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Virginie Despentes: Das Leben des Vernon Subutex

Es sind im Moment die französischen Autoren, die die aktuellen und spannenden Geschichten erzählen, die realistischen, die lauten und schrillen Geschichten, die in schönster Selbstverständlichkeit Risse und Brüche in der Gesellschaft ausleuchten und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen: Yannick Haenel gehört zu diesem Autoren mit seinem Roman „Die bleichen Füchse“, in dem er seinen erst arbeits- und dann obdachlosen Protagonisten Jean Deichel in die Gesellschaft der Flüchtlinge aus Mali führt, die Gesellschaft der Sans-Papiers, der illegal Eingewanderten, die ein „Manifest der bleichen Füchse“ entwickeln. Oder Shumona Sinha mit „Erschlagt die Armen.“ und einer Protagonistin, die, selbst nach Frankreich eingewandert, bei Asylverfahren ihrer Landsleute dolmetscht und dadurch tiefe Einblicke in die verfahrene Situation des europäischen Asylrechts geben kann und die nun einem Migranten in der Metro eine Flasche Wein über den Kopf geschlagen hat.

In diesen Kanon lässt sich auch Virginie Despentes mit ihrem Roman über Vernon Subutex einreihen. Sie verortet ihre Romanhandlung allerdings nicht in den Einwanderungsmilieus und sie gestaltet ihre Geschichte mit einem großen Figurenensemble auch wesentlich vielschichtiger als Haenel und Sinha. Wütend sind die Figuren in allen drei Romanen.

Die Ausgangssituation ist ähnlich wie in Haenels Roman: Vernon Subutex, ehemals Mitglied einer Rockband und Besitzer des Kult-Plattenladens „Revolver“, hat die Digitalisierung kalt erwischt, der „Napster-Tsunami“ hat seinen Laden ruiniert, 2006 muss er ihn schließen. Er lebt bescheiden und kann sich ein paar Jahre finanziell über Wasser halten, weil er erst Restbestände des Ladens, dann immer mehr private Sammelobjekte übers Internet verkauft, die eine oder andere Musikbesprechung veröffentlichen kann und sich im Jobcenter meldet. Angeleitet von seiner netten Beraterin entwickelt er eine Routine darin, Bewerbungen zu schreiben, damit er die darauf folgenden Absagen vorzeigen kann. Sogar für eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten bewirbt er sich – vergeblich. Und dann, nun ist er Ende 40, streicht die vielleicht doch nicht so nette Beraterin seine Unterstützung.

Wie sein Romanbruder Jean Deichel gerät er während seiner Arbeitslosigkeit mehr und mehr in eine soziale Isolation. Einige seiner Musikkumpel sterben. Und er schafft es oft gar nicht, sich bei Freunden und Bekannten zu melden, zu groß ist die Scham, dass er nicht einmal eine Flasche als Gastgeschenk mitbringen kann. So ist es allein sein alter Freund Alex Bleach, auch ein Kumpel aus den alten Bandzeiten, der nun als Schlagersänger so erfolgreich ist, der einspringt, wenn es wieder einmal mit der Miete klemmt. Nun aber ist Alex tot, mit zu viel Drogen ertrunken in der Badewanne, und Vernon hat seit drei Monaten seine Miete nicht zahlen können. Da steht schon der Gerichtsvollzieher vor der Tür: Vernon hat 15 Minuten, um in eine Tasche zu packen, was er in den nächsten Tagen dringend braucht.

Schon diese ersten Seiten, die komprimierte Erzählung von Vernons finanziellem und sozialem Abstieg, erst langsam, dann immer schneller werdend, sind so packend geschrieben, dass der Leser sich kaum entziehen kann. Auch wenn Vernon sachlich nüchtern über seine Situation erzählt, so folgt der Leser ihm doch dabei, wie er um seine Freunde trauert, die nun gerade alle sterben. Wie er es sich in seiner Wohnung scheinbar bequem macht und seine Tätigkeiten, um Kalorien zu sparen, auf ein Minimum reduziert. Folgt ihm, wenn Vernon wieder die amtlichen Schreiben liegen lässt, wenn es ihm immer schwerer zu fallen scheint, auch die einfachen täglichen Aufgaben zu erledigen. Folgt ihm, wenn er wie ein Rohrspatz auf den Vermieter schimpft, dem er „seit 10 Jahren diese Scheißmiete [zahlt]. Zehn Jahre. Mehr als neunzigtausend Euro. In die Taschen eines Arschlochs, das fürs Nichtstun bezahlt wird.“ Packt mit ihm, gelähmt vor Panik, seine Tasche, als er aus der Wohnung fliegt und auch beim Leser tritt „die Erinnerung an die Dinge, die er in der Wohnung gelassen hat, in seiner Brust eine Steinlawine los.“

Das Mitfühlen ist nicht uneingeschränkt, denn Vernon lebt ein Leben, das den meisten Romanlesern vielleicht doch nicht ganz so vertraut und geläufig ist. Seine Interessen scheinen – neben der Musik- vor allem den Drogen und dem Sex zu gelten und wie er über Frauen denkt, wie er sie taxiert und bewertet: Das ist alles andere als politisch korrekt. Und trotzdem schafft Virginie Despentes es, dass sich auch die Leserin für Subutex interessiert, dass sie ihn ab zu mal schütteln möchte, damit er doch nicht völlig abrutscht und ganz auf der Straße landet. Das liegt vermutlich daran, dass Vernon auch ein guter Beobachter ist, einer, der, trotz seiner überaus prekären Situation, seine Umgebung durchaus genau und klug und auch sehr ironisch-scharfzüngig zu analysieren weiß.

Erst einmal kann Vernon den kompletten Abstieg noch verhindern. Er wirft nun doch einmal einen Blick in seine Facebook-Freundesliste und nimmt Kontakt auf zu dem einen und der anderen, mietet sich als Couchsurfer für jeweils ein paar Tage bei ihnen ein. Es sind alles Menschen, die er seit Jahrzehnten kennt, denn sie haben zusammen Musik gemacht, haben zusammen gefeiert, getrunken, haben miteinander geschlafen. Nun, Jahrzehnte später, leben sie als reiche Erbin oder als einsame Verwaltungsangestellte mit Eigentumswohnung, als Postbote, dem die Frau weggelaufen ist, weil er sie immer wieder verprügelt hat, als erfolg- und mittelloser Drehbuchautor mit reicher Gattin, dessen Schwiegervater seine Tochter gewarnt hat, sich unter Stand „zu paaren“. Ein schwerreicher Banker, der zur abendlichen Entspannung Privat-Partys veranstaltet, entdeckt Vernon als fantastischen DJ, der ein gutes Händchen für die Musik hat und, die Mädels damit so richtig anmacht.

Es entfalten sich bei Vernons Reise durch die Wohnungen Paris´ Blicke auf ganz unterschiedliche Lebensläufe, Einstellungen, Werte. Despantes erzählt ganz eng aus der Perspektive der verschiedenen Figuren, findet für sie alle eigene sprachliche Besonderheiten. Zwischen deren Perspektiven wechselt sie immer wieder virtuos hin und her und erschafft so durch die Darstellungen der eigenen und der fremden Wahrnehmungen, durch Spiegelungen und ihre Reflexionen, komplexe Einblicke in ihre Figuren.

Und was sich dem Leser da bietet, sind Figuren, die allesamt völlig gebrochen sind. Alkohol und Drogen sind ihre täglichen Begleiter, das Altern ihrer Körper ist ihnen ein großes Problem, denn es dreht sich ja schließlich alles nur um Sex. Sie sind egoistisch, überheblich und selbstgefällig, rücksichtslos, lächerlich und manipulativ, auf verschiedene Arten gewalttätig. Sie haben wenig Emotionen und brauchen den ganz besonderen Kitzel, die besondere Intensität, um sich lebendig zu fühlen. Sie sind kraftvoll, temperamentvoll, manchmal scharf(züngig) in ihrer Beobachtung, manchmal witzig oder ironisch, manchmal auch unfreiwillig komisch. Sie sind vor allem aber voller Energie, und voller Energie schreien sie auch ihre Wut heraus, dass der Leser es manchmal kaum aushalten kann. Und trotzdem verrät Despentes ihre Figuren nicht, gibt ihnen allen auch Ideen und Gedanken mit, gibt ihnen vor allem Geschichten mit, die ihr Verhalten sicherlich nicht rechtfertigen, aber erklärbar machen.

Es bietet sich an, ja, es drängt sich geradezu auf, die Figuren den verschiedenen sozialen Milieus zuzuordnen und den Roman – auch – als Gesellschaftskritik zu lesen. Diese Lesart bietet sich auch deshalb an, weil immer wieder, egal, welche Figur gerade erzählt, rechte Ideen geäußert, reflektiert oder auch kritisiert werden. Aber sie sind da, bei den Kindern der Alt-Linken, den Kindern der Einwanderer, beim Drehbuchautor, beim kleinen Angestellten von H&M, der immer freundlich und zugewandt hinter den Kunden die Garderoben aufräumt, beim Vorzeige-Intellektuellen der Identitären sowieso. „Jeder muss sehen, wo er bleibt“, denkt Xavier, der Drehbuchautor, und gibt das Lebensmotto vor für viele Figuren des Romans, denen die alten Ideen von Solidarität und Gemeinsinn abhanden gekommen sind. Das ist so einseitig wie der Ausschnitt der Gesellschaft, den Despentes hier beleuchtet. Aber das sie eben genau dahin blickt, in die verschiedenen Subkulturen, und uns davon erzählt, das ist die besondere Leistung des Romans.

Und Vernon? Der ist am Ende ganz unten angekommen, auf der Straße, im Winter, im Regen, fiebrig. Aber er ist auch der in den sozialen Netzwerken am meisten gesuchte Mensch. Despentes hat viele Erzählfäden ausgelegt, die noch nicht entwirrt sind. Ein bisschen müssen wir uns noch gedulden. Im kommenden Frühjahr wird der zweite Teil der Vernon-Subutex-Trilogie auf Deutsch erscheinen.

Virginie Despentes (2017): Das Leben des Vernon Subutex, aus dem Französischen von Claudia Steinitz, Köln, Kiepenheuer & Wirtsch

10 Kommentare

  1. holio sagt

    Bei Shumona Sinha belästigte der Mann in der Metro sie keineswegs sexuell. Wo haben Sie dieses verkehrte Narrativ her? Er beschimpft sie, weil sie ihn angerempelt hat. Dann erschrickt er und schweigt, weil er sie wiedererkennt. Dass er amtlich mit ihr zu tun hatte. Dann droht sie ihm. Dann beschimpft er sie hasserfüllt weiter und wird handgreiflich, während die anderen Fahrgäste weggucken. Auf den Seiten 119 bis 123 von Lena Müllers prämierter Übersetzung kann man das nachlesen.

    • Vielen Dank für die Richtigstellung. Da habe ich mich dann wohl falsch erinnert, immerhin liegen Lektüre und Besprechung schon geraume Zeit zurück. Das ist sicherlichkein Grund für falsche Aussagen. Vielleicht haben sich auch schon die Bilder aus Sinhas Roman „Staatenlos“ über die „alte“ Lektüreerinnerung gelegt. Und manchmal ist Gewalt zwar nicht sexuell, immerhin aber sexistisch intendiert. Und das lese ich hier schon mit.

  2. Da ich in der vergangene Zeit immer mal wieder wunderbare Entdeckungen innerhalb der französischen Literatur machen durfte, ist natürlich auch dieser Roman in meinen Fokus gerückt. Leider habe ich es noch nicht geschafft, ihn zu lesen, weil, so scheint es mir, ist dieser Herbst so unendlich reich an wunderbaren Titeln. Ach…wenn man doch mehr Zeit hätte. Viele Grüße

    • Da hast du Recht, liebe Constanze: Es gibt viel zu viel interessante Literatur und viel zu wenig Zeit, alle Wunschtitel zu lesen. Aber so haben wir dann eine sehr schöne Auswahl – um dem Problem mal etwas Positives abzugewinnen ;).
      Viele Grüße, Claudia

  3. Ich bin ganz deiner Meinung – ein großartiger Roman, bei dem ich gespannt bin, wie er weitergeführt wird. Er funktioniert ja durchaus als abgeschlossene Einheit. Die letzten Sätze sind wohl das schönste Romanende, das ich seit langem gelesen habe. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf das Rezensionsexemplar des zweiten Teils.

    • Liebe Magdalena,
      nun habe ich erst einmal im Roman die letzten Sätze nachgelesen, die dich zu beeindruckt haben. Die habe ich gar nicht mehr so in Erinnerung gehabt. – Es dauert ja nun nicht mehr so ganz lange, bis wir nachlesen können, wie Despentes sie weiterführt. Ich bin jedenfalls auch schon gespannt auf den zweiten Teil und Vernons Leben und Phantasien auf oder nach der Parkbank. Ob seine Freunde ihn retten können – und er sich retten lässt.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Liebe Claudia,
    habe „Vernon Subutex“ auch vor kurzem gelesen (gemeinsam mit meinem Lesekreis) und bin etwas hin- und hergerissen. Mir gefällt schon gut, dass sie die sozialen Brüche darstellt, aber dann ist die Handlung häufig auch sehr überspitzt… Ich muss nochmal ein bisschen nachdenken und dann eine kurze Rezension verfassen. Haenel und Sinha hatten mich jedenfalls mehr überzeugt.
    Viele Grüße, Tobias

    • Lieber Tobias,
      dann bin ich ja neugierig auf deine Rezension! – Ich habe ja auch ein wenig gekämpft mit der Handlung, weil hier Figuren agieren, die so so ganz leben, als ich es gewöhnt bin. Die Aggressivität, der Drogenkonsum, der Umgang mit Sexualität – das finde ich schon recht befremdlich. Trotzdem hat Despentes Figuren geschaffen, die alle auch glaubwürdig sind, die auch ihre guten Seiten, ihre verletzlichen Seiten, ihre (selbst-)ironischen Seiten haben. Und der Besuchsreigen, den Vernon durchläuft, ist sehr glaubhaft und organisch erzählt und die Einblicke in die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche geben ein vielschichtiges Panorama der Gesellschaft wieder – es fehlen allerdings die „Subkulturen“, die nicht im Alkohol- oder Drogensumpfe versinken, könnte man dagegen halten. Aber das sind ja vierlleicht auch gerade die langweiligen, weil (spieß-)bürgerlichen Milieus, die Despentes eben nicht anschauen wollte. – Sinhas Roman „Staatenlos“ habe ich gerade beendet. Das ist wiederum ein sehr kraftvoller, sehr wütender Roman. Ich glaube, darin fehlt mir aber der manchmal etwas distanzierende, ironische Blick. Die Chancen auf ein selbstbestimmtes und doch respektiertes und gesellschaftlich anerkanntes Leben von Esha in Paris und Mina in Indien sind so gering, dass da eine große Hoffnungslosigkeit heraus spricht. Für Mina kann ich das gut nachvollziehen, für Esha in der Großstadt Paris nicht vollständig. Zudem blendet Sinha gerade bei Esha alle Lebensbreiche aus, die Kraft und Unterstützung geben können, Freundschaften vor allem. Es wirkt so, als sei Esha völlig alleine und dann gibt es doch mal Hinweise auf die Treffen mit Freunden oder das Wochenede auf dem Land. – Es ist aber auf jeden Fall fasznierend, was die französischen Autoren gerade so schreiben. Von diesen Stoffen, von dieser starken Art des Erzählens ist die deutsche Literatur ja (noch?) meilenweit entfernt.
      Viele Grüße, Claudia

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