Flucht und Entwurzelung, Lesen, Romane
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Salman Rushdie: Golden House

Erzähler dieser „goldenen Geschichte“ ist René Unterlinden, Sohn eines belgischstämmigen Professorenpaares – die beiden sitzen gerne abends beim Schein ihrer Lampen über ihre Bücher gebeugt – und angehender Filmemacher. René hat gerade sein Studium abgeschlossen und möchte einen Film über seine Nachbarschaft drehen, aber es fehlt ihm der Plot, der seiner Geschichte antreibt und ihr Spannung verleiht. Immer wieder sinniert René über sein Erzählkonzept, fügt Passagen des Filmscripts in die Erzählung ein, ergeht sich in Andeutungen und Bewertungen und macht so den Leser zum Mitwisser – fast wie Frank Underwood es in House of Carts betriebt. Seinen Plan für ein recht ambitioniertes Epos jedenfalls hat René schon zu Beginn formuliert:

„Mit der grenzenlosen Ichbezogenheit der Jugend hatte ich begonnen, mir einen großen Film vorzustellen oder einen Filmzyklus im Stil eines Dekalogs, der von Migration handeln sollte, von Transformation, Angst, Gefahr, Rationalität, Romantik, sexueller Umwandlung, der Stadt, von Feigheit und Mut; nicht weniger als ein panoramaartiges Porträt meiner Zeit. Mein bevorzugter Stil sollte etwas sein, das ich für mich Opernhafter Realismus nannte, mein Thema der Konflikt zwischen dem Ich und dem Anderen. Ich versuchte, ein fiktionales Porträt meiner Nachbarschaft zu entwerfen, aber es war eine Geschichte ohne treibende Kraft.“

Da kommen die neuen Nachbarn gerade recht. Denn in das lange unbewohnte Haus an der MacDougal Street in New York zieht genau am Tag der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Obama die Familie Golden ein. Die vier Männer, ein Vater mit seinen drei durchaus erwachsenen Söhnen, alle mit römischen Vornamen und dem englischen Nachnamen, aber der Hautfarbe nach zu urteilen offensichtlich weder aus Italien noch aus den USA stammend, sind so ungewöhnlich und geheimnisvoll, dass die Nachbarn sich für sie zu interessieren beginnen. Aus welchem Land stammen sie wohl, warum muss ihre Herkunft ein Geheimnis sein und was hat es mit den merkwürdigen Vornamen auf sich? Für René Unterlinden bieten die Goldenes alles, was er für seine außergewöhnliche Geschichte braucht.

In dem gemeinsamen Hinterhofgarten ihrer Häuser gewinnt René die Freundschaft der drei Söhne, er hört ihre Geschichten und nimmt mehr und mehr an ihrem Familienleben teil, bis er selbst zu einem Familienmitglied wird und so die Rolle des Beobachters verlässt. Dabei – so scheint es – missbraucht er ihr Vertrauen, denn er verarbeitet ihre Geschichten, ihre Dramen und Nöte hemmungslos in seinem Buch.

Von Migration sollte sein Film handeln vom Konflikt zwischen dem Ich und dem Anderen, so hatte er ja sein Erzählziel formuliert. Nun kann er also von den Goldens erzählen, die, so stellt sich heraus, aus Mumbai eingewandert sind. Ein reicher Geschäftsmann ist der schon über 70-jährige Nero Golden, der sich ohne Probleme in der New Yorker Baubranche, die bisher von einer Handvoll New Yorker Familien dominiert wurde (!), zurechtfindet und so erfolgreich wird, dass nach ein paar Jahren zahlreiche Häuser mit der goldenen Aufschrift „Golden“ das Stadtbild prägen. Warum er mit seiner Familie aus Indien ausgewandert ist, ob es tatsächlich an dem religiös motivierten Terroranschlag lag, bei dem seine Frau ermordet wurde, das bleibt lange ein Geheimnis. Dass Neros Auftreten von René so inszeniert wird, dass er dem Leser erscheint, wie Jack Nicholson in „Die Hexen von Eastwick“, lässt schon bestimmte Vorahnungen entstehen.

Auch die drei Söhne bieten viel Erzählstoff, so unterschiedlich, wie sie sind, so unterschiedlich, wie sie die Möglichkeiten der Stadt New York für ihre persönlichen Entwicklungen nutzen. René erzählt also von Petronius Golden, genannt Petya, dem ältesten Sohn Neros, einem Autisten, der sich zurückzieht in sein Zimmer und hinter seine PC. Petya hat Angst vor der Welt und hält sich am liebsten im sicheren Kokon eines Hauses auf oder er sitzt – wie Forrest Gump – sinnierend auf einer Bank im durch die umstehenden Häuser geschützten Innenhofgarten. Dass er als PC-Spieleentwickler sehr erfolgreich ist, das stellt sich erst spät heraus. Und dass er sich in eine Frau verliebt, in die angesagte Künstlerin Ubah Tuur, ist einer der Auslöser der dramatischen Ereignisse, in die die Familie Golden gerät, denn auch sein Bruder Apu interessiert sich für Ubah.

René erzählt also auch vom zweitältesten Sohn Apu, eigentlich Lucius Apuleius, der erst in New York seine Begabung als Künstler erkennt und sich in der Kunstszene schnell einen Namen macht. Vielleicht auch besonders befeuert durch seine Freundschaft mit Ubah, die der Star der Bildhauerszene ist. Und natürlich erzählt René auch vom dritten Sohn, der sich den Namen Dionysos gewählt hat, aber nur D Golden genannt wird. Es ist der Jüngste, der Sohn einer Geliebten, der sich in der Familie immer fremd fühlt und der nun in New York endlich erkennt, dass er als Frau leben möchte.

Vom Konflikt zwischen dem Ich und dem Anderen sollte die Geschichte getragen werden, so hat René formuliert. Mit Spielarten dieses Konflikts haben alle Figuren zu tun. Alleine schon die Frage nach der eigenen Identität, verstärkt durch die Migration und die neuen Namen – dieses Motiv nutzte auch Paul Auster in seinem Roman „4 3 2 1“ als Triebkraft seiner Erzählung – führt zu Verunsicherungen, auch wenn die Familie in einem sehr begüterten und liberalen sozialen Umfeld lebt.

Die Spannungen zwischen dem Ich und dem Anderen treibt persönliche Entwicklungen voran, wie bei Petyas Werdegang zum Spiele- und App-Programmierer, wie bei D Transformation zu einer Frau. Diese Spannungen sind aber auch Auslöser heftiger Konflikte zwischen den Familienmitgliedern, großer Dramen zwischen den Brüdern, zwischen Vater und Söhnen, zwischen Nero und seiner jungen Ehefrau, der Russin Vasilisa, die hier, einer Lady Macbeth gleich, voller Berechnung nach Macht und Einfluss in der Familie Golden strebt.

Als Opernhaften Realismus bezeichnet René seinen präferierten Stil, als erdachtes großes Drama in einem realen gesellschaftlichen Umfeld. Das gesellschaftliche Umfeld speist sich aus der Nachbarschaft in New York, aus der Präsidentschaft Obamas, besonders aber aus den Verweisen auf den Wahlkampf Trumps, der hier als Joker mit angeborenen grünen Haaren sein Unwesen treibt und das leider nur die New Yorker, nicht aber der Rest des Landes, richtig einzuschätzen wissen. Und so wie hier die Comicfiguren den Wahlkampf illustrieren, so erzählt René, der Kinoliebhaber, viele anderen Szenen auch, als würde er seine Protagonisten in Filme stellen, deren Bilder, wenn man die Filme denn kennt, dann tatsächlich klar vor dem inneren Auge erscheinen.

Es ist einerseits spannend, wenn Leser die beschriebenen Szenen Filmen zuordnen und sich eine weitere Deutungsebene der Charaktere durch den Kontext der Filme ergibt. Andererseits funktioniert der Transfer der Filmbilder in den Roman doch nicht, denn die Figuren werden so zum Teil überdramatisiert und bleiben – anders als im Film – schablonenhaft. Und so ist es das Problem dieses thematisch überaus komplexen Romans, dass die einzelnen Figuren leblos bleiben. Selbst die dramatische Geschichte Ds, seine Unsicherheiten, seine Zweifel, seine ersten Versuche mit Frauenkleidern – es packt den Leser nicht: Der Opernhafte Realismus, er bleibt hinter den erzählerischen Möglichkeiten zurück. So wird der Roman eher von der Spannung des Handlungsverlaufs getragen, nicht so sehr von der Vielschichtigkeit und Entwicklung der Figuren.

Die durchaus spannende Handlung wird auch von einer knappen Erzählung getragen, die – was für eine zufällige(?) Lesebegegnung – genauso auch im aktuellen Roman Orhan Pamuks „Die rothaarige Frau“ eine wesentliche Rolle spielt. Da kommt der Diener eines Händlers aufgeregt vom Markt zurück und bittet seinen Herrn darum, ihm ein Pferd zu leihen, sodass er schnell nach Samarra reiten kann. Er habe nämlich, so berichtet der Diener, auf dem Markt den Tod getroffen und der habe ihn so drohend angeblickt, dass er nun ganz schnell aus Bagdad verschwinden wolle. Der Herr gibt dem Diener das Pferd und sucht später auf dem Markt selbst den Tod auf, um zu fragen, warum der Tod den Diener so geängstigt habe. Das habe er nicht gewollt, erwidert der Tod, er sei mehr erstaunt gewesen, ihn hier auf dem Markt zu sehen, wo er doch abends mit ihm eine Verabredung in Samarra habe.

Es geht also um die Frage, ob selbstbestimmte Entscheidungen das Leben ordnen oder doch alles schicksalhaft vorgegeben ist, der Mensch seinem Schicksal gar nicht entkommen kann. Eine spanndende Frage – bis zum Schluss.

René, so hat er zu Beginn festgehalten, will nichts weniger als eine „goldene Geschichte“ verfassen, eine Geschichte, so verstanden die alten Römer dieses Sprachbild, die eine ganz große Erzählung ist, „ein wilder Einfall“, „etwas, das ganz offensichtlich nicht der Wahrheit entsprach. Ein Märchen. Eine Lüge.“ Das ist ihm – mit Einschränkungen – gelungen.

Salman Rushdie (2017): Golden House, übersetzt von Sabine Herting, C. Bertelsmann Verlag München

5 Kommentare

  1. kevin1645 sagt

    Auch wenn ich in Deinen Zeilen etwas Kritik lese, klingt es für mich sehr attraktiv. Ich habe es gleich auf meine Leseliste gesetzt. Vielen Dank für diese ausführliche Rezension!

  2. Liebe Claudia,
    ich möchte nicht verpassen, dir ein schönes Neues Jahr 2018 zu wünschen!
    Auf das alle deine Pläne und Hoffnungen in Erfüllung gehen. Oder zumindestens ein Teil davon 🙂
    Liebe Grüße von Susanne

    • Liebe Susanne,
      auch dir ein gutes neues Jahr mit vielen kreativen Ideen, viel Austausch mit Gleichgesinnten und vielen schönen und inspirierenden Ausstellungen und anderen veranstaltungen. Und natürlich ganz viel Gesundheit! Auf dass wir uns ganz oft lesen können.
      Liebe Grüße nach Berlin, Claudia

      • Ja, liebe Claudia, das wünsche ich mir auch! Auf dass wir uns ganz oft lesen können!
        Es ist eine Bereicherung!
        Liebe Grüße von Susanne

    • Lieber Kevin,
      5 von 5 Punkten würde ich dem Roman nun wirklich nicht geben. Lesenswert ist er aber allemal. Viel Spaß dabei.
      Viele Grüße, Claudia

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