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Robert Menasse: Die Hauptstadt

Das Image „Europas“ ist denkbar schlecht. Und mitten hinein in dieses Europa führt Robert Menasse mit seinem Roman. In die Brüsseler Büros der Europa-Beamten, in ein Brüssel der Think Tanks und des Lobbyismus, in ein Brüssel, in dem sich eine Baustelle an die andere zu reihen scheint und in dem auch gerade im Hotel Atlas ein Mord verübt worden ist. Also mitten hinein in ein ganz quirliges Brüssel, in dem Europa „gemacht“ und verwaltet wird.

Ja, es steht wirklich schlecht um „Europa“. Die Bürger schimpfen nur noch über lästige und kleinliche Vorschriften einer offensichtlich aufgeblasenen Bürokratie. Von Meinungsumfrage zu Meinungsumfrage bewerten die Bürger die Arbeit der Institution schlechter. Beim letzten Mal waren es gerade einmal noch knapp 40 Prozent, die die Arbeit der Kommission positiv bewerten, ein denkbar schlechter Wert für die Arbeit Grace Atkinsons, der gerade neu ins Amt berufene Generaldirektorin der GD KOMM mit den immer kalten Händen. Da kommt ihr bei der spontanen Feier zu ihrem runden Geburtstag, während der Kommissionspräsident eine Rede hält und die Gratulanten, die gleich Torte und Champagner mitgebracht haben, mit ihr anstoßen, die Idee einer Feier. Nach einer von mehreren möglichen Lesarten wird die Kommission in zwei Jahren fünfzig Jahre alt und der runde Geburtstag wäre doch ein guter Anlass, denkt Atkinson erheitert vom Champagner, für eine schöne Geburtstagsfeier. Und so ist die Idee zum Big Jubilee Project geboren, so könnte „die Kommission fröhlich im Mittelpunkt stehen, als Geburtstagskind, dem man gratuliert.“

Die Idee des Big Jubilee Project greift Fenia Xenopolou, die sich mit ihrer Berufung zur Direktorin Kommunikation auf ein Karriereabstellgleis gestellt fühlt, begeistert auf und sieht hier ihre Chance gekommen, sich mit einer ganz besonders guten Feier für bessere Jobs zu empfehlen. So beauftragt sie ihren Mitarbeiter Martins Susmann, einen Archäologen, damit, ein Konzept zu entwickeln.

„Grace Atkinson war zunächst froh, dass sie so schnell eine so begeisterte Mitstreiterin gefunden hatte. Und am Ende war sie heilfroh, denn durch das überdeutliche Engagement der unglückseligen Kultur geriet in Vergessenheit, dass sie es gewesen war, die diese letztlich katastrophale Idee gehabt hatte.“

Denn Martin Susmann hat die Idee, dass ganz unbedingt Überlebende der KZ im Mittelpunkt der Kommissionsfeierlichkeiten stehen müssen. Denn im erklärten Willen, dass es nie wieder ein Auschwitz geben dürfe, liege ja die Gründungsidee Europas. Das war es dann mit der Idee einer fröhlichen Geburtstagsparty. Aber Susmann schickt sein Konzept nun auf den Weg durch die Gremien und Abteilungen, und dem Konzept geht es fast so wie dem sprichwörtlichen Schwein, das durchs Dorf getrieben wird.

Und Schweine kommen tatsächlich viele vor in Menasses Brüssel (und in seiner Sprache). Eines läuft durch Brüssel, ein rosafarbenes Hausschwein. Von der Rue de la Braie aus läuft es am Bauzaun entlang, rechts zur Ecke zur Rue du Vieux Marché aux Grains, im Galopp vorbei am Restaurant Menelas, dann Richtung Hotel Atlas und weiter zur Kirche Sainte-Catherine. Und viele haben es gesehen: David de Vriend, der als Letzter aus dem Haus hinter dem Bauzaun auszieht und noch einmal aus dem Fenster auf die Straße blickt; Kai-Uwe Frigge, der sich mit Fenia Xenopolou im Restaurant trifft, weil sie hofft, dass er ihr helfen kann, zurück in den attraktiveren Bereich TRADE zu gelangen; Ryszard Oswiecki, der beim eiligen, aber trotzdem möglichst unauffälligen Verlassen des Hotels Atlas auf das Schwein aufmerksam wird, wie es da auf dem Vorplatz des Hotels steht; Martin Susmann, Leiter der Abteilung EAC-C-2 „Programm und Maßnahmen Kultur“ und dabei Fenia unterstellt, der in dem Haus neben dem Hotel Atlas wohnt und gerade das Fenster öffnet, um zu lüften und zu rauchen; Gouda Mustafa, der fast über das Schwein fällt, zur Seite springt, dabei das Gleichgewicht verliert und in einer Pfütze landet und dem nun wiederum Alois Erhart, emeritierter Volkswirt aus Wien, der auf Einladung eines Think Tanks in Brüssel ist und gerade auf dem Rückweg ins Hotel, aus der Pfütze hilft.

In diesem ausgezeichneten Prolog stellt Menasse uns – und man ist fast geneigt zu sagen: im Schweinsgalopp – sein Figurenensemble vor, das sich an diesem Abend im Januar fast vollzählig in der Nähe des Hotels Atlas versammelt hat, springt dabei von einer Person zur anderen, immer dem Weg des Schweins folgend. Und stellt hier nicht nur seine Figuren vor, die die verschiedenen Aspekte der europäischen Idee leben und arbeiten, sondern gibt auch schon einmal einen Einblick in das Erzählkonzept des Romans, das genau so assoziativ von Figur zu Figur springt, damit auch von Ort zu Ort, von David de Vriends Zimmer im Altersheim zu Ryszard Oswiecki in Warschau, dann wieder zu Florian Susmann auf der österreichischen Autobahn in Richtung Ungarn, zu Kommissar Brunfaut, der in einem Brüsseler Café auf einen Freund aus der IT-Abteilung wartet und zu Alois Erhart, der sich auf dem Weg zu einem Treffen seines Think Tanks befindet, der Reflection Group „New Pact for Europe“.

Die Irrungen und Wirrungen rund um die bürokratischen Entwicklungen um die Vorbereitungen des fünfzigjährigen Kommissionsgeburtstags bilden aber nur einen Handlungsstrang des Romans. Ein anderer führt den Leser mitten hinein in die Welt des internationalen Lobbyismus. Denn Martins Bruder Florian ist der Vorsitzende der Union der europäischen Schweineproduzenten (EPP) und muss sich nun mit dem Gezerre um die Schweine zwischen der EU und den nationalen Agrarpolitiken herumärgern. Da scheinen nämlich einzelne Staaten gerade mit den Chinesen exklusive Schweine-Handelsverträge zu vereinbaren, während die EU es nicht schafft, eine höhere Exportquote für Schweine mit China zu verhandeln. Und dann ist da ja auch noch der Mord an einem Gast des Atlas-Hotels, von dessen Aufklärung Kommissar Brunfaut plötzlich von oberer Ebene abgezogen wird, da sind seine bis hierher gemachten Recherchen schon von seinem Rechner verschwunden.

Robert Menasse erweist sich als brillanter Erzähler, der seine vielen Erzählfäden souverän in den Händen hält und noch der kleinsten Erzählfaser mit ganz großer Erzähllust folgt, um den Leser in ein ganz komplexes Europa voller aktueller, aufregender und bizarrer Figuren und Themen zu locken. Der die EU-Beamten, die deutschen vor allem, als EU-Cycling Group mit dem Rad zur Arbeit fahren lässt, nicht nur, damit sie dabei schon die wichtigsten Informationen austauschen können, sondern auch um den Autos, die notorisch auf den Fahrradwegen parken, Aufkleber auf die Seitenfenster zu kleben: „Sie stehen im Weg.“ Der nicht nur die verrückten Reaktionen der Medien und der Menschen Brüssels auf das Hausschwein erzählen kann, sondern uns auch den pensionierten Lehrer David de Vriends so nahe bringt, seine Überlegungen und Erinnerungen so lebhaft schildert, dass wir seine Demenz, beobachtet von den Betreuerinnen des Altersheims, fast nicht glauben können. Der uns staunen lässt, dass in Auschwitz die Herstellerfirma der Besucherkaffeemaschine „Enjoy“ heißt und auf der Besucherkarte aufgedruckt ist: „Verlieren Sie diese Card nicht. Im Verlustfall haben Sie keine Aufenthaltsberechtigung im Lager.“ Und der blitzschnell zwischen einer herrlichen Ironie und einem ernsten Erzählton wechseln kann.

„Die Hauptstadt“ ist ein ganz faszinierender Europa-Roman, der höchstens auf den ersten Lese-Blick ganz leicht und luftig daherkommt. Denn hier werden am Beispiel der verschiedenen Figuren die Probleme rund um „Europa“ verhandelt und es wird, nicht nur beim Big Jubilee Project, die einigende politische Idee für Europa gesucht. Die Idee hat Alois Erhart, der emeritierte Wirtschaftsprofessor, der sich seit seiner Studienzeit mit den Ideen des Wirtschaftens in post-nationalen Staaten beschäftigt. Auch wenn er weiß, dass er scheitern wird, lässt er sich nicht abhalten, seine Überlegungen zu einer europäischen Hauptstadt einer zunehmend entsetzt zuhörenden Reflecting Group vorzutragen. Und macht sich dann auf den Weg zur U-Bahn-Station, um zuürck nach Wien zu reisen.

In der U-Bahn-Station schließt Manesse seinen Erzählreigen, wenn er hier wiederum seine Figuren, die auf ihren verschiedenen Wegen durch die Stadt hier warten, versammelt, so wie sie sich auch zu Beginn an einem ganz denkwürdigen Platz befunden haben. Und wer am Ende des Romans noch einmal den Prolog liest, der wird vielleicht nicht nur den Mordfall klären können.

Robert Menasse (2017): Die Hauptstadt, Berlin Suhrkamp Verlag

11 Kommentare

  1. Vielen Dank für deine Besprechung, liebe Claudia, die unbedingt neugierig macht. Es ist ja wohl der erste Roman, der sich ausführlich mit der EU-Bürokratie und ihren inneren Strukturen und Beziehungsgeflechten befasst. Im Hessischen Rundfunk wird zur Zeit täglich eine Folge des Hörbuchs gesendett (sehr gut gelesen). Leider habe ich nur einzelne Passagen hören können, bei denen ich aber durchaus schon einige groteske Züge zu erkennen glaubte. Ich werde mir die Lektüre demnächst vornehmen.
    Danke dafür, dass du auch bei mir vorbeigeschaut und ein Sternchen vergeben hast!
    Weiterhin viel Lesefreude wünscht
    Elisabeth

    • Liebe Elisabeth,
      ich kann mich auch an keinen anderen EU-Bürokratie-Roman erinnern, Menasses Roman scheint wirklich der erste zu sein, der sich dieses Themas annimmt. Und zeigt exemplarisch für andere bürokratsiche Ungetüme, wie die Ideen und Konzepte zum einen Teil aus manchmal auch blindem Aktionismus entstehen und dann auf dem Weg durch die Hierarchien, Abteilungen und Gremien pulversisiert werden. Aber neben diesem Themenkomplex hat Menasse noch so viele andere Phänomene, Themen, Absurditäten in seine Geschichte eingebaut, dass ich noch viele Beiträge dazu schreiben könnte. Und natürlich ist die Art des Erzählens, das Ironische, das Groteske einfach ganz große Klasse. Ich empfehle die Lektüre „Der Hauptstadt“ ganz, ganz dringend. Ein wunderbares Leseerlebnis – mit der sehr nachdenkenswerten Idee eines post-nationalen Europas als Gegenteil der vielen Unabhängigkeitsbewegungen, die wir gerade so erleben.
      Viele Grüße, Claudia

      • Das klingt wirklich sehr vielversprechend, liebe Claudia. Und nachdem wir uns schon über andere Bücher ausgetauscht haben, gebe ich natürlich viel auf deine Einschätzung. Es warten natürlich noch andere Bücher – aber das Wetter „hilft“ …
        Beste Grüße
        Elisabeth

      • Oh ja, das Wetter hilft mit stürmischen Regenschauern. Und demnächst kommt der usselige November… Da ist es mit der „Hauptstadt“ auf dem Schoß besonders gemütlich :-).

  2. Noch steht das Buch auf meiner Wunschliste – aber bei Menasse bin ich ein echtes Fangirl und daher musste ich Deine Besprechung lesen. Was bin ich erleichtert, dass dieser Roman vor Deinem gestrengen Auge besteht! Luftig und leicht und dabei doch von soviel Substanz – ja, das ist Menasse.
    Birgit, der ein Stein vom Herzen fällt, weil einer ihrer Lieblingsautoren bei einer ihrer Lieblingsbloggerinnen nicht in Ungnade fiel.

    • Liebe Birgit,
      als echtes Fangirl hättest du dich doch durch keinen Verriss der Welt von der Lektüre abbringen lassen! Und du wirst bestimmt auch völlig begeistert sein. Einen Wunsch habe ich dann aber auf jeden Fall: dass du nämlich auch über deine Lese-Eindrücke schreibst. – Und dann gibt es ja noch die essayistischen Auseinandersetzungen Menasses mit der EU. Hast du die schon gelesen? Ich bin nun nach dem Roman schon neugierig auf die Texte. Es ist ja eigentlich an der Zeit, sich auch einmal intensiv – und positiv motiviert – mit Europa auseinanderzusetzen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Den „europäischen Landboten“ habe ich druckfrisch erstanden, leider aber im Zuge des Beginns meiner Bloggerei immer wieder nur angelesen und mir vorgenommen, dass ich jetzt bald mal was Vernünftiges lese (das war jetzt leichte Selbstironie, auf dem Blog steht ja hoffentlich auch ab und an was Vernünftiges). Aber sein Roman ist nun ein guter Anlass, beides parallel zu studieren. Und er hat ja seither unermüdlich zu Europa veröffentlicht – das müsste ein kleines Projekt sein. Ja, sich intensiv mit Europa auseinanderzusetzen – höchste Zeit, verschärft seit dem erhöhten Zustrom an Flüchtlingen. Hier zeigte sich mir ganz deutlich, wie wenig diese EU doch auf staatlicher Ebene von Werten zusammengehalten wird – etwas, was ich als naive Bürgerin und Anhängerin eines „europäischen Gedanken“ für das Wichtigste halte. Aber zurück zum Lesen: Ich möchte bald – doch wieder einmal habe ich von einem Projekt einfangen lassen (dazu morgen bei mir was), lese dazu gerade Bücher nicht unter 600 Seiten (gute Bücher wenigstens) und muss Herrn Menasse noch ein wenig schieben 😦
        Herzliche Grüße, Birgit

      • Ich denke auch, dass „Landbote“ und Roman sich gut ergänzen – und werde sie nacheinander lesen müssen, denn der „Landbote“ hat sich gerade erst zu mir auf den Weg gemacht. Ja, die nationalen Interessen, die immer wieder ausgehandelt und einbezogen werden müssen, bis hin zu den Spezialinteressen kleiner Gruppen, auch davon erzählt Menasse höchst anschaulich und spannend im Zusammenhang mit den europäischen Schweinebauern, die es vor lauter Iberico-und Serano-Schweinen kaum schaffen, zu einer einheitlichen Meinung zu kommen. Da sind einheitliche Werte, die das Handeln und Entscheiden leiten können, gar noch die Erinnerung an den Holocaust und das Versprechen, dass dies nie wieder geschehen darf, ziemlich weit weg. Und Flüchtlinge, noch dazu aus einem fernen (und fremden) Kontinent stören da auch – es störten ja schon vor einigen Jahren die vielen Osteuropäer, die zum Arbeiten und Besser-Leben hierher kamen. (Mich nicht: Ich habe ganz wunderbare Schülerinnen und Schüler mit ganz bunten Biografien aus ganz Europa, der Türkei, Syrien und Nordafrika, lese gerade wieder mit ihnen „Nathan“ und habe wieder einmal die besten und intensivsten Deutschstunden!). – Auf dein Projekt der „dicken Schinken“ (um beim Schwein zu bleiben) bin ich ja nun sehr gespannt. Muss ich mich wohl noch bis morgen gedulden…
        Liebe Grüße, Claudia

  3. Hier, jenseits der europäischen Grenze, hast Du auch eine neugierige Leserin gefunden. Nicht nur, dass ich es spannend finde, zu sehen, wie man aus dem ansonsten so drögen Thema EU-Bürokratie einen unterhaltsamen Roman machen kann, auch die Begeisterung, mit der Du schreibst, steckt an. Und das Thema Europa liegt mir sowieso am Herzen. Wandert also gleich auf die Wunschliste. Liebe Grüße, Peggy

    • Das ist ja schön, das ich auch Leser gewinnen kann, die mit der EU-Bürokratie erst einmal nichts (mehr) am Hut haben :-). Aber der Roman hat so viele Facetten, dass er dich bestimmt auch in der Hitze des fernen Dubai zum Schmunzeln und zum Nachdenken bringt.
      Viele Grüße, Claudia

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