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Eva Menasse: Quasikristalle

Menasse_Quasikristalle_1Xane verbringt die letzten Tage der Sommerferien bei ihrer Freundin Judith. Die beiden 14-jährigen liegen Musik hörend und träumend im Garten, tratschen über Lehrer und Mitschülerinnen, essen abends zusammen mit Judiths Vater, probieren ihre ersten Drogen. Xane möchte gerne die Schule wechseln, statt Altgriechisch will sie lieber Französisch lernen. Ihre Eltern haben nichts gegen einen Schulwechsel, die Freundin ist auch schnell überredet und um Judiths Eltern zu überzeugen, organisiert Xane einen Anruf ihrer Mutter. Die dritte Freundin, Claudia, werden sie in der alten Schule zurücklassen, sie ist sowieso eher das fünfte Rad am Wagen, denn Claudia ist die merkwürdige Freundin mit den Vollkornkeksen und der selbst getöpferten Teekanne, die Blumen aus Seidenpapier bastelt und den Sommer bei ihren Großeltern auf dem Land verbringt. Das alles gibt Judith und Xane viele Anlässe zum Lästern, in der Schule aber verteidigen sie Claudia gegen jede dumme Bemerkung, als wäre sie gegen sie selbst gerichtet. Claudia stirbt noch vor Beginn der Schule plötzlich und so gerät der erste Schultag nicht nur zum Beginn einer neuen Zeit für Judith und Xane, sondern auch zum Abschied von der Freundin. Judith erinnert mit Blick auf den Sarg, dass Claudia sich in der Dunkelheit gefürchtet hat und dass sie Platzangst hatte. Sie erinnert auch die Lieblingsfarbe Claudias und ihre Wünsche für die Zukunft, nämlich als Biologin in einem Nationalpark zu arbeiten.

Der Roman „Quasikristalle“ erzählt die Lebensgeschichte Xane Molins, ihre Jugend in den Sommertagen mit Judith, ihre Auseinandersetzung mit dem Holocaust bei Besuchen in Auschwitz und Birkenau in ihrer Studienzeit, ihre ersten beruflichen Schritte, den Umzug von Wien nach Berlin, die Hochzeit mit dem Professor Moritz Braun und ihre Versuche, endlich ein Kind zu bekommen, den ständigen Streit mit der pubertären Stieftochter Viola, den Fast-Seitensprung und den Seitensprung, die Turbulenzen in ihrer Werbeagentur, als ihr wichtigster Mitarbeiter weggeht, und dann auch Moritz´ Tod und ihren Neuanfang, wieder in Wien. Es ist die vielleicht typische Geschichte einer Frau, die in den 1960er oder 1970er Jahren geboren wurde und somit zu der Generation von Frauen gehört, die ihr Leben tatsächlich nach eigenen Entscheidungen leben und gestalten können, die alle Möglichkeiten der Bildung haben, sich beruflich entwickeln und dabei natürlich auch eine Familie und Freunde haben. Und wie mit 14 Jahren, in den Sommerferien vor Claudias Tod, geht es immer auch um das Ausloten der Themen Selbstbestimmung, Freundschaft und Liebe, es geht oft um Verrat und um den Tod.

Eva Manesse hat den Roman so komponiert, dass Xanes Leben aus der Perspektive von vielen verschiedenen Menschen erzählt wird, zum einen solcher, die ihr nahestehen, das sind die Freundinnen, der Vater, die Stieftochter, der Sohn. Es finden sich zusätzlich aber auch die Stimmen solcher Menschen, deren Leben sie nur ganz kurz streift, so hören wir ihren Vermieter, eine Ärztin, einen Mitarbeiter, den sie entlässt, eine Beobachterin vom Balkon; nur ein einziges Mal kommt Xane selber zu Wort.

Eine Stärke des Roman ist dabei sicherlich, dass jede der Figuren ihre ganz eigene Stimme bekommen hat, ihre jeweils eigene Art zu sprechen, zu erzählen, zu reflektieren. Diese Roman-Konzeption ermöglicht es auch, über die einzelnen Figuren und ihre Biografien weitere Themen mit in den Roman zu bringen: die Doppelmoral des österreichischen Spießers, der seinen Garten pflegt, seine künstlerisch gestaltete Jesusfigur in Ehren hält, auf dem Speicher ein Rudel Frettchen beherbergt, dessen Anführer auf den Namen Adolf hört und der in der Nazi-Zeit Juden denunziert hat; den zynischen Blick der Reproduktionsärztin auf ihre Patientinnen, deren Psyche sie analysiert wie den technischen Vorgang der künstlichen Befruchtung selbst; die pubertären Verwirrungen der Stieftochter Viola, die im Clinch liegt mit Xane und sich durch waghalsige Mutproben den Respekt der Clique verschaffen möchte; oder den alten Vater Xanes, der so kluge und selbstkritische Betrachtungen seines Verhaltens bei dem alten, sterbenden Freund Eli anstellt, weil er mit Eli aus Pietät eben nicht über dessen Sterben spricht, sondern sich mit ihm, ganz aufmunternd, für die kommende Woche verabredet.

Aber er wusste es besser. Er würde Elis Blick nicht vergessen, als er ihn das letzte Mal besucht hatte. Eli war noch bei sich, konnte aber wegen des Schlauchs nicht mehr sprechen. Er, Kurt, saß an seinem Bett, betrübt, unbehaglich, und erzählte ihm irgendetwas, ao als wäre alles normal. Doch bald gingen ihm die Worte aus, und er verabschiedete sich. Bis nächsten Dienstag, sagte er. Denn was sollte man sonst sagen? Schön, dass du mein Freund warst, ich fürchte, diesmal sehen wir uns nicht wieder? Das konnte man nicht sagen. Wenn man wirklich davon überzeugt wäre, müsste man eigentlich sitzen bleiben, so lange, bis der andere gegangen wäre. Man lässt keinen Sterbenden allein! (S. 332)

Bei manchen Figuren kommen Xane und ihr Leben nur am Rande vor. Und so lassen sich die einzelnen Kapitel auch als eigenständige Erzählungen lesen, denn oft steht die erzählende Person viel mehr im Vordergrund als Xane, die nur ganz am Rand auftaucht und so nur den ganz lose liegenden roten Faden gibt.
Und das ist dann auch ein Problem der Komposition. Als Intention des Romans ist im Klappentext vermerkt, dass hier, den „Quasikristallen“ ähnlich, die scheinbar ungeordnete Struktur eines Lebens gezeigt werden soll, die sich nur aus der Ferne betrachtet zu einem Ganzen fügt. In diesem Sinne bleibt das Leben Xanes tatsächlich oberflächlich, ähnlich den biografischen Daten im Lebenslauf einer Bewerbung, es können kaum innere Konflikte und Probleme ausgelotet werden, ein bisschen wenig, wenn sie doch Mittelpunkt des Romans stehen soll.

Und auch die Idee, dass sich durch diese Art des Erzählens ein disparater Blick auf die Hauptfigur ergibt, dass Xane, in verschiedene Rollen aufgesplittert, auch verschiedene Charaktermerkmale zeigt, und erst durch die Gesamtschau ein komplexes Bild ergibt, geht so kaum auf.
Oberflächlich betrachtet ergeben alle Kapitel ein ziemlich kohärentes Bild von Xane. Wie sich in ihrer Jugend schon zeigte, ist sie selbstbestimmt und zielstrebig, ehrgeizig und mutig, vielleicht etwas mehr als die anderen. Sie pflegt Freundschaften, sie sehnt sich nach der großen Liebe – und findet sie. Sie ist temperamentvoll, und dadurch schießt sie auch mal über das Ziel hinaus und nervt ihre Mitmenschen.
Und die unterschiedlichen Betrachtungsweisen Xanes, sind wenig verwunderlich. Natürlich wirkt sie auf einen Mitarbeiter, den sie gerade gefeuert hat, anders als auf eine pubertierende Tochter und wieder anders auf die Freundinnen, die sie vor Jahren, als sie nach Berlin gezogen ist, in Wien quasi zurückgelassen hat. Die wüten irgendwann gegen sie, gerade dann, als sie deren Hilfe wirklich brauchen könnte. Ihr lange aufgestauter Neid lässt sie von Xane als „geborene Drama-Queen“ sprechen, die alles, was ihr passiert ganz furchtbar wichtig nehme, dabei aber sie, ihre besten und ältesten Freundinnen, „vernachlässige“ – und dabei vergessen die dann mal schnell der Einfachheit halber, dass sie Xane in der Vergangenheit auch immer mal wieder mit ihren ganz persönlichen Problemen belästigt haben. So kann aus den vielen Stimmen nur etwas über die Befindlichkeit der jeweiligen Person, deren Sicht auf die Welt, deren Wert- und Normsystem herausgefunden werden, über Xane können wir so nur sehr gefilterte Informationen bekommen.

Und diese Deutungen über Xane werden natürlich umso spekulativer, je weiter entfernt ihr ein Mensch steht. Ganz blass bleiben so die Kapitel, in denen Personen mehr über sich selbst, ihre Arbeit oder ihre Gefühle nachdenken und Xane, fast hat man den Eindruck, nur auftritt, um das Konzept zu wahren. In diesem Kapiteln scheint es eher um die Abhandlung moderner Themen zu gehen, der Reproduktionsmedizin, den Umgang mit den alten Menschen in Pflegeheimen und Familien, die Bewahrung der Gräuel des Holocausts.
Der Roman ist wirklich gut erzählt, die einzelnen Erzählungen sind stimmig. Aber die Konzeption geht nicht ganz auf, vielleicht weil der Roman zu viel will und zu viele Themen hat, vielleicht weil das besondere Erzählkonzept so nicht funktioniert. Vielleicht hätte es auch einfach geholfen, wenn den vielen Stimmen öfter die von Xane gegenübergestellt worden wäre, sodass sich die Meinungen und Betrachtungen hätten spiegeln können.
Denn Xane hat einen klaren Blick auf ihr Leben und ihre Situation. Sie erzählt, als sie um die 40 Jahre ist, sozusagen in der Mitte ihres Lebens, zur Midlife-Crises, und reflektiert Vergangenheit und Gegenwart.

Es geht uns gut. Die Lebensmitte ist sicher und berechenbar wie eine ungestaffelte Warmmiete. Befristet ist sie, klar, aber für wie lange? Da kann man nur hoffen. Meine Eltern und Mors Mutter sind noch am Leben, auch wenn ihnen das brutale Alter schon ein paar unbedeutende Fähigkeiten weggeschossen hat. Gepflegt werden muss keiner, dafür haben wir ohnehin erst zeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind.
Und trotzdem genügt das alles manchmal nicht. Trotzdem wird jedes Paradies irgendwann zum Käfig. Das liegt dem Menschen im Blut. Irgendein Zweifel fällt ein, ein Schatten, es gibt eine minimale Verschiebung des Lichts. Und dann werden wir krank und unvernünftig, wir wollen uns häuten. (S. 240)

Ihren Reflexionen hätten wir gerne häufiger zugehört.

Nachtrag:  Vielleicht entstammt das leichte Unbehagen beim Lesen den – falschen – Erwartungen, die Titel und Klappentext erwecken. Wenn nämlich, ähnlich wie in Menasses „Lässliche Todsünden“, weniger eine Hauptfigur als vielmehr die Facetten des Menschseins, also Freundschaft, Verrat und Tod, die Themen des Romans sind, und diese Themen spielen in allen dreizehn Kapiteln eine Rolle, dann wird der Roman „rund“.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es hier.

Eva Menasse (2013): Quasikristalle, Köln

14 Kommentare

  1. Mir ging es ganz ähnlich wie dir, gern hätte ich mehr von Xane selbst gelesen, nur in jenem Kapitel kam sie mir wirklich näher und blieb nicht nur eine Facette.
    Liebe Grüße
    Petra

  2. Ich habe das Buch noch ungelesen hier liegen, werde aber bald mal reinschauen und bin schon gespannt, ob es mir dann ähnlich wie euch beiden gehen wird, Petra und Claudia. 🙂

    • Liebe Mara,
      ich bin schon ganz gespannt, wie Dir die „Quasikristalle“ gefallen werden und was Du darüber schreibst. Und, ob Du Dich unserer Resolution anschließt. Je mehr der Roman bei mir „nachsackt“, umso besser finde ich ihn eigentlich, wahrscheinlich verblassen meine falschen Erwartungen immer mehr.
      Viele Grüße und viel Spaß mit der Lektüre
      Claudia

  3. Hm, ich war bereits bei „Lässliche Todsünden“ etwas enttäuscht von dem Romankonzept. Stil und Inhalt haben mir gut gefallen. Die Geschichten erschienen mir allerdings nur unzureichend miteinander verknüpft, weshalb ich das Buch eher als Erzählungsband bezeichnet hätte. Aber die verkaufen sich, so hört man, schlechter als Romane.
    Mal sehen, ob „Quasikristalle“ von mir gelesen werden wird.

    • Ja, das Verkaufsargument. Es schlich mir auch immer durch den Kopf beim Lesen des Romans – vor allem auch mit Blick auf Titel und Klappentext.
      Die einzelnen Geschichten sind wirklich gut erzählt, manche Figuren sind eben unsympathischer als andere, aber so ist das eben im wahren Leben ja auch. Aber es ist nicht wirklich ein Roman, bei dem sich eine Lebensgeschichte „aus der Ferne als Ganzes erkennen“ lässt (Klappentext). Und manche Kapitel sind richtig, richtig gut, so eben, wenn Xane selbst erzählt oder auch ihr Vater. Vielleicht versuchst Du den „Roman“ ja doch ganz vorsichtig zu lesen, und nicht mit so ganz hohen Erwartungen.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Immerhin steht er auf Platz 1 der SWR-Bestenliste, da werden einfach Erwartungen geweckt. Interessanterweise fanden die Kritiker der gesendeten Bestenrunde ähnliche Einwände wie Du.

    Das ist aber nicht der Grund meiner Unsicherheit, sondern alleine die Zeit.

    • Ja, stimmt, Platz 1 schafft tatsächlich eine hohe Erwartungshaltung.
      Ja, Platz 1 weckt hohe Erwartungen! Die SWR Besprechungen kenne ich zwar nicht, aber bei einer anderen Recherche habe ich zufällig auch die Rezension der „Quaiskristalle“ auf der Seite des Freitag gefunden (http://www.freitag.de/autoren/christine-kaeppeler/das-reden-der-anderen). Die Autorin kommt auch zu dem Ergebnis, dass das Erzählkonzept nicht aufgeht: „Ihre Erzähler sind Lebensabschnitsserzähler, deren Geschichten sich kaum berühren“. Und so ginge es in dem Roman eher so zu wie auf einer Party, bei der man den ersten Gesprächspartnern noch zuhört, dann aber mehr und mehr ermüde. Das ist auch ein schönes Bild der Geschichte.

  5. Pingback: Quasikristalle | Philea's Blog

  6. Das hab ich auf dem Lesestapel liegen und bin schon ganz gespannt auf das Konzept – eine Figur durch die Augen vieler anderer dazustellen. Schön, hier schon mal davon zu lesen! Viele Grüße Greta

    • Dann wünsche ich Dir ganz viel Spaß beim Lesen und hoffe, dass Deine Erwartungen auch mindestens getroffen werden.
      Viele Grüße, Claudia

    • Liebe Michaela,
      dann wünsche ich Dir ganz viel Vergnügen bei Deiner Lektüre. Mittlerweile hat Eva Menasse ja auch den ein oder anderen Literaturpreis für ihren Roman bekommen. Meine Eindrücke ind ja ein wenig gespalten gewesen und so bin ich gespannt, wie er Dir gefällt.
      Viele Grüße, Claudia

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