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Richard Russo: Diese gottverdammten Träume (#backlistlesen 3)

In Empire Falls hat Richard Russo diesen außergewöhnlichen Roman angesiedelt, für den er 2002 den Pulitzer Preis bekommen hat – und damit Jonathan Franzens „Korrekturen“ auf die Plätze verwies. Empire Falls, das ist eine Kleinstadt in Maine, die – ganz anders, als es der stolze Name verspricht – vor sich hinsiecht, seit die Familie Whiting ihre Textilfabriken verkauft haben, die dann umgehend geschlossen wurden. Arbeitsplätze gingen verloren, viele Bewohner zogen weg, den Jobs hinterher. Die Menschen, die geblieben sind, versuchen, den schleichenden Verfall ihrer Stadt mehr schlecht als recht zu bekämpfen, fechten ihre großen und kleinen Kämpfe miteinander aus und gehen ihren „gottverdammten Träumen“ von ein bisschen mehr Glück im Leben nach.

„Bargen nicht alle Menschen auf der Welt die unmöglichsten Wünsche in ihren Herzen, Wünsche, an denen sie stur festhielten entgegen aller Vernuft, Plausibilität und sogar entgegen dem Verfließen aller Zeit, hartnäckig und ausdauernd wie geschliffener Marmor?“

Einer von ihnen ist Miles Roby, Geschäftsführer des Diners „Empire Grill“, der wiederum zum Immobilienbesitz von Francine Whiting gehört. Miles fragt sich, warum sie, mittlerweile eine alte Dame und Erbin des Vermögens der Familie, das Diner nicht schon längst geschlossen hat, denn kostendeckend arbeitet es durchaus nicht. David, Miles Bruder, möchte die Öffnungszeiten des Diners mit Themenabenden erweitern, denn dann kommen bestimmt auch die Dozenten und Stundenten des im benachbarten Ort beheimateten Colleges in den Empire Grill. Daran aber scheint, den Eindruck hat Miles jedenfalls, Mrs Whiting gar nicht interessiert zu sein.

Am Morgen und am Mittag sitzen Stammgäste aus Empire Falls im Diner: Horace Weymouth, Reporter der Empire Falls Gazette, pflegt hier sein Mittagessen einzunehmen, gerne eine Burgerfrikadelle mit noch blutigem Fleisch. Walt Comeau, der aufgeblasene Angeber und Besitzer des Fitnessclubs, kommt jeden Tag vorbei. Auf ihn könnte Miles gerne verzichten, denn Walt ist der neue Mann seiner zukünftigen Ex-Frau Janine. Jeden Tag nervt Walt mit neuen Vorschlägen, was Miles im Diner alles besser machen könnte, jeden Tag will er Miles beim Armdrücken besiegen, jeden Tag verliert er beim Rommé haushoch gegen Horace. Und dann kommt noch Janine vorbei und spielt vor aller interessierten Augen die bald glücklich verheiratete Ehefrau des vermeintlich vermögenden Fitnessstudiobesitzers. Miles nimmt das alles mit stoischer Gelassenheit. Er macht sich seinen eigenen Reim darauf, warum sie sind, wie sie sind und warum sie genau so und gar nicht anders sein können.

Wenn seine Mutter Grace ihn hier so sehen würde, dann wäre sie sicher unglücklich. Sie hat früher in einer der Fabriken der Whitings gearbeitet und ihr Ziel ist es immer gewesen, Miles ein besseres Leben außerhalb von Empire Falls zu ermöglichen. Ihr Mann Max, der als Anstreicher oft wochenlang unterwegs war und sein Geld zuverlässig beim nächsten Bier versoff, war dabei keine Hilfe. Als die Fabriken schlossen, stand sie ohne Arbeit da. Sie nahm das Angebot von Mrs Whiting an, ihr im Haushalt, im Garten, bei der Korrespondenz und mit der durch einen Autounfall gehandicapten Tochter Cindy zu helfen. So hält sie die Familie über Wasser, so schafft sie es, Miles auf ein College weit weg von Empire Falls zu bringen. Und steht doch in einem ganz eigentümlichen Abhängigkeitsverhältnis zu Francine Whiting.

Aber: Miles kommt zurück, als Grace an Krebs erkrankt. Er arbeitet im Diner und kompensiert so die Behandlungskosten seiner Mutter, die Francine – großzügig? – übernimmt. Er schließt sein Studium nie ab und bleibt in Empire Falls, abhängig von den Launen Mrs Whitings, die immerhin versprochen hat, ihm das Diner zu vererben, wenn sie stirbt. Dann, das ist Miles Traum, wird er den Grill verkaufen und auf die Insel Martha´s Vineyard ziehen. Aber wird der heruntergewirtschaftete Laden dann noch etwas abwerfen?

Russo erzählt die Geschichte der Menschen im von der Globalisierung gebeutelten Empire Falls um das Jahr 2000, erzählt von ihren Problemen, Konflikten und Träumen, von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verwerfungen in diesem irgendwie abgehängten Ort. Auf diesem Nährboden entwickeln sich auch Hass und Gewalt, in einem Fall gar in einer ganz besonderes üblen Spielart. Das alles erzählt Russo realistisch, oft mit einem ironischen Augenzwinkern, ganz nah an den Figuren und aus ihren verschiedenen Perspektiven, oft in Dialogform und in solch eindrücklichen Szenen, das sie vor dem inneren Auge des Lesers Gestalt annehmen und zu leben beginnen.

Dabei ist vielleicht die eine oder andere Figur ein Stück überzeichnet: Janine ist schon recht schlicht in ihren Wünschen und ihrer Sicht auf die Realitäten. Und Francine Whiting als Inkarnation des Intriganten und Bösen deutlich als Hexe gezeichnet (natürlich mit Katze!), die im übrigen auch eine Formulierungsmarotte hat, die einfach nervt. Insgesamt aber haben Russos Figuren alle auch etwas Liebenswertes und der Leser sieht die Figuren, wie Miles sie sieht: Sie sind eben, wie sie sind, auch weil sie gar nicht anders sein können.

Russo nimmt sich Zeit für die Entwicklungen in seiner Geschichte, schaut ganz genau hin und erzählt, minutiös fast, was im Diner passiert, was in der Schule, was im Fitnessstudio. Er bleibt bei seinen Figuren, hört ihnen zu, wenn sie über ihre Träume nachdenken, wenn sie sich an ihre Vergangenheit erinnern – und damit ihre Charaktereigenschaften klären – und wenn sie über ihre Gegenwart reflektieren. So lässt er auch seine Handlungsstränge ganz langsam in Gang kommen bis sie schließlich zulaufen auf sich fast gleichzeitig überschlagende, schreckliche Ereignisse. Tick, Miles Tochter, erklärt dieses Erzählprinzip, auch wenn sie es eher als Prinzip des Lebens begreift:

„Langsam, beschließt Tick. Die Dinge geschehen nicht schnell, sondern langsam. Sie weiß zwar nicht, warum der Faktor Zeit eine Rolle spielt, aber sie glaubt es jedenfalls. (…) Und genau das ist der Punkt, folgert sie. Nur weil Dinge langsam geschehen, heißt das noch lange nicht, dass man vorbereitet ist. Wenn sie in der Regel schnell geschehen würden, wäre man gewappnet gegen jähe Ereignisse und man wüsste, dass Geschwindigkeit Trumpf ist. Die Langsamkeit der Dinge hingegen funktioniert nach einem völlig anderen Prinzip, basiert auf dem trügerischen Eindruck, dass man jede Menge Zeit hat, sich vorzubereiten, dabei ist es im Gegenteil so, dass man, egal wie langsam sich etwas vollzieht, man immer noch langsamer ist.“

Zugegeben, Russos an der Realität und an den Dialogen orientierte Sprache ist nicht besonders poetisch. Aber er spielt virtuos mit verschiedenen, oft aus dem christlichen Kontext stammenden Motiven, die immer wieder in seiner Erzählung auftauchen: Da ist der Fluss, der Knox, der durch Empire Falls fließt und die Grundlage für die Textil- und Papierfabriken der Familie Whiting war. Bei seiner Erschaffung, so wird erzählt, hat Gott sich nicht gerade viel Mühe gegeben, denn an ganz bestimmten Stellen lagert er den Müll ab, den er im Oberlauf einsammelt. Dort, ausgerechnet auf dem Grundstück der Whitings, liegen dann stinkende Verpackungen, verwesende Tierkadaver sogar. Charles Beaumont Whiting, genannt C.B. und Enkel des Fabrikgründers, greift in den Flusslauf ein, um die Ablagerungen auf seinem Grundstück zu verhindern. Aber der Fluss ist wie das Leben, er lässt sich eben nicht nach den Vorstellungen C.B. kontrollieren und bändigen.

Und Miles hat dem Pfarrer versprochen, den in die Jahre gekommene Anstrich der Holzkirche zu erneuern. Um dafür eine gute Grundlage zu schaffen, kratzt er erst die Farbreste der alten Anstriche ab. Aber er kratzt nicht nur die alte Farbpartikel von der Kirche, sondern legt auch in seinem Leben die Stellen frei, die bisher seinen Blick auf die Geschichte seiner Mutter Grace verstellt haben. Und damit auch auf sein eigenes Leben.

Und dann ist da ja auch noch dieser Fluch von geradezu biblischem Ausmaß, der über den Männern der Familie Whiting liegt. Ihrem wirtschaftlichen Erfolg zum Trotz haben sie umso mehr Pech mit ihren Ehefrauen. Sie alle geraten an Frauen, die sich als schwer erträglich erweisen.   

„Die Whiting-Männer mit ihrem ausgeprägten Geschäftssinn schienen sich ausnahmslos wie die Motten vom Licht zu der jeweils einzigen Frau auf der Welt hingezogen zu fühlen, die es als ihre Lebensaufgabe betrachtet, ihnen das Leben zur Hölle zu machen, eine Frau, die mit der gleichen grimmigen Inbrunst an sie gebunden bliebe wie eine Nonne an den leidenden Christus.“

Hatten Elijah und Honus, Großvater und Vater, sich noch einigermaßen in ihr Schicksal gefügt – von Elijah wird berichtet, dass er seine Frau mit einer Schaufel erschlagen wollte, es ihm aber nie geglückt sei, – so versucht der Enkel C.B. sich diesem Schicksal auf verschiedene Weise zu entziehen. Unter anderem durch ein Verhältnis mit Grace. Grace aber, eine gute Christin, wird den Rest ihres Lebens damit verbringen, diese Schuld zu sühnen.

Russo also erzählt in dieser so brillant mäandernden Geschichte aus Empire Falls von den klassischen, den großen Themen der Literatur. Er erzählt von Liebe und Hass, von Schuld und Sühne, von Macht und Kontrolle, ganz viel von Einsamkeit und vor allem den merkwürdigen, unplanbaren Windungen des ganz normalen Lebens. Das ist lehrreich und klug und so wunderbar erzählt, dass man das Buch, hat man sich einmal auf Empire Falls eingelassen, nicht mehr zur Seite legen möchte. Genau die richtige Lektüre für ein paar freie (Urlaubs-)Tage.

Richard Russo (2016): Diese gottverdammten Träume, aus dem Englischen übersetzt von Monika Köpfer, Köln, Dumont Buchverlag

Auf dem Blog Nordbreze findet in diesem Sommer wieder das #dickebuechercamp statt. Dafür ist Russos Roman wie gemacht!

11 Kommentare

  1. Liebe Claudia,
    danke für die Vorstellung,
    das schöne dabei ist, das Buch gibt es ungekürzt als Hörbuch und ich habe es mir gleich gekauft und freue mich auf den Genuss, beim Zeichnen mehr von den Menschen aus Empire Falls zu hören.
    Einen schönen Wochenbeginn von Susanne

    • Liebe Susanne,
      da wirst du ja viele Stunden von Empire Falls hören! Und bestimmt das ein oder andere Mal beim Zeichnen laut losprusten müssen. Am Ende wird es bestimmt auch mal hart werden zuzuhören, ich stelle mir jedenaflls vor, dass der Eindruck beim Hören noch viel unmittelbarer ist als beim Lesen. Vielleicht berichtest du ja mal, wie das Hörerlebnis gewesen ist. Es würde mich jedenfalls sehr interessieren.
      Liebe Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        es sind insgesamt 22 Stunden und 25 Minuten. Nach den ersten 10 Minuten weiss ich, dass mir das Hörbuch gefällt. Stefan Kaminski liest das Buch vor.
        Es ist schwieriger zu hören als zu lesen. So empfinde ich es jedenfalls. Wenn ich ein Buch lese und einen Namen/Charakter vergessen habe, kann ich zurückblättern und visuell nochmals erfassen. Beim hören sollte ich mir die Namen merken. Das ist nicht immer einfach, obwohl es so einfach klingt.
        Nach den ersten 10 Minuten habe ich mich gefragt, ob Charles Beaumont Whiting dem Architekten Frank Lloyd Wright nachempfunden sein könnte. Aber nach 10 Minuten wäre es vermessen, dass zu behaupten, nur weil mein Kopf eine Verbindung herstellt.
        Ich habe beim googeln gesehen, dass das Buch auch verfilmt wurde. Den Film werde ich dann wohl als krönenden Abschluss sehen.
        Liebe Grüße von Susanne

      • Liebe Susanne,
        es geht mir auch so, dass ich Lesen oft leichter empfinde als Hören, eben weil das Lesen mit der eigenen Geschwindigkeit erfolgt – und die ist mal schnell und mal langsam. Und blättern kann man eben auch. Den Film würde ich auch noch gerne sehen, da sind ja tolle Schauspieler dabei. Bisher habe ich ihn nur auf DVD gefunden. Und so ein Gerät haben wir gar nicht mehr…
        Viele Grüße und viel Spaß beim Hören, Claudia

      • Liebe Claudia,
        ja, irgendwie ist die Welt völlig auf die Streaming Dienste umgeschwenkt.
        Wir haben noch einen Blueray Player. Mein Lebensgefährte ist ein Nostalgiker und kauft auch ab und an noch mal den einen oder anderen Klassiker auf Blueray und erfreut sich an der Bearbeitung.
        Im Moment schauen wir die bearbeitete Extented Version vom Herrn der Ringe auf Blueray. Es ist schon ein Erlebnis – eigentlich müsste man es auf Beamer sehen, aber dazu reicht der Entusiasmus nicht — 🙂
        Einen schönen Tag von Susanne

  2. Liebe Claudia,
    nun bin ich zum Ende des Buches gelangt.
    Ich fühlte mich Miles verbunden, habe mit ihm gelitten und mich gefreut, als er aufbegehrte, habe Grace verstanden und habe sie schütteln wollen, als sie ihr Leben wegwarf. Und ich habe viel dabei gezeichnet. 😉
    Es war ein unterhaltsamer Roman, mit einem interessanten Ende. Mir hat gefallen, das Prolog sowie Epilog sich ergänzen.
    Nun brauche ich zwischendurch einen richtigen Krimi mit bayrischen Dialekt, was mir Andreas Föhr mit seiner Krimiserie bietet. 😉 Ich glaube, ohne den „Vorleser“ Michael Schwarzmaier würde mir das Buch nicht so gut gefallen.
    Liebe Grüße und einen schönen Tag von Susanne

    • Liebe Susanne,
      deinen Kommentar habe ich wirklich übersehen, entschuldige bitte!
      Wie toll du mit den Figuren mitgefühlt hast. Ich denke schon, dass das Vorlesen noch einmal eine andere Facette in das Rezeptionserlebnis mit einbringt.
      Ich höre ja ziemlich gerne Podcasts mit Radiosendungen, wenn ich Auto fahre oder auf dem Hometrainer herumstrampel. Deshalb habe ich es zu den Romanen noch nicht geschafft. Aber ich denke, die Betonung der Sätze, vielleicht die unterschiedlichen Szimmlagen, je nach Person, die spricht oder denkt, das alles bringt einem die Geschichte noch einmal näher.
      Ich werde ja sicherlich noch weitere von Russos Romanen lesen. Wirst du denn auch noch weitere Hörbücher von ihm hören?
      Ganz liebe Grüße, Claudia

      • Liebe Claudia,
        bisher habe ich noch keine weiteren Hörbücher von ihm gehört. Aber ich denke, dass ich ihn nicht aus den Augen verliere.
        Im Moment höre ich ungekürzt Delia Owens Gesang der Flusskrebse, gelesen von Luise Helm. Auch von diesem Buch bin ich sehr begeistert, besonders die Naturbeschreibungen gefallen mir.
        Ich bin schon bei den letzten vier Stunden und ich denke, dass ich heute beim Hören weiter an meine 200 x 145 cm großen Zeichnung arbeiten werde.
        Ja, beim sporteln höre ich auch gerne einen Podcast. Das ist leichter als ein Hörbuch.
        Einen schönen Tag und liebe Grüße sendet dir Susanne

      • Liebe Susanne,
        dann muss ich mich gleich mal auf die Suche machen nach Delia Owens Gesang der Flusskrebse. Dir wünsche ich noch viel Freude beim Hören – und beim Zeichnen. 200 x 145 cm – das wird ja ein Riesenwerk!
        Viele Grüße, Claudia

      • Ja, liebe Claudia, die Zeichnung ist riesig und kostet mich auch viel Energie. In Gegenzug dazu macht es mir aber auch viel Freude, wiedereinmal an einem so großen Blatt zu arbeiten.
        Nach Delia Owens brauch ich etwas sehr seichtes und habe mir den neuen Stephen King (22 Stunden) als Hörbuch gekauft.
        Einen schönen Sonntag von Susanne

      • Dann wünsche ich spannende Unterhaltung beim Zeichnen!
        Ganz verregnete Grüße (genau richtiges Lesewetter!), Claudia

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