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Lilian Loke: Gold in den Straßen

Loke_2Mitten hinein in die Welt des Kaufens und Verkaufens führt Lilian Lokes Debütroman, in die Welt der Luxusimmobilien, der ausgesucht guten Kleidung, der Schuhe aus besonderem Leder, der teuren und schnellen Autos, des exklusiven Essens und der Benefiz-Galas. Und mitten drin ist Thomas Meyer, mit Allerweltsnamen und Allerweltsherkunft, aber dem besonderen Talent nicht nur Luxusimmobilien zu verkaufen, sondern ganze Lebensträume. An guten Tagen kann er seinen Kunden durch eine ganz ausgeklügelte Inszenierung des Objektes, durch dezente Hinweise auf die die verbauten feinsten Materialien, durch seine besonders gestalteten Besichtigungsrouten, und vor allem durch die dem jeweiligen Kunden völlig adäquate Ansprache, ein bisschen devot, immer zuvorkommend, an den richtigen Stellen bestimmt, die teuersten Immobilien zu leicht überteuerten Preisen verkaufen. Er geht hohes Risiko – und ist sehr erfolgreich.

Thomas Meyer spielt in der falschen Liga und daran lässt Loke von Beginn an keinen Zweifel. Beim Joggen am Morgen geht er in Gedanken noch einmal die die Besichtigungsroute durch, mit der er den Kunden vom Haus überzeugen möchte. Bis gestern noch ist er so sicher gewesen, dass sein Kunde mit dem exklusiven Geschmack, der alle bisherigen Immobilienvorschläge Falbers, seines Chefs, als langweilig, als „regelrecht tot“ bezeichnet hat, dieses Haus einmalig und außergewöhnlich finden wird, dass er heute verkaufen kann. Aber an diesem Morgen befällt ihn doch die Angst, dass er die Situation falsch eingeschätzt hat. Wenn es nicht klappt, wenn der Kunde nicht anspringt, dann hat er eine Immobilie akquiriert und im Preis zu hoch eingeschätzt, hat viel zu hoch gepokert und nun ein nahezu unverkäufliches Objekt in seinem Bestand. Eine denkbar schlechte Reputation, ein deutlicher Rückschritt auf seinem Karriereweg, die Leitung des Frankfurter Büros zu übernehmen.

Ganz in Sorge laufend knickt er um, stürzt in den Weiher, verliert den Boden unter den Füßen, gerät unter Wasser und droht zu ertrinken. Je mehr er versucht, an die Oberfläche zu kommen, umso schwerer wird seine Laufkleidung, die Brust schmerzt ihn, der Kragen schnürt ihm die Luft ab. Bis eine Hand kommt, ihm Orientierung gibt, er wieder festen Boden unter die Füße bekommt: Das Wasser reicht ihm knapp bis zur Brust.

Thomas Meyer kann nicht schwimmen. Der Vater wollte es ihm beibringen, hat ihn angeherrscht, als es nicht sofort klappte, hat ihn geohrfeigt für seinen Misserfolg, bis der Bademeister dazwischen gegangen ist. Die Gefühle von Angst und Versagen sitzen tief in Meyer, prägen die Beziehung zum Vater, begleiten ihn bei allen Verkaufsgesprächen: „Lampenfieber bei jeder Besichtigung, ein Gefühl, als sirre jede Faser seines Körpers, Angst (…)“.

Aber Meyer ist mutig, will nach oben, will heraus aus dem Viertel der kleinen Leute, will auf keinen Fall die Schuhmacherei seines Vaters übernehmen, die schmutzigen, übel stinkenden und viel zu billigen Schuhe der Kunden putzen und reparieren, den Dreck so tief in den Poren der Haut sitzend, dass er ihn auch beim minutenlangen Waschen nicht los wird. Zum Gymnasium darf er nicht, der Vater will, dass er eine Ausbildung macht nach der Realschule. Also wird er Bankkaufmann, da kann der Vater nichts gegen haben, beginnt nach der Ausbildung Bankprodukte zu verkaufen, erfolgreich, auch wenn er das Verkaufen noch gar nicht richtig beherrscht.

Koll hilft ihm, sich zu verbessern, denn Koll, der nach einem Autounfall erblindete, ist überaus erfolgreich bei der Telefonakquise, hat seine Stimme perfektioniert und vor allem sein Zuhören des „Inneren, Unsichtbaren“, des „Minenfelds bei Akquise und Beratung per Telefon.“ Von Koll hat Meyer mehr gelernt als bei allen seinen Fortbildungen, die er besucht hat, um auch auf dem Papier ein Immobilienmakler zu sein:

Vor Koll beherrschte Meyer Rhythmus beim Verkauf, aber wenig Melodie. Wenn du Angst hast, Thomas, denk an Honig, Sirup, Treibsand, du transportierst nicht nur Stimme, sondern Stimmung, man hört deine Mimik, dein Inneres, auch wenn der Kunde dich nicht sieht: Angst macht hässlich. Verkauf ist David gegen Goliath, Verkaufsgeschick gegen rohe Kaufkraft. Nicht was, sondern wie du es sagst, entscheidet. Das muss nicht wahr sein, nur glaubhaft. Kunst. Der brillante Verkäufer weiß, aber sagt nicht alles, verursacht Hunger, betet nicht einfach die Speisekarte runter. (S. 48)

Und so hat Meyer an guten Tagen, wenn er alles unter Kontrolle hat, wenn er sich auf alles gut vorbereiten kann, das Verkaufen im Griff. Dann hat er Lust auf die „Performance“, dann kann er bei seinen Kunden die Emotionen auslösen, die sie brauchen, um überzeugt zu sein, „das größte Stück Kuchen auf dem Teller zu haben“. Dann sind seine Schwimmbewegungen so elegant, als könnte er ewig lange Strecken im Wasser locker bewältigen.

Aber er schleppt das Nicht-Schwimmen-Können mit sich herum wie Bleikugeln an den Füßen. Seine Kollegen, meistens älter, vor allem aber mit einer ganz anderen Ausbildung, nehmen ihn nicht ernst, sehen in ihm nur den dreisten Aufsteiger, den Schwätzer, beobachten argwöhnisch, was er macht. Als Meyer tatsächlich die Leitung des Büros in Frankfurt übernimmt, an Gläsker, seinem Rivalen, vorbeiziehen kann, hat er gleich mehrere Feinde, die nur auf einen Fehler warten.

Und auch für seine Freundin, allerbeste Frankfurter Familie, hat er überhaupt nicht den richtigen Stallgeruch. Ihr Bruder beleidigt ihn auf jeder Feier, auf der sie zusammentreffen, spricht immer wieder davon, dass seine Schwester bei ihren Freunden immer „nach unten greift“, bezeichnet ihn gar als „menschlichen Abszess“. Meyer ist sich seiner Situation bewusst, lässt sich von ihr, der Einrichterin großer Hotels, seine Wohnung verschönern und fühlt sich dann zu Hause nicht mehr wohl; trägt die Kleidung, die sie ihm mitbringt, und kommt sich selbst fremd vor; passt auf, dass er die sündhaft teure Uhr, die sie ihm geschenkt hat, nicht im Büro trägt, dort bringt sie ihm nur Neid.

Lilian Loke hat beileibe keinen sympathischen Protagonisten auf die Straße geschickt. Und doch schafft sie es mühelos, dass wir Thomas Meyer in seinen Abstieg folgen. Denn sie zeigt nicht nur den Immobilienmakler, der alles darauf anlegt, den Kunden „zu kriegen“, sondern zeigt auch Meyers Geschichte, gibt ihm eine komplexe Biografie, die klärt, warum er da steht, wo er steht. Denn Geld hat in seiner Familie schon immer eine große Rolle gespielt. Der Vater, der Schumacher, war so geizig, dass es kein Extra gab für den Sohn. Immer schien das Geld knapp, auch wenn der Vater sechs Tage arbeitete. Die Klassenfahrt wurde abgesagt, er habe ja schließlich keinen Gold-Esel, so der Vater. Vielleicht klärt das Meyers Willen, ganz nach oben zu kommen, vielleicht erklärt das seinen Kampf um das Geld.

Loke findet aber auch ganz passende Bilder für ihren Protagonisten. Immer wieder zeigt sie das Motiv des Drecks und Meyers Kampf dagegen: Es ist der Dreck an den Schuhen, die Meyer für seinen Vater nach allen Regeln der Kunst putzen muss, der Dreck, den er dann nicht mehr von den Fingern bekommt, jetzt als Makler der Blick auf die immer perfekte Kleidung, die eigenen perfekt geputzten Schuhe als wichtige Verkaufsrequisiten. Und immer wieder das Gefühl, selbst nur aus Dreck zu bestehen, immer wieder die Magenschmerzen, das Erbrechen. Ein anderes Motiv ist der Vogelmann, dem er immer wieder begegnet, der Tauben füttert, die nicht nur Dreck machen, sondern auch Krankheiten übertragen, der überhaupt keine Schuhe hat, nur Zeitungsfetzen an den Füßen. Und Meyer weiß, wenn er nicht mehr mitmacht „im System“, wenn er sich dem Kaufen und Verkaufen entzieht, wird er enden wie der Vogelmann, mit Zeitungspapier an den Füßen,

dann siebst du dich aus, und selbst dann hast du dich noch nicht genug ausgesiebt, weil du noch als atmendes stinkendes Mahnmal herumläufst, meinst, irgendwer gibt einen Scheiß drauf, ob du lebst. (S. 203)

Und so kommt Meyer an den Punkt, an dem er sein Herz verkauft für den Erfolg, der ihm die Büroleitung sichern soll. Wie Peter Munk, der Köhler in Wilhelm Haufs Märchen, der es leid ist, im Wald zu leben, der lieber mit den Glasmännern und Uhrmachern zusammen sein möchte, der tanzen möchte und Karten spielen, so gibt Meyer sein lebendiges, warmes Herz weg und bekommt ein kaltes aus Stein zurück. Den Erfolg hat er, die Geschichte aber entwickelt sich trotzdem anders, als Meyer es geplant hat. Den Abstieg, Schritt für Schritt, erzählt uns Lilian Loke genauso fulminant, wie sie uns Meyer zu seinen besten Zeiten gezeigt hat: soviel es sich bemüht, er kommt und kommt nicht mehr an die Oberfläche, die Kleidung wird immer schwerer, die Brust schmerzt, der Kragen schnürt ihm die Luft zu.

Lilien Loke (2015): Gold in den Straßen, Hamburg Hoffmann und Campe Verlag

Hier findet Ihr ein Interview mit der Autorin bei Lesezeichen und hier ihre Homepage.

12 Kommentare

  1. Tolle Rezension. Hätte nicht schon die Lesung riesige Lust auf den Roman gemacht, spätestens jetzt wäre er fällig 🙂

    • Du hast bestimmt noch einen anderen Blick auf den Roman, jetzt, da Du auch die Autorin kennengelernt hast und sie bestimmt noch den einen oder anderen zusätzlichen Gedanken zum Buch erzählt hat. Dein Bericht vom Literaturabend klang ja schon sehr begeistert – und begeisternd! Und ich bin sehr gespannt, was Du demnächst zu Thomas Meyer schreibst.
      Viele Grüße – und ganz viel Spaß beim Lesen, Claudia

  2. Sehr spannend, tolle Rezension. Verbissenes Streben nach oben – auch das klingt wieder nach einem Thema der Zeit, nur in diesem Fall auf Grundlage einer speziellen Kindheit. Bin gespannt auf das Buch! Viele Grüße, Sonja

    • Vielen Dank für Deine netten Worte zur Besprechung, liebe Sonja. Das Streben nach oben – die Idee, es könne ja jeder vom Tellerwäscher zum Millionär aufsteigen, er muss es nur richtig wollen und richtig hart dafür arbeiten – ist ja wirklich ein ganz aktuelles Thema. Es gibt solche Nischen, in denen es ab und zu mal klappt. Auch Thomas Meyer schafft es ja eine gewisse Zeit, auch getrieben von seiner Kindheit. Dabei finde ich diese Kindheitsmotivation zwar verständlich, aber fast schon zu viel an Erklärung. Braucht es immer solch eine Kindheit, wie Meyer sie erlebt hat, um das ganz große Rad drehen zu wollen? Gerade in unserer Zeit doch eigentlich nicht. Da ist die Autorin ganz auf Nummer Sicher gegangen, was Meyers Motivation betrifft. Aber das tut dem Roman auch keinen Abbruch. – Und da sich Dein Kommentar so liest, als ob „Gold in den Straßen“ auch schon auf deinem Stapel liegt, bin ich auch auf Deine Romaneindrücke sehr gespannt.
      Viele Grüße, Claudia

  3. Liebe Claudia, ich bin immer wieder beeindruckt, wie du es schaffst, neue Romane zu finden, die sich mit gesellschaftlichen Phänomen beschäftigen. Wäre auch wieder komplett an mir vorbeigegangen.
    Du hast das Adjektiv fulminant verwendet. Gab es denn für dich den großen Erkenntnisgewinn oder eine neue/zusätzliche Sicht auf bestimmte Dinge? Oder hat es einfach Spaß gemacht, ein gut geschriebenes Buch zu lesen? Neugierige Grüße, Anna

    • Liebe Anna,
      es scheint wohl mein Thema zu sein, die geslleschaftlichen, die wirtschaftlichen Phänomene in der Liteatur zu suchen. Und so schaue ich mir schon die Verlagspospekte ganz gezielt nach Romanen an, die sich mit solchen Phänomenen auseinandersetzen. Und in diesem Frühjahr gab es da tatsächlich sogar ein paar Titel.
      Und Loke schaut ganz tief in eine Figur hinein, die im Prinzip so gar nicht sympathisch ist. Ihrem Meyer mit seinem Weltbild, das sich nur ums Kaufen und Verkaufen, am besten emotional, dreht, und dem er auch seine Beziehungen unterwirft, folgt man als Leser doch trotzdem irgendwie ganz gespannt. Das liegt sicherlich daran, dass sie ganz nah bei ihm bleibt, uns wirklich die Welt aus seinen Augen schildert, uns auch an allen seinen Überlegungen teilhaben lässt. – Und ein bisschen wird es uns ja auch mit ihm schlecht bei den merkwürdigen Essen in den angesagtesten Frankfurter Esstempeln :-).-
      Und Meyer ist ja nicht irgendweine Fantasiegestalt, sondern in seiner Weltsicht höchst real. Da lese ich noch am Roman und besuche eine Veranstaltung zum Thema „Öffentlichkeitsarbeit an Berufskollegs“, da steht doch da so ein witziger Dozent vor uns, der uns Glauben machen möchte, wir seinen alle Verkäufer unserer Schulen und unser Bildungsangebot sollen wir doch einfach einmal viel emotionaler verkaufen. Kundenzufriedenheit sei die wichtigste Kennzahl, daran sollten wir immer denken und auf meine sehr interessierte Frage, wie er sich das im Zusammenhang mit Notendiskussionen vorstelle, meinte er, selbst Dozent an mehreren privaten Fachhochschulen, in solchen Gesprächen sei er immer ergebnisoffen. Da war er also, der Thomas Meyer, jetzt verkaufte er gerade keinen Immobilientraum mehr, sondern einen Bildungstraum. Hurra!
      Um also noch einml auf Deine Fragen zurückzuukommen: Es hat Spaß gemacht, den Roman zu lesen und die konsquente Verkäuferhaltung Meyers hatte schon auch neue Aspekte. So dermaßen eingeschlossen zu sein in so ein Gedankenkonstrukt, nicht zu merken, dass es einem überhaupt nicht guttut, das ist schon interessant und so ist auch ein Untergang, wobei es offen bleibt, ob es dazu kommt, durchaus spannendzu lesen.
      Viele Grüße und ein schönes Wochenende, Claudia

  4. Danke für deine Antwort. Zwischenzeitlich wurde mir kurz blümerant, als du dein Erlebnis mit dem Dozenten schildertest. Ergebnisoffene Notendiskussion. Hübsch gruselig. Sicherlich sehr im Interesse meiner Kunden, die dann zum Kollegen abwandern, wenn es da bessere Noten gibt. Evaluation ist ja auch so ein Wort und Qualitätsmanagement. Ich finde da manches höchst bedenklich, denn wie in der Wirtschaft werden dann irgendwann Zielvereinbarungen getroffen, wie viele Schüler welche Noten erreicht haben sollten, und wehe, das wurde nicht umgesetzt/erreicht. Manchmal geht es jetzt schon mehr um den Schein und die Außendarstellung als um das Sein im Inneren der Schule.
    Aber genau diese Nähe solcher Bücher zu unserem Alltag sorgt dafür, dass ich um solche Werke gern einen Bogen schlage. Beim Lesen möchte ich oft etwas ganz anderes kennenlernen oder davon „abschalten“ oder einfach unterhalten werden. Deswegen bin ich immer froh, auf deinem Blog doch das ein oder andere zumindest wahrzunehmen.
    Ja, nun stapelt es sich hier auch so vor sich hin… Ein gutes Vorwärtskommen und liebe Grüße, Anna

    • Liebe Anna,
      die Notenvergleiche werden bei unserer Bezirksregierung schon gemacht: alle Schulen mit den gleichen Bildungsgängen kommen in eine Statistik und werden mit ihrer Platzierung in Charts abgebildet (ich glaube die Durchschnittsnote fließt ein, evtl. auch die Bestehensquote im Verhältnis zu den Anmeldezahlen). Es ist auch schon darüber diskutiert worden, ob die die Schulen mit den schlechtesten Werten noch einmal besonders „betreut“ werden sollen/müssen. Davon ist zunächst abgesehen worden. Die Abteilungsleiter jeder Schule bekommen von der Bezirksregierung darüber hinaus so ein Chart „frei Haus“ geliefert mit der launigen Bemerkung, das Ergebnis in der Bildungsgangkonferenz zu diskutieren. Ich bin – mit Ausnahme der drei notwendigen Seminare für die Wirtschaftswissenschaften (Statistik und Marktforschung) – kein versierter Statistiker. Aber eine Zahlenfolge ohne Grundgerüst zu disktutieren, ohne erst einmal einen tatsächlichen gemeinsamen Konsens zu haben, was Bildungsqualität ist und der Frage nachzugehen, inwiefern sich diese in Notendurchschnitten spiegelt, halte ich für sehr gewagt, denn es ist ja nichts leichter als nette Noten zu vergeben, da sind auch die landesweiten Zweitkorrekturen kein Hindernis. Wer will sich schon in den Ruf bringen, eine Drittkorrekturenlawine auszulösen,, weil er die Noten für zu gut hält, das macht doch nur bei allen Beteiligten schlechte Stimmung, so die einhellige Meinung. – Wie Du siehst: Mir macht das Zahlengeklapper, das so überaus schnell aus der Wirtschaft – wo es auch nur ganz bedingt Sinn macht – ausgerechnet in einen Bereich wie Bildung vordringt, wirkliche Sorge. Und das Berufsleben ist noch so verdammt lang, da wird noch etwas auf uns zu kommen, so meine Meinung als höchstzertifizierte Unke ;). Naja, wir nehmen es, wie es kommt, lassen uns die Laune nicht verdrießen, freuen uns wie Bolle, wenn es wirklich gute Arbeiten gibt und genießen ansonsten das Leben, die Literatur und den Frühling.
      Mit Blick auf den grünen Garten viele Grüße vom Korrektur-Schreibtisch, Claudia

  5. Liebe Claudia, liebe Anna,
    erstmal muss ich mich Anna anschließen: Ich finde es auch toll, dass Du Dir auf dem grauen Sofa schon so ein eigenes Profil zugelegt hast mit Buchbesprechungen zu gesellschaftskritischen Romanen, Phänomenen unserer Zeit etc. (auch wenn ich dann oft ein Gewissen kriege, weil ich mich damit so wenig beschäftige, sondern eher mit der Literatur von vor rund 80 bis 100 Jahren) und weil ich oft auch nicht so ausführlich bei Dir kommentieren kann wie Du bei mir, da ich ungern was zu Büchern schreibe, die ich nicht kenne (das wäre sonst nur blabla) oder von deren Autoren ich nie was gehört habe…Eure Bildungsdiskussion ist höchst interessant! Und solche Typen wie dieser Dozent bewegen sich eben leider nicht nur in den ihn angestammten Bereichen. Ich kenne das aus dem klinischen Bereich, den ich früher als Pressereferentin mitbetreut habe – da gab es auch diese Anstrengungen, alles auf solche Strategien umzustellen. Das macht nur bedingt Sinn: Natürlich sollte man sich bewußt sein, dass auch ein Patient eine Dienstleistung in Anspruch nimmt und gewissermaßen Kunde ist. Aber da sind andererseits die Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsfreiheit eben begrenzt. Und die ganze Nomenklatur dient am Ende nur dazu, Mängel und Defizite des Systems, die zu Lasten der Kunden gehen, als etwas Tolles zu verkaufen…Ein bißchen hat mich die Romanbesprechung mit dem Frankfurter Milieu übrigens auch an Martin Mosebach erinnert, der das zwar sehr konservativ, aber mit feiner Ironie immer wieder auch aufgreift, z.B. in „Der Mond und das Mädchen“
    LG Birgit

    • Liebe Birgit,
      und ich bekomme ein schlechtes Gewissen, weil ich mich so schlecht in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts auskenne – und könnte das wohl auch gleich erweitern auf die Nachkriegszeit und auf alle Jahrhuderte was die Lyrik betrifft und, und, und….. Jeder hat halt so sein Interessensgebiet, setzt seine Schwerpunkte und lebt sie hemmungslos auf seinem Blog aus. Das macht doch gerade die Vielfalt aus. Blog-Lesen ist ja immer auch ganz viel Neues erfahren und lernen, das ist doch gerade das Wunderbare daran. Also: ich will noch mehr unbekannte Lyriker kennenlernen, will immer mal wieder einen Blick auch auf die englische Literatur (von Anna) usw.
      Und mit dem Krankenhaus hast Du tatsächlich einen weiteren Bereich angesprochen, der sich nur mäßig eignet für einen sogenannten freien Wettbewerb zwischen rational entscheidenden Kunden, die sich bei akuter Lungenentzündung mal eben einen Blick über die Marktangebote verschaffen und dann nach eigenen Kriterien ein auf ihre speziellen Bedürfnisse ausgerichtetes Angebot aussuchen. Der Arzt ist für mich auch kein Hotelbetreiber oder Softwareanbieter, sondern eine Vertrauensperson, von dem ich hoffe, dass er mir mit seinen Kenntnissen, die ich so schnell gar nicht erwerben kann, weiter hilft. Wenn er auch noch anfängt, mich mit Cross-Selling zu nötigen oder unnötigen Untersuchengen, Medikamenten usw. zu überreden versucht, womöglich, weil er bestimmte Verkaufsziele erreichen muss, ist dieses Vertrauensverhätlnis nachhaltig gestört. Es hat mal Sinn gemacht, einige Bereiche unseres Lebens aus dem Wettbewerb herauszunehmen. Da aber auch dort eine Menge Geld lockt, werden einfach zu viele angelockt, die sich hier gerne bedienen möchten. Wir könnten es jetzt weiter ausführen: Alters- und Pflegeheime, Kinderheime, Unterkünfte für Flüchtlinge – alles Bereiche, in denen die öffentliche Hand schön ausgenommen werden kann: Privat vor Staat. So, nun habe ich mich in Wut geschrieben und höre mal lieber damit auf 🙂
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        also hinsichtlich der Blogs ist mein Gewissen beruhigt. Es lebe die Vielfalt!

        Das andere Thema: Da kann und darf man ja auch die Wut kriegen. Bestimmte Bereiche der Daseinsvorsorge dürfen nicht nur nach wirtschaftlichen Aspekten – weil das immer auch einen gewissen Grad an Entmenschlichung mit sich bringt – „kalkuliert“ werden, zudem sollte gesetzlich verankert werden, daß diese in kommunaler bzw falls krichlich/Wohlfahrt in deren Hand bleiben müssen (es gibt dafür ja auch die Möglichkeiten der Kommunalunternehmen beispielsweise): Gesundheitswesen, Dienste der Sozialfürsorge (Asyl, behinderte, etc.), Altenhilfe, ebenso Enerige und Bildung sowie der Strafvollzug.
        habe neulich eine Doku über einen amerikanischen Jugendknast, der privat betrieben wird, im Fernsehen gesehen – die haben ja gar kein Interesse daran, ihr Publikum zu resozialisieren, weil es ihnen mehr Geld bringt, wenn die jungen Menschen im Knast sind. Zudem, wenn ich mich recht erinnere, hatte da auch der Jugendrichter des County seine Finger drin – was dazu führte, dass junge Leute wegen Kleinigkeiten und dummen Streichen in das Gefängnis kamen.
        Und man hat ja jetzt in den Berichten über die Asylantenheime in privater Hand auch in Deutschland mitbekommen, was dann für verheerende Verhältnisse sind – nur dass es da halt wenige interessiert, weil das sind „ja nur Asylanten“. Man muss da schon sehr wachsam sein!
        Viele Grüße, Birgit

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