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Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Etan Griens Leben verändert sich in dem sprichwörtlichen einen Moment. Gerade noch braust er mit seinem Jeep in der Nacht zu den lauten Klängen der Musik Janis Joplins durch die Wüste bei Beer Sheva, die letzten Spuren des Noradrenalins nach einer langen Schicht im Krankenhaus geben ihm noch einmal genug Energie für dieses Abenteuer. Und das alles bei dem Schein des schönsten Mondes, den er je gesehen hat. „Und sie kreischte tatsächlich, voll aufgedreht, und auch der Motor kreischte und kurz darauf stimmte Etan selbst mit ein – kreischte begeistert auf der rasanten Abfahrt, kreischte übermütig beim Schwung bergauf, kreischte aufgelöst in der Kurve am Hügel. Und dann fuhr er stumm (Janis Joplin sang weiter, unglaublich, die Stimmbänder dieser Frau), fiel jedoch gelegentlich, wenn sie ihm gar zu einsam klang, in den Refrain mit ein. (…) Im Rückspiegel schielte er nach dem Mond, der mächtig und majestätisch schien.“ (S. 30) Und schon ist es passiert – schon hat er einen Menschen überfahren, mitten in der Nacht, mitten in der Wüste. Etan hält den Wagen an, …

Jutta Reichelt: Wiederholte Verdächtigungen

„Wir sind nicht dafür geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines, persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für sich bestehende Einzelwesen, sondern Glieder einer Kette.“ Das schreibt Konsul Buddenbrook seiner Tochter Toni, als die bei den Hochzeitsplänen nicht ihrem Vater und seiner Idee einer Familientradition folgen möchte, sondern ihrem eigenen Herzen. Diese Art der Familientradition, die durch die Eltern und aus dynastischen Gründen arrangierte Ehe, hat ja zum Glück heute nicht mehr so eine große Bedeutung. Trotzdem aber gilt nach wie vor, dass wir alle Glieder einer Kette sind, nämlich insofern, als dass wir die Erfahrungen und Erlebnisse, die Geschichten und Anekdoten, die Konflikte und Auseinandersetzungen, ja, auch die Traumata unserer Eltern und vielleicht auch unserer Großeltern mit uns herumtragen – und manchmal wissen wir das nicht einmal. Jutta Reichelt hat solch eine traumatische Geschichte zur Urszene ihres Romans gemacht und schaut, wie solch ein Trauma durch die Generationen weiter lebt. Da ist Christoph, mittlerweile dreißig Jahre alt, Akademiker mit Aussicht auf eine Promotion, leidenschaftlicher Fan von Werder …