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Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen

Reichelt_2„Wir sind nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern Glieder einer Kette.“ Das schreibt Konsul Buddenbrook seiner Tochter Toni, als die bei den Hochzeitsplänen nicht ihrem Vater und seiner Idee einer Familientradition folgen möchte, sondern ihrem eigenen Herzen. Diese Art der Familientradition, die durch die Eltern und aus dynastischen Gründen arrangierte Ehe, hat ja zum Glück heute nicht mehr so eine große Bedeutung. Trotzdem aber gilt nach wie vor, dass wir alle Glieder einer Kette sind, nämlich insofern, als dass wir die Erfahrungen und Erlebnisse, die Geschichten und Anekdoten, die Konflikte und Auseinandersetzungen, ja, auch die Traumata unserer Eltern und vielleicht auch unserer Großeltern mit uns herumtragen – und manchmal wissen wir das nicht einmal. Jutta Reichelt hat solch eine traumatische Geschichte zur Urszene ihres Romans gemacht und schaut, wie solch ein Trauma durch die Generationen weiter lebt.

Da ist Christoph, mittlerweile dreißig Jahre alt, Akademiker mit Aussicht auf eine Promotion, leidenschaftlicher Fan von Werder Bremen und verheiratet mit Katharina. Die beiden haben im letzten Jahr ein altes Haus gekauft mit einem kleinen Garten und haben es mit ganz viel Eigenleistung renoviert und umgebaut. Katharina, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, ist Schriftstellerin und hilft in einem Antiquariat aus. Der Antiquar Fred, der sich zurückziehen möchte aus den Verantwortlichkeiten, hat ihr angeboten, den Laden zu übernehmen, er findet, das sei doch auch eine Art Autorenförderung. Manchmal kommt Christophs Neffe, der kleine Finn, zu Besuch und ganz am Rande gibt es auch das Thema der eigenen Kinder. Eine ganz normale Ehe, könnte man denken, alles läuft, wie es soll, keine Sorgen trüben den Alltag, im Gegenteil, alles scheint sich zum Guten zu fügen.

Und dann kommt Christoph nicht nach Hause.

Er wollte Finn zurückbringen nach Köln, zu seiner Mutter, Christophs Schwester, und nun ist sein Zurückkommen überfällig. So beginnt Jutta Reichelts Roman, mit Katharinas Warten, mit ihren Überlegungen, mit ihren Spekulationen, was alles passiert sein könnte. Sein Handy ist aus, Katharina kann ihn nicht erreichen. Und dann, nach Stunden, erreicht sie doch die Nachricht Christophs:

Habe mich idiotisch in eine Sache verrannt und brauche ein bisschen Zeit, da wieder rauszukommen. Mach dir nicht zuviel Sorgen – bin weder spielsüchtig, noch habe ich eine Straftat begangen und untreu war ich dir auch nicht. C. (S. 11)

Katharina gerät in ein Gefühlschaos, schwankt zwischen Ärger, Eifersucht, Wut und Verdächtigungen, aber auch Verständnis und Respekt vor seiner Entscheidung. Sie versucht, ihr ganz normales Leben weiter zu leben, ihrem Tagesablauf wie gewohnt zu folgen – und ist in Gedanken doch nur bei Christoph und den Überlegungen, was ihn so plötzlich aus der Bahn geworfen haben könnte. Sie spricht mit dem Antiquar Fred über Christophs Fortbleiben. Der hat einen interessanten Blick auf die Geschichte und bezeichnet sie als „Rätsel – das gefällt Fred! Es ist genau das, was Dir gefehlt hat. Unklarheiten, Beunruhigung, etwas Abenteuer – überhaupt Bewegung.“ (S. 17)

Katharina versucht, sich einen Überblick zu verschaffen. Wie bei der Konzeption ihrer Romane, wenn sie wissen möchte, wie ihre Figuren, die Erzählstränge, die Orte und Themen zusammenhängen, nimmt sie ein großes Blatt und versucht, all diese Aspekte darauf festzuhalten, versucht, die Verbindungen herzustellen, sozusagen die Geschichte mit all ihren Facetten sichtbar zu machen. Und so setzt sie sich nun auch an ihren Küchentisch, nimmt ein Blatt quer und schreibt in die Mitte nicht Christophs Namen, sondern „Pünktchen/Finn“ und notiert von da aus weitere Personen und alles, was ihr an Christoph im letzten Jahr aufgefallen ist. Sie ahnt schon, Christophs Verschwinden hat etwas mit Finn zu tun, sie ahnt, dass es da eine alte Familiengeschichte gibt, die nun endlich ans Tageslicht kommen möchte.

Im letzten Jahr, als sie das Haus renovierten, hat Katharina sich besonders um die Treppe gekümmert, hat Schicht für Schicht den Lack entfernte, den die Besitzer vor ihnen aufgetragen haben. Christoph und die Handwerker haben ihr ihr Mitleid ausgesprochen, haben ihre Arbeit als Strafarbeit bezeichnet, aber sie mochte sie, sie fand, diese Arbeit habe geradezu etwas Meditatives. Nun haben ihre Schwiegereltern, die angeblich auf der Durchreise sind, ihr einen Tisch und Stühle für den Garten mitgebracht. Christoph hat sie bei seinem letzten Besuch bei ihnen in München vor dem Sperrmüll gerettet und bei seinen Eltern zwischengelagert. Auch hier macht Katharina sich sofort ans Werk, vielleicht ist sie mit ihrer Arbeit fertig, wenn Christoph nach Hause kommt.

Was sich an Lack mit dem Spachtel lösen ließ, liegt nun auf dem Boden und Katharina holt ein Kehrblech und den Föhn aus dem Badezimmer. Wie schon bei der Treppe kommt es ihr auch jetzt wieder fast wie ein Zaubertrick vor, dass der gerade noch so harte Lack innerhalb von Sekunden Blasen wirft, wenn er einem heißen Strahl Luft ausgesetzt ist. Aber es funktioniert nicht immer. Manchmal bleibt der Lack, wie er war, nur dass auf einmal das Holz zu kokeln beginnt. Schwarze Flecken, die dann mühsam abgeschliffen werden müssen. (S. 58)

Und während sie die Lackschichten löst, hat sie Muße nachzudenken und kann so Schicht für Schicht die Familiengeschichte Christophs freilegen. Wie in einem Krimi ermittelt Katharina, sucht in Christophs Familiengeschichte die einzelnen Puzzleteile, setzt sie neu zusammen und bekommt so ein ganz neues Familienbild. Oder anders ausgedrückt: Sie fädelt die einzelnen Glieder der Familienkette neu auf und erkennt, wie sie zusammenhängen, wie sie sich gegenseitig beeinflussen, wie eben tatsächlich keines der Glieder lose und unabhängig ist, eben kein Einzelwesen. Am Ende kennt sie die Geschichte, die zu Christophs Verschwinden geführt hat.

Jutta Reichelts Roman macht deutlich, dass auch die schönste Gegenwart, das so gut gelingende eigene Leben, das sich deutlich emanzipiert von dem der Eltern, nicht unbedingt ohne Sorgen ist, wenn da irgendwo noch ein blinder Fleck ist, ein Geheimnis, das über die Generationen weitergegeben wird. Und sie erzählt diese Geschichte in einer klaren und schnörkellosen Sprache, die einen ganz besonderen Sog entwickelt, ganz passend zur kriminalistischen Aufklärungsarbeit, die Katharina leistet. Indem wir Katharina folgen, an ihren Handlungen und Überlegungen teilhaben, sitzen wir mit ihr am Tisch, fahren mit ihr auf dem Fahrrad durch die Straßen Bremens, hören ihren Gesprächen zu, lösen mit ihr die Lackschichten ab ermittlen mit ihr im Falle von Christophs Familie.

Und der Fußball kommt dabei natürlich auch nicht zu kurz, denn es steht ja nicht nur der Kauf einer Dauerkarte für die kommende Saison an, sondern auch Christophs Reise nach Mailand, ins Stadion San Siro, wo Werder Bremen im UEFA-Cup gegen Mailand spielt.

Jutta Reichelt (2015): Wiederholte Verdächtigungen, Tübingen, Klöpfer & Meyer

Und wer die Seite noch nicht kennt: Jutta Reichelt ist auch im Netz mit Homepage und Blog aktiv.

pingback: Sätze&Schätze

14 Kommentare

  1. Liebe Claudia,

    eine sehr schöne Rezension hast Du da verfasst und meine Neugier nach diesem Buch erwachen lassen!

    Ich liebe Handlungen, denen man hinter der geschilderten Gegenwart den unendlichen Atem der Vergangenheit anmerkt mit all deren Zwangsläufigkeiten und Ableitungen. Insofern scheint „Wiederholte Verdächtigungen“ etwas für mich zu sein.

    Werd das mal im Auge behalten 😉

    Gruß
    Stefan

    • Lieber Stefan,
      dann bin ich gespannt, ob Du und das Buch zusammenkommen und ob die von mir geweckten Erwartungen an die Handlung und die Figuren sich dann auch bewahrheiten…:-). Ich habe jedenfalls durch Deinen Kommentar Deinen tollen Blog kennengelernt, auf dem sich so einige Titel tummeln, die mir beim Lesen und Schreiben auch viel Spaß gemacht haben: Open City zum Beispiel und Stewart O´Nans „Letzte Nacht“ (die ich aber glaube ich nur gelesen und nicht verbloggt habe). Wir werden uns also lesen!
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        da scheinen wir tatsächlich den gleichen Geschmack zu haben!!

        Ich freu mich sehr, dass Dir mein Blog gefällt!! Du weißt ja, aller Anfang ist schwer und frustrierend 😉

        Liebe Grüße
        Stefan

      • Nur Mut, lieber Stefan, so frustrierend ist es doch nicht. Ich bin ja auch erst zwei Jahre mit meinem Blog dabei und habe mich immer gewundert, wie schnell sich doch sehr schöne Kontakte ergeben haben.

      • Du hast recht! Dafür macht man es ja auch!! Das macht Mut! 🙂

        Ganz liebe Grüße
        Stefan

  2. Liebe Claudia, die Autorin freut sich still und leise (wie es sich ja auch gehört), die Blogger-Kollegin ruft dir zu: Was für ein toller Einstieg in den Text mit dem Buddenbrooks-Zitat und mit wieviel Bedacht sind die Zitate ausgewählt und – na klar – vor allem freut es mich wirklich sehr, dass dich der Text offenbar überzeugt hat! Herzliche Grüße aus Bremen!

    • Liebe Jutta,
      ein bisschen habe ich mich ja gefürchtet vor dem Lesen Deines Romans… Kritische Texte zu Büchern zu schreiben, also mit negativer Kritik, finde ich sowieso schon immer recht schwierig, schließlich geht es ja auch um Respekt vor dem Autor, der sich ja – wie auch immer – etwas gedacht hat bei seinem Schreiben. Und wie wäre das erst, wenn da eine Autorin ist, deren Blog ich so gerne lese – und deren Schreibaufträgen ich gerne mal nachkommen würde, wenn ich mehr Zeit hätte – und mit der ich schon so nette Kommentare ausgetauscht habe?! Aber: Die Sorge ist völlig unberechtigt gewesen. Ganz im Gegenteil hat mich die Geschichte echt gepackt – spannend wie ein Krimi, aber dennoch mit so vielschichtigen Figuren, die ich auch nach der Lektüre noch gerne um mich hatte. Und der Kern der Geschichte macht ja wirklich so deutlich, dass wir eben doch die Probleme, Konflikte, Traumata unserer Vorfahren mit uns herumschleppen. Und da hatte ich schon den Buddenbrook´schen Brief im Kopf – auch wenn der damals anders gemeint war. Und nun freue ich mich schon auf Dein nächstes Werk. Nein, nein, ich farge jetzt nicht, ob… 🙂
      Einen schönen Sonntagabend, Claudia

      • Ich kann das wirklich sehr gut nachvollziehen, denn ich lese ja auch oft mit einer gewissen Bangigkeit Texte von Menschen, die ich kenne und mag und so ganz entspannt kommt man dann ja tatsächlich nicht immer aus der Nummer … Wie schön, dass uns das erspart bleibt 😉

  3. Was für ein toller Einstieg in eine gelungene Besprechung! Wer jetzt nicht Lust bekommt, das Buch zu lesen…

  4. Liebe Claudia,
    habe das Buch inzwischen auch gelesen und stimme Deiner schönen, ausführlichen Besprechung in allen Belangen begeistert zu. Wenn ich noch etwas hinzufügen darf dann vielleicht dies: ich habe mich sehr vorsichtig an das Buch herangetastet, auch weil ich Juttas Blogverfolge und schätze. Da hat man dann ja ein klein wenig Manschetten davor, ob der hohen Erwartungen enttäuscht zu werden. Ich habe mir also erstmal die vier Erzählungen „Es wäre schön“ bestellt, übrigens eine liebevoll gemachte kleine Broschur aus dem Logbuchverlag, und ich war einfach von dieser Sprache begeistert – und dann musste ich den Roman natürlich sofort haben. Den finde nun ich wegen des Themas so interessant, aber richtig stimmig wird die Darstellung eben durch diese Sprache. Es ist eune auf den ersten Blick sehr sachliche, vielleicht sogar zuweilen didtanzierte Erzählweise, die aber , wie Du so schön schreibst, einen Sog entwickelt, beim Leser eine Empathie für die Personen und die Geschichte erzeugt, die das Buch so sehr ledenswert macht.
    Danke für die schöne Besprechung und liebe Grüße
    Kai

    • Lieber Kai,
      ich habe ja auch en wenig Sorge gehabt vor dem Lesen der „Wiederholten Verdächtigungen“, ich habe es ja Jutta schon estanden. Umso mehr habe ich mich beim Lesen gefreut über die kriminalstische Spurensuche in Christophs Familie – und, wie Du ja auch schreibst, diese ganz besondere Sprache. Ja, distanziert ist sie – „hanseatisch“ könnte man mit guten rheinländischen Vorurteil vielleicht sogar sagen 😉 – und trotzdem habe ich mich gefühlt, als würde ich mit Katharina am Küchentisch sitzen, mit ihr die Terassenmöbel bearbeiten, mit ihr durch Bremen radeln. Nachdem Du nun auch noch die Erzählungen so gelobt hast, werde ich die wohl auch noch lesen müssen/wollen/dürfen/sollen…
      Viele Grüße, Claudia

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