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Maggie Nelson: Die roten Stellen

Im Herbst 2004 prüft Maggie Nelson die Druckfahnen zu ihrem Gedichtband „Jane: A Murder“. 5 Jahre hat sie daran gearbeitet, hat nach Zeitungsberichten über die Michigan-Morde an mehreren jungen Frauen gesucht, hat Polizeiberichte studiert, in Janes Tagebuch gelesen, Bilder betrachtet. Und ist zu den Orten gefahren, an denen ihre Tante Jane gewesen ist, bevor sie bei einer Autofahrt von ihrer Universität nach Hause im März 1969 ermordet worden ist. Auch zu dem Friedhof, auf dem sie am Morgen nach dem Mord aufgefunden worden ist: erschossen durch zwei Kugeln in den Kopf, tiefeingegraben in den Hals eine Perlonstrumpfhose, die Gegenstände, die sie auf ihrer Reise mit sich führte, ordentlich aufgeschichtet zwischen ihren Beinen. Der Mord wurde nie aufgeklärt, aber natürlich hat er sich tief eingebrannt in das Bewusstsein der Familie Mixer. Und ist auch prägend für die Nichte Maggie, die erst 3 Jahre nach Janes Tod geboren wurde.

Maggie Nelson hat sich in ihrem Gedichtband Jane genähert, hat Gedichte über sie geschrieben, hat ihr selbst eine Stimme gegeben, indem sie – nicht ohne Schuld- und Schamgefühle – Ausschnitte aus Janes Briefen und Tagebucheinträgen eingeflochten hat. Und gerade als diese Arbeit dem Ende entgegengeht, meldet sich bei ihrer Mutter ein Detective der Michigan Police, der berichtet, dass dank neuer DNA-Untersuchungen eine Verhaftung des mutmaßlichen Mörders kurz bevorstehe. Auch Detective Schroeder haben die Michigan-Morde keine Ruhe gelassen. Auch er hat sich in den letzten 5 Jahren mit Janes Fall beschäftigt und nun steht endlich die Festnahme eines Verdächtigen an.

So beginnt im Januar 2005 der Prozess gegen den Tatverdächtigen Gary Earl Leiterman, einem Krankenpfleger, mit einer Anhörung und im Juli folgt die Hauptverhandlung. Maggie wird nun unmittelbar mit dem Verbrechen an ihrer unbekannten Tante konfrontiert, sitzt die ganze Zeit mit ihrer Mutter in der ersten Zuschauerreihe, manchmal sind auch ihr Großvater und ihre Schwester dabei. Das, was dieser Prozess mit ihr macht, versucht sie, schreibend, erzählend, vor allem aus allen erdenklichen Richtungen reflektierend zu ergründen. Und schreibt dabei: die Autobiographie eines Prozesses.

In Ihrem Vorwort erklärt Maggie Nelson ihre Motivation und verweist auf Handkes Werk „Wunschloses Glück“. Wie er durch die Selbsttötung seiner Mutter, so – ähnlich zumindest, denn hier gehe es nicht um den Tod der Mutter, sondern den der unbekannten Tante – habe sie sich während des Prozesses gefühlt. Und habe das dringende Bedürfnis gehabt, alle Details, alle Ideen, alle Überlegungen, die Gefühle der Angst, der Wut und der Depression aufzuschreiben, um dies alles festzuhalten, solange ihr dafür die Worte zur Verfügung stehen,

„einen Drang, mich und mein Material in ein ästhetisches Objekt zu verwandeln – eines, das neben oder anstelle oder zumindest als Hindernis im Weg der stumpfsinnigen Sprachlosigkeit stehen könnte, die Erinnern und Formulieren unmöglich machen.“

Blass bleibt in diesen Reflexionen der vermeintliche Täter, überführt durch seinen genetischen Fingerabdruck auf der Leiche, der nun endlich nach dreißig Jahren zugeordnet werden kann. Leiterman wird ins Gericht geführt, ein vom Leben, von Krankheiten und einer Arzneimittelsucht gekennzeichneter 63-Jähriger, der auf der Anklagebank Platz nimmt, dem Prozess folgt, aber selbst keine Hinweise gibt, kein Geständnis ablegt, die Gründe der Tat nicht beleuchtet. Einen einzigen Hinweis gibt sie, der eine Begründung für die Ungeheuerlichkeit des Mordes sein mag, nämlich den auf die Lehrbücher, die sich zu klinischer Psychologie in ihrer Wohnung stapeln.

Maggie Nelson erzählt chronologisch am Prozessverlauf entlang. Dabei entfaltet sie weniger die Details der üblichen Prozesschoreografie, sondern zeigt nur knapp den jeweiligen Stand der Verhandlungen auf. Ganz genau, bis in die Einzelheiten hinein, beschreibt sie jedoch die Bilder, die im Gerichtssaal vom Leichnam ihrer Tante gezeigt werden. Fünf Fotos sind es, verwaschene Aufnahmen vom Tatort, von der Leiche, von ihren Verletzungen. Sie finden sich, leitmotivisch fast, verstreut im Text. Sie erzählen – auf ihre ganz besondere Art – vom Tod Janes.

Um eine Strafe, um „Gerechtigtkeit“, so meint die Autorin, gehe es den Familienmitgliedern nicht. Sie empfinden es als Glück, dass es im Staat Michigan keine Todesstrafe gibt. Sie habe, so erzählt sie, ihren Großvater mehr als einmal sagen hören, „dass er lieber einem freien Leiterman in die Augen sehen würde, der zugäbe, dass er seine Tochter getötet hatte, als dass Leiterman seine Unschuld beteuert und im Gefägnis vermodert.“ Um Gewissheit geht es ihnen also eher. Der Zusammenbruch der Familienmitglieder nach dem Schuldspruch der Jury lässt erkennen, welche Anspannung und welchen Schmerz der ungeklärte Mord bei allen betroffenen Familienmitgliedern über die vielen Jahre angerichtet haben.

In welchen Formen sich diese Erfahrung in ihr, in ihrer Schwester, ihrer Mutter eingenistet hat, darüber erzählt und reflektiert Nelson immer wieder in ihrem Buch. Sie berichtet von den Schwierigkeiten ihrer Schwester, die sich als Jugendliche dem bürgerlich angepassten Leben einer „guten Tochter“ konsequent verweigerte, die durch die Schulen für „schwererziehbare Mädchen“ wanderte und in die Jugendstrafanstalt, in eine Bootcamp-Schule in der tiefsten Provinz. Die Autorin selbst flog in dieser Zeit „unter dem Radar“, war eine gute Schülerin und gewann erste Preise bei Gedichtwettbewerben. Drogenmissbrauch und desaströse Beziehungen gehören aber auch zu ihrem Leben. Maggies Mutter erzählt, dass ihre Schwester Jane „die rebellische Tochter“ gewesen sei. Und so scheint sich diese Dualität eine Generation später wieder zu ergeben.

Natürlich spielt auch der Tod eine ganz besondere Rolle in der Familie. Die Mutter mag nicht wandern gehen, weil sie Angst hat, eine Leiche am Wegrand zu finden. Sie findet dann auch eine Leiche, nämlich die ihres an einem Herzinfarkt plötzlich und unerwartet verstorbenen Ex-Mannes, als sie die Kinder über das Wochenende zu ihm bringen möchte. Und Maggie? Sie verliert als Kind ihren Vater. Und einmal beobachtet sie aus ihrem Apartment-Fenster, wie um 5 Uhr morgens ein chinesischer Mann auf der Straße mit dem Schlag eines Baseballschlägers gegen den Kopf getötet wird. Sie ruft die Polizei, die kommt, sie befragt „Waren die Angreifer Schwarze oder Hispanics“. (!) Um 8 Uhr morgens öffnen wieder die Geschäfte, die Passanten steigen in Unkenntnis über die dunklen Flecken am Bordstein, die am Nachmittag schon verschwunden sind. „Schreibe, was du gesehen hast, und was da ist, und was geschehen soll danach. Eine rote Stelle.“ Schreibt Maggie Nelson zu diesem Erlebnis.

Zur Autobiographie des Prozesses gehört auch ein Blick auf weitere Beteiligte, auf die Zeugin, die Jane damals auf dem Friedhof liegend gefunden hat und die nun, dreißig Jahre später, immer noch dieselbe Scham zu empfinden scheint. Auf die Familie des Angeklagten, die die Stunden bis zur Urteilsverkündung nicht in einem separaten Raum warten darf. Auf die ermittelnden Polizisten, die der Fall ebenfalls mitnimmt.
Maggie Nelson aber schaut den Fall auch aus einer gesellschaftlichen Perspektive an, wenn sie sich immer wieder mit der Berichterstattung, damals und heute, auseinandersetzt. Wenn sie auf Bücher zum Thema verweist und auf die so beliebten True-Crime-Formate im Fernsehen und den Streaming-Diensten. Und warum springen die Medien gerade auf solche Fälle ganz besonders an, wenn die Opfer junge, gutaussehende Frauen sind?

Und nicht zuletzt bringen die Erfahrungen um den Tod an der Tante Jane Maggie Nelson auch zu ihrer Auseinandersetzung mit der Literatur und ihrer Erklärung dafür, warum sie Geschichten nicht mag:

„Ich war unter anderem deshalb Dichterin geworden, weil ich keine Geschichten erzählen wollte. Ich fand, dass uns geschichten vielleicht befähigen zu leben, unsa ber gleichzeitig auch gefangenhalten, uns umfassbare Schmerzen zufügen. In ihrem Wettlauf darum, im Sinnlosen einen Sinn zu finden, verzerren sie, sie lassen aus, sie verschlüsseln, tadeln, verherrlichen, begrenzen, verraten, mythologisieren – und wer weiß was sonst noch.“

Es sind diese immer wieder überraschenden Blickwinkel, die Maggie Nelson in ihrem Schreiben einnimmt, die ihren Text so interessant und nachdenkenswert machen. Ihre oft alles andere als gängigen Betrachtungen von Details oder größeren Zusammenhängen. Ihr offener und ehrlicher, manchmal schmerzhafter Bericht über ihre eigenen Handlungen und Gefühlen. Der dann aber wieder ein Sprungbrett ist zu Reflexionen über die von ihr ausgebreiteten Themen. Ihr eingangs formuliertes Ziel, sich und ihr Material in ein ästheisches Objekt zu verwandeln, es ist vortrefflich gelungen.

Maggie Nelson (2020): Die roten Stellen. Autobiographie eines Prozesses, aus dem Englischen von Jan Wilm, Berlin, Hanser Berlin

4 Kommentare

  1. Ich habe zweimal angesetzt das Buch zu lesen, bin aber mit der seltsamen Stimmung nicht klar gekommen. Fand es irgenwie gruselig.
    Viele Grüße!

    • Liebe Marina,
      da hast du ja eine ganz andere Lektüreerfahrung gemacht. Ich brauchte ein bisschen, um in das Setting hineinzukommen, denn Maggie Nelson macht es den Lesern nicht einfach, sondern fängt irgendwie gleich mit der ganzen Geschichte und allen möglichen Beteiligten an. Aber nachdem ich mich „hineingelesen habe“, habe ich gar nicht mehr aufhören wollen. Und die anderen Bücher von Maggie Nelson gleich auch schon mal bereit gelegt. Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie unterschiedlich ein und der derselbe Text auf verschiedene Leser*innen wirkt. Kannst du dich noch erinnern, was bei dir diese seltsame Stimmung erzeugt hat, was dir gruselig erschien?
      Neugierige Grüße, Claudia

      • Ich glaube, es hat einfach damit zu tun, dass ich ja auch keine Krimis oder TrueCrime lese und irgendwie erinnerte mich das allzu sehr daran. und vielleicht hat mich irgendwas getriggert (das möchte ich gerade lieber nicht weiter verfolgen). Die Stimmung war vielleicht eher in mir drin, als im Buch. Auch sprachlich hatte ich mir mehr erhofft, weil Bluets da ja anspruchsvoller war.

      • Liebe Marina,
        dann kann ich jetzt deine Empfindung beim Lesen gut nachvollziehen. Einige Szenen gehen in Maggie Nelsons Text schon sehr weit und sind sehr deutlich. – An diesen unterschiedlichen Leseerfahrungen wird ja aber auch wieder deutlich, dass jede Leserin eben auch eine eigene Geschichte mitbringt und deshalb ein Text ganz unterschiedliche Wirkungen entfalten kann.
        Ich habe Bluets auch schon hier, weil ich die Gedanken, Assoziationen, Ideen, Überlegungen, Argumente Maggie Nelsons auch in den „roten Stellen“ schon so bemerkenswert fand und unbedingt weiter von ihr lesen möchte. Auch die Sprache hat mir gut gefallen. Und ich kann mich erinnern, dass es einige Besprechungen von Bluets auf den Blogs gab. Positive Eindrücke sind mir in Erinnerung geblieben. Aber damals konnte ich nichts so recht etwas anfangen mit dem Buch. Jetzt bin ich neugierig, wegen der Autorin.
        Viele Grüße, Claudia

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