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Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Etan Griens Leben verändert sich in dem sprichwörtlichen einen Moment. Gerade noch braust er mit seinem Jeep in der Nacht zu den lauten Klängen der Musik Janis Joplins durch die Wüste bei Beer Sheva, die letzten Spuren des Noradrenalins nach einer langen Schicht im Krankenhaus geben ihm noch einmal genug Energie für dieses Abenteuer. Und das alles bei dem Schein des schönsten Mondes, den er je gesehen hat.

„Und sie kreischte tatsächlich, voll aufgedreht, und auch der Motor kreischte und kurz darauf stimmte Etan selbst mit ein – kreischte begeistert auf der rasanten Abfahrt, kreischte übermütig beim Schwung bergauf, kreischte aufgelöst in der Kurve am Hügel. Und dann fuhr er stumm (Janis Joplin sang weiter, unglaublich, die Stimmbänder dieser Frau), fiel jedoch gelegentlich, wenn sie ihm gar zu einsam klang, in den Refrain mit ein. (…) Im Rückspiegel schielte er nach dem Mond, der mächtig und majestätisch schien.“ (S. 30)

Und schon ist es passiert – schon hat er einen Menschen überfahren, mitten in der Nacht, mitten in der Wüste. Etan hält den Wagen an, steigt aus, sieht nach, was passiert ist und erkennt sehr schnell, dem Mann, einem Eritreer, einem Flüchtling, kann kein Arzt, kein Krankenhaus mehr helfen, die Verletzung am Kopf ist zu schwer. Etan ist selbst Arzt, Neurochirurg und Unfallarzt, er kann die Situation gut beurteilen: Der Mann wird sterben.

Vor Etans Augen zihen die Folgen seiner ausgelassenen Nachtfahrt vorbei: Mit dem Krankenwagen wird die Polizei kommen, es wird ihm nicht helfen, dass er Arzt ist, verheiratet mit einer höheren Kriminalbeamten, es wird schnell klar sein, dass er die Schuld trägt am Unfall, die Höchstgeschwindigkeit hat er weit überschritten, ist nachts sinnlos durch die Wüste gefahren nach einer über zwanzigstündigen Schicht im Krankenhaus. Wenn er Glück hat, dann wird der Richter ihn nicht zu hart bestrafen, aber sicher ist, dass er niemals wieder operieren darf, wer will schon einen wegen eines Tötungsdeliktes verurteilten Arzt einstellen. Wie wird Liat, seine Frau, ihn nun beurteilen, ihn, der völlig verantwortungslos ihre gemeinsamen Ideen vom Familienleben zerstört? Wird sie ihn trotzdem weiter lieben können? Und die Presse wird sich auf ihn stürzen, wird Liat, und die beiden kleinen Kinder an die Öffentlichkeit zerren. Was werden die Eltern von ihm halten, die Nachbarn und Kollegen?

Etan hat die Neurologie zu seiner Disziplin gewählt, weil er anfangs dachte, hier sei alles einigermaßen übersichtlich, meistens kalkulierbar. Als ihm in einer Vorlesung klar wird, dass das keinesfalls so ist, dass auch die neurologischen Krankheiten ganz verschiedene Symptome ausprägen und ganz unterschiedliche Verläufe nehmen können, dass auch hier der Zufall „dieses aufreizende Hürchen, (…) zwischen den Betten der Station“ herumtanzt, da trifft ihn diese Erkenntnis wie ein Blitz. Wie soll er dann Wissen erlangen, um Krankheiten heilen zu können, wie soll er als Arzt die richtigen Entscheidungen treffen können? Und Prof. Sakkai erklärt ihm in der Vorlesung:

„Die einzige Möglichkeit, Erkenntnis zu erlangen, Etan, besteht darin, dem Tod nachzuspüren. Der Tod lehrt sie alles, was Sie wissen müssen.“ (S. 15)

Prof. Sakkai spricht nahezu prophetisch aus, wie der Tod Etan später einmal zu Erkenntnissen verhelfen wird. Zunächst aber sorgt er dafür dass Etan in seinem Windschatten eine steile Karriere beginnen kann. In dieser Zeit lernt Etan Liat kennen, sie gründen eine Familie, bekommen zwei Kinder, kaufen eine Eigentumswohnung. Als Etan dann bemerkt, dass sein hochverehrter Prof. Sakkai immer mal wieder Briefumschläge annimmt, aus denen die Geldbündel nur so herausquellen, um dann die Operationspläne zu ändern, meldet er – entrüstet – diese Vorfälle bei der Klinikleitung. Dort reagiert aber niemand und Etan überlegt schon, mit seinem Wissen über die Korruption im Krankenhaus an die Presse zu gehen, als ausgerechnet Liats Reaktion ihn stoppt:

„Sehr richtig“, hat Liat geantwortet, „gleich nachdem wir Jahalis Kindergarten und das Auto und die Wohnung abbezahlt haben. (S. 20)

Etan sagt nichts weiter, nimmt die Zwangsversetzung nach Beer Sheva an, in die Wüste also, wo er den ewigen Staub nicht mag, wo er sich vorkommt, als sei er am falschen Platz. Liat versucht ihn zu locken mit der Idee, einen Jeep anzuschaffen und damit durch die Wüste zu fahren. Und da ist er nun. Und was macht er, im Angesicht des sterbenden Eritreers?

Er flieht. Er weiß, niemand kann helfen, er denkt, niemand habe ihn gesehen, also dreht er sich um, setzt sich in sein Auto, an dem übrigens kein Kratzer ist, und fährt nach Hause, die Augen des Eritreers versucht er aus seinem Bewusstsein zu verdrängen. Hätte Etan so von sich gedacht, wenn ihm jemand in netter Rotweinrunde diese Situation skizziert hätte? Wie ist – im Vergleich – Prof. Sakkais Handeln nun zu beurteilen?

Etan kann die Augen vor seiner Tat nur ein paar Stunden verschließen. Am nächsten Tag steht eine Eritreerin vor seiner Tür, Sirkit, groß, schön, herrisch im Ton. Sie stellt sich als Assums Frau vor, sie hat den Unfall beobachtet. Und sie hat Etans Portemonnaie am Unfallort gefunden mit allen seinen Papieren. Sie verlangt ein Gespräch mit Etan, jetzt sofort in seinem Haus, unter den Augen der neugierigen Nachbarn; Etan kann sie auf ein Treffen am Abend vertrösten. Sie will Geld, meint er zu wissen, und bringt einen großen Teil seines Ersparten am Abend mit. Das nimmt Sirkit an, überrascht, aber für ihr Schweigen verlangt sie, dass Etan die Eritreer medizinisch versorgt: „Tagsüber mach, was du möchtest, unterbrach sie ihn, aber deine Nächte halte frei.“

Und so beginnt Etans Doppelleben, ein Leben mit vielen Ausflüchten, Täuschungen und Lügen, die nicht ohne Auswirkungen auf seine Berufstätigkeit, vor allem auf seine Familie, bleiben. Nicht nur Etans Doppelbelastung stört das Familienleben empfindlich und bringt ihm im Berufsalltag negative Beurteilungen ein, vor allem die Unaufrichtigkeiten, die sich in die Beziehung zu Liat einschleichen, die sie natürlich auch erkennt, über deren Gründe sie aber nur spekulieren kann, zerstören die bisherige Harmonie.

Ayelet Gundar-Goshen hat nur vordergründig eine kriminalistische Geschichte geschrieben. Dies natürlich auch, denn der Fall des toten Eritreers landet auf Liats Schreibtisch. Und so wird nach und nach deutlich, wer da so nachts alles mit welchen Interessen durch die Wüste läuft. Am Ende wird auch eine Ordnung hergestellt – über deren Gerechtigkeit aber sehr lange diskutiert werden kann, denn es „gewinnen“ die, die immer gewinnen.

Gundar-Goshens Roman bietet auch einen Blick in die Mechanismen der modernen israelischen Gesellschaft, in der die gleichen Konsumartikel, die gleichen Vorstellungen von Familienleben, Berufstätigkeit und Prestigeobjekten eine Rolle spielen, wie wir sie auch kennen. Der latente Rassismus gegen die nicht-weißen Israelis, Orientalen genannt, der Rassismus gegen die arabische Bevölkerung, gegen die Flüchtenden aus Afrika, die, auch sehr schön konnotiert, als „Infiltranten“ bezeichnet werden, die ständige Diskriminierung von Frauen – das alles eröffnet schon einen sehr kritischen Blick auf Konflikte innerhalb der israelischen Gesellschaft.

Noch wichtiger als diese Aspekte aber sind die Themen des Umgangs mit Schuld (und Moral) und die Frage des Sehens und Erkennens anderer sowie das Erkannt-Werden. Gerade diese Frage lotet die Autorin immer wieder überzeugend aus, wenn sie die Perspektiven wechselt, wenn sie nicht nur ganz nah an Etan heran rückt, sondern auch Liat und Sirkit zu Wort kommen lässt und durch den Blick auf ihre Geschichten verdeutlicht, wie schwer, wie unmöglich, es ist, einen anderen Menschen zu erkennen, zu verstehen, zu wissen, warum er sich hier so und dort so verhalten hat. Gerade diese Frage gibt dem Roman ein besondere Tiefe, nicht zuletzt auch mit Blick auf die Beurteilung der neuen Ordnung am Ende. Gerade diese Frage gibt dem Roman auch eine philosophische Dimension, werden hier doch auf eine anschauliche auf eine spannende Weise Fragen verhandelt, über die sich auch die Konstruktivisten ihre Köpfe zerbrechen. Und das Nachgehen dieser Frage führt dazu, alle drei Figuren sehr vielschichtig zu zeichnen, ihre Vergangenheit auszuleuchten, ein Vorgang, der durchaus für eine besondere Spannung, neben der kriminalitischen Darstellung, sorgt.

Sie alle werden schuldig, so viel sei verraten, und doch können wir sie alle verstehen, verurteilen keinen von ihnen. Und erkennen noch einmal, dass Prof. Sakkais Hinweis in der Vorlesung so etwas sein kann wie ein Motto für diesen auch sprachlich gelungenen Roman:

„Die einzige Möglichkeit, Erkenntnis zu erlangen, Etan, besteht darin, dem Tod nachzuspüren. Der Tod lehrt sie alles, was Sie wissen müssen.“ (S. 15)

Ayelet Gundar-Goshen (2015): Löwen wecken, übersetzt von Ruth Achlama, Zürich, Kein & Aber

6 Kommentare

    • Vielen, vielen Dank, liebe Maren. Die „Löwen wecken“ ist leider ein Roman, der im Feuilleton und auch auf den Blogs nur wenig besprochen worden ist. Dabei lohnt sich die Lektüre wirklich, für uns zum einen, um einen Einblick in die manchmal so bekannte, manchmal so unbekannte israelische Gesellschaft zu bekommen, zum anderen, weil das Thema des Sehens und Erkennens so eine große Rolle spielt und alle drei Protagonisten ihre Geschichten mit sich tragen, die sich wiederum auf das Sehen und Erkennen der anderen niederschlägt. Daraus entsteht, neben der kriminalistischen Handlung, noch einmal ein ganz besonderer Spannungsbogen. Und nicht umsonst ist die Autorin nicht nur eine Film- und Drehbuchautorin, sondern auch Psychologin.
      Und die Wüste spielt auch ein bisschen eine Rolle, die Wüste und dieser sehr schöne Mond. Den hast Du bestimmt in der ganz anderen Wüste bei Deiner Reise im Frühjahr auch gesehen.
      Viele Grüße, Claudia

  1. Ja, mach mir nur den Mund so richtig wässrig, Claudia… 😉 Nein, im Ernst: Ich freue mich riesig über deine Empfehlung dieses offenbar sehr vielschichtigen Romans, der bisher komplett an mir vorüber gegangen ist und jetzt einen Platz ganz weit oben auf meiner Leseliste erhält. Wie der Zufall es will, habe ich gerade den Roman „Unter den Lebenden“ des israelischen Autors Eyal Megged (der Mann von Zeruya Shalev) beendet, der ebenfalls von Ruth Achlama übersetzt wurde. Ein Buch über Tod und Freundschaft, der Erzähler ist ebenfalls Arzt (ein in Amerika hoch anerkannter Chirurg, der nach der Rückkehr in die Heimat Israel kein Bein an die Erde bekommt). Jetzt frag mich aber bitte nicht nach einem fundierten Statement zu dem Buch, ich verdaue noch. Faszinierend ist es und auch anstrengend – so wie ich mir das bekannte unbekannte Land vorstelle, auf das ich bisher leider nur von der anderen Seite des Toten Meers geschaut habe.

    • Vielleicht hast Du nun schon ein bisschen verdaut und kannst doch ganz, ganz kurz und knapp erzählen, was Dich so fasziniert hat…?!

      • Liebe Claudia,
        mir fehlt gerade die Ruhe zum Schreiben. Darf ich ausnahmsweise eine Besprechung von Annemarie Stoltenberg vom NDR verlinken, die einigen meiner Empfindungen bei der Lektüre entspricht?
        http://www.ndr.de/kultur/buch/tipps/Eyal-Megged-Unter-Lebenden-,unterdenlebenden102.html
        Fasziniert hat mich wohl vor allem das Thema: Was geschieht mit den Überlebenden, wenn ein wichtiger Mensch stirbt? Und da der Anknüpfungspunkt ja eigentlich Israel war: Ich bin dem Ich-Erzähler gern auf seinen langen Spaziergängen durch die Jerusalemer Altstadt gefolgt, besonders im Osten, im arabischen Umfeld, wo er jedenfalls ein wenig zur Ruhe gekommen ist.

      • Liebe Maren,
        vielen Dank für den Link, dann kann ich mir dort ja ein Bild machen über den Roman.
        Viele Grüße, Claudia

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