Lesen, Novelle
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Joachim Zelter: Einen Blick werfen. Literaturnovelle

Zelter_BlickEin Albtraum: Den Schriftsteller erreicht eine Mail, in der sich ein gewisser Selim Hacopian vorstellt und berichtet, er habe ein Buch geschrieben. Nun bittet er den Herrn Schriefststeller, ihm doch etwas schiecken zu dürfen. Der Schriftsteller lehnt ab, sofort, er schickt eine Mail zurück, er will nichts lesen, hat selbst genug zu tun, den Schreibtisch voller Arbeit, voller eigener Texte, da will er sich nicht auch noch von fremden Texten die Zeit stehlen lassen. Erst nach seiner Antwort entdeckt er die komische Schreibweise einiger Wörter und ahnt, welcher Arbeit er gerade noch entkommen ist. Und dann entdeckt er aber auch, dass Selim Hacopian es nicht bei der Bitte belassen hat, etwas schiecken zu dürfen, sondern gleich einen Anhang beigefügt hat, egal, ob der Schriftsteller überhaupt etwas lesen möchte oder nicht. Der Anhang entpuppt sich als Lebenslauf, als ein ziemlich spektakulärer sogar:

Sehen Sie, es ist doch nur ein Lebenslauf. Geboren in Namangan, Usbekistan, Übersiedlung der Familie nach Pakistan, von dort ausgewandert nach Ägypten. Religion Koptisch. Davor andere Konfessionen. Offiziersanwärter. Eine erste Chinareise. Eine zweite Chinareise. Kamelreitlehrer. Pyramidenführer. Tauchlehrer. Übersiedlung nach Deutschland. Begegnung mit Gerhard Schröder. Koch auf einem Flussschiff. Studium des Byzantinistik und Ägyptologie… (S. 10)

Und nun kann der Schriftsteller Selim Hacopian nicht mehr entkommen. Selim meldet sich per Mail, verwickelt den Schriftsteller in Gespräche, bittet um die Signierung eines Buches, lauert dem ihm auf, wenn er durch die Stadt geht, überredet ihn zu einem Kaffee, dehnt seine Mittagspause, er staubt in der Stadtbibliothek die Bücher ab, bis in den Abend, nur um mit dem Schriftsteller zusammen sein zu können. Sie reden über dies oder das, über Literatur, darüber, dass Selim unbedingt Schriftsteller werden möchte Und natürlich bringt er eigene Texte mit, aus einem kleinen Rucksack wandern immer wieder neue Texte heraus, zuerst sein Lebenslauf, der solange überarbeitet wird, bis er sich liest wie eine Abenteuergeschichte. Dann bringt er ein Theaterstück mit, das den vielversprechenden Titel „Mein Onkel Leonid“ hat, später einen Roman mit gleichem Titel, dann auch Gedichte. Und immer bittet der den Schriftsteller, doch mal schnell einen Blieck zu werfen, nur einen ganz kurzen Blieck, bitte, und schon sitzt der Schriftsteller und arbeitet sich durch die unglaublichen Fehler des Textkonvolutes, das Selim ihm mitgebracht hat.

 Ob ich mir diesen oder jenen Text – nun auch noch die Gedichte – in einer freuen Minute – vielleicht einmal anschauen könnte.

Anschauen könnte.

So wie man durch ein Unglück einfach hindurchsieht oder hindurchfährt. Etwa an einem schwerem Autounfall vorbei, der plötzlich hinter der Straßenbiegung auftaucht. All die Trümmer und Glassplitter und ineinander verkeilte Autoteile. Überall Verletzte und notdürftige Verbände. So saß ich über seinen Texten. Wie ein Lazarettarzt arbeitete ich, mit groben, geradezu rabiat werdenden Amputationen und Schnitten – ganze Seiten oder Bündel von Seiten streichend, absägend, umstellend oder gänzlich neu schreibend, und immer wieder kürzend, ständig weiter kürzend – all das mit einer Unbeteiligtheit, mit der ich noch nie an literarischen Texten gearbeitet hatte… (S. 45/46)

Dieser Schriftsteller, der sich dem plumpen Selim Hacopian nicht erwehren kann, verlangt dem Leser einiges an Geduld ab, denn manchmal würde man dem Schriftsteller doch schon mal die Meinung sagen oder ihn sogar schütteln, weil er sich wieder hat einwickeln lassen. Zwar ärgert er sich über die ständige Verfolgung durch Selim Hacopian, manchmal wütet er auch oder leidet, manchmal hat er auch Mitleid, doch lässt er sich trotzdem immer wieder zu einem Kaffee überreden und schon sitzen die beiden gemütlich an einem Tisch zusammen und und alles geht von vorne los. Und der Schriftsteller wirft einen Blick, ach, tausende, denn die Geschichte geht so tagelang, monatelang, jahrelang. Und so kommt es, wie es kommen muss: Der Schriftsteller vernachlässigt seine eigenen Texte, ignoriert die Anfragen des Verlages, seine Lesereisen werden seltener, bis sie ganz aufhören,  und dann sind die Romane des Schriftstellers vergriffen und werden auch nicht mehr neu aufgelegt – die Höchststrafe.

Und Selim? Er hat seinen Job in der Bibliothek schon vor längerer Zeit verloren – bei den Pausen! – und so beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und wirklich Schriftsteller zu werden. Zwar hat er noch keinen fertigen Text vorliegen, schon gar keine Veröffentlichung vorzuweisen, aber das macht ja nichts. Er ist eben ein Autor, der zuerst beschließt Autor zu werden und dann erst mit dem Schreiben anfängt. Und er schreibt ja, und der Schriftsteller liest und überarbeitet. Irgendwann sitzen sie so zusammen und Selim erzählt Geschichten aus seinem Leben, so von den Kamelen, die auf den Flughafen geraten sind und vor Hunger oder Langweile anfangen, an den Tragflächen der Flugzeuge zu kauen. Darüber könne er doch schreiben, meint der Schriftsteller, das wäre doch ein schönes Thema.

Selim legt direkt los, schnell liegt eine Erzählung vor. Und dann fängt Selim an, alle Verlage anzuschreiben und ihnen die Erzählung zu schicken. Und es passiert das Unglaubliche: ein Verlag – nicht irgendeiner, sondern DER Verlag, der mit dem großen Wappen im Logo – ist begeistert und will die Erzählung veröffentlichen. Nun geht alles ganz schnell: Selim Hacopian erhält einen Vertrag, seine Kamel-Erzählung und noch sechs weitere werden gedruckt, werden im Feuilleton begeistert aufgenommen („magischer Humor“, „welthaltig“, “orientalische Postmoderne“), werden Bestseller, kommen in Neuauflagen und Sonderauflagen heraus, es Spiele und Stofftiere zum Buch, natürlich Lesereisen, Interviews zu allen Themen dieser Welt, Auftritte im Fernsehen – und Geld. Der Schriftsteller beobachtet das  – staunend, ungläubig, ohne Worte.

Joachim Zelter hat hier die Geschichte einer „unerhörten Begebenheit“, der Begegnung von Schriftsteller und Möchtgern-Autor, erzählt. Es ist eine Geschichte vom Aufstieg desjenigen, der eine spannende, mehr oder weniger wahre Biografie vorzuweisen hat und seinem unbedingten Wunsch zur Schriftstellerei, obwohl er recht talentlos ist und schon gar nicht die Grundlagen der deutschen Sprache beherrscht. Und es ist die Geschichte vom Untergang des Schriftstellers alter Schule, der „nur“ eine Normalbiografie hat und dem offensichtlich gerade der unbedingte Wunsch, einen neuen Roman zu schreiben, völlig abhanden gekommen scheint. Dieser gepeinigte Schriftsteller selbst erzählt seine Geschichte  und seine Sätze, manchmal eindringlich kurz und knapp, manchmal erklärend komplex, häufig sich wiederholend, sind das sprachliche Pendant zu seiner emotionalen Verfasstheit, zu dem Hamsterrad, in dem er sich eingesperrt fühlt, weil er diesem Unglück Selim Hacopian überhaupt nicht mehr entkommen kann.

Joachim Zelter ist mit dieser Geschichte eine wunderbar ironische Parabel auf den Literaturbetrieb gelungen, auf eine Branche, die der Person des Autors, vor allem seiner Biografie, mehr Wertschätzung entgegen bringt, als seinem Werk, seiner Geschichte, seiner Sprache. Eine neue Epoche scheint angebrochen, nach Sturm und Drang, nach Realismus und Neorealismus jetzt also der „Curricularismus oder Curricularer Vitalismus“.

Und lässt sich diese Entwicklung hin zum „Tod des Textes“, also weg von dem Inhalt und von der Qualität einer Arbeit hin zur Person, nicht auch in vielen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens erkennen, in der Politik, in den Medien? Stehen da nicht auch besonders die im Vordergrund, die zwar nichts vorzuweisen haben, aber, von keinem Selbstzweifel angekränkelt, besonders laut von sich behaupten, sie hätten es drauf?  Dann sind wir der Schriftsteller, der einen Albtraum erlebt, weil der von sich Überzeugte ihm alle Kräfte und Ideen raubt und ihn wort- und sprachlos zurücklässt.

Joachim Zelter (2013): Einen Blick werfen. Literaturnovelle, Tübingen, Klöpfer & Meyer

Über Joachim Zelter könnt Ihr hier mehr erfahren.

4 Kommentare

  1. Danke, liebe Claudia, dass du mir mit dieser schönen Rezension das Buch wieder ins Gedächtnis gerufen hast. Neulich stieß ich irgendwo darauf und vergaß es wieder. Landet auf meiner (vielleicht zukünftig doch besser verschriftlichten) Liste. 😉

    • Liebe Sophie,
      dann mal zu, ich finde sie lohnt sich, die Lektüre. Und vielleicht findest Du dabei über Deine Buchhandelserfahrungen und Einblicke in die Buchbranche noch viel mehr Anknüpfungspunkte als ich als ziemlich Außenstehende. — Ich mache das ja so mit den Listen: Ich kaufe sofort das Buch, das mich interessiert und habe hier einen schönen hohen ganz physisch präsenten Leselisten-Bücherstapel vor mir :-). Das entspannt und entrümpelt mein Gehirn auf das angenehmste – die Rechnung meines Bücherdealers bekomme ich dann immer am nächsten Ersten.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Liebe Claudia,
    das scheint mir schon wieder ein interessantes Buch für mich zu sein, ich glaube, ich sollte jetzt mal paar Wochen keine Blogs mehr lesen… Nein, aber im ernst, Deine Besprechung macht neugierig auf das Buch. Und wieder mal ist es eine Novelle, eine Literaturnovelle. Dass das schon im Titel steht, scheint ja auch nicht von ungefähr so zu sein. Komisch, irgendwie häufen sich bei mir gerade Bücher dieses Genres, es scheint Novellenzeit zu sein. Bei mir kam erst der Lüscher mit den Barbaren, dann der Köhlmeier mit dem nicht ertrunkenen Hund, zwischendurch habe ich noch Abendländer von Richard Ford wieder herausgeholt (übrigens auch ein grossartiges Buch) und nun kommt der Blick. Und in drei der vier Novellen geht es ums Schreiben, ums Schriftstellersein, um Wahrheit und Dichtung. Das Buch von Joachim Zelter werde ich jedenfalls bestimmt bald lesen, dank Deiner Besprechung.
    Liebe Grüsse, Kai

    • Lieber Kai,
      ja, die Buchblogs sind wirklich eine Heimsuchung – fast biblischen Ausmaßes :-)! Ich bedauere auch immer wieder, dass ich einfach nicht mehr Zeit habe, um das alles lesen zu können, was sich so toll anhört, so spannend, so gut. — Was Du über die Novellen schreibst, so geht es mir ganz genauso. Irgendwie hatte ich dieses Genre als verstaubt und antiquiert im Kopf, nicht modern jedenfalls. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Ich glaube es fing auch mit einer tollebn Besprechung zu Lüscher an, dann kam Deine Idyllenbesprechung und dann war ich schon so beigeistert bei den Novellen, dass ich an der Literaturnovelle nicht vorbei gehen konnte. Und Poschmanns „Hundenovelle“ habe ich mir auch schon gesichert. Da kommen ja gleich mehrere Lieblingsdinge zusammen – und nachdem der Idyllenhund nicht gwstorben ist, bin ich mal ganz mutig und optimistisch. — Ich habe da in diesem Sommer für mich wirklich eine Gattung entdeckt, die ich irgendwie ganz besonders finde. Wenn die Novelle gut ist, dann hat sie wahrscheinlich alles, was ich an Literatur gut finde (das ist auch eine Erkenntnis zu der mich erst die Bloggerei gebracht hat, sagen zu können, was ich gut finde und warum): erst mal eine gut erzählte Geschichte (Du hattest in Deinem Beitrag ja so schön auf Goethe und die „unerhörte Begebenheit“ verwiesen), die an sich schon gedeutet werden kann. Und dann ist da meistens noch viel mehr zu entdecken, Schichten, die hinter der Oberflächengeschichte liegen. Und das mag ich sehr. Ich werfe ab nun also gerne einen Blick auf Novellen. Und natürlich würde ich mich rieisig über eine „Literaturnovelle“-Besprechung auf Deinem Blog freuen und lesen, ob sie Dir auch gefallen hat.
      Viele Grüße, Claudia

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