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Vincenzo Latronico: Die Verschwörung der Tauben

In die Welt des großen Geldverdienens taucht Vincenzo Latrinicos Roman von der „Verschwörung der Tauben“ ein und führt uns vor allem das Personal vor, das für diesen ebenso großen Betrug verantwortlich ist. Das große Geld verdienen – das ist der Traum der Mitspieler, die diesen Roman bevölkern. Gar nicht mal, um sich dann mit edlen Gütern zu umgeben oder dem schönen Nichtstun zu frönen, sondern vielmehr um endlich die Anerkennung des Vaters zu bekommen, wenn der große Deal klappt, oder, noch besser: um im Wettbewerb mit den anderen Spielern als der Sieger hervorzugehen, der das ganz große Rad gedreht hat – und vielleicht auch aus Rache.

Verschiedene Wege gibt es, um an das große Geld zu kommen: Eine akademische Karriere kann Reputation und viele gute Kontakte erschaffen, die für kleinere und größere Geschäfte „nebenher“ genutzt werden können, sodass zum staatlich gesicherten Einkommen ein kleines oder auch größeres Zubrot verdient werden kann; es können Häuser gebaut oder restauriert werden, beständige Werte immerhin, die eine Wertschöpfung darstellen; es können Häuser luxussaniert werden und Stadtviertel aufgewertet – gentrifiziert – werden, um die Verkaufsmarge mit dem Versprechen zu erhöhen, dass das Objekt von selbst im Wert steigt; es kann Geld in Fonds oder andere Anlageformen fließen, die durch kluge Investitionen schöne Rendite versprechen; es kann aber auch einfach nur Geld eingesammelt werden, das sich auch gut verzinst – solange es nämlich immer neue Anleger gibt, deren Einlage zu Zinsen der Altkunden werden – ohne dass dieses Geld in bestimmte Investitionen fließt. Das ist das Prinzip der Geldpyramiden, wie Madoffs es in den USA über 15 Jahre hinweg gepflegt hat, ein Schneeballsystem, das irgendwann auffliegen muss. Latronicos Romanpersonal beherrscht alle diese Quellen des Geldverdienens.

Da ist zum einen Alfredo Cannella, Sohn eines schwerreichen und mit allen Wassern der Korruption gewaschenen venezianischen Baulöwen, der seinem Vater nicht ins Unternehmen folgen möchte, sondern es sich in den Kopf gesetzt hat, an einer der großen Universitäten Wirtschaft zu studieren. Harvard soll es sein, die Universität, die sich rühmen kann, Präsidenten der Vereinigten Staaten ausgebildet und viele Nobelpreisträger hervorgebracht zu haben und außerdem einige der reichsten Menschen der Welt. Aber Alfredo wird nicht einmal zur Aufnahmeprüfung zugelassen, so blass sind seine Bewerbungsunterlagen.  So muss er sich mit der Wirtschaftsuniversität Luigi Bocconi in Mailand zufriedengeben – und einen Studienplatz bekommt er auch nur, weil sein Vater weiß, wie er hinter den Kulissen die Strippen ziehen muss. Dort lernt Alfredo während seines dritten Semester Donka Berati kennen, einen mittellosen Albaner, der mit besten Ergebnissen in Harvard studiert hat – bis man ihn dort der Universität verwies.

Die beiden freunden sind an und Alfredo lädt ihn ein, in seiner Wohnung zu wohnen. So verbringen sie die Zeit des Studiums zusammen, Alfredos Noten verbessern sich nun deutlich (!) und später konkurrieren sie sogar um ein Promotionsstipendium und die Assistentenstelle bei Professor Corradini, also um, wie Alfredos Vater anmerkt, „einen ´Hungerlohn`, den die Akademiker ´aus dem Staat herausquetschen`. Doch die Stelle verspricht viel mehr als Geld, nämlich den „ersten Schritt zu einer gesellschaftlich gut vernetzten akademischen Karriere.“  Alfredo bekommt das Promotionsstipendium nicht; statt seiner nimmt Donka auf dem „goldenen Schemel“ neben Corradini Platz, schreibt nun unter Corradinis Namen die wöchentlichen Kolumnen in den wichtigen Zeitungen, recherchiert für seinen Professor, übernimmt seine Vorlesungen, wenn Corradini wegen anderer Termine keine Zeit für seine Lehrverpflichtung hat und richtet sich ein in seiner Position als akademischer Hilfsarbeiter mit Hungerlohn, der aber auf den späteren Lohn seiner Mühen geduldig wartet.

Alfredo dagegen steigt, wenn auch wiederwillig, in das Mailänder Büro des väterlichen Unternehmens ein und kann dort einen ersten großen Erfolg feiern mit dem Projekt, ein altes Gebäude in hochwertige Apartments mit ebensolchen Preisen umzubauen und die neuen Wohnungen, befeuert durch ein spektakuläres Guerilla-Marketing, innerhalb kurzer Zeit zu verkaufen. Als das nächste Projekt, trotz des großzügigen Geschenks einer Penthouse-Wohnung an den zuständigen Mailänder Assessor für Städtebau, grandios scheitert und ihn sein Vater nur durch die großzügige Übereignung einer weiteren Wohnung an den Städtebauassessor vor dem finanziellen Desaster retten kann, packt Alfredo seine Sachen, geht nach New York und fängt dort ganz alleine und ganz von vorne an: Also als Finanzmanager im Unternehmen des Ex-Mannes seiner Mitarbeiterin in Mailand.

Alfredo und Donka verlieren sich für längere Zeit aus den Augen. Bis nämlich Corradini stirbt und Alfredo nach Mailand zu Beerdigung kommt. Er will eines der Grundstücke kaufen, die Corradini besitzt und bittet Donka dabei um Hilfe. Seine Pläne, endlich ein großes Bauprojekt in Mailand zu realisieren, endlich dem Vater zu zeigen, dass er „es“ auch kann, die hat er nämlich trotz des New Yorker Erfolgs nicht vergessen. Und nun kennt er Geldgeber, die ihm helfen können, seine Ideen umzusetzen – auch wenn diese Geldgeber zwar sehr charismatisch, aber auch ebenso windig sind.

Und Donka? Mit dem Tod Corradinis verliert er seine Stellung an der Uni und alle weiteren Privilegien. Er muss nun, da die Aussicht auf die akademische Position und die dazugehörenden Netzwerke wegbrechen, nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten – und steigt in das Geschäft seines alten albanischen Freundes Eltjon Thika ein, der ein Internet-Café für die albanischen Einwanderer betreibt und ihre Päckchen in die Heimat befördert. Mit Donkas italienischem Pass und seinen akademischen Titeln können die beiden nun auch ganz offiziell Bankgeschäfte betreiben. Die Idee, Mikrokredite zu vergeben, läuft aber außergewöhnlich schlecht an und wirft kaum Geld ab. Eine neue Idee muss her und da passt es gut, dass Eltjon sich an die Zeit der albanischen Geldpyramide erinnert.

In dieser Welt des Geldvermehrens haben Insiderinformationen eine ganz besondere Bedeutung. Und für die Informationen sorgt Drina Držić. Sie hat auch in Harvard studiert, Psychologie, und später in Frankfurt einen merkwürdigen Master gemacht und arbeitet nun als „life coach“ für die führenden Angestellten überall auf der Welt, die wegen ihrer Arbeit von ihrem Gewissen geplagt werden, die schlecht einschlafen und durchschlafen können und neue Motivation brauchen, aber bloß keine Psychotherapie. Miles Eli Rosewater, auch Harvard-Absolvent und guter Bekannter von Donka und Alfredo, der selbst einem Hedgefond vorsteht, heuert sie an, wenn einer seiner Manager schwächelt. Im Laufe der Zeit buchen immer mehr Chefs der globalisierten Unternehmen Drinas Dienste für ihr verunsichertes Führungspersonal. Und Drina baut sie alle wieder auf. So jettet sie um die Welt, führt in den Wirtschaftsmetropolen ihre wöchentlichen Sitzungen, mit manchen Klienten ergeben sich durchaus auch „amouröse“ Beziehungen – und nimmt alle Gespräche per ipod auf und transkribiert sie. Da kommt eine Menge an Insiderwissen zusammen. Wer sich das zunutze machen kann…

Wie einen Krimi erzählt Latronico seine Geschichte der beiden Freunde und ihrer Mitspieler, ihrer Pläne und Schachzüge und ihrer „Beziehungen“, die funktionieren wie eine Bilanz und möglichst „ausgeglichen“ sein müssen. Von wahrer Freundschaft, von Loyalität und selbstloser Hilfe, von Moral gar und Anstand ist hier weit und breit nichts zu sehen. Zum Freundeskreis, auch zum ganz fernen, möchte man diese Gestalten jedenfalls nicht zählen. Und doch fiebert der Leser mit, wird unweigerlich hineingezogen in den Wettbewerb, spekuliert, schätzt ein, meint dann gar zu wissen, wer denn am Ende als Sieger vom Platz geht. Denn die Geschichte der beiden „Freunde“ und der sie umkreisenden Figuren ist sehr spannend erzählt.  Wenn auch manchmal diese Krimitechniken stören, nämlich dann, wenn dem Leser der Spannung wegen Informationen vorenthalten werden oder wenn er der Spannung wegen mit Andeutungen an der Nase herumgeführt wird.

Dieses Handwerk der Cliffhanger nutzt der Erzähler der Geschichte immer wieder, der Erzähler, der sehr nah an die Personen kommt, der nicht nur ihre Handlungen und Entscheidungen kennt, sondern auch ihre Gedanken und sogar ihre – manchmal grotesk falschen – Einschätzungen von Situationen. Dieser Erzähler, der durch die Kenntnis der inneren Vorgänge auktorial erscheint, verweist durchgehend auf ganz konkrete kalendarische Daten und sorgt so für die Authentizität der Geschichte. Aber dann taucht er als Ich-Erzähler auf, wird gar zur handelnden Figur im Figurenensemble des Romans – und stellt so seine vermeintlichen Kenntnisse der inneren Vorgänge der anderen Handelnden auf den Kopf.

Der Ich-Erzähler aber bringt noch eine weitere Facette des Spiels um Geld und Sieg mit. Denn er hat sich in seiner nicht zu Ende geführten Promotion mit der Spieltheorie beschäftigt und dabei mit dem Verhältnis von Falken und Tauben. Den Annahmen der Forscher zufolge haben die Tauben nämlich, die friedlich kooperieren, lieber verhandeln und nicht auf den einen ganz großen Erfolg aus sind, evolutionär gesehen einen Vorteil gegenüber den Falken, die, ohne Rücksicht auf Verluste, in einer Auseinandersetzung nur einen Sieger kennen, dem die gesamte Beute zufällt. Als Verschwörung der Tauben wird diese Strategie bezeichnet, die in der Natur dazu führt, dass die Tauben sich den Falken gegenüber durchsetzen. In der menschlichen Natur, so die These des Ich-Erzählers in seiner Promotion, erkennen die Falken den Vorteil der Tauben – und werden selbst Tauben.

„Hierbei handelt es sich in jeder Hinsicht um ein Vortäuschen von Moral: Die Falken werden an der Verschwörung teilnehmen, sich „gut“ verhalten und auf den unmittelbaren Profit aus dem Verrat verzichten – nicht aus schlechtem Gewissen oder aus Furcht vor göttlicher Gerechtigkeit, sondern zugunsten eines auf lange Sicht noch größeren Profits. (…) Damit der Verzicht von Vorteil ist, darf es nicht geschehen, dass ein einziger Verrat einen solch hohen Gewinn bringt, dass dadurch jegliche zukünftige Interaktion unnötig wird – andernfalls würde es wenig bedeuten, aus der Gemeinschaft der Tauben ausgeschlossen zu werden, man würde sich trotzdem bereichern.“

Und so stellt sich die spannende Frage: Hält die Verschwörung der Tauben? Oder kommt es doch zum Verrat, der den einen hohen Gewinn erbringt? Und das wirft gleich die nächsten Fragen auf: Wie realistisch ist Latronicos Erzählung? Zeigt er uns ein Erklärungsmodell für die immer wieder entstehenden Geldpyramiden und anderen Spekulationsblasen? Eines ist sicher: Das Lesen des Romans ist auf jeden Fall ein Gewinn.

Vincenzo Latronico(2016): Die Verschwörung der Tauben , Übersetzung Klaudia Ruschkowski, Zürich, Secession Verlag;

Gefunden bei lustauflesen

Und wer noch mehr Lust auf die Analyse von Spekulationsblasen, hier die Tulpenmanie in den Niederlanden im 17. Jahrhundert, hat, der schaue sich doch hier die Ausführungen Georg Schramms an.

10 Kommentare

  1. Danke für die interessante Besprechung. Ist dies mehr ein „Spekulations-Roman“ und oder auch ein „Uni-Roman“?

    • Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn einer der protagonisten, Donka, ist ja eine lange Zeit an der Uni, als Gehilfe des Professors. Aber auch dort spielt eigentlich nicht so sehr eine Rolle, was eine Uni normalerweise ausmacht – Forschung, Lehre, Bildung usw. -, sondern auch hier steht große Geschäft im Mittelpunkt des Interesses: über Prof. Corradini wichtige Leute kennenlernen, in wichtigen Zeitungen publizieren usw. Prof. Corradini verdient sich wohl auch ein erhebliches „Zubrot“ durch seine vielfältigen Kontakte. Seilschaften und Korruption also in einer etwas anderen Form als Alfredos Vater sie betreibt. Und der Autor schreibt in einem Nachwort, dass er selbst die Mailänder Uni ganz anders kennengelernt habe, nämlich mit Menschen, die eben nicht so auf den eigenen finanziellen Vorteil bedacht waren. So kann ich vielleicht das Fazit ziehen, dass auch die Uni nur einer der Spielplätze ist für die konvertierten Falken, dass es eben doch mehr ein „Spekulations-Roman“ ist.

  2. Der Roman hört sich sehr interessant an, Claudia.
    Leider habe ich erst das erste Kapitel des letzten Buchs, das du mir gesendet hast, geschafft. 😦
    Es liegen immer noch zwei 25seitigen Hausarbeiten vor mir.
    Liebe Grüße aus Berlin von Susanne

    • Wenn die Themen für die Hausarbeiten interessant sind, dann macht das Schreiben doch auch Spaß. Lass Dir jedenfalls so viel Zeit fürs Lesen, wie Du brauchst.
      Viele Grüße, Claudia

      • Die Themen sind interessant: „Der Skandal um den Kunstfälscher Tom Keating – Fälschung oder eigenwertige ästhetische Strategie?“ und „Pablo Picasso, 58 Interpretationen „Las Meninas““. Die Keating Hausarbeit ist schon fortgeschritten, bei der Picasso Hausarbeit weiss ich noch nicht, ob der Titel bestehen bleibt.
        Ich wünsche dir einen schönen Sonntag, viele Grüße von Susanne

      • Die Keating-Hausarbeit hört sich wirklich sehr interessant an. Mir fällt da dieser deutsche Kunstfälscher (Name: ?) ein, der ja im Stil der zu fälschenden Meister ein völlig neues Werk erschaffen hat. Das ist ja eigentlich schon ein eigenwertiges Werk – wenn er es nicht als verschollenes und wieder und wieder aufgetauchtes Original verkauft hätte. Wie hat denn Keating gearbeitet?
        Viele Grüße, Claudia

      • Wolfgang Beltracchi ist der berühmte deutsche Kunstfälscher, ich werde ihn sicher in meiner Hausarbeit erwähnen. Keating hat in beiden Richtungen gearbeitet, er hat neue Bilder im Stil anderer Künstler geschaffen aber auch Werke kopiert. Das Problem bei „neuen“ Fälschungen ist, dass die Idee / die Handschrift des origial Künstlers angenommen werden. Deshalb sehe ich auch neue Werke nicht als eigene Werke des Fälschers. Han van Meegeren, der berühmte Vanmeere Fälscher arbeitete so. Keating hat jedoch bewusst Fehler in die Fälschungen eingebaut, um die Experten bloßzustellen. Ein interessantes Thema. Die Idee und Handschrift in der Kunst sind das Wichtige nicht das Bild selber. Magst du meine Hausarbeit lesen, wenn sie fertig und korrigiert ist? Dann sende ich sie dir als pdf. Das wird dann bestimmt Oktober, November. Ich muss sie bis zum 30. September abgeben. Auf jeden Fall schreibe ich nun gleich weiter, einen schönen Tag und viele Grüße von Susanne

      • Das ist wirklich interessant. Ich würde Deine Arbeit gerne lesen. Wenn Du schreibst, dass der jeweils ganz besondere Stil des Künstlers schon seine Originalität ausmacht, dann ist es ja – übertragen auf die Literatur – so, als würde man die besondere Sprache, wir sprechen ja häufig von dem besonderen Sound eines Autors, einer Autorin, imitieren. Manchmal geht es einem nach dem Lesen eines Schriftstellers ja so, dass man als Leser selbst anfängt in die Art des Schreibens zu denken. Nach Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ habe ich nur noch im Mann´schen Sprachduktus geschrieben. Das geht aber zum Glück auh nach kurzer zeit wieder weg – und ich will ja auch keine Thomas Mann-Romane im Keller meiner Oma entdecken :-). Ein bisschen Spaß habe ich ja doch daran, welche solche Fälscher dann auch noch Fehler einbauen, um die „Experten“ zu foppen. Aber das siehst Du vielleicht ganz anders. Wenn Du also magst, dann schicke mir Deine Arbeit. Die werde ich wirklich gerne und mit großer Neugier lesen.
        Viele Grüße, Claudia

  3. Anonymous sagt

    Gemeinsam agierende Tauben lassen sich in dem Roman nicht so recht finden.Das Kontrastbild zu den Egoman(m)en dieses Buches fehlt zu sehen. Die einzige Taube bleibt der Leser, der hin und wieder vorstellt, ob das Gute vielleicht doch noch siegt. Um nichts vom Inhalt zu verraten, gehe ich nicht näher drauf ein, wiefern oder ob hier auch „das Gute“/“die Guten mal auftauchen. Dass der auktoriale Erzähler dann plötzlich als aktive Figur mitspielt hat mir nicht so besonders gefallen. Ein erhellendes Buch über Immobiienblasen, Geldpyramiden bzw. Schneeballsysteme und kriminelle Energie.

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