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Katja Petrowskaja: Vielleicht Esther

Petrowskaja_1Die „Katze Erinnerung“ so sinniert Gesine Cresspahl sei „unabhängig, unbestechlich, ungehorsam. Und doch ein wohltuender Gesell, wenn sie sich zeigt, selbst wenn sie sich unerreichbar hält.“ (Uwe Johnson: Jahrestage, 2. Februar 1968) In Uwe Johnsons „Jahrestage“ erinnert Gesine ihre Familiengeschichte, spricht sie auf Band, um sie für die Tochter Marie zu erhalten für den Fall, dass ihr etwas passiert. Sie rekonstruiert die Vergangenheit bis in die Jugendtage ihrer Eltern und versucht so für Marie die Wurzeln sichtbar zu machen, die ihr sonst in New York, weit weg von der mecklenburgischen Heimat der Mutter und der Großeltern, verloren gingen.

Auch Katja Petrowskaja begibt sich auf Spurensuche, denn ihre Familiengeschichten sind verloren gegangen im Laufe des stürmischen 20. Jahrhunderts mit seinen Kriegen und wechselnden Herrschaftssystemen, mit Wanderungen, Vertreibungen, mit der Vernichtung durch den Holocaust. Sie ist in Kiew aufgewachsen glücklich, fröhlich und geliebt, in einer Familie mit Eltern, Geschwistern, Großmüttern, Onkeln, Tanten und Cousinen. Es gab Familienfeste an langen Tafeln, „laut“ und „überbordend“, und doch hört sie durch das muntere Lärmen mehr und mehr einen „Missklang“, fühlt mehr und mehr einen Verlust, sehnt sich nach der ganz großen Familientafel, an der sich alle Zweige des Familienbaums zusammenfinden, die Gellers oder Hellers, die Krzewins, die Sterns und Levis:

Eines Tages standen plötzlich meine Verwandten – die aus der tiefen Vergangenheit – vor mir. Sie murmelte ihre frohen Botschaften vor sich hin, in Sprachen, die vertraut klangen, und ich dachte, mit ihnen werde ich den Familienbaum aufblühen lassen, den Mangel auffüllen, das Gefühl von Verlust heilen, aber sie standen in einer dicht gedrängten Menge vor mir, ohne Gesichter und Geschichten, wie Leuchtkäfer der Vergangenheit, die kleine Flächen um sich herum beleuchteten, ein paar Straßen, ein paar Begebenheiten, aber nicht sich selbst. (S. 25)

Katja Petrowskaja stellt sie uns vor, so als würde sie durch ein Familienalbum blättern und sie uns zeigen: den Revolutionär, der seinen Namen änderte, den Physiker, den der Schwager verurteilte, den Kriegsheld mit Namen Geroj truda, Held der Arbeit, von allen Gertrud genannt, die vielen Lehrer, die seit zweihundert Jahren Waisenhäuser gegründet und Taubstumme unterrichtet haben, die Omas mit den Blumennamen, Anna und Ljolja, die in Baij Jar umgekommen sind, den Großvater Wassilij, den Mann der Oma Rosa, „die den schönsten Namen aller Logopädinnen hatte und auf ihren Mann wartete, länger als Penelope“, nämlich vierzig Jahre. Und dann nimmt sie uns mit auf ihre Erinnerungsreise, und wenn die vielen Namen und kurzen Beschreibungen beim ersten Blättern im Familienalbum eher verwirrend wirken, so nähern wir uns mit ihr, wenn sie uns von ihnen und ihrem Leben erzählt, den einzelnen Personen, sie beginnen Konturen zu bekommen, bekommen ihre Geschichte wieder, bekommen ein Gesicht.

Wie aber kann Erinnern gelingen, wenn es die, die erzählen könnten, nicht mehr gibt? Auf welche Quellen kann man sich stützen, wie gut sind sie, lässt sich die Wahrheit so rekonstruieren? Natürlich recherchiert Petrowskaja in Archiven, sie sucht in Warschau das Jewish Genealogie & Familiy Heritage Center auf, sucht dort in den Death Records aus Yad Vashem, sie schreibt Briefe und Mails, sie telefoniert. Sie kann einige Fakten ermitteln, bekommt ein Bild des Hauses, in dem der Warschauer Zweig der Familie wohnte, erlangt Sicherheit über einige, die durch die Nazis im Holocaust ermordet wurden. Die Menschen aber, die sie sucht, bekommen so immer noch kein Gesicht. Um die Geschichten der Menschen lebendig zu machen, braucht sie Menschen, die sich erinnern, wie es war, Zeugen also – und Zeugen sind Überlebende, von denen es durch die lange Zeit kaum noch welche gibt.

Manche der Lebenden, die sich erinnern, haben die Ereignisse selbst erlebt, manche erzählen die Geschehnisse aber schon so, wie sie sie selbst gehört haben. Die „Katze Erinnerung“ also schleicht durch Petrowskajas Geschichten, unabhängig, ungehorsam, aber auch wohltuend. Manchmal schleicht die ungehorsame Katze auch durch Petrowskajas eigene Erinnerung – oder die ihres Vaters: Sie nämlich erinnert sich, dass er immer erzählt habe, dass ein Fikus auf der Laderampe des LKW gestanden habe, in dem schon die Nachbarn sitzen, um vor den heranrückenden deutschen Truppen aus Kiew zu fliehen. Damit die eigene Familie mit ihren Habseligkeiten noch Platz hat, räumt der Vater des Vaters den Ficus zur Seite. So wird die im Weg stehende Pflanze für Petrowskaja das Bild für die Rettung des Vaters:

Der Fikus scheint mir die Hauptfigur, ja, wenn nicht in der Weltgeschichte, dann meiner Familiengeschichte zu sein. In meiner Fassung hat der Fikus das Leben meines Vaters gerettet. Doch wenn selbst mein Vater sich nicht mehr an den Fikus erinnern kann, dann hat es ihn vielleicht tatsächlich nicht gegeben. Als er mir von der Evakuierung erzählte, habe ich in meinem Bild möglicherweise die fehlenden Details in die Lücken des Straßenraums eingefügt. (…)
Noch keine Woche war vergangen, als mein Vater zu mir sagte: Ich glaube, ich erinnere mich an den Ficus. Vielleicht. Oder habe ich den Ficus jetzt von dir?“ (S. 219, 220)

Die Mutter kann sich nicht mehr genau an die Hausnummer des Hauses erinnern, in dem der Warschauer Familienzweig lebte, der Vater weiß den Namen der Großmutter nicht mehr genau, „vielleicht Esther“. Das ist die Großmutter, die in Kiew zurückgelassen werden musste, weil sie so schlecht gehen konnte, nicht einmal die Treppen im Haus würde sie schaffen. Und als die Aufrufe aushängen, dass „saemtliche Juden“ umgesiedelt werden und alle Hausmeister aufgefordert waren, den Auszug penibel zu überwachen, als aber die Hausbewohner einheitlich meinten, dieser alten Dame könne die Umsiedlung nicht zugemutet werden, sie solle in ihrer Wohnung bleiben, da raffte sich vielleicht Esther auf, ging die Treppen hinunter auf die Straße und sprach gleich zwei deutsche Soldaten an, die ihr entgegenkamen. Es muss einen Zeugen geben für diese Geschichte, jemanden, der die Szene hinter der Gardine beobachtet hat und sie später erzählte.

Es gibt aber auch die wohltuenden Momente bei der Suche, vor allem dann, wenn plötzlich durch völlig überraschende Fügungen Menschen wiedergefunden werden: Eine mittlerweile hochbetagte Dame aus Israel ruft an, um Informationen weiterzugeben über die Schüler und Lehrer des Abschlussjahrgangs 1940 – und stellt sich dann als Nachbarin der Mutter heraus, sie können gemeinsame Erinnerungen aufleben lassen. Eine Frau, die mittlerweile in Amerika lebt und in Yad Vashem Informationen über die getötete Tante und den Onkel hinterlassen hat, weiß etwas über ein Familienmitglied, das nach England gelangt ist, die Töchter sind Lehrerinnen – so kommt ein ganz neuer Ast an Petrowskajas Familienbaum.

Katja Petrowskaja lässt uns an der Rekonstruktion der Geschichten so teilhaben, als beobachteten wir sie bei ihrem Rechercheprozess: Sie erzählt nicht chronologisch und linear die Biografien der Familienangehörigen, sondern immer wieder Teile ihrer Geschichte, Puzzlestücke, die sich beim Lesen mehr und mehr zusammensetzen und Geschichten ergeben, wenn auch nicht ganze Biografien. Und sie berichtet auch ganz offen darüber, was ihre Recherchen mit ihr machen, was sie bewegt, wenn sie etwas Neues erfährt. Sie zeigt an, wann sie Leerstellen füllt, darüber spekuliert, warum einer ihrer Vorfahren sich so oder so verhalten hat, „vielleicht“, „möglicherweise“, macht auch deutlich, wenn sie keine Antworten findet. Und immer wieder denkt sie darüber nach, was es bedeutet, sich auf mündliche Überlieferung zu beziehen, welches Verhältnis Fakten und Fiktion haben, nicht umsonst hat sie ihrem Text das Etikett „Geschichten“ gegeben.

Und so setzt sie Teile der Geschichten der verlorenen Familienmitglieder wieder zusammen. Sie zeichnet den Weg des Urgroßvaters mütterlicherseits nach, der, in Wien geboren, nach dem Tod seines Vaters die Taubstummenschule in Warschau übernimmt, während des Ersten Weltkriegs nach Kiew flüchtet und dort bleibt. Sie geht dem Prozess gegen Judas Stern auf den Grund, dem Onkel des Vaters, der 1932 in Moskau ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat verübt hat. Sie rekonstruiert das Leben der Großmutter Rosa, die während des zweiten Weltkrieges aus Kiew flieht und in den Dörfern des Ostens ein Kinderheim aufbaut. Sie besichtigt das KZ Mauthausen in Österreich an, in das der Großvater, der Mann Rosas, nach mehrjähriger Gefangenschaft verlegt wird, in den letzten Tagen des Krieges. Und sie spekuliert darüber, wie es passieren konnte, das die Urgroßmutter Anna und ihre Tochter in Kiew blieben und so das Massaker in der Schlucht von Babij Jar zum Opfer fielen. Bei ihren Recherchen stößt sie auf ein Phänomen, das höchst erschreckend ist, denn die die Vernichtung der Juden war allumfassend: sie sind nicht nur getötet worden,sondern völlig ausgelöscht, indem auch ihre Geburts- und Heiratsakten vernichtet wurden. Selbst ihre Friedhöfe wurden zerstört, die Grabsteine zu Pflastersteinen gemacht, die heute in Kalisz von allen Fußgängern mit Füßen getreten werden.

Wenn der Leser zum Abschluss der Lektüre, die im übrigen auch sprachlich ganz besonders beeindruckt, der Autorin noch einmal über die Schulter schaut, mit ihr gemeinsam im Familienalbum blättert und sich ihrer Wurzeln erinnert, dann kennt er nun die Geschichten der verlorenen Familienmitglieder, zumindest den „unglücklichen Teil“ ihrer Geschichten. Und er hat am Beispiel des Schicksals dieser Menschen, die er hier als Individuen kennengelernt hat, noch einmal vor Augen, welche Auswüchse das 20. Jahrhundert bereitgehalten hat, zur Erinnerung – und zur Mahnung.

Katja Petrowskaja (2014): Vielleicht Esther, Berlin, Suhrkamp Verlag (ab April auch als Taschenbuch)

12 Kommentare

  1. Das gefällt mir sehr gut, v.a. dein Einstieg über die Cresspahl-Katze und die Erkenntnis, dass allein schon der Rechercheprozess sehr viel mit dem Forschenden macht, hier quasi eine Parallelgeschichte zu der gesuchten Geschichte entsteht. Habe selbst mal eine zeitlang Genealogie betrieben (aufgrund mangelhafter Quellenlage dann aufgegeben) und war immer überrascht, was die entstandenen „Leerstellen“ mit mir und meiner Phantasie angestellt haben. Sehr spannendes Thema. Danke.

  2. Liebe Claudia,
    wenn eine Besprechung mit Dschisain Cresspahl beginnt und der Katze Erinnerung, dann hat man mich natürlich gleich an der Angel. Und was dann kommt ist allerdings Salz in meine Nicht-gelesene-Bücher-die-ich-2014-unbedingt-lesen-wollte-Wunden. Das Buch bleibt auf der Liste und rutscht prioritätstechnisch einige Plätze nach oben, nicht zuletzt, weil Du mir mit Deiner Besprechung noch einmal mehr Lust darauf gemacht hast. Jetzt bin ich mal gespannt, wie ich meine anarchische, völlig unplanbare Lust-und-Laune-Lesestrategie in 2015 ein wenig bändigen kann. Obwohl…
    Liebe Grüsse und ein wunderbares Neues Jahr (oder hatten wir das schon? ach, ich komm so langsam durcheinander hier, es ist aber immer noch 2015, oder?)
    Kai

    • Lieber Kai,
      Dir auch ein ganz wunderbares, und vor allem: völlig gesundes Neues Jahr mit ganz viel Hundespaß und vielen guten Büchern (hatten wir nämlich noch nicht – soweit ich mich erinnern kann :-))!
      Ich habe mich ja auch lange an Katja Petrowskaja vorbeigemogelt, es sind mir fast zu viele hymnische Besprechungen gewesen. Aber: sie hatten alle recht. Es ist wirklich ein tolles Buch – soweit man das bei dem Inhalt, es geht ja auch um den Holocaust – sagen kann. Und als ich so weihnachtswandernd auf den sonnigen Waal- und Höhenwegen Südtirols (jetzt muss ich mal urlaubsmäßig so richtig dick auftragen (ganz breites Grinsen)) über die Besprechung nachgedacht habe, fiel mir doch tatsächlich die Cresspahlsche Katze Erinnerung ein. Und – Internet sei Dank, denn meine „Jahrestage“ reisen ja nicht immer mit – habe ich die Textstelle auch zitierfähig gefunden. Und ich könnte mir schon vorstellen (ich versuche mal ein bisschen an Deiner anarchischen, völlig unplanbaren Liste zu manipulieren), dass es ein Buch ist, das Dir auch gut gefallen wird.
      Sonnige (und mal nicht so matschige) Grüße aus Wuppertal, Claudia

  3. Sehr gelungene Besprechung eines besonderen Buches. Ich war auch bei der Lesung der Autorin. Ebenso beeindruckend wie ihr Buch ist die Person selbst. LG Xeniana

    • Vielen Dank, liebe Xeniana. Zu einer Lesung von Katja Petrowskaja würde ich auch gerne gehen. Da kann ich mir gut vorstellen, dass Du die noch einmal ganz besonders genossen hast.

  4. Dass Du am Anfang des letzten Absatzes nur kurz die Sprache der Autorin streifst, ist für mich Anlass, kurz auf diese Sprache hinzuweisen: Kaum dass ich je so etwas gehört habe. Katja Petrowskaja schreibt auf Deutsch, d.h. ausdrücklich nicht in ihrer Muttersprache. Und es passiert etwas, das ich als Explosion der Sprachen beschreiben würde, wie ein Urknall, der ausgreift in die feinsten Verästelungen des Satzbaus, der Zeichensetzung, der Wörter, Wortbilder, Silben, Buchstaben gar. Dieses Deutsche bekommt sofort eine andere Farben, ach was: viele andere Farben, es schillert, leuchtet und wird plötzlich blass oder verschwindet schon mal in dem tristen Grau besuchter Städte oder Landstriche. Natürlich hat das mit ihrer Reise zu tun, mit den vielen zeitlichen Tiefenschichten, die sie ausleuchtet. Aber es ist auch ihre eigene Stimme, die unerwarteten Kapriolen, die ihr Denken schlägt, ihr großes Wissen und ihr noch größerer Witz. Und diese unendliche Zärtlichkeit der im Buch auftauchenden Menschen gegenüber.

    • Liebe Stephanie,
      ich bin schon auch ein wenig in Sorge gewesen, weil ich mich so wenig zu Petrowkajas besonderer Sprache geäußert habe, aber ich habe mich in meiner Besprechung mehr für den Erinnerungs-Schwerpunkt entschieden. Und es ist wohl eine gute Entscheidung gewesen, denn so schön, so poetisch, wie Du die Sprache nun beschrieben hast, hätte ich es gar nicht formulieren können! Vielen Dank dafür!
      Petrowskajas Sprache ist wirklich, und besonders auch vor ihrem biographischen Hintergrund, einfach ganz besonders. Mir fällt das momentan auch im Vergleich zu Haratischwilis so hochgelobtem „Achten Leben“ auf, das sprachlich bei weitem nicht so brillant ist, obwohl dieser Aspekt immer und überall angeführt wird. Und so ist „Vielleicht Esther“ ein ganz besonderes Buch.
      Viele Grüße, Claudia

  5. Ich habe noch einmal nachgedacht, vielleicht würde ich sagen, Katja Petrowkajas Sprache ist artikuliert im Gegensatz vielleicht zu geschliffen oder so etwas in der Art. Sie ist im Grunde gesprochen und dann eher gesungen, wie alte Lieder. Das ist kein Text auf Papier (wenngleich doch auch), sondern tatsächlich eine Stimme. Na, im Grunde halt so wie in allen guten Büchern.

  6. Danke, dass du immer wieder so spannende Bücher vorstellst. Ich habe deine Rezension nur überflogen, aber das klingt nach einem Buch, was gelesen werden muss! Bin immer auf der Suche nach guten „Stoff“, wo ja auch eine Menge Mist produziert wird und deswegen dankbar, dein Blog gefunden zu haben 🙂

    • Vielen Dank für das Lob von Blog und Beiträgen! Und „Vielleicht Esther“ ist eine wirklich ganz lohnenswerte Lektüre.
      Viel gute Lesestunden damit, Claudia

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