12 Kommentare

  1. Kann sein, dass da Diskussionsbedarf entsteht, liebe Claudia. Aber erstmal entsteht zumindest bei mir akuter Lese“bedarf“. Deine feine Rezension lässt einen vielschichtig-differenzierten, einfühlsam-unpathetischen und offenbar auch noch gut lesbaren Roman zu einem sehr aktuellen Thema erwarten. Weiß noch nicht, wann ich dazu komme, aber „Wald“ wandert auf die Leseliste, wo auch die thematisch verwandten „Glücklichen“ noch warten, die du ja ebenfalls wärmstens empfohlen hattest… 😉 Danke und liebe Grüße!

    • Vielen Dank für Deine lieben Worte, liebe Maren. Vielleicht liegt es daran, dass meine Leseeindrücke zu „Wald“ noch frischer sind als die zu den „Glücklichen“, aber ich denke, „Wald“ ist noch ein bisshen lesenswerter. Das ist aber ja auch immer ganz viel Geschmacksache. Und schön wäre ja, wenn es noch zu einer Diskussion kommt über die Themen, die ich identifiziert habe – oder ganz andere.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Als ich die Rezension gelesen habe, dachte ich, bis ich über „Euro“ gestolpert bin, dass ich es mit einem Text zu tun hätte, der nicht in der Gegenwart spielt, sondern vielleicht in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, vielleicht sogar noch früher. Und habe mich komischerweise nicht richtig von diesem (unzutreffenden) Eindruck lösen können. Für dich ist das offenbar „aufgegangen“ – oder hat es vielleicht bei deiner Lektüre gar keine Rolle gespielt? Herzliche Grüße!

    • Liebe Jutta,
      Marian ist ja aus ihrem Leben im Wien der Jetztzeit im wahrsten Sinne des Wortes geflüchtet, ja untergetaucht. In das Haus ihrer Großtante auf dem Land, das Marian geerbt hat. Nach ihrer Insolvenz und ihrer Arbeitslosigkeit ist sie ja zahlreichen Ämtern bekannt. Denen hat sie aber nichts über ihren neuen Aufenthaltsort erzählt und lebt insofern einigermaßen unsichtbar im Dorf. Sie hat kein Geld und ist auf sich selbst gestellt. So arbeitet sie in ihrem Garten für ihr Überleben im nächsten Winter. Saatgut bekommt sie, indem sie es auf den Äckern und in den anderen Gärten klaut. Und eine Hühnchen, das sich in ihrem Garten verirrt, das nimmt sie auch gleich als Geschenk…
      Nun kann man sich fragen, ob Doris Knechts Konzept des völlig auf sich selbst gestellten Lebens auf dem Land in unserer Zeit tatsächlich funktionieren kann. Ich finde den Gedanken zwar recht fremd, doch ist er im Roman und für die Person Marians plausibel. Das „alte“ Leben in der Stadt und das „neue“ Leben auf dem Land sind durch diese Konzeption sehr gegensätzlich, zeigen aber auch Marians Entwicklung. Dabei ist es wohl (fast) unerheblich, ob die Geschichte jetzt spielt oder vielleicht auch in den 1930er, 1960er oder 1970er Jahren gespielt hätte, Technik spielt keine große Rolle, eher schon die Frage nach einem selbstbestimmten Leben der Protagonistin.Und Marinas gesellschaftkritische Anmerkumngen sind schon sehr auf den (heutigen) Punkt formuliert.
      Marians Leben jedenfalls ist sehr zurückgeworfen auf die Frage des Überlebens, deshalb hast Du wohl den Eindruck, einen Text zu lesen, der in der Vergangenheit spielt: sie backt ihr Brot selbst, bestellt ihren Garten und sorgt so den ganzen Sommer über für den Winter vor, teilt sich genau ihre Lebensmittel ein und verschwendet nicht einmal eine Plastiktüte, wer weiß, wofür sie sie noch einmal gebrauchen kann. In Wien, zur Zeit, als sie eine angesagte Modesdesignerin war, hat sie natürlich ganz anders gelebt, der Kaffee mit der laktosefreien Milch ist dafür ja ein Beispiel. Und so kam ich eben auch – neben der vielen Anspielungen auf Aspekte des christlichen Lebens – auch auf die Idee, ob Marian hier nicht auch Buße tut, tun muss, Buße wegen ihres Lebens in Saus uns Braus, im Überfluss.
      Ich hoffe, ich konnte ein wenig Aufhellung bringen…
      Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia,

    ich glaube tatsächlich, dass das in Wald verhandelte Thema immer noch und immer wieder aktuell ist. Also – so habe ich Deine Besprechung verstanden – die Möglichkeit, dass man jederzeit aus seinem Leben durch Umstände komplett herausfallen und sich neu finden und erfinden muss. Sein bsiheriges Leben und Denken, seine Ansprüche und Selbstverständlichkeiten komplett in Frage stellen muss (Wobei ich ja glaube, dass sollte man sowieso ständig tun, das ist manchmal sehr hilfreich).

    Ich glaube auch, dass das grade heutzutage ein ganz aktuelle Sache ist, wenn ich da z.B. auf Griechenland schaue und die Menschen, die seit mehr als 5 Jahren im permanenten Abwärts sich befinden. Aber ich muss zugeben, das ‚Ambiente‘ des Buches, das Setting der Geschichte, oder wie auch immer man es nennen mag, finde ich inzwischen recht enervierend. Nein, das betrifft eben einfach nicht nur diese Schnellreichen Blasenopfer und ihre anscheinend völlig abgehobene Welt, in die sie sich mit ihrer kurz, schnell und dreckig verdienten Kohle reinkatapultiert haben und die sie nun ebenso schnell wieder verlassen müssen. Das betrifft eben auch ’normale‘ Menschen mit ’normalen‘ Haus- oder anderen Krediten, die nicht mehr gezahlt werden können. Das würde mich mehr interessieren. Die Fallhöhe erscheint da vielleicht weniger spektakulär, aber ich fürchte, das täuscht. Sie ist es nicht.

    Also langer Rede kurzer Sinn, das Thema ist interessant, das Buch mag auch gut geschrieben und lesbar sein, aber mich nervt ehrlich gesagt dieses ‚Ambiente‘. Es hat für mich einfach so etwas fies larmoyantes.

    In diesem Falle ist also Deine genaue Besprechung für mich der deutlich bessere Part, das Buch werde ich wohl eher weglassen…

    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      ich bin ja genau auch wegen dews Wortes „Finanzkrise“ im Klappentext von diesem Buch angezogen worden. Und ja, da ist eine Protagonistin, die durch die Finanzkrise – aber auch durch eigene Uneinsichtigkeit, vor allem auch durch die dumme Liebe zu Bruno – in ein finanzielles Desaster geraten ist. Sie ist aber keine, die ihr Geld bei Börsenspekulationen gewonnen und verloren hat, sondern sie hat sich wirklich hart und Schritt für Schritt als Modedesignerin hochgearbeitet und einen Namen erarbeitet. Dann spielt sie natürlich schon mit beim Spiel der Gut-Betuchten, macht diesen ganzen Schicki-Micki-Kram mit, lebt diesen überflüssigen Lebensstil (und wahrscheinlich ist sie auch keine wirklich sympahische Marian zu dieser Zeit). Sie verliert alles, weil sie eben gerade vor der Finanzkrise groß investiert hat, die Menschen nun aber keine sündteuren Klamotten mehr kaufen. Das ist ganz einfach Pech, hätte es die Finanzkrise nicht gegeben, an der sie ja keinen Aneil hat, wäre ihre Investition vielleicht gut gegangen.
      Ich denke, dass Doris Knecht zum einen diesen großen Gegensatz zeigen wollte zwischen reich und arm, zum anderen aber auch eine Selbstständige brauchte, die durch die wirtschaftlichen Wirrnisse so richtig abstürzt und nun in der ewigen Kreditfalle steckt – sonst hätte es ja keinen Anlass gegeben, im Wald unterzutauchen und dieses einsame und karge Leben zu leben.
      Diese Marian ist damit komplett auf sich selbst gestellt – oder hat ordentlich dafür gesorgt, dass es nun so ist. Und so ist eigentlich ihr Charakter viel interessanter als die Situation, wie es zu diesem Abstieg gekommen ist. Ihre Reflexionen sind spannend, die Art, wie der Roman konzipiert ist, nämlich die Beschränkung auf einen Tag, die Sprache des Romans trägt. Und: diese Marian ist überhaupt nicht larmoyant (ich weiß, Du hast das Ambiente so bezeichnet!), sie erkennt den eigenen Anteil genau, und nicht nur ihre Schuld bei ihrem eigenen Finanzcrash, sondern zahlreiche andere Verantwortungslosigkeiten in ihrem früheren Leben auch (das scheint ein Aspekt ihrer Entwicklung zu sein, der Finazcrash ist also nur der Anlass für ein Einhalten, ein Überlegen, ein Neu-Bewerten). (Und da ich das gerade so schreibe, scheint sich ja die Waagschale doch zur „Buße“ dzu neigen).
      Ich hoffe, ich konnte Deinen Leseeindruck ein wenig relativieren, auch, wenn Du trotzdem das Buch links (oder im Wald) liegen lässt. Obwohl: Wir könnten ja auch noch über ihre merkwürdigen Beziehungen zu Männern diskuieren, die kommen mir schon sehr fremd vor… 😉
      Viele Grüße, Claudia

  4. Gab es nicht kürzlich einen allgemeinen Konsens, dass eine lebhafte Diskussion nur möglich ist, wenn alle den betreffenden Text gelesen haben? Ich finde, wir bekommen das auch so ganz gut hin … Lustigerweise hat mir weniger das autarke Landleben den Eindruck einer anderen Epoche vermittelt, als die „Hur“ (den Edding habe ich blöderweise überlesen), der „verheiratete Großgrundbesitzer“, das „Jagen und Wildern“ und die dadurch möglich werdende sexuelle Nötigung. Ich bin ein bisschen skeptisch, aber das kommt mir selbst vorschnell vor und ich werde mich nach dem Text mal umschauen … Herzliche Grüße!

    • Ich denke ja auch, dass man so wie wir es tun,Kai sei und seinen kritischen Anmerkungen hier ausdrücklich einbezogen, auch mit einer Diskussioin klappen kann. Der Besprechungstext ist dann die Refenrenz, auf die sich die Debattierenden beziehen können, einerseits, andererseits liegen aber auch immer Fragen zum Roman „auf der Hand“, die vertieft werden können. Ich finde nun Deine Sammlung von Worten aus dem 19. Jahrhundert so spannend. Wie ein einziges Wort (und ich wollte es unbedingt als erstes Wort meines Besprechungstextes haben!) und seine landsmannschaftliche Gesaltung einen Filter auf einen Text legen kann, der immer wieder neue Signalwörter anzeigt. Ich habe – natürlich- gemerkt, dass ich beim Beantowrten Eurer beiden Kommentare noch einmal ganz anders einsteige in den Roman und sich dabei tatsächlich auch für mich noch einmal neue Aspekte ergeben. Auch das ist ganz, ganz prima! –
      Vielleicht, vielleicht wird Dir der „Wald“ ja doch noch „über den Weg laufen“ und dann legen wir so richtig los mit der Diskussion!
      Viele Grüße, Claudia

      • Dann legen wir auf jeden Fall so richtig los – ich freue mich schon darauf und möchte aber auch nicht leugnen, dass mir auch dieses Spekulieren und ein wenig ins Blaue hinein Formulieren Freude bereitet – zumal es ja das ist, was wir ständig tun, wenn wir über Texte lesen und aus Gründen, die uns gar nicht immer transparent werden, uns für oder gegen eine Lektüre entscheiden … Viele Grüße aus einem gerade sehr sonnigen Bremen!

      • Mir macht das Antworten auf Deine „ins Blaue hinein“ Formulierte aber auch viel Spaß. Weil Du gar nicht so sehr ins Blaue hinein formulierst und fragst, sondern zumindest meinen Text doch gelesen und Dich mit seinen Leerstellen auseinandergesetzt hast. Vielleicht könnten wir als Voraussetzung für die Diskussion über Bücher – egal, ob selbst schon gelesen oder nicht, egal auch, ob das Gespräch in der Blogwelt oder der realen Welt stattfindet! – also nennen, dass doch wenigstens der Blog-Artikel gelesen sein sollte. Das mag, meiner Ansicht nach, häufig der Fall dafür sein, dass kein Gespräch aufkommt. Und es ist ja auch manchmal wirklich zeitaufwendig, die vielen Artikel zu lesen und sich auch noch so damit auseinanderzusetzen. Wenn wir aber mehr Diskussion uf den Blogs haqben wollen, sollten wir auch wenigstens einige Artikel wirklich und intensiv lesen.
        Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia, das scheint mir ein sinnvoller Vorschlag zu sein 😉 Und während ich darüber schmunzeln musste, habe ich mich gefragt, warum uns der Austausch offenbar relativ mühelos gelingt und ich halte gerade für möglich, dass es damit zu tun hat, dass du mir neben der speziellen Geschichte, die der Text erzählt, auch mitteilst, in welchen „allgemeineren“ Fragen er „aufgeht“. Zu welchen Themen (Diskursen) er Berührungspunkte bietet. Das könnte mindestens so wichtig sein, wie die aufmerksame Lektüre …
        Herzliche Grüße!

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