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Martin Suter: Montecristo

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Vielleicht erinnert sich noch einer der Leser an Helmut Dietls „Kir Royal“ und an die Geschichte des Generaldirektors Haffenloher (gespielt von Mario Adorf), der nun nicht unbedingt mit der mafiös-brutalen, sondern mit der rheinländisch-freundschaftlichen Art versucht, den Klatschreporter Schimmerlos davon zu überzeugen, doch endlich eine Story über ihn zu veröffentlichen:

Ich scheiß dich sowas von zu mit meinem Geld, dass du keine ruhige Minute mehr hast. Ich schick dir jeden Tag Cash in einem Koffer. Das schickst du zurück. Einmal, zweimal, vielleicht ein drittes Mal. Aber ich schick dir jeden Tag mehr. Irgendwann kommt der Punkt, da bist so mürbe und so fertig und die Versuchung ist so groß und da nimmst es. Und dann hab ich dich, dann gehörst du mir. Dann bist du mein Knecht. Ich bin dir einfach über. Gegen meine Kohle hast du doch keine Chance. Ich will doch nur dein Freund sein – und jetzt sag Heini zu mir.

So ähnlich scheint es auch Jonas Brand zu gehen, nur dauert es sehr lange, bis er merkt, dass er mitten drin ist im Spiel um viel Geld und Bestechung. Jonas Brand, leider gar nicht so schnell von Begriff wie sein Initialien-Vetter James B., ist Video-Journalist für Boulevard-Magazine im Fernsehen. Der Job, so redet er sich erfolgreich ein, ist für ihn aber nur eine Tätigkeit zum Geldverdienen, im Prinzip ist das „unter seinem Niveau“, denn er sieht sich eigentlich als Filmregisseur. Im ersten Gespräch mit Marina, seiner zukünftigen Freundin, stellt er sich dann auch als „Filmschaffender vor. Und erzählt ihr die Geschichte für seinen Film, mit dessen Exposé er jedoch seit sechs Jahren niemanden aus der Filmbranche überzeugen konnte:

Die Geschichte funktioniert nach dem Prinzip des Grafen von Monte Christo, spielt aber heute. Ein junger Mann hat eine Dotcom-Firma gegründet, mit der er Millionen macht. Während seiner Ferien in Thailand wird ihm eine große Menge Heroin ins Gepäck geschmuggelt. Er wird erwischt und kommt als Dealer ins Gefängnis. Ihm droht die Todesstrafe oder lebenslänglich. Der Fall erregt Aufsehen in seiner Heimat, aber als seine drei Geschäftspartner, die sein Anwalt als Zeugen bestellt, ihn überraschend belasten, verliert die Öffentlichkeit das Interesse. Der Mann bekommt lebenslänglich und verschwindet in einem der berüchtigten Gefängnisse Thailands. Seine Geschäftspartner bekommen die Kontrolle über die Firma und verkaufen sie für ein Vermögen. (S. 15)

Martin Suter spielt in seinem Roman gleich auf mehrere Weisen mit dem mythischen Kern des „Grafen von Monte Christo“, mit der Geschichte um die ungerechtfertigte Einkerkerung und die spätere Rache. Die Geschichte Alexandre Dumas´ ist nicht nur der narrative Kern für die moderne Filmversion, die, ganz gegenwärtig, die Adaption in die Dotcom-Welt darstellt. Sie ist auch der Kern der Geschichte um Jonas Brand, zumindest steht auch er kurz davor, unschuldig in einem der berüchtigtsten Gefängnisse der Welt zu landen: wegen Drogenbesitzes in Thailand –so wie es auch seinem Film-Helden ergehen soll.

Dass es Jonas Brand überhaupt nach Thailand verschlägt, weil er eine Recherchereise in die berüchtigten Thailänder Gefängnisse unternehmen soll, hat damit zu tun, dass nun doch ein wichtiger und finanzkräftiger Filmfond, der sein Projekt bisher nicht besonders viel versprechend und unterstützungswürdig fand, sein Exposé urplötzlich und im Verfahren des Nachrückens, sozusagen auf den zweiten Blick, so überzeugend findet, dass Brand Geld für eine üppige Produktion zur Verfügung hat. Und nun soll es auch schnell gehen mit der Vorarbeiten zur Produktion, deshalb der kurzentschlossene Trip nach Thailand.

Max Gantmann, ein brillanter Wirtschaftsjournalist, ist für Jonas Brand der Helfer, wie Abbé Faria für Edmond Dantès. Und Gantmann scheint die ganze Sache von Anfang an zu durchschauen, warnt Brand davor, das Geld des Filmfonds anzunehmen, fragt immer wieder, warum es nun so eilig sei mit dem Film, und ahnt, dass es jemand ganz eilig habe, Brand von einer anderen Arbeit wegzulocken. Und tatsächlich ist Brand einer dubiosen Sache auf der Spur, die eine ganz besondere Brisanz hat: Er besitzt nämlich zwei Geldscheine mit identischer Nummer. Und nachdem er beide bei seiner Bank, der GCBS, auf Echtheit hat überprüfen lassen sowie bei einem Spezialisten für Geldscheine, wird in seine Wohnung eingebrochen und sein Filmarchiv wird durchsucht, er wird auf der Straße überfallen, die Polizei spielt seine Anzeigen herunter und einer der Geldscheine, die er in seiner Bank, der GCBS, im Tresor vermeintlich sicher hinterlegt hat, erweist sich nach ein paar Tagen als falsch. Dass dann auch noch Gantmann, der weit und breit einzige, der intelligent genug ist – oder lange genug mit den Machenschaften der Wirtschaft Kontakt hatte -, um das ganze Spiel zu durchschauen, auf ungeklärte Art in seiner Wohnung verbrennt (Abbé Faria lässt grüßen), ist fast schon absehbar. Außerdem ist da noch die Geschichte des Traders Contini, der sich so richtig verspekuliert hat und dann auf ungeklärte Ursache ums Leben kommt – übrigens auch als Erfüllungsgehilfe der bereits mehrfach involvierten Bank, der GCBS.

Martin Suters Variation des „Grafen von Monte Christo“ ist eine spannende Geschichte, deren Anfang sicherlich durch zu viele unglaubliche Zufälle angestoßen wird, wie Kritiker schon bemerkt haben, und die dann doch noch die eine und andere ungewöhnliche Wendung nimmt. Jonas Brand ist ein selten naiver Mensch, der in seine Geschichte hineinschlittert ohne zu ahnen, welche mächtigen Gegner er hat, und dem man ohne seinen Berater Gantmann kaum Überlebenschancen zutraut. Und als er dann endlich alle seine journalistischen Tricks zusammen nimmt und zum befreienden Gegenschlag ausholt, merkt er erst, welcher großen Verschwörung er sich gegenübersieht. Nur so viel: Von Dietls Haffenloher haben die Intriganten sehr gut gelernt.

„Montecristo“ ist eine gut unterhaltende Geschichte – aber keine, die länger hängen bleibt. Die Zufälle, Brands Naivität, die Unausweichlichkeit, mit der die Verschwörer gewinnen – hier eine deutliche Veränderung zu Dumas´ Geschichte -, das ist alles zu viel, als dass den Leser das gesellschaftskritische Problem des Romans – dass nämlich die Finanzwelt immer noch und weitestgehend ungehindert von allen anderen Instanzen der Staaten ihr Spiel treiben kann, obwohl alle Beteiligten wissen, dass die Politik bei der nächsten Bankenpleite nicht mehr alternativlos und selbstlos eingreifen wird – aufrüttelt. Allein das Spiel mit der alten Geschichte um den Grafen von Monte Christo schafft einen interessanten literarischen Ansatz. Den Schatz, den Edmont Dantés auf der Insel Montechristo findet und den er nutzt, um seine „Gerechtigkeit“ wiederherzustellen, der lässt sich jedenfalls heute so nicht mehr finden. Es sei denn, er kommt in Gestalt eines Wirtschaftsführers von Haffenlohers Kaliber daher.

Martin Suter (2015): Montecristo, Zürich, Diogenes Verlag

9 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    zu Martin Suter habe ich ein eher abneigendes Verhältnis – die Geschichten aus der Business Class fand ich seinerzeit toll, dann kam „Lila, lila“, das fand ich furchtbar kitschig, dann der Roman mit dem Anwalt auf irgendeinem Drogenpilztrieb, dann fand ich ganz d…f.
    Und dann erlebte ich ihn auch noch schlecht gelaunt auf einer Lesung. Und so bin ich jetzt eigentlich froh, dass Deine eingehende Besprechung etwas aus den Hymnen ausbricht und ich ganz beruhigt mir sagen kann: Auch ein Buch, dass ich jetzt nicht zwingend lesen muss 🙂

    • Liebe Claudia,
      ja, der „Lila“-Roman war wirklich … enttäuschend. Und ich lasse die Suter-Romane seitdem auch meistens an mir vorüberziehen ohne zuzugreifen. Dieses Mal bin ich wieder schwach geworden: das Thema war es jauptsächlich, das es mir nun angetan hat, auf Bankenkrisen stehe ich ja :-). Und die unglaubliche offizielle Geldvermehrung der EZB und weiteren Zockerein der Trader sind tatsächlich Probleme, die uns schlaflose Nächte bereiten sollten. Aber nicht nach Suters in alle Richtungen überzogenen Geschichte. Nein, wenn Du nicht eine ganz (un)heimliche Schwäche für solche Bücher hast, dann lies lieber etwas feines Anderes. – Und warum das Feuilleton so jubelt, ist mir auch unerklärlich. Thomas Brasch hat sich auf seinem Blog ja auch schon sehr darüber gwundert.
      Viele Grüße, Claudia

  2. Hallo Claudia,
    ga geht es mir wie Birgit: Suters Geschichten sind – auch für den Unterricht – knackig auf den Punkt gebracht, gute Momentaufnahmen. Aber als ich vor kurzem noch einmal Small World gelesen habe, war ich auch enttäuscht. Und da sich mein Lesetempo gerade dem einer Schnecke annähert, freue ich mich über jedes Buch, das ihr nicht lesenswert findet 🙂
    Abendliche Grüße, hinter den Korrekturbergen hervorblinzelnd, von Anna

    • Liebe Anna,
      ich glaube, Du hast noch ein paar Wochen bis zu den Sommerferien? Ich habe ja nun alle meine Korrekturen beendet, die Zeugnisse sind geschrieben und unterschrieben und zum großen Teil auch schon verteilt. Ach, was habe ich es gut :-)! Es ist mir in der heißen Korrekturphase wie Dir gegangen: das eigene Lesen tendiert gegen Null, zum Artikel-Schreiben konnte ich mich schon gar nicht mehr aufraffen. Aber wenn alles vorbei ist, kommt auch da die Lust wieder, wirklich. Und da ist es natürlich doppelt gut, wenn sich die Lektüre lohnt, Montecristo lohnt sich aber wirklich nicht so sehr. Er ist also – mit anderen Worten – recht stapelfreundlich. Obwohl ja die Bezüge zum Dumas´schen „Grafen“ schon auch interessant…
      Ich wünsche Dir – trotz allem – einen wunderschönen Sonntag, Claudia

      • Noch kleiner Nachtrag: Stephen Frys Buch „Der Sterne Tennisbälle“ setzt den „Grafen“ ebenfalls in die Gegenwart, d. h. die Handlung setzt 1980 ein. Gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag zum Buch.
        Oh, wie schön, du hast den Schuljahresendmarathon bereits hinter dir. Lass die Sektkorben knallen :-), liebe Grüße, Anna

      • Oh, noch eine „Monte Christo“ Adaption. Dann werde ich mal zu Wikipedie reisen und nachlesen. Und das mit den Sektkorken ist eine sehr gute Idee…
        Viele Grüße, Claudia

  3. Die Anlehnung an Montechristo klingt ja wirklich spannend – schade, daß die Geschichte in ihrer Gänze dann wohl doch nicht so trägt. Ältere Suters fand ich teilweise wirklich toll u lesenswert, trick- und wendungsreich; gerade die small world ist mir in sehr guter Erinnerung, im Gegensatz zum Kommentar oben. Vielleicht, weil mich die literarische Verarbeitung des Themas Demenz, das mir sonst immer nur beruflich begegnete, mit präziser und treffgenauer Schilderung der Symptome in ihren Bann gezogen hat. Schade, daß dieser Roman hier eher zur Kategorie „verzichtbarer Suter“ zu gehören scheint.

    • „Small World“ hat mir auch sehr gut gefallen, da hast Du Recht. Vielleicht deshalb greife ich immer mal wieder zu einem „neuen Suter“, auch wenn die letzten mich schon nicht so begeistert haben. Aber Montechristo hat das, was bei vielen aktuellen zeit- und gesellschaftskritischen Romanen zu erkennen ist: Sie wirken schnell „zusammengeschustert“, scheinen mehr über eine rasante – und dann aber unglaubwürdige – Handlung und merkwürdig eindimensional gestrickte Protagonisten funktionieren zu wollen, als durch eine literarisch-poetische Gestaltung.
      Viele Grüße, Claudia

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