaft
Kommentare 3

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit

Ein Roman mit dem schlichten Titel „Arbeit“ lässt Erinnerungen aufkommenan die Literatur der 1970er Jahre, Literatur über körperlich harte, schwere und schmutzige Arbeit in den Fabrikhallen, den Hütten und Kohlerevieren (des Ruhrgebiets), Literatur auch, in der über die Lebensumstände der Arbeiter erzählt wurde. Mit dieser Assoziation aber liegt man – auf den ersten Blick – gründlich daneben. Thorsten Nagelschmidts Roman spielt im heutigen Berlin, auf den quirligen Straßen Kreuzbergs. Er erzählt von denen, die dafür sorgen, dass das Leben und das Feiern auch nachts weitergehen: von Heinz-Georg Baderzky, dem Taxifahrer, von Anne, der Frau vom Späti, von Felix, dem Dealer, von Tanja und Tarek, den Rettungssanitätern. Von Sabrina, die in aller Herrgottsfrühe am Samstagmorgen aufsteht und mit ihrer Küpperweisser die Spuren der Nacht auf Straße und Gehweg beseitigt.

Und von Ingrid. Sie hat einmal Soziologie studiert, ein Fach, mit dessen Abschluss sie, so erklärt sie ihren Berufsweg, Taxifahrerin werden konnte oder Antiquarin. Sie besaß keinen Führerschein, also wurde es das Antiquariat. Das hat sie mit Harald geführt, ihrem Mann. Es scheint, dass sie alle Bücher kennt, die sie in den Regalen stehen hat. Wer in den Laden kommt, der bekommt eine Buchempfehlung. Auch wenn die oft schroff ist und so manchen Kunden schnell wieder vor die Türe treibt. Zu Rainald Goetz´ “Rave“ meint sie zu einer Kundin ganz unverblümt, der Text sei albern: „Auf Buchlänge aufgeblähte Authentizitätspoesie, im Grunde unlesbar.“ Dem Vater der Kundin, der sich so positiv zu ihrem Laden äußert, empfiehlt sie gleich den halben Meter Suter, den sie hinten im Laden stehen hat: „Greifen Sie zu, billiger kriegen Sie´s nirgends.“

Es sind diese Figuren, die die Leserin geradezu hineinziehen in die vielen verschiedenen Episoden des Romans. Der in einer einzigen Nacht im März spielt, nämlich in der von Freitag auf Samstag, dem Tag der Tag- und Nachtgleiche. Ein bisschen Frühling liegt schon in der Luft, aber nach Mitternacht wird es heftig zu regnen beginnen. Ingrid wird sich dann zum Schutz eine ihrer großen Ikea-Plastiktüten über den Kopf halten.

Die Episoden dieser Nacht spielen alle in einem abgrenzbaren Quartier in Berlin Kreuzberg. Hier ist Annes Späti, nicht weit entfernt das Hostel, in dem Sheriff seinen Nachtdienst macht. Wieder ein Stück weiter ist die Tankstelle, an der sich gegen Samstagmorgen einige der Protagonisten der Episoden treffen, nebenan die Bar, an deren Tür Ten den Besuchern den Zugang zugesteht oder verweigert. Felix, der Dealer, der es nach Knast und einer enthaltsamen Zeit heute wieder einmal richtig krachen lassen möchte, begrüßt Ten als alten Bekannten, den er lange nicht gesehen habe. Dazwischen fahren Christina und Schüngel im Polizeiwagen Streife und Tanja und Tarek mit ihrem Rettungswagen.

Ingrid und Harald sind immer gerne ins Kino gegangen. Als er gestoben ist an Magenkrebs, genau heute vor drei Jahren, da hat sie sich kaum getraut, alleine ins Kino zu gehen. Sie hat befürchtet, dass sie alles an ihn erinnern würde. Aber was erinnert sie nicht an ihn? Die Wohnung, der Laden, überall hat Harald ja auch seine Spuren hinterlassen. Aber heute gönnt sie sich den Kinoabend. Obwohl ihr eigentlich das Geld fehlt für die Karte. Denn das Antiquariat läuft nicht mehr. Erst sind es die Onlinehändler gewesen mit ihren Gebrauchtbuchverkäufen, die ihr die Kunden weggenommen haben, seit neuestem die Sozialläden, die auch Gerauchtbücher verkaufen und in die „ein-Euro-Jobber gesteckt werden, um dort puzzelnd und kreuzworträtselnd ihre Zeit abzusitzen, während die als Sozialvereine deklarierten Betreiber sich die Miete vom Jobcenter bezahlen lassen und eine Aufwandsentschädigung von 500 Euro pro Mann kassieren. Die Kunden aber halten es für eine gute Sache und schleppen kistenweise ihre alten Bücher dahin. Wie da die Beschäftigungsverhältnisse aussehen, das wollen die gar nicht wissen, Hauptsache es steht sozial drauf.“

Nach dem Film fährt Ingrid nicht nach Hause. Sie fährt zu den Stellen, an denen es auch sonst reichlich gibt, was sie nun sucht: Pfandflaschen. Die packt sie in eine ihrer Ikeatschen; die erste ist schnell gefüllt Sie rechnet, wie viel Pfand sie zusammenhat, ob es schon den Wert einer Kinokarte hat. Und nimmt sich vor: „Die Kinokarte bis zur Schlesischen, das wäre schön.“ Und wenn es gut läuft, dann versucht sie auch, Flaschen für zwei Kinokarten zu sammeln, für Filme mit Überlänge.

„Ingrid weiß, dass auch sie die Ideologie der Arbeits- und Leistungsgesellschaft verinnerlicht hat. Sie weiß, was mit protestantischer Ethik gemeint ist, sie hat ihren Max Weber gelesen, Anfang der Achtziger an der FU, in einem wunderbar ziellosen Bummelstudium, bevor sie einsehen musste, dass die Dinge, die sie interessierten, sie niemals ernähren würden.“

Die Kennzeichen der protestantischen Arbeitsethik, das rationale und organisierte Ausführen der Arbeit, das rastlose Streben nach Besitztum und die starke Motivation, in jeder Arbeit Sinn zu sehen, lässt sich bei allen Helden der einzelnen Episoden erkennen. Felix zum Beispiel bezeichnet sich nicht als Dealer, sondern sieht sich mehr als Geschäftsmann. Und hat fast so etwas wie ein unternehmerisches Leitbild:

„Wenn Felix eine Tochter hätte, die nach Berlin kommt und Drogen nehmen will, dann sollte sie an einen wie ihn geraten. Das war immer sein Anspruch, sein Kodex, seine Maxime. Er hat jungen Mädels oft etwas verweigert, GHB zum Beispiel oder Acid, Drogen für Erwachsene.“

Oder Marcela, die Masterstudentin, die verschiedene Jobs ausprobiert und nun aus Not als Fahhradkurierin arbeitet. Sie hat feste Vorgaben zu erfüllen, wöchentliche Performancedaten wie Time at Customer, Reaction Time und Speed. Kategorien, in denen sie es zuletzt regelmäßig unter die „Top-10-Riders of the week“ geschafft hat „und alles in allem mochte sie ihren Job.“

Oder Tanja, die Rettungssanitätern. Sie macht gerade ihr Abitur nach, will Medizin studieren und macht die Wochenendnachtschitten auf dem Rettungswagen, um ihren Unterhalt zu verdienen. Sie wollte schon immer Ärztin werden, schon als Kind. Aber das Gymnasium hat sie nicht durchgehalten, hat die Schule geschwänzt, ist geflogen und hat die Realschule gerade so bestanden. Für das Studium braucht sie ein Abitur mit 1,0 oder es gibt viele Wartesemester. Immerhin kann sie bei den Rettungseinsätzern schon mal den Ärzten über die Schulter schauen. Jeden Handgriff beobachtet sie, den Dr. Gutzeit an der Fahrradkurierin vornimmt, die wohl bei voller Fahrt in die offene Tür eines Autos gerast ist, das in zweiter Reihe geparkt hat.

Es sind lebenspralle Geschichten, die Thorsten Nagelschmidt uns hier von seinem bunten Romanensemble erzählt. Geschichten von Menschen mit ihren Sorgen und Nöten und ihren Träumen. Von ihrer Vergangenheit und wie es kam, dass sie nun in dieser Nacht arbeiten. Von ihren Lebenswegen und ihren Beziehungen. Jede Figur hat eine eigene Stimme, eine eigene Sprache, bekommt – mindestens – ein eigenes Kapitel, in dem wir ihr lesend folgen können. Die Geschichten sind rasant erzählt, voller unerwarteter Wendungen, mit treffenden Dialogen und Situationskomik – der typischen Berliner Schnauze eben. Und sie zeigen immer wieder auch die Traurigkeit der Figuren, die Tragik und Verzweiflung. Und nicht erst als Felix davon erzählt, dass er auch Subutex geschluckt hat, ist die Assoziation zu Virginie Despantes Dreiteiler über Vernon Subutex, vor allem die Erinnerung an ihren Erzählsound ganz präsent.

Und so breitet Nagelschmidt vor uns das Panorama einer Nacht aus, in der es nicht um die Erholung geht oder das Vergnügen, sondern um vertiefte Charakterstudien derjenigen, die dafür sorgen, dass die „Nacht läuft“. Alle die den Betrieb aufrechterhalten sind – und hier schließt sich doch restlos der Kreis zur eingangs erwähnten Arbeiterliteratur – Dienstleister, viele von ihnen in äußerst prekären Arbeits- und Lebensbedingungen. Einige haben den Abstieg schon hinter sich, andere versuchen, sich auf der sozialen Leiter nach oben zu schlängeln.

Aber es ist nicht nur die gute Zeichnung der Figuren, die das Leseerlebnis ausmachen, es ist nicht nur der soziologische Blick. Es ist auch die durchaus spannende Konzeption des Erzählreigens, der zuläuft auf das Aufeinandertreffen einiger der Figuren nach Mitternacht auf der Tankstelle. Wie in einer Filmszenen blicken die Leser*innen auf das Geschehen, sehen die schnellen Bewegungen und wie ein Gegenstand den Besitzer wechselt. Und werden so, weil sie alle Figuren kennen, zu einem – fast – allwissenden Betrachter der Szenerie. Das alles ist glänzend und exzellent erzählt.

Thorsten Nagelschmidt (2020): Arbeit, Frankfurt

3 Kommentare

  1. Hallo Claudia,
    diese Umgebung überwiegend prekärer Arbeitsverhältnisse einschließlich Dequalifizierung und Nachqulifizierung durch die Brille von Max Webers protestantischer Ethik zu sehen, finde ich ebenso überraschend wie spannend, da ja auch andere Theorierahmen hätten in Frage kommen können.
    Danke für die Vorstellung und viele Grüße
    Bernd

    • Lieber Bernd,
      die Antiquarin Ingrid, die ja nachts als Pfandsammlerin unterwegs ist, damit sie sich Kinokarten leisten kann, hat diesen Bezug zu Max Weber zunächst einmal für sich hergestellt. Und das auch sehr spät im Roman. Aber schon ganz am Anfang habe ich über den Dealer Felix geschmunzelt, der ja so eine Art „Handlungsethik“ für sich formuliert hat, die mich sehr an die unternehmerischen Leitlinien erinnerten. Und Felix kümmert sich ja auch um seine Kunden, er hilft z.B. beim Aufräumen zugemüllter Wohnungen. Und alle Figuren haven diese Haltung, ihren Job gut zu machen, haben fast so etwas wie ein Berufsethos. Ja, es gibt auch die kleinen Widerstände gegen die Verhältnisse, den Nachtportier des Hostels zum Beispiel, der extra die Toilette benutzt, die nur sein Chef benutzen darf, die Frau von der Stadtreinigung, die nicht jede tote Ratte meldet. Aber im Großen und Ganzen geben diese einfachen Dienstleister alle mindestens so viel, wie sie müssen, manchmal auch etwas mehr ihrer Leidenschaft für ihre Arbeit.
      Aber nicht nur aus dem Grund ist der Roman lesenswert. Er ist auch mit Blick auf die Figurenzeichnung, die Konstruktion hin auf die Ereignisse an der Tankestelle und die sprachliche Gestaltung eine richtig gute Lektüre.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Danke Claudia,
    für Deine eingehende kommentierende Zugabe. Wie viel Pfand gibt es einzulösen, aufzuräumen und Bücher zu entdecken!
    Gute Wünsche und Zeiten
    Bernd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s