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Laurent Binet: Die siebte Sprachfunktion

Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass Politiker ohne Bedenken ihre Großmutter verkauften – oder Schlimmeres täten -, wenn sie dadurch in den Besitz der siebten Sprachfunktion kämen. Denn wer diese Sprachfunktion beherrscht, der kann nach Belieben irgendetwas behaupten und seinen Zuhörer mühelos überzeugen. Kritische Anmerkungen, die dann auch noch den Zusatz „postfaktisch“ beinhalten, würde es dann nicht mehr geben.

Schon im französischen Präsidentenwahlkampf zur Wahl im Jahr 1981, so erzählt uns Binets Roman, waren die Kandidaten Giscard d´Estaing und Mitterand hinter dem Geheimnis dieser Sprachfunktion her. Es war klar: Wer von den beiden in das bisher unbekannte Geheimnis dieser Wirkmacht der Sprache gelangte, der würde auch als Sieger aus der Wahl hervorgehen. Und Roland Barthes scheint sie, die wichtige siebte Funktion, nach genauestem und wiederholtem Studium der Schriften des Linguisten Roman Jakobson, der immerhin sechs Funktionen en Detail definiert und erläutert hat, gefunden zu haben. Da liegt der Verdacht nahe, dass der Unfall am Zebrastreifen, just nachdem Barthes von einem Mittagessen mit Mitterand kommt, kein Zufall ist.

Kaum ist der Unfall geschehen und Barthes ins Krankenhaus gebracht, da macht Kommissar Bayard sich daran, den Fall zu untersuchen, einen Toten gibt es freilich noch nicht, nur einen Verletzten. Bayard verhört erst einmal Michel Foucault, Zeuge des Unfalls, der jetzt schon weiß: das war Mord. Und weil Bayard, einem Juristen und Polizisten, die Welt der Philosophen und Linguisten, der Poststrukturalisten und der Semiotiker, wie ein einziges Rätsel erscheint, sucht er einen Semiotiker, der ihm die Zeichen dieser Welt deutet.

Er findet ihn in dem Doktoranden Simon Herzog, der gerade eine Vorlesung hält über die Mythen des „James Bond“. Er erklärt den Namen Ms und die Rolle Qs so kreativ, dass nicht nur Bayard, sondern auch der Leser staunt bei diesen Dechiffrierungshypothesen. Aber Herzog überzeugt den Kommissar letztendlich durch eine ganz genaue Ableitung der Biografie und Lebensumstände Bayards, alleine durch Deutung dessen Bewegungen im Raum und seiner Kleidung – und erfreut den Leser, der sich gleich an die sekundenschnelle Kombinationsgabe Sherlocks in den neusten Verfilmungen erinnert fühlt. So machen die beiden sich auf, den Fall, der ja noch gar kein Fall ist, zu klären.

Sie erleben dabei erstaunliche Vorfälle: der Präsident persönlich erteilt ihnen den Auftrag zur Ermittlung und damit auch zur Suche des einen Blattes, auf dem Barthes wahrscheinlich die siebte Sprachfunktion notiert hat. Dieses Blatt dürfe auf keinem Fall den Kommunisten und Sozialisten in die Hände fallen. Im Laufe ihrer Ermittlungen werden sie beschattet und verfolgt von geschmacklos gekleideten schnauzbärtigen Bulgaren mit giftgespickten Regenschirmen in einem Citroen DS und von Japanern in einem neuen Renault Fuego. Sie ermitteln in Nachtclubs und Saunen und lernen Slimane, Hamed und Saïd kennen, nordafrikanische Prostituierte aus dem Umfeld Barthes und Foucaults. Immer wieder werden sie aufmerksam auf einen Polizisten, dem ein Fingerglied fehlt und bald erfahren sie von einem geheimen, seit Jahrhunderten wirkenden Debattierclub, dem Logos-Club, bei dem der Unterlegene eines Argumentationswettkampfes auch schon einmal das Glied eines Fingers, die ganze Hand oder auch mehr verlieren kann.

Binet zieht bei der Ausklärung dieses Falls jedenfalls alle Register: ausgehend von dem verbürgten Unfall Barthes schickt er den Leser auf eine spannende und rasante, auf eine immer wieder witzige und bis zum Ende überraschende Ermittlungsreise durch die Universitäten, die Cafés – auch Sartre hat hier seinen Auftritt – und die Bars und die Nachtclubs von Paris, schickt ihn nach Bologna zu Umberto Eco und mitten hinein in das Bombenattentat am Bahnhof, zu einem Linguistenkongress in die USA an die Cornell University und zum Schluss noch nach Venedig im Karneval, wo der Großmeister des Logos-Clubs herausgefordert wird durch denjenigen, der nunmehr meint, im Besitz der siebten Sprachfunktion zu sein. Weil der Erzähler wo er geht und steht Anspielungen hinterlässt und Hinweise gibt,  weiß der Leser oft mehr als die Figuren und so wird er unmittelbar mit hineingezogen in die Aufklärungsarbeit, wird selber zum Entdecker und Dechiffrierer der vielen Zeichen.

Um Zeichen und Mythen geht es ja sowieso. Denn Bayard spielt virtuos mit den Theorien Barthes, mit den Ideen der Semiotiker und Poststrukturalisten, verstreut jede Menge Anspielungen auf die politische Situation in Frankreich und die politischen Akteure und überzeichnet genüsslich die Intellektuellenszene Frankreichs. Sie sind alle hier versammelt: Derrida und Althusser, Debray und Balibar, die Kristeva und Philippe Joyaux, genannt Soller, und Bernard-Henri Lévy, meist BHL genannt – mit all ihren Eitelkeiten und Animositäten und mit ihrem Streben nach Macht und Einfluss, sodass sie den Politikern in nichts nachstehen. Und so hat der Leser wahrscheinlich ganz besonders viel Spaß an der Lektüre, der viel weiß von den linguistischen und philosophischen Diskursen der frühen 1980er Jahre in Frankreich und der noch Erinnerungen hat an die politischen Debatten. Und so kann der ganz tief poststruktualistisch geprägte Leser vielleicht auch den paar ganz langen Dialogen mit großer Freude folgen, die andere Leser eher ermüden.

Einen Autor gibt es in diesem Text natürlich auch. Der schaltet sich immer mal ein und erzählt von seinen Recherchearbeiten, erzählt, wie er die Umgebung erkundet, erklärt dem Leser, warum es jetzt wichtig ist, die eine oder andere Person einzuführen und ihr einen Namen zu geben: „Nennen wir ihn Nikolaj“. Kein bisschen tot ist der Autor in diesem Roman. Und Simon Herzog auf der anderen Seite, er ist ja eine der Hauptfiguren, beginnt zu argwöhnen, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn er in den letzten Monaten der Ermittlungen mehr erlebt hat als bisher in seinem ganzen Leben, eine Liebesszene auf dem Seziertisch des Anatomischen Hörsaals aus dem 17. Jahrhundert unter dem Dach der Universität Bologna inbegriffen. So beginnt er immer häufiger darüber nachzudenken, ob er nicht vielleicht doch nur eine Figur in einem Roman ist. Immerhin erklärt auch Morris Zapp in seinem Vortrag in Cornell, dass es

„am Ursprung der Literaturkritik einen methodischen Grundfehler gibt, der darin besteht, Leben und Literatur zu verwechseln (Simon horcht auf), während das überhaupt nicht dasselbe ist und völlig unterschiedlich funktioniert. „Das Leben ist transparent, die Literatur ist undurchsichtig“, sagt der Engländer. Das ist die Frage, denkt Simon.“

Und die siebte Sprachfunktion? Vielleicht gibt es sie ja doch. Mitterand hat schließlich die Wahl zum Staatspräsidenten gewonnen, in nur einer Fernsehsendung überzeugte er die Wähler. Und Slimane, der Stricher, kann noch jeden Türsteher überreden, ihn hereinzulassen, selbst wenn der „Türsteher“ von einer amerikanischen Behörde ist und die Einreise in die USA überwacht. Und wenn die Kenntnis des Umgangs mit der siebten Sprachdunktion erst einmal in der Welt ist…

Laurent Binet (2017): Die siebte Sprachfunktion, aus dem Französischen übersetzt von Kristian Wachinger, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Verlag

15 Kommentare

  1. Jetzt machst Du mir doch richtig Lust auf den Roman – mich hat bislang der Titel abgeschreckt, auf ein staubtrockenes Werk, das Fiktion und Theorie vermischt, habe ich einfach wenig Lust. Aber schon mit dem Anfangssatz war ich eingefangen … über die poststrukturalistisch geprägten langen Dialoge gehe ich einfach hinweg 🙂

    • Liebe Birgit,
      der Roman ist auf jeden Fall ein großer Lesespaß. Und je mehr man sich auskennt – ich z. B . habe noch nie etwas von den David-Lodge-Romanen gehört ,- umso mehr Spaß hat man wahrscheinlich beim Wiedererkennen der vielen Anspielungen und Referenzen. So ganz fit bin ich gar nicht in der Semiotik und dem ganzen Theoriekram, trotzdem habe ich immer wieder laut lachen müssen. Man lernt hier auf sehr unterhaltssame Art die sieben Sprachfunktionen und löst noch einen Kriminalfall. Meistens skurril, selten staubtrocken. (Und ich kann es auch schreiben wie ich will, die Kritik entgeht dir jedenfalls nie :-).)
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia, ich bin es einfach bei Deinen differenzierten Buchbesprechungen gewohnt, dass da auch die größeren oder kleinen Defizite aus Deinem Blickwinkel genannt werden. Und das finde ich auch gut so – meistens stelle ich, wenn ich dann eines der Bücher lese, fest: Sie hatte recht. LG Birgit

  2. Ich habe diesen Roman auch seit einiger Zeit immer wieder umrundet. Mich schrecken etwas die Verweise ab, da ich das Thema im Studium eher wenig behandelt habe. Aber vielleicht sollte ich es trotzdem einmal anlesen. Danke für diese Erinnerung. Viele Grüße

    • Liebe Constanze,
      ich bin auch nicht wirklich fit in diesen linguistisch-poststrukturalistischen Theorien, habe aber meinen großen Lesespaß – meistens jedenfalls – gehabt. Und ich denke, du wirst schon auf den ersten Seiten vom Roman eingefangen, mir ist es jedenfalls so gegangen.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Dankeschön für die interessante Besprechung und Empfehlung zur einer Mischung aus Theorie und Politik. Besonders freue ich mich, einmal wieder etwas zu hören von Morris Zapp, einer der Romanfiguren aus David Lodges Uni-Romanen:
    – Ortswechsel (1986; Changing Places, 1975). Morris Zapp und Philip Swallow tauschten 1969 für ein halbes Jahr ihre Professuren in Kalifornien und England.
    – Kleine Welt (1985 unter dem Titel „Schnitzeljagd“; Small World, 1984). Zapp und Swallow sind neben mehreren Jung-Akademikern die Protagonisten bei einem internationalen Kongress.
    Diese Romane von David Lodge und seine weiteren Bücher gehörten in den neunziger Jahren zu meiner Lieblingslektüre.

    • Da scheinen im Roman ja jede Menge Bezüge zu stecken, von denen ich nicht die geringste Ahnung habe! Jedenfalls kenne ich schon einmal die David-Lodge-Romane nicht und deshalb auch nicht Morris Zapp als Romanfigur. In der „Sprachfunktion“ hat er nur einen kurzen Auftritt mit seiner Rede beim Kongress, gibt jedoch Simon Herzog eine Menge zu denken über sich selbst.
      Viele Grüße, Claudia

      • Dies spricht für den Roman von Laurent Binet. Mal sehen, wann ich ihn zu lesen bekomme – bin jedenfalls gespannt auf die Beschreibung der semiotischen und poststrukturalistischen Szene.
        Im Sinne von Umberto Ecos „offenem Kunstwerk“ gibt es wohl unendliche Bezüge, Assoziationen und damit Beiträge der Leser*innen und Betrachter*innen.
        Schöne Grüße

  4. Der Roman ist bei mir längst fällig, ich lese gerade „Der lange Sommer der Theorie“ von Philipp Felsch über den Merve Verlag und die Rolle der Poststrukturalisten für die Intellektuellen in Deutschland. Da wäre Binet die perfekte Anschlusslektüre, zumal ich seinen Erstling „HHhH“ großartig fand. Danke jedenfalls für Deine Besprechung!

    • Lieber Tobias,
      da scheinst du ja noch viel mehr zu wissen über diese Denktradition. Und wirst bei der Lektüre bestimmt eine Menge Referenzen finden. Und ich freue mich schon darauf, darüber in einer Buchbesprechung von dir zu lesen.. :-).
      Viele Grüße, Claudia

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