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Karl Wolfgang Flender: Greenwash, Inc.

Thomas Hessel mag Blasen. Schon als Kind liebte er es, wenn er mit seinem Bruder in der Badewanne saß, die Schaumblasen mit dem Finger zu zerdrücken. Und seine Liebe zu den Blasen ist ihm geblieben. Nun, als Erwachsener spielt er für sein Leben gerne und in jeder sich nur bietenden Situation auf seinem Smartphone Bubble-Shooter, angetrieben von der Jagd nach dem nächsten High-Score, denn dann zeigt sich auch das putzige Eichhörnchen. Und um Glück arbeitet Hessel in einer Branche, in der Champagner-Trinken zum guten Ton gehört.

Wenn Hessel beispielsweise eine Gruppe Journalisten in einem Reisebus vom Flughafen eines südamerikanischen Landes, vorbei an Wellblechhütten, ausgelaugten Böden und vielen anderen Zeichen der bitteren Armut, ins Hotel begleitet, dann bietet man den Journalisten doch wirklich gerne ein Glas Champagner an. Das hebt die Laune der müden Reisenden und zeigt die Wertschätzung der Agentur gegenüber ihren Gästen. Denn Hessel arbeitet in einer PR-Agentur, einer mit ganz besonderer Ausrichtung. Zu Mars & Jung kommen die Kunden, die gerade eine schlechte Presse haben, weil sie erwischt worden sind bei Kinderarbeit und Ausbeutung der Menschen in der Dritten Welt, bei Umweltverschmutzung und der Ausrottung bedrohter Tierarten, bei Diskriminierung und Rassismus, all den Themen jedenfalls, die den bewussten und politisch korrekten europäischen Bürger aufstöhnen und flugs zum ethisch sauberen Konkurrenten wechseln lassen.

Hessel ist noch nicht so lange bei Mars & Jung, er steht in der Gehaltsliste noch ziemlich weit unten, hat keinen eigenen Praktikanten und das Vorkaufsrecht auf die weiblichen Trainees muss er Christoph überlassen, dem derzeitigen Star der Agentur, dem Liebling des Chefs Jens Mars – die beiden gehen regelmäßig squashen. Hessel, wettbewerbsorientiert und mit großer Neigung zu Statussymbolen, ist durch diese Situation richtig herausgefordert: Er gibt mächtig Gas, um in der Agenturhierarchie aufzusteigen, er will einen Schreibtisch näher bei Mars, er will mehr Geld und vor allen Dingen: mehr Anerkennung.

Dabei hat er bis vor ein paar Monaten noch als Journalist gearbeitet. Hessel war dran an einem Lebensmittelkonzern, der sich durch Schulsponsoring Vorteile erschlich und hat in Monaten mühsam „unangenehme Fakten“ zusammengetragen. Noch bevor er etwas veröffentlicht hat, hat ihm ein anonymer Anrufer ein Jahresgehalt geboten, wenn er seine Informationen schreddert. Endlich eine adäquate Entlohnung – für einen Artikel, der nie veröffentlicht wurde. Und die erste Begegnung mit den doch recht kreativen Methoden des Greenwashings.

Thomas Hessel ist ein Zyniker und er arbeitet in einer zynischen Branche. Greenwashing nämlich ist Öffentlichkeitsarbeit, mit deren Hilfe sich das Unternehmen zwar für die Öffentlichkeit ein grünes Mäntelchen umlegt, ohne aber tatsächliche und konkrete Maßnahmen mit Blick auf Umweltschutz, Ethik oder Verantwortung umzusetzen. Und Hessels Einsatzgebiete sind sogar noch spektakulärer. Er reist dahin, wo ein Kundenunternehmen erwischt worden ist, mit gentechnisch verändertem Saatgut zum Beispiel oder bei Kinderarbeit. Dann kommen Thomas Hessel und sein Kollege Christoph, die Red Adairs der Krisenkommunikation. Und um den Kunden wieder grün zu waschen, ist jedes Mittel recht – es zählt nur der Erfolg.

Und wenn der Erfolg da ist, dann zeigt auch Jens Mars seine Anerkennung, schafft Momente, in denen seine Handlanger selig sind, perfekte Momente, die sie nie mehr vergessen. Das motiviert und spornt an. Erst recht Thomas Hessel, der nun endlich allen zeigen kann, was in ihm steckt bei seiner ersten eigenen Story – das ist die Reise mit den Journalisten in den Regenwald, wo sie in einem Dorf Juana kennen lernen sollen, eine arme Frau auf dem Land, alleinerziehend natürlich, die durch das (gentechnisch veränderte) Saatgut des spendablen Maisproduzenten nun selbst erste Erträge erwirtschaften kann und schon zwei Arbeiter eingestellt hat. Es ist alles perfekt inszeniert: vor den unwissenden Augen der Journalisten spielen sich Szenen ab, als wäre man in Hollywood, mit eingeweihten Darstellern und einer professionellen Schauspielerin, die die Geschichte der Juana spielt, sogar ein Baby ist da für die, es wurde morgens dem lokalen Waisenhaus entliehen. Eine richtige gute Hope-Story wird das die die Herzen der Europäer erweichen wird.

Thomas hat sich, neben der abgesprochenen Story, noch eine kleine Überraschung für alle überlegt, nämlich eine Brandrodung in der Nähe des Dorfes just in dem Moment, in dem die Journalisten mit Juana plaudern und ihre Hütte besichtigen. Die allgemeine Flucht, als das Feuer doch ungewöhnlich schnell um sich greift, sorgt für erste chaotische Szenen, die noch getoppt werden, als Thomas, schon im Auto, Juana befiehlt, das Kind aus „ihrer“ schon Feuer gefangenen Hütte zu holen. Juana rettet das Kind, trägt selbst schwere Brandverletzungen davon – und Thomas´ wackeliges Video per Smartphone, das er gleich nach YouTube überträgt, übertrifft alle seine Erfolgserwartungen bei weitem.

„Das verwackelte Handykamerabild ist die neue Ästhetik der Authentizität. (…) Deshalb muss die PR von ganz unten kommen, von Menschen wie dir und mir, die zufällig Zeugen großer Ereignisse werden. Die Inszenierung aufmerksamkeitskritischer Events, auf die authentische Menschen authentisch reagieren und dann als Augenzeugen davon berichten, ist die neue Königsdisziplin. Event-based statt evidence-based communication. Das ist mein Motto. Make it happen.“ (S. 44)

Als Jens die Zugriffszahlen bei YouTube sieht und einen Überblick über die Reaktionen hat, bescheinigt er Thomas: „Gute Arbeit. Der perfekte Spin.“ Und bestellt ihn für die kommende Woche zum Squash – der Ritterschlag, endlich.

„Greenwash, Inc.“ wäre eine gelungene Geschichte geworden, endete sie nun, nach diesem ersten Kapitel. Die Leser würden sich die Augen reiben, würden die neu gelesenen Begriffe nachschlagen und in Zukunft große Vorsicht walten lassen, wenn Unternehmen ihnen Nachhaltigkeit, Bio, Öko oder andere Wundertaten weismachen wollten. Die Leser würden sich in den schönsten Farben ausmalen können, wie es mit Thomas Hessel weiter geht, wo doch sein alter Journalistenkollege Schneider, der auch vor Ort war und im übrigen noch eine Rechnung offen hat, vermutlich auch die Ölfässer neben den Hütten gesehen hat.

Aber der Roman geht weiter und zeigt im fast klassischen Dramenverlauf und mit voraussehbar überzogenen Aktionen den tiefen Fall des Thomas Hessel, der bei seinem nächsten Coup nicht nur andere Kunden der Agentur in Misskredit bringt – kennt er das Kundenportfolio eigentlich nicht? -, sondern sich, gemeinsam mit Christoph, in einem persönlichen Kleinkrieg mit den Vertretern einer vermeintlichen Konkurrenzagentur zu völlig unmotivierten Aktionen hinreißen lässt, an deren Ende es einen Toten gibt. Und natürlich lässt sich auch Agenturchef Jens Mars nicht lumpen und denkt sich seinerseits beeindruckende event-basierte Kommunikationsanlässe im Rahmen eines Nachhaltigkeitstages aus, alles getreu der uralten Marketing-Weisheit: „Überleg dir etwas Neues, oder erhöhe die Drastik!“ (S. 43)

Die Figur des Thomas Hessel entwickelt sich nicht, lernt nichts, ist überhaupt zu dumm zu verstehen, was um ihn herum passiert, wie er nun selbst zum Sündenbock gemacht wird – oder kann es nicht verstehen, weil er permanent sein Gehirn vernebelt mit Alkohol, Medikamenten und anderen Drogen. In den Etappen seines Abstiegs, in der Reflexion seiner Stellung in der Agentur, in seiner so sehr eingeschränkten Weltwahrnehmung ähnelt er sehr dem ebenfalls fallenden Immobilienmakler Thomas Meyer aus Lilian Lokes Roman „Gold in den Straßen“. Nur sind hier eben die Handlungen aller Beteiligten drastischer. Das wirkt dann auch nicht mehr satirisch, sondern allenfalls noch absehbar. Und so ist die „Rettung“ des gefallenen Helden im sechsten Kapitel auch nicht mehr wirklich überraschend, denn ein Rätsel des Romans muss noch geklärt werden.

Dabei ist das Motiv der Blase, das Thomas Hessel im ganzen Roman begleitet, ein sehr anschauliches, ein sehr passendes. Denn letztendlich gilt auch für die Branche des Grünwaschens: Fällt ein Mitarbeiter bei der einen Agentur in Ungnade, gibt es eine andere, die ihn mit Kusshand – und natürlich reichlich Sekt – wieder einstellt. Und geht gar eine Greenwash-Agentur über die Wupper, weil sie dabei erwischt worden ist, dass sie längst nicht so handelt, wie sie in sprachlichen Arabesken in ihrem Leitbild versprochen hat, so lässt sie einfach am Bürogebäude ein neues Logo anbringen, installiert einen neuen Geschäftsführer – und schon kann es munter weiter gehen. Es ist mit den Unternehmen in dieser Branche also genau so, wie Thomas Hessel es schon in der Badewanne erkannt hat: „Auch wenn eine Blase platzt, es bilden sich immer wieder neue.“

Karl Wolfgang Flender (2015): Greenwash, Inc., Köln DuMont Buchverlag

Wer nehr erfahren möchte zum Thema „Greenwash“, dem seien die Informationen des BUND mit vielen Links zu Beispielen aus verschiedenen Branchen und politischen Themen empfohlen sowie die deutlichen Warnungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers zu diesem Thema.

Ein Interview mit Karl Wolfgang Flender könnt ihr hier hören (ab 21.45).

13 Kommentare

  1. Ich hab das Buch unaufgefordert vom Verlag zugeschickt bekommen, reingeblättert und wieder zugeklappt: Satire, die zu fett mit dem Spachtel aufgelegt ist, ist nicht meins. Schade, das Thema wäre interessant gewesen – greift es doch auch auf, wie wir Konsumenten manchmal ausgetrickst (um nicht zu sagen „verarscht“ werden). Aber das war alles ZU offenkundig. Ständig die Chamapgnerschlürferei, Name- und Markendropping, etc…ich habe mich gewundert, dass dieses Buch beim Deutschlandradio als Wunsch für die Longlist gelandet ist…

    • Liebe Birgit,
      da hat Dich Dein erster Eindruck tatsächlich nicht getrogen: Ein sehr interessantes Thema, bei dem mich überrascht hat, wie gut dazu schon kitische Informationen zu finden sind, ein Thema also, das mehr als geeignet wäre, um in kritischer zeitgenössischer Literatur bearbeitet zu werden. Aber diese zynischen, sich selbst völlig überschätzenden Typen, die sich zu so mancher – diesmal auch völlig unglaubwürdiger – Verstiegenheit verleiten lassen, die sind auf die Dauer einfach fad. Und wirklich satirisch finde ich Flenders Roman auch nicht, dazu müsste viel feiner und eleganter mit den Dingen umgegangen werden. Aber ich wette einmal, dass der Roman uns diese Woche wieder begegnen wird beim Verkünden der Longlist – von gesellschaftsrelevanter Popliteratur sprach ja immerhin die FAZ. Vielleicht findest Du es ja doch noch auf Deinem Lesezettel…;)
      Viele Grüße, Claudia

      • Nö, vermutlich nicht…außer ich verspüre den Drang, einen Verriss zu schreiben: Die ersten vier Kapitel haben mir erstmal gereicht. Und die Buchpreisblogger lesen ja nicht die ganze Longlist – das wäre nur noch Konsum – sondern wie ihr letztes Jahr einige wenige Titel pro Nase.

  2. Du hast mal wieder eine sehr fundierte Vorstellung hier abgeliefert. Schade, dass ein Zuviel verarbeitet wurde … im Roman meine ich. Ich denke aber auch, dass die Wirklichkeit nicht weit weg von den Darstellungen im Roman ist und dieses dick aufgetragene nicht immer als Satire gesehen werden kann. Bitter ist es tatsächlich, was in der Realität passiert. Ich werde mal überlegen, ob ich das Buch lesen möchte … irgendwie reizt es trotzdem 😉 LG von der Bri

    • Liebe Brigitte,
      am Anfang, eben im ersten Teil des Romans, konnte ich mit dem „dick Aufgetragegen“ ja auch noch einigermaßne leben. Da hat Birgit, so wie sie es geschildert hat, viel schneller und ungeduldiger das Buch wieder zugeklappt. Aber in den folgenden Romanteilen ist es mehr als „zu dick“. Mich hat das Lesen wirklich ärgerlich gemacht. Wenn ich es mir nicht zum Ziel gesetzt hätte, jedes Buch, über das ich etwas schreibe, auch zu Ende zu lesen, hätte ich schon viel früher aufgehört. Die thematische Idee ist wirklich gut, aber die Ausführung in allen Aspekten eines Romans aus meinen Augen nicht überzeugend. Aber: mach´ selbst ein Bild. Wenn Du magst, dann schicke ich Dir meinen Roman, er trägt jedoch jede Menge Lesespuren (Marker, Bleistift).
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudis,
        das ist eine sehr lobenswerte Auffassung, die Du den büchern, die Du rezensieren willst, entgegen bringst. Ich habe auch schon Bücher abgebrochen, dann einmal etwas darüber geschrieben, das aber auch klar gemacht. einmal ein buch durchgezogen, weil ich es unbedingt rezensieren wollte … dementsprechend ist es ein Verriß gworden. Ich denke über Dein Angebot sehr gerne nach … allerdings habe ich im Moment noch ganz viel sUB 😉 Ganz liebe Grüße, Bri

      • Liebe Brigitte,
        dann mlde Dich doch, wenn noch ein weiteres Buch Deinen Stapel beehren soll :-).
        Viele Grüße, Claudia

      • Das mache ich gerne – und wenn ich mich mal revanchieren kann, dann melde dich bei mir 😉 LG, Bri

  3. Liebe Claudia,
    das ist für mich eine supertolle Besprechung, da ist alles drin an Spannung, was der Konsument, äh Leser braucht… Nein ehrlich, ich bin Dir wirklich sehr dankbar für diese eindeutige Besprechung eines Buches, das eigentlich ein richtig interessantesThema hat, das ja wirklich Jeden jeden Tag betrifft.. Schade, dass da so dick aufgetragen wurde, Chance verpasst. Und ich hab Glück gehabt, denn ich brauche mir nicht mal zu überlegen, ob ich das Buch auf die Liste nehmen soll, puuuh.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      was freue ich mich über Deinen Kommentar! Ehrlich! Weil ich vorhin auf Deinem Blog war und mich das, was Du dort geschrieben hast, sehr nachdenklich gemacht hat und auch noch macht. – Und vielen Danbk für Deine lieben Worte zu meinem Kommentar. Ein bisschen Spaß gemacht hat das Schreiben ja schon und offensichtlich ist es auch verständlich geworden. Nein, Du brauchst „Greenwash“ nicht lesen, auch wenn es so ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema ist, denn es sind ja viele Unternehmen mit ihrem lustigen, putziglichen, grünen Ideen unterwegs. Ich lese gerade Ulrich Peltzers „Das bessere Leben“, das hat wesentlich mehr Tiefe in den Charakteren, hat einen wesentlichen besseren Bezug zu unseren gesellschaftlichen Entwicklungen in den letzten dreißig bis vierzug Jahren – und zeichnet so auch ein bisschen unsere eigene Sozialisation nach – und er verknüpft seine vielen roten Fäden immer wieder auch mit der Kunst: das ist ein sehr viel tiefgehenderer, ein sehr viel komplexerer Roman als Flenders „Greenwash“. Und bestimmt hast Du ja auch noch etwas Schönes auf Deinem SUB, über das Du dann mal wieder etwas schreiben kannst – möglichst mit gaaanz vielen Abschweifungen (die ja wirklich immer wieder das Salz in der Suppe sind):-).
      Viele liebe Grüße und ganz viel gute Erholung, Claudia

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