Flucht und Entwurzelung, Lesen
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Leseschwerpunkt II: Flucht und Entwurzelung

In diesem Sommer schauen wir erstaunt auf die vielen Flüchtlinge, die sich aus den Krisenregionen im Nahen Osten und aus den unsicheren Ländern Afrikas nach Europa aufgemacht haben, auf einen beschwerlichen Weg, bei dem die Menschen nicht nur ihr ganzes altes Leben hinter sich lassen, sondern auch auf einen Weg, der tödlich enden kann. Angesichts der vielen Flüchtlinge, die da auf einmal ankommen, schauen wir auf ratlose Politiker, auf Politiker „vor Ort“, die schnelle Entscheidungen treffen und schnelle Lösungen finden (müssen), aber auch auf solche, sowohl in Deutschland als auch im Ausland, deren Sprache wieder einmal auf Ausgrenzung und Herabwürdigung setzt. Vor allem aber sind da die vielen, vielen hilfsbereiten Bürger, die die Flüchtlinge in Empfang nehmen, die sich ehrenamtlich engagieren, die spenden.

Flucht und Flüchtlingswellen kennt die Geschichte viele. Immer wieder haben sich Menschen auf den Weg in eine bessere Zukunft gemacht, wenn sie politisch oder religiös verfolgt wurden, wenn sie keine Hoffnung hatten, ihr Leben selbstständig bestreiten zu können.

Diese Wanderbewegungen haben sich auch in der Literatur niedergeschlagen. Auch jüngere Romane beschäftigen sich mit den Fluchten und der Entwurzelung im Zusammenhang mit den Weltkriegen, z.B. Ulrike Draesners „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“, oder Katja Petrowskajas „Vielleicht Esther“.  Neuere Romane erzählen uns auch von den jugoslawischen Kriegen in den 1990er Jahren und den Fluchten nach Mitteleuropa, Marica Bodrozic ist eine Autorin, die dieses Thema immer wieder erzählt, Martin Kordic ist hier zu nennen, Sasa Stanisic und Melinda Nadj Abonji, die 2010 den Deutschen Buchpreis gewonnen hat und, aus meiner Lesesicht, eine der ersten Autorinnen gewesen ist, die von den Schwierigkeiten des Ankommens erzählt hat.

Und erste Reportagen und Romane wenden sich auch den ganz aktuellen Geschehnissen zu. Es sind bisher eher die franzöischen, die italienischen Autoren, die sich dieses Themas annehmen, wahrscheinlich, weil sie schon ein paar Jahre früher gespürt haben, welcher Druck sich in manchen arabischen und afrikanischen Ländern aufbaut.

Diese Literatur ist beeindruckend, weil sie uns, die wir hier – was für ein Glück! –  in solchen friedlichen, geordneten und gesicherten Zeiten leben, an die Hand nehmen und so anschaulich erzählen von den Gründen des Losgehens und den Strapazen der Flucht, von den Schwierigkeietn des Ankommens und Sich-Zurechtfindens in einer so fremden Kultur. Diese Literatur zeigt uns einzelne Menschen, macht ihre Gesichter deutlich, bringt uns ihre Geschichten nahe.

Gerade meine jüngsten Lektüren haben den aktuellen Fluchten nachgespürt, zunächst aus der Sicht von Journalisten, demnächst kommen auch noch Romane hinzu. So soll dieser Themenkreis den zwieten Leseschwerpunkt meines Blogs bilden. Und so wird es diesen leseschwerpunkt auf der Startseite geben, Ihr findet Lektrüehinweise aber auch, wenn Ihr das Leseschwerpunkt-Bild anklickt.

19 Kommentare

  1. Wenn ich dir noch was empfehlen darf: ‚Im Meer schwimmen Krokodile‘ von Fabio Geda. Die Geschichte der Reise eines afghanischen Jungen nach Europa.
    Und ein Buch, dass im November endlich auf deutsch erscheint ‚La Frontera‘ (dt. Kojoten) von Sam Hawken. Hier geht es um Schicksale an der US-Mexikanischen Grenze.

    Viele Grüße und danke für die kleine Zusammenstellung.

  2. Liebe Claudia,
    das ist ein richtig gutes Projetkt, ud ich bin gespant auf weitere Lesetipps. Du hast übrigens recht das Thema wird literarisch schon seit einiger Zeit scon von einigen AutorInnen aus dem mediterranen Bereich verarbeitet. Und darüber hinaus von gar nicht wenig arabischen Autoren. Wenn ich das näxte mal in unser Bücherregalzimmer eine Treppe tiefer komme, werde ich auf jeden Fall ein paar raussuchen und Dir die Titel senden. Falls Du sie nicht schon kennst.
    Liebe Grüße
    Kai

    • Lieber Kai,
      über Buchtipps zum Thema freue ich mich. Und auch wenn ich sie nicht alle selbst lesen kann/möchte, so kann ja auch Teil des Leseschwerpunktes sein, eben ganz viele Titel zu sammeln und zu veröffentlichen und so dieses Thema vielfältig zu erschließen. Indem ich das Thema Flucht und Entwurzelung in unsere Fachkonferenz Deutsch getragen habe, kamen von den Kollegen auf einmal auch ganz viele Buchtitel, die ich gar nicht kannte. Es ist also immer super bereichernd, sich auszutauschen. Also: Ich freue mich auf Deine Literaturliste!
      Liebe Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,

        ich war jetzt mal unten an unseren Bücherregalen und fürchte, ich habe da den Mund ein wenig voll genommen. Die meisten Titel, die ich meinte, sind wohl doch nicht geeignet.

        Am Ende sind es drei, die Du aber bestimmt kennst, von denen ich denke, dass sie zu Deinem Thema passen würden.

        Zwei sind von Abbas Khider:, nämlich der Brief in die Augerginenrepublik“ und vor allem „Der falsche Inder“.

        Der dritte ist der grossartige Roman „Chicago“ von Alas al-Aswani . Das Buch ist auch als Nachfolgeband des noch bekannteren Romans „Der Jakubijan-Bau vom selben Autor zu lesen. Dort wird anhand der Mieter dieses Kairoer Mietshauses die ägyptische Gesellschaft in einem Mikrokosmos dargestellt. In „Chicago“ nun finden sich dann einige der sehr armen Bewohner des Hauses auf der Suche nach einem besseren Leben fremd in Chicago wieder.

        Ich glaube, mehr habe ich derzeit leider nicht zu bieten, es sei den, man nähme z.B. Bücher von Hans Sahl hinzu.

        Liebe Grüsse
        Kai

      • Lieber Kai,
        da sind sie also, Deine Buchtipps. Und ich bin beruhigt, fürchtete ich doch, von Dir eine riesenlange Leseliste vorgelegt zu bekommen, mit ganz vielen verheißungsvollen Tipps, die ich nun meinte, alle ruck-zuck lesen zu müssen, weil sie sich so interessant, spannend und zum Thema passend anhörten :-). Zum Glück ist Deine Liste übersichtlich, puh.
        Jetzt aber mit dem notwendigen Ernst: Von Abbas Khider habe ich die Auberginenerepublik schon gelesen, ein sehr beeindruckender Roman, der durch den Brief, der immer weiter transportiert wird, auch eine tolle poetische Konzeption hat. Muss ich also mal nach dem „falschen Inder“ Ausschau halten. Und von Alas-al-Aswani kenne ich auch den „Jakubijan-Bau“, den ich auch sehr beeindruckend fand, weil hier in einem Haus so viele unterschiedliche Menschen, so viele unterschiedliche soziale Schichten leben, dass man beim Lesen gleich einen Eindruck von der ägyptischen Gesellschaft bekommt. „Chicago“ kenne ich nicht, hört sich aber sehr viel versprechend an, vor allem, wenn auch noch Figuren aus dem Kairorer Haus eine Rolle spielen.
        Also hast Du mir – zum Glück – nur zwei Titel auf die Leseliste gesetzt. Die hören sich aber spannend an. Vielleicht lesen wir eines davon gemeinsam und tauschen uns über unsere Blogs darüber aus? Oder lesen ein ganz aktuelles, das ich auf Tobias´ Lindemanns Seite entdeckt und bestellt habe: Shumona Sinha: Erschlagt die Armen (Edition Nautilus), gerade frisch aus Frankreich und dort schon mit dem einen oder anderen Preis dekoriert. So eine gemeinsame Leseaktion mit Dir (wie letztes Jahr beim Buchpreis) würde ich toll finden. Was meinst Du?
        Ganz liebe Grüße, Claudia

  3. Wie schön, dass du gesellschaftspolitisch-literarisch so am Ball bist, Claudia! Ich freue mich schon auf die weiteren Beiträge zu deinem neuen Leseschwerpunkt. „Im Meer schwimmen Krokodile“ kann ich auch sehr empfehlen.

    • Liebe Maren,
      den Titel kenne ich gar nicht, muss ich gleich mal nachschauen „gehen“. Merle Krögers Krimi, der aber wohl eher kein traditioneller Krimi ist, ist mir auf diese Art und Weise auch schon zugetragen worden.
      Viele Grüße, Claudia

  4. Liebe Claudia,
    Shumona Sinha ist bestellt, das werd ich lesen und dann können wir uns darüber austauschen. Hat ja glücklicherweise nur 120 Seiten. – Vorausgesetzt, ich bekomme das ohne Stress hin, denn am nächsten Mittwoch geh ich mal wieder ins Hospital (hört sich einfach mal besser an), diesmal, um mir einen Katheter für die Bauchfelldialyse, zu der ich mich jetzt durchgerungen habe, zu legen. Die Dialyse soll dann in der Woche drauf beginnen, erst 3 x die Woche ambulant, mit dem Ziel, dass ich das sobald wie möglich zu Hause selber machen kann.

    Chicago und den Jakubijan-Bau habe ich schon gelesen, müsste ich aber nochmal machen, um darüber schreiben zu können, und dicke Bücher (360 und 460 Seiten) umgehe ich derzeit möglichst. Es passiert immer so viel so plötzlich…

    Übrigens, das Buch von Wolfgang Bauer habe ich mir auch bestellt, da wird gerade die 2.Auflage gedruckt. Soll aber im September noch ausgeliefert werden. Wird also erfahrungsgemäss eher Oktober.

    Eine kleine ‚Hiobsbotschaft‘ habe ich noch für Dich, denn derzeit lese ich mit Begeisterung Bücher von Barbara Honigmann. Erst las ich den aktuellen Titel ‚Chronik meiner Strasse‘. Darin geht es um die Strasse in Strassburg, in der sie B.H. seit ihrer Ausreise aus der DDR 1984 wohnt. Dort wohnen überwiegend Migranten. Juden aus aller Welt, Türken, Kurden, Araber. Und sie beschreibt das Leben dort. Und sie ist letztlich ja auch eine, wie sie es sieht doppelte Migrantin, als jüdische Deutsche aus der DDR. Also, Heimat, Entwurzelung, die Frage, wo gehört man zu und hin spielt eine Rolle.

    So, und dann hab ich mich an die Lektüre von Honigmanns erstem Buch, den 1986 erschienenen ‚Roman von einem Kinde‘ erinnert. Knappe und eindrückliche autobiographische Erzählungen sind darin versammelt. Unter anderem über ihrer jüdischen Herkunft, die ihre Eltern, beides überzeugte Kommunisten, aber niemals erwähnten. Und ihr damit Herkunft und vor allem einen grossen Teil der Familie vorenthielten. Die Autorin aber fühlt, dass ein wichtiger Teil ihrer Identität fehlt – und nähert sich langsam den jüdisch sein an, zunächst durchaus auf ganz säkulare weise.

    In dem Buch gibt es nun einen Text ‚DoppeltesGrab‘. Darin schildert sie eine Begegnung mit Gershon Sholem. Sie besucht mit ihm und seiner Frau Fania das Grab seiner Eltern auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weissensee und schliesslich enden sie bei B.H. zu und in langen Gesprächen. Da fällt dann der Satz von Scholem: „Jerusalem wäre gut, New York wäre gut, London wäre gut, sonstwo wäre gut, aber Deutschland ist nicht mehr gut für Juden.“ Und man kann wohl davon ausgehen, dass diese Begegnung mit Gerschom Scholem einer der Auslöser für Ihre Ausreise, Flucht oder wie immer man es nennen soll, gewesen ist.
    Und sie und ihr Mann Peter Honigmann, der heute der Leiter des Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland (in Heidelberg ansässig ist), haben sich dann Frankreich und Strassburg ausgesucht. Doppelte Fremdheit also, denn sie kannte weder Land noch Sprache.

    Dieses Buch hab ich dann gesucht und festgestellt, dass auch dieses bei einem meiner vielen Umzüge verschütt gegangen ist. Es gibt es aber noch bei dtv als Taschenbuch, ich hab es bestellt und sofort gelesen. An einem stillen Nachmittag. Zwei weitere Titel gehören noch dazu, nämlich das 1999 erschienene ‚Damals, dann und danach‘. Das lese ich grad – und schliesslich der 2008 erschienene Titel ‚Das überirdische Licht – Rückkehr nach New York‘. Das liegt schon da.
    Tja, diese vier Titel, mindestens aber die ersten drei, passen also auch noch wunderbar auf Deine Liste.

    So, jetzt hör ich auf mit meinem Roman, sonst fällt mir doch noch was ein…

    Liebe Grüsse
    Kai

    • Lieber Kai,
      dann also abgemacht: „Erschlagt die Armen“ lesen wir gemeinsam! Freue ich mich drauf. Tobias hat ja ganz passend heute seine Besprechung veröffentlicht, die habe ich aber noc gar nicht gelesen, muss ich gleich noch nachholen. Ich habe schon einmal auf die erste Seite geleuert und habe den Eindruck, dass da jemand mit einer unheimnlichen Energie erzählt. Ich bin gespannt. Und 120 Seiten sind ja tatsächlich eine übersichtliche Lektüre.
      Von Barbara Honigmann habe ich – zum Glück, völlig zu recht hast Du ja von Hiobs-Botschaften geschrieben! – schon die „Chronik“ gelesen. Das ist aber auch mein erster Honigmann-Titel gewesen. Vielleicht beschreibst Du Deine Leseerlebnisse mit den anderen Romanen ja auf Deinem Blog.
      Ein schönes Wochenende wünsche ich und – wenn wir uns nicht mehr lesen- : einen guten nächsten „Besuch im Hospital“, Claudia

      • Liebe Claudia,
        inzwischen ist ‚Erschlagt die Armen‘ auchbei mir angekommen. Die ersten 48 Seiten sind gelesen. Dein Eindruck, dass da unheimliche Energie hintersteckt, kann ich bestätigen, wobei mirscheint, dass diese Energie vor allem mit einer ungeheuren Wut gepaart sind. Ich hatte einige Anfangsschwierigkeiten,, in den Text reinzukommen, denn er mäandert – meine Wahrnehmung biher – zwischen (Alb-)Traum, Vergangenheit und Gegenwart.

        Nun muss ich morgen ins Hospital, heute war ich schon den ganzen Morgen zur Aufklärumg, Voruntersuchung etc. da, und vielleicht komme ich schon am Freitag oder Samstag wieder nach Hause. Die müssen mir ja bloss einen Schlauch für die Dialyse einbauen.

        Das Buch nehme ich mit, meine Computer nicht, nur mein Scmierfon, so dass ich nicht so viel schreiben kann. Aber ich freue mich auf die weitere Lektüre und melde mich dann wieder.

        Jetzt muss ich mal auf die Besprechung von Tobias Lindemann schauen, die hab ich noch gar nicht wahrgenommen.

        Liebe Grüsse
        Kai

      • Lieber Kai,
        ich bin uch noch nicht weiter als Du beim Lesen und teile Deine Eindrücke (Energie, ganz viel Wut, Wechsel zwischen Gegenwart und verschiedenen Ebenen der Vergangenheit). Ich finde die Sprache sehr ausdrucksstark, die Autorin benutzt so viele Bilder, eine so sprachmächtige Sprache, dass das mein Lesen unheimliuch verlangsamt. Ich glaube, das ist ein Roman, den ich zweimal lesen muss, denn nach dem ersten Handlungs- und Spannungslesen erschließen sich die vielen Bilder, Symbole, vielleicht gar Chiffren, erst beim zweiten Lesen.
        Für morgen und die nächsten Tage wünsche ich Dir einen möglichst angenehmen Hospital-Aufenthalt und dass es mit dem Dialyseschlauch ratz-fatz klappt (stelle ich mir so ähnlich vor wie den Port bei den Krebspatienten?). Und am Wochenende korrespondieren wir dann wieder.
        Liebe Grüße, Claudia

  5. Der Kaffehaussitzer hat ein ähnliches Projekt gestartet, das ich gerne und mit Interesse verfolge. Hier wird es ähnlich werden, da bin ich mir sicher und freue mich auf deine Entdeckungen.

    • Das Kaffeehaussitzer-Projekt kenne ich auch. Fluchten und die daraus entstehende Entwurzelung sind eben ein wichtiges, sich durch die Jahrunderte und durch die Zeiten durchziehendes Thema, das insofern ja auch immer wieder Thema in der Literatur ist. Und wenn ich das hier so schreibe, dann fallen mir immer die Erzählungen über Fluchten aus Ulrike Draesners „Sieben Sprünge vom Rand der Welt“ ein, in dem diese Fluchten nach dem 2. Weltkrieg berichtet werden, zu einer Zeit, als durch die neuen Grenzen sich halb Europa aufmachen musste. Und irgendwie dachten wir, so ein Thema sei Geschichte – und werden nun eines anderen belehrt. – Und wenn Du hier mitliest und noch einen lesenswerten Titel für Deine Lektüre findest, werde ich mich sehr freuen.
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,

        ich habe da ein wenig Probleme bei der Definition. Im Grunde bringen jeder Konflikt, jeder Krieg, jede Art von Rassismus und weitere menschenverachtende Maßnahmen Flucht und Entwurzelung mit sich. Sprich, fast überall dort, wo sich Täter (Starke) und Opfer (Schwache) finden lassen. Flucht und Entwurzelung bedeuten für mich nicht nur geografische oder territoriale Veränderungen im Leben eines Individuums, sondern vor allem auch psychische, um es vielleicht bildhafter ausdrücken – seelische Entwurzlungen. Diese beiden Wörter, die dein Projekt beschreiben, begegnen überall, wo es Zwänge gibt und die sind allgegenwärtig, weil folglich Richtlinien, Gesetze und Regeln unser Leben (zumindest in einer Demokratie) bestimmen. In anderen politischen Systemen sind sie natürlich noch krasser ausgedrückt, weil dort Willkür herrscht …

        Das sind kleine Abweichungen, die durch ein Weiterspinnen entstehen, und wenn ich deinen Eingangstext gerade noch mal lese, wird mir deutlicher, dass meine Assoziationen nicht unbedingt deine Intention treffen, die eng mit den Geschehnissen in diesem Sommer verknüpft sind. Wollte nur verdeutlichen, dass dieses Thema breitgefächert sein kann.

        Das, was man z.B., in Ungarn gesehen hat, hat für mich eindeutig Parallelen mit dem Holocaust gehabt. Diese Bilder von diesen einpferchten Menschen, die nur noch Vieh ähnelten und einfach beiseite geschafft wurden, auch wenn sie natürlich nicht exekutiert wurden. Man kann es kaum glauben, aber Geschichte hat sie irgendwie wiederholt – und wird sich leider immer wiederholen, da wir nicht lernen wollen oder können. Und deswegen hat auch die Literatur einen Zweck in diesem sensiblen Gefüge. Einige von dir genannte Autoren, von denen ich ebenfalls schon Werke gelesen habe, greifen das schon auf. Insgesamt hat die deutsche Literatur sicherlich ein Nachholbedarf angesichts der jüngsten politischen Entwicklungen, da muss ich dir zustimmen.

        Sende dir einige Gedanken und beste Grüße
        Ilja

  6. Liebe Claudia,
    das hat etwas gedauert, aber nun habe ich das Buch tatsächlich gelesen. Abgesehen davon, dass ich die Lektüre für einen (sehr erfolgreichen) Krankenhaus-Aufenthalt für 4 Tage komplett unterbrechen musste, habe ich tatsächlich selten oder noch nie so lange für 126 Seiten gebraucht.

    Zwischenzeitlich wollte ich das Buch in die Ecke schmeissen, habe dann aber wieder und wieder Passagen gelesen, deren Zusammenhang oder sagen wir, deren Verortung in der Geschichte ich nicht verstanden habe.

    Und das ist auch das. womit ich die größten Schwierigkeiten hatte, nämlich zu verstehen, auf welcher Erzähl-ebene die Autorin gerade ist und um wen es grade geht.

    Am Ende geht es, glaube ich vor, allem um sie selbst und ihren Ort in Raum und Zeit – und gleichzeitig um die ganze Vergeblichkeit in dieser globalen Flüchtlingstragödie.
    Und darum. was wahr ist, von dem, was die Flüchtlinge mit ihren gekauften Geschichten erzählen. Wie und ob diese ganze Wahrheit nur mit Geschichten, immer wieder neuen Geschichten erzählt werden kann, weil sie eigentlich gar nicht erzählbar ist. Weshalb sie bei der Protagonistin albtraumähnliche, kaum aushaltbare Zustände auslösen. Die am Ende zu diesem panikartigen Wut- und Gewaltausbruch in der Metro führen.

    So in etwa. Ich muss das ganze für mich noch irgendwie ordnen und habe mich entschlossen, zu versuchen, daraus einen Blogbeitrag zumachen, den wir, wenn ich es hinkriege, sehr gerne auch bei DIr im Rahmen Deines Projektes veröffentlichen könnten. Per Link oder vielleicht besser. ich schicke Dir den Text als Datei zu. Das musst Du entscheiden.

    Warum das nachdem da oben ja eigentlich gar nicht so positiv klingt? Weil es tatsächlich ein sehr wichtiges Buch ist, dass ein Thema behandelt, das ich so noch nirgends in der Literatur so intensiv verhandelt gesehen habe. Und schliesslich, weil dieses Buch, so schwierig ich die Lektüre zwischenzeitlich fand, ob seiner Sprachgewalt, der Kraft der Bilder, und der rigorosen Offenheit, die auch eine große Verletztheit und Verletzlichkeit inkludiert, ein wirklich grosses literarisches Werk ist. Es steht da, wie eine klaffende Wunde.

    Jetzt bin ich gespannt, ob Du vielleicht einen ganz anderen Schluss aus der Lektüre gezogen hast, wie Du das Buch wahrgenommen hast, oder ob Du mit dem einen oder anderen einer wirren Gedanken etwas anfangen kannst.

    Liebe Grüße
    Kai

    • Lieber Kai,
      erst einmal habe ich mich gefreut zu lesen, dass Dein Hospital-Aufenthalt erfolgreich gewesen sei. Das ist doch mal eine tolle Nachricht.
      Ich habe den Roman auch beendet (ich habe überhaupt noch mindestens sechs „unverbloggte“ Bücher mahnend auf dem Schreibtisch liegen und komme überhaupt nicht zum Schreiben:() und habe ihn auch so verstanden wie Du: nach der Flaschenattacke ist die Übersetzerin in U-Haft und überlegt, wie es kommen konnte, dass sie zugeschlagen hat. Und diese Erinnerungen und Überlegungen gehen halt so hin und her, mal erinnert sie sich an ihre eiegne Vergangenheit, dann erzählt sie von ihrer Arbeit, dann wieder, wie sie selbst lebt oder wie sie Flüchtlingsbezirke besucht. In Der ZEIT ist auch eine Rezension zu dem Roman erschienen, wenn Du lesen magst, kannst Du dem Link folgen: http://www.zeit.de/kultur/2015-09/shumona-sinha-erschlagt-die-armen. Und die Sprache hat mich auch sehr beeindruckt, so kraftvoll, so voller poetischer Bilder, das zwingt schon sehr zum Langsam-Lesen.
      Was hältst Du davon, wenn wir beide erst einmal jeweils eine eigene Besprechung schreiben, die jeder auf seinem Blog veröffentlicht (und gerne auch verlinkt) und wir dann noch ein (schriftliches) Interview zum Buch führen, das wir dann auch noch veröffentlichen können. Das haben letztens die Klappentexterin und masuko 13 zu einem der Buchpreisbücher gemacht und mir hat solch ein Text noch einmal gut gefallen. Wenn Du Lust hättest, schlage ich vor, dass wir ein Word-Dokument per Mail hin- und herschicken und so das Interview fortschreiben. Was meinst Du dazu?
      Viele Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,

        so machen wir es. Das mit dem Interview finde ich ne sehr schöne Idee – und das Prozedere finde ich gut. Fang einfach damit an, sobald Du möchtest, ich glaube ehrlich gesagt, auch wenn ich jetzt versuche, eine Besprechung zu schreiben, dass mir quasi im Gespräch sogar mehr einfällt.

        Mein Problem ist ja immer, dass ich, sobald ich ein Buch ausgelesen habe, noch 3 weitere da liegen habe, die unbedingt gelesen oder weitergelesen werden möchten…

        Liebe Grüsse und bis demäxt
        Kai

      • Gut, so machen wir es. Ich schaue, ob ich es im Laufe der Woche zu einer ersten Frage oder zu mehreren ersten Fragen schaffe, sonst klappt das aber auf jeden Fall in der nächsten Woche ganz wunderbar, denn dann sind ja schon wieder unterrichtsfreie Tage wegen der Kartoffelernte :-).
        Alles Gute, Claudia

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