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Connie Palmen: Logbuch eines unbarmherzigen Jahres

Palmen_1Sieben Wochen nach dem Tod ihres Mannes beginnt Connie Palmen mit ihrem „Logbuch“, sie will in dem Jahr nach dem Tod Hans van Mierlos „Notizen über Liebe und Tod“ machen:

Ich tue es, weil ich weiß, dass man dies vergisst, diesen Horror der ersten Monate, des ersten Jahres, man vergisst es, wie man Zahnschmerzen vergisst – oder Wehenschmerzen, wie man erzählt. Man weiß noch, dass es schlimm war, schrecklich, der schlimmste Schmerz, den man je hatte, aber fühlen kann man es nicht mehr.
Vergessen dient einem Zweck: Niemand würde je wieder ein Kind bekommen oder einen anderen lieben wollen, wenn er noch genau wüsste, wie weh es getan hat, das Liebste zu bekommen, und weh es getan hat, es eines Tages verlieren zu müssen. (S.14)

Viele Menschen neigen dazu, den Gedanken an den Tod, unseren eigenen und den unserer Angehörigen und Freunde, zu vergessen oder zu verdrängen, weil er zu entsetzlich scheint. „Der Tod“, so der Philosoph Wilhelm Schmid (1), „ist das Ende der Zeit für den, der stirbt, und, zumindest für einen Augenblick, der Stillstand der Zeit für diejenigen, die die Zeugen des Todes sind – fortan bezeugen sie den tiefen Einschnitt und die daran erinnernde Narbe mit der Unterscheidung eines Davor und Danach.“

Connie Palmen hat in ihrem Logbuch die Rolle der Zeugin übernommen, sie schreibt an gegen das Vergessen, des Schmerzes über den Tod, aber auch der Erinnerungen an das gemeinsame Leben. Und ihr Schreiben soll ihr auch dazu dienen, den eigenen Kummer zu vermessen, indem sie das „Log in den Strom des Kummers senkt, dessen Geschwindigkeit (…) [misst], dessen Tiefe (…) [peilt]“ (S. 15).

Der Beginn ihrer Aufzeichnungen ist gekennzeichnet durch die Beschreibung der unterschiedlichen Facetten ihres Kummers: der Angst in der Nacht, dem Verkriechen im Bett am Tage, dem Alkohol, dem sie mit dem Ziel, ihren Schmerz und ihren Verlust zu dämpfen, viel zu viel zuspricht, der intensiven Suche nach seinen Tagebüchern, um seine Gedanken zu lesen, vielleicht dadurch seine Stimme zu hören. Sie erzählt vom ersten Sommer in Frankreich ohne ihren Mann. Und sie reflektiert ihre Trauer aus verschiedenen Perspektiven, über die Bedeutung von Worten, „falling apart“ zum Beispiel oder „degeneriert“, aber auch durch das Nachdenken über das Wesen der Liebe. Sie beginnt Bücher zu lesen, die sich mit Tod und Trauer beschäftigen, um Trost in den Beschreibungen und Erklärungen anderer Betroffener zu finden, Bücher von Roland Barthes, von Joan Dideon, Joyce Carol Oates, Simone de Beauvoir. Immer wieder begegnet ihr der Tod, es sterben in diesem ersten Jahr viele Freunde und Bekannte, die Schwester von Hans und später auch dessen Tochter.
Sehr langsam, sehr bedächtig nähert sie sich dem Erinnern von besonderen Erlebnissen mit Hans, sie erinnert das Kennenlernen, die Hochzeit, Geburtstagsfeiern, sein Vorbeifahren an ihrer Arbeitswohnung und sein Winken zu ihrem Fenster. Es sind die Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben. Als sich der Jahrestag der Einweisung ins Krankenhaus jährt, beginnt sie, die Ereignisse der letzten Wochen vor seinem Tod zu berichten. Sie beschreibt eindringlich den Kampf ums Leben, aber auch das Loslassen und das Sterben.

Als Schriftstellerin beleuchtet Connie Palmen aber auch ihren Prozess des Schreibens kritisch, vielleicht geht sie hier auch schon auf die zu erwartende Kritik („offenherzig und schamlos“ (S. 220)) an ihrem Buch ein, denn gerade bei einem Logbuch, einem Tagebuch, steht ja auch die Frage von Wahrheit und Fiktion im Raum: wie viel „verrät“ sie in bei ihren Aufzeichnungen über sehr persönliche, intime, Dinge Hans van Mierlos und anderer Personen aus ihrem Umfeld. Dieses Thema bespricht sie immer wieder mit Freunden und vor allem auch mit den besorgten Kindern van Mierlos:

Das Trügerische am narrativen Versprechen von Tagebüchern, Logbüchern, Memoiren und Autobiographien ist, dass man meint, sie seien ehrlich, sie erzählten die Wahrheit. Ich weiß jetzt, wie es geht. Ich weiß, dass man mehr nicht aufschreibt. Ich weiß, dass man sich dreht und windet, dass man vieles verschweigt, um sich selbst und andere zu schonen, aber auch, dass das Gedächtnis selbst einen schon trügt. Es ist ein unzuverlässiger Gewährsmann. (…) Die Notwendigkeit des Schreibens ist keine literarische, sondern eine existenzielle. Das Buch nicht zu schreiben würde bedeuten, dass man mit dem Schreiben und mit dem Schriftstellerdasein aufhört. Es stünde jedem Buch im Weg, das man noch zu schreiben vorhat, es stünde dem Leben im Weg. Aber mit dem Erzählen der Wahrheit hat es herzlich wenig zu tun. (S. 171/172)

Sicher ist unstrittig, dass Connie Palmen ein mehr als unbarmherziges Jahr erlebt hat, aber so, wie sie ihre eigenen Erlebnisse und Gefühle als Ausgangspunkt ihrer Notizen nimmt, kommt weniger der Voyeur auf seine Kosten, als viel mehr der Leser, der hier einen Lebensentwurf betrachten kann, der die Kunst des Lebens und die Kunst des Sterbens aufzeigt. Die Kunst des Lebens wird exemplarisch deutlich an den Erinnerungen an die gemeinsamen Feiern und die Reden, die dort gehalten werden, und den kleinen Gesten im Zusammenleben. Es zeigt vor allem aber auch auf, dass trotz der Verzweiflung und der Trauer, auch dem Sterbeprozess in verschiedener Weise eine Würde zukommen kann. Hierzu wieder Wilhelm Schmid (2):

Sorge lässt sich vielleicht noch tragen für die Bedingungen, die bei der Begegnung mit dem absolut Abgründigen, als das der Tod erscheint, bejahenswert und in diesem Sinne schön sein können. Denn wenn nichts mehr bleibt, wenn „nichts mehr zu machen ist“, bleibt immer noch die Lebenskunst: sich um sich zu sorgen und palliativ (von lateinisch pallium, Mantel) umsorgt zu werden von anderen, die Rahmenbedingungen zu gestalten oder sie gestaltet zu bekommen, die äußerlich (Gestaltung des Raumes, Einteilung der Zeit), der innerlichen Ruhe und Gelassenheit zuträglich sind; (…) aus diesem Grund vielleicht Verzicht zu leisten auf letzte Therapien und Eingriffe im Krankenhaus; und nicht zuletzt festzulegen, zu welchen Menschen welche Nähe und Distanz angemessen ist. Berührung ist das, was bleibt, wenn nicht mehr viel zu sagen ist (…).

Und Palmen zeigt, wie dieser philosophische Ansatz im Konkreten umgesetzt werden kann:

Wir wohnen schon seit neun Tagen im Krankenhaus, seit einer Woche Tag und Nacht. Ich bin nicht mehr draußen gewesen. Außer unserer Familie weiß so gut wie niemand, wo wir sind. Hans will nicht, dass irgendwer weiß, dass er im Krankenhaus liegt. Wenn tagsüber die Wahnvorstellungen verschwinden, reden wir über unser gemeinsames Leben – und über den Tod. Ich weine viel, und er hält mich fest. Wir sind ratlos glücklich, das sagen wir zueinander, ratlos glücklich über das, was wir hatten, und ratlos glücklich über die Zeit, die wir jetzt zusammenhaben. (…) (S. 215)
Wir reden mit unseren Augen und unseren Händen. Manchmal versucht er, am Tubus vorbei irgendwelche laute auszustoßen. Es gelingt mir immer besser, ihn zu verstehen. Gestern Abend machte er mir deutlich, dass er die Fotos von unserer Hochzeit anschauen möchte. Ich habe die beiden Alben geholt und sie auf den Nachttisch neben seinem Bett gelegt. Er zeigt darauf. Ich nehme sie, lasse das Bett herunter, rutsche so nah wie möglich an ihn heran und schlage die Seiten um. (S. 221)

So ist Palmens „Logbuch“ ein beeindruckendes Buch über den Umgang mit der Liebe und mit dem Tod und zeigt einen Weg, das „Jahr der Trauer“ zu beschreiten und sich ins Leben zurückzuschreiben.

Eine weitere ausführliche Rezension findet ihr hier.

Connie Palmen (2013): Logbuch eines unbarmherzigen Jahres, Zürich
(1) Wilhelm Schmid (2005): Schönes Leben. Einführung in die Lebenskunst, Frankfurt am Main, S. 62.
(2) Wilhelm Schmid (2004): Mit sich selbst befreundet sein, Frankfurt am Main, S. 424.

7 Kommentare

  1. Bei einem solchen Buch klicke ich nicht gern einfach auf den Like-Button. Doch deine Besprechung gefällt mir überaus gut und ich finde solche Bücher immer herausfordernd und wichtig. Sollte das Buch also morgen in der Buchhandlung liegen … Vor Jahren habe ich „To travel hopefully“ von Christopher Rush gelesen. Die Frau dieses Englischdozenten war an Krebs gestorben und sein Weg aus der allerärgsten Trauer war, einige Wochen als absoluter Reisehasser mit einem Esel durch die französischen Berge zu wandern, also der Mut, seinen ganz eigenen persönlichen Weg zu suchen und zu finden. Liebe Grüße Anna

    • Liebe Anna,
      auch wenn Tod und Trauer wirklich keine „netten“ Themen sind, gehören sie ja doch zum Leben dazu und so finde ich jedes Buch dazu gut – wenn es denn nicht zu rührselig wird. Und Connie Palmen bleibt da sehr distanziert. Klar schreibt sie über ihre Trauer und den großen Verlust, den sie erlitten hat, aber sie reflektiert dann auch weider schnell über das, was sie fühlt. Als ich mir das Buch für die Renzsion noch einmal genauer angeschaut und die oder andere Passage nachgelesen habe, ist mir das noch einmal besonders aufgefallen. Und überraschend fand ich wirklich die Parallelen zwischen dem philosophischen Text von Schmid und dem, was Palmen über die Krankenhaustage schreibt. Vielleicht „gefällt“ Dir das Buch ja auch so gut.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Ich danke für diese umfassende Rezension! Es ist ihr gelungen, mich tatsächlich für dieses Buch zu interessieren. Zuvor war es wohl irgendwie durch meinen Filter gerutscht. Ich bin bisher – glücklicherweise! – noch nicht oft mit dem Tod in Berührung gekommen. Und doch wäre es falsch zu sagen, er spiele in meinem Leben keine Rolle. Der Gedanke daran ist allgegenwärtig, mal spürbarer und mal weniger spürbar. Vielleicht greife ich ja doch noch zu Palmens Buch.

    • Mich hat vor einigen Jahren Connie Palmens „I.M. Ischa Meijer“ wie ein Blitz getroffen. Dort schreibt sie über ihre erste Beziehung, auch eine ganz große Liebe, die durch den plötzlichen Tod Meijers abrupt endete. In „I.M.“ wird aber mehr die Liebe und das Zusammensein thematisiert, vor allem ihre gemeinsamen Zeiten bei langen Reisen. Seitdem muss ich jedes Palmen-Buch lesen, das eine gefällt mir besser, das andere nicht so. Das „Logbuch“ fand ich nun wieder sehr gut, auch wenn hier Tod und Trauer mehr im Vordergrund stehen. Ich finde einfach sehr beeindruckend, wie die beiden Protagonisten mit Krankheiten, die gab es ja vorher auch schon, und dann auch dem Sterben umgehen. Es wäre wünschenswert, wenn ich das selber mal, wenn ich in die Situation komme, so gestalten könnte. Und es ist absolut kein larmoyantes oder gar kitschiges Buch.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia,

    ich gratuliere dir zu dieser wunderbaren und eindrucksvollen Besprechung, die mich sofort von diesem Buch überzeugt hat. Wie passend, dass ich für morgen einen Ausflug in die Buchhandlung geplant hatte – da muss dieses hier auf jeden Fall auch mit und ich bin schon sehr gespannt auf die Lektüre. Von der Beschreibung her erinnert es mich an Didions „Jahr des magischen Denkens“ oder auch „Meine Zeit der Trauer“ von Joyce Carol Oates, das ich auch auf meinem Blog besprochen habe. Beide Bücher haben mir ausgezeichnet gefallen, so glaube ich, dass mir auch dieses hier gefallen wird.

    Herzliche Grüße
    Mara

    • Liebe Mara,
      wenn Du bereits Dideon und Oates gelesen hast, wirst Du Connie Palmens Buch sicher auch mögen. Palmen berichtet in ihrem Buch auch darüber, beide Bücher zu lesen und zitiert auch daraus. Ich muss gestehen, dass ich mich um beide Bücher herumgemogelt habe, weil sie zu einer Zeit erschienen sind, als mir das Thema in der Familie zu nahe war und ich lieber über andere Themen gelesen habe. Nun, beim Lesen von Palmens Buch, das ich ganz selbstverständlich sofort und unbedingt kaufen musste (es war also wohl nun die richtige Zeit), habe ich mich schon gefragt, warum ich über die anderen beiden so geflissentlich hinweggeschaut habe. Aber es erklärt sich wohl wirklich mit der damaligen Zeit. So hoffe ich, dass Du bei Deinem Buchladenausflug fündig wirst und Dir das Buch auch so gut gefällt.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Pingback: Ausgelesen/Logbuch eines unbarmherzigen Jahres/Gedankengewusel « Familienbande

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