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Francesca Melandri: Eva schläft

Dieser Roman, so stellt die Autorin ihrem Buch voran, sei der erste Band einer Väter-Trilogie. „Alle, außer mir“, der im letzten Jahr erschienene Roman, der auch dieser Trilogie angehört, hat große Aufmerksamkeit erfahren, sodass die Autorin nun auch in Deutschland bekannt ist. So hat nun der Wagenbach-Verlag auch den älteren Titel „Eva schläft“ in sein Programm aufgenommen, den Roman, der eine andere Facette italienischer Geschichte erzählt, nämlich die Geschichte Südtirols, die den Rahmen gibt für die Suche nach dem verlorenen Vater, die – wie auch in „Alle, außer mir“ ebenfalls eine Suche ist nach dem Vaterland.

Gerade ist Eva aus New York nach Hause zurückgekehrt, ins Pustertal nach Südtirol, als sie der Anruf von Vito erreicht. Vito bittet sie, zu ihm zu kommen, ganz in den Süden Italiens, denn er möchte sie vor seinem Tod noch einmal sehen und sprechen. Und so macht Eva sich an einem Osterwochenende auf die Zugreise quer durch Italien. Dabei ist Vito nicht ihr leiblicher Vater. Vito ist einer der Carabinieri, die das Innenministerium zu Zeiten des bewaffneten Widerstands von Teilen der Südtiroler Bevölkerung gegen den italienischen Staat in den 1960er Jahren aus dem Süden der Republik in die Alpenprovinz beordert hat, um dort für Ruhe zu sorgen. Während Eva den italienischen Stiefel von Nord nach Süd durchquert, während sie dabei ihren Erinnerungen nachhängt und ihren (Lebens-)Reflexionen, gibt ein paralleler, historisch-chronologisch verlaufender Erzählstrang die Geschichte von Evas Familie wieder, angefangen bei ihrem Großvater Herrmann und fortgeführt bei Gerda, ihrer Mutter.

Herrmann verliert seine Eltern in einer Nacht des Jahres 1919 an die spanische Grippe. Da ist er 11 Jahre alt. Der erstgeborene Sohn Hans erbt den Hof, der so steil am Hang liegt, dass man bei starken Regenfällen die Erde aus dem Tal mit Tragekörben wieder nach oben holen muss. Herrmann muss sich nun als Tagelöhner verdingen bei den reicheren Bauern, die eine Hand brauchen können, die mit anfasst. So in ein hartes und einsames Leben entlassen, lässt er sich Jahre später schnell auf den Faschismus ein, erst den italienischen. Das verschafft ihm zumindest einmal eine Stelle als Lkw-Fahrer. Als er dann zum ersten Mal SA-Leute sieht, Goldfasane werden sie genannt, da verfällt er dem deutschen Faschismus und schließt sich ihnen an. Es ist die Zeit der „Option“, die Hitler und Mussolini den deutschsprachigen Südtirolern gewähren, die 1919 durch eine Laune der Nachkriegsverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen wurden: Dass die Deutschen nämlich, wenn sie denn ihre Südtiroler Höfe aufgeben und ins Reich ziehen, dort einen vergleichbar großen Hof mit derselben Anzahl von Vieh bekommen werden, vielleicht in der Ukraine, einem Gebiet, das nun ja germanisiert werden muss. Herrmann entscheidet sich für Deutschland – und er traktiert seine ehemaligen Schulkameraden und Nachbarn, die die Option „Bleiben“ wählen, auf das Übelste.

Es ist eine überaus gelungene Erzählstrategie, die Geschichte Herrmanns und die Geschichte Südtirols so zu spiegeln, dass die persönliche Geschichte durch die politische erklärt wird und die politische durch die persönliche. So sind beide, das Land und die Figur, zum gleichen Zeitpunkt vater(land)los, zurückgewiesen, fremd und zu Bittstellern degradiert im vermeintlich eigenen Land, in dem auf einmal die eigene Herkunft und die eigene Sprache wertlos sind, weil Staat und Ämter auf eine schnelle Italianisierung drängen. Da sind Unverständnis, Groll und Wut, die sich irgendwann entladen werden.

Als Herrmann 1945 aus Deutschland zurückkehrt, wird seine Tochter Gerda geboren. Um den sozialen Frieden zu sichern, sprechen Dableiber und Zurückgekommene nicht mehr über ihre Entscheidungen. Aber die Rückkehrerfamilien haben es schwer, wieder Tritt zu fassen. Wohnungen finden sie nur da, wo die anderen nicht wohnen möchten, an den feuchten und – vor allem im Winter – sonnenarmen Hängen des Tals. „Schanghai“ werden diese Teile des Dorfes genannt – so trägt der Wohnort schnell zur Stigmatisierung der Familie und der Kinder bei. Überhaupt ist die Kindheit in den 1950er und 1960er Jahren hart. Die Kinder müssen vor allem „funktionieren“ im Alltag, liebevolle Zuwendung von den Eltern lernen sie nicht kennen. So wächst auch Gerda zwar mit ihrem Vater zusammen, aber doch ohne seinen Zuspruch auf. Als dann in den 1960er Jahren die Anwerber der Meraner Hotels durch die Täler gehen, da stimmt Herrmann ohne Bedenken zu, dass Gerda als Hilfskraft in einer Hotelküche selbst für ihr Auskommen sorgt. Dass diese jungen Frauen „Matratzen“ genannt werden, das stört ihn nicht. Zum Glück hat Gerda keinen übergriffigen Küchenchef, der anderen Köche und Hilfsarbeiter kann sie sich locker erwehren. Dem Sohn des mittlerweile durch den Tourismus zu viel Geld gekommenen Klassenkameraden ihres Vaters, von dem sie glaubt, dass er sie liebt, dem erwehrt sie sich allerdings nicht. Zur Geburt ihrer Tochter landet Gerda bei den Nonnen.

So wird auch ihre Tochter Eva ohne Vater auswachsen. Den großen Teil des Jahres gar ohne Mutter, denn die arbeitet und lebt zehn Monate des Jahres im Hotel in Meran. Kinder sind da nicht vorgesehen. Eine Familie aus ihrem Dorf nimmt sich Evas an. Und Gerda kann nun auch ein bisschen ihr Leben genießen, wenn sie mit den italienischen Polizisten zum Tanzen ausgeht. Die Polizisten sind in großer Zahl in Südtirol stationiert, denn der Widerstand gegen die italienische Regierung wird zunehmend gewalttätig. Immer wieder gibt es Bombenattentate, gegen die Infrastruktur, gegen Denkmäler – und mehr und mehr auch gegen die Polizisten. Gerda lernt Vito beim Tanzen kennen, einen Mann, der es ernst meint, der sie mit ihrer Tochter akzeptiert, der Evas ältere Rechte beim Einschlafen bei der Mutter anerkennt, sie erst in ihr Bettchen trägt, wenn „Eva schläft“. Eva und Vito würden gerne heiraten – aber für eine richtige Beziehung zwischen einer Südtirolerin und einem italienischen Polizisten ist es für Gerda und Vitos Umgebung viel zu früh. Auch Eva wird ohne Vater aufwachsen.

  Melandris Geschichte um Gerda und Eva, um Gerdas Vater und ihren Bruder Peter, der den Weg in den Untergrund, den Weg zu den Attentätern wählt, ist lebendig und lebhaft erzählt. Vor Gerdas Durchhaltewillen, vor ihrer Disziplin, ihrer Neugier und Stärke muss der Leser wohl den Hut ziehen. Und nicht nur das: Gerda wird als so schön geschildert, dass die Männer ihr immer wieder reihenweise verfallen. Dann wird die Geschichte allerdings so kitschig, dass die Leserin meint, in einer rührseligen Schmonzette gelandet zu sein. Das ist schade, denn wenn der Roman auch nicht mit ganz besonderen literarischen Finessen aufwartet, so ist die Verknüpfung von Gerdas und Evas Geschichte mit den Auseinandersetzungen in Südtirol doch eine Lehrstunde in italienischer Geschichte. So, wie Melandri ja auch in „Alle, außer mir“ am Beispiel der Familie Profeti den Kolonialismus und Rassismus der Faschisten in Afrika erzählt.

Eine Stärke des Romans wiederum liegt in der Vielschichtigkeit der Perspektiven auf die konfliktreiche politische Situation. Da ist Herrmann, der sich nach 1919 als deutschsprachiger Südtiroler mehr und mehr als Fremder in der Heimat fühlt und sich schnell vom Faschismus einwickeln lässt. Seine Schulkameraden aber, die immerhin die Höfe der Eltern geerbt und insofern ein Auskommen haben, akzeptieren die Situation. Oder nutzen die touristische Entwicklung des Tales gar zu eigenen Geschäftsideen. Da ist Herrmanns Sohn Peter, der wegen des Makels seiner Herkunft in den 1950er und 1960er Jahren keine Arbeit findet in den Bozner Fabriken. Die stellen vor allem Italiener ein, bekommen dafür eine mehrjährige Steuerfreiheit und tragen so dazu bei, die Bevölkerungsanteile zu ändern. Peter wendet sich dem bewaffneten Widerstand zu, mit dem Ziel für die vermeintliche Familie der deutschsprachigen Südtiroler zu kämpfen. Die deutsche Familie aber denkt aber gar nicht so familiär, denn Gerdas Chefin beutet ohne mit der Wimper zu zucken ihre deutschsprachigen Mitarbeiter in Hotelküche und Service aus, so gut sie es kann.

Eine zusätzliche Perspektive gewinnt Melandri durch den weiteren Erzählstrang, der sich der politischen Arbeit Silvius Magnanos widmet. Der ist Südtiroler Landeshauptmanns und spricht sich in den 1960er Jahren gegen die Gewalt durch Anschläge aus. Im Gegenzug verhandelt er lange Jahre und mit unendlich viel Geduld für die weitreichende Autonomierechte Südtirols in Rom. Als die endlich Zuspruch in seiner Partei finden, das ist 1969, hört auch der bewaffnete Widerstand auf. Es dauert dann aber noch bis zu Beginn der 1990er Jahre, bis diese Autonomierechte auch rechtlich bindend werden.

Eva, die im 21. Jahrhundert als Eventmanagerin ihr Auskommen gefunden hat und als Kosmopolitin ganz selbstverständlich über die Kontinente reist und die – 2010 ja tatsächlich – unsichtbaren Grenzen der europäischen Länder überquert, kommt immer wieder nach Hause ins Pustertal zurück. Sie ist die moderne Europäerin, die sich in ihrem deutschsprachigen Tal ebenso zurechtfindet wie in Rom oder in New York. Und sie besucht auch Vito, den Süditaliener, der beinahe ihr Stiefvater geworden wäre.

Francesca Melandri (2010/2018): Eva schläft, aus dem Italienischen von Bruno Genzler, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach

3 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    Ich freue mich auf die Lektüre des Buchs. „Alle außer mir“ hat mich sehr aufgewühlt. Als häufige Italienbesucherin habe ich bekanntes und neues darin gefunden. Aber der Schrecken, der mir das Buch eingejagt hat, war groß.
    Liebe Grüße von Susanne

    • Liebe Susanne,
      so schrecklich wird es nicht in „Eva schläft“. Da kann ich dich ein bisschen beruhigen. Und ich habe vieles über die Geschichte Südtirols, die Versuche der Italianisierung und den Kampf für die Autonomierechte gelernt. Verpackt in die durchaus auch interessante Geschichte um Herrmann, Gerda und Eva, die auch immer wieder als Spiegel dient. Ich kann den Roman also durchaus empfehlen, auch wenn er noch nicht so literarisch überzeugend ist, wie das für „Alle, außer mir“ gilt.
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        Ich möchte ihn aus geschichtlicher Sicht lesen und bin gespannt, ob ich erkenne, ob „Eva schläft“ literarisch weniger überzeugend ist.
        Romane animieren mich oft, näher in die Geschichtsbücher zu schauen und mehr über ein Thema zu lesen.
        Einen schönen Abend von Susanne

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